Nano 2014: ein paar Kommentare zur Schneeflockenmethode, erläutert am Beispiel meiner Versuche, SPSS22 und Linux zu kombinieren.

Wie letztes Jahr auch beteilige ich mich an „Nano„, einer Aktion, bei der es darum geht, innerhalb der dreißig Tage, die der November umfasst, einen Roman aus 50 000 Worten zu schreiben. Zu gewinnen gibt es nichts, außer dass man hinterher einen stark bearbeitungsbedürftigen ersten Entwurf eines Romans in den Händen hält.

50 000 Worte ergeben einen eher kurzen Roman, aber wenn man sie innerhalb eines Monats zusätzlich zu allen anderen Verpflichtungen schreiben soll, stellen sie eine Menge Arbeit dar. Zu schaffen ist dies nur dann, wenn man den inneren Kritiker, also jene Stimme, die ständig sagt: „Das taugt nichts, was du da schreibst“, während dieser Zeit in Urlaub schickt. Wenn man im Dezember den Roman zu überarbeiten beginnt, darf er gerne wiederkommen. Am besten ist es, wenn es gelingt, genau so schnell zu tippen, wie man denken kann. (Eine gute Sekretärin kann sogar schneller tippen, als die meisten Menschen denken können, aber so gut bin ich nicht.)

Die Ansichten, ob man planen soll oder nicht (und wenn ja, wie viel), gehen auseinander. Ich nutze schon seit Jahren die sogenannte Schneeflockenmethode von Randy Ingermanson, lasse die letzten Schritte aber weg. (Ich fange zu spät mit Plotten an und habe dann eben so viele Schritte, wie ich geschafft habe.) Bevor ich sie benutzte, ließ ich mich von einem Satz oder Gedanken zum nächsten Satz oder Gedanken führen. Ich entwickelte meine Geschichte linear, vom ersten Kapitel ausgehend, das dann aber nicht mehr zum Rest passte, wenn ich weiter gekommen war. Fertig wurde ich auch nicht. Die Schneeflocke hilft mir, meine Geschichte zu zähmen, so dass die Überarbeitung nur aus Feinarbeit besteht und ich nicht die gesamte Handlung umwerfen muss. Wenn ich hin und wieder die Reihenfolge zweier Szenen vertausche, ist das viel.

Das größte Problem der Methode (die ich, wie gesagt, insgesamt sehr schätze) scheint mir darin zu bestehen, dass sie möglicherweise eine bestimmte Art von Geschichten erzeugt und dass diese Art von Geschichten gleichzeitig eine bestimmte Vorstellung von Menschen und davon, wie die Welt funktioniert, impliziert. Überspitzt würde ich es so zusammenfassen: Menschen haben Probleme, versuchen diese zu lösen und machen dabei Fehler, aber am Ende gelingt es ihnen, und sie haben etwas gelernt. Die andere Variante besteht darin, dass sie Ziele haben, diese zu erreichen versuchen, feststellen, dass dies nicht so einfach ist, wie sie es sich gedacht haben, dass sie möglicherweise ihre Ziele ändern müssen, und am Ende haben sie etwas gelernt.

Man findet dies in all jenen Schritten, die sich um die Figuren/Charaktere drehen, vor allem aber in Schritt 2 der Schneeflocke:

Step 2) Take another hour and expand that sentence to a full paragraph describing the story setup, major disasters, and ending of the novel. This is the analog of the second stage of the snowflake. I like to structure a story as “three disasters plus an ending”. Each of the disasters takes a quarter of the book to develop and the ending takes the final quarter. I don’t know if this is the ideal structure, it’s just my personal taste.

If you believe in the Three-Act structure, then the first disaster corresponds to the end of Act 1. The second disaster is the mid-point of Act 2. The third disaster is the end of Act 2, and forces Act 3 which wraps things up. It is OK to have the first disaster be caused by external circumstances, but I think that the second and third disasters should be caused by the protagonist’s attempts to “fix things”. Things just get worse and worse.

Aber das Leben besteht nicht nur aus Zielen, die man erreichen möchte und dann möglicherweise tatsächlich erreicht, wenn auch in modifizierter Form. Außerdem lernt man nicht ständig etwas. Das Leben ist keine Schule der Moral (das am allerwenigsten) und für die meisten Menschen auch keine Schule über das, was funktioniert oder nicht funktioniert.

Mit der Schneeflocke kann ich beispielsweise einen Bericht über meine Abenteuer bei meinen Versuchen, SPSS 22 auf Linux (Lubuntu 14.04) zu installieren schreiben:

1. Ich versuche, SPSS auf dem Netbook zu installieren. Ich erhalte immer wieder eine Fehlermeldung. In meiner Verzweifung komme ich auf die Idee, Linux upzudaten – bis dahin lief noch die Version 13.10. Ich starte also das update, schließe das Netbook an die Steckdose an und gehe ins Bett.

2. Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass ich trotz Updates SPSS immer noch nicht installieren kann und immer noch die selbe Fehlermeldung erhalte. Ich fahre zur Arbeit, werde aber versetzt, so dass ich Zeit habe, Dinge zu erledigen. Bei dieser Gelegenheit komme ich auf die Idee, nach dem Problem und nach Lösungen für mein Problem zu googeln. Ich stelle fest, dass andere Menschen beim Versuch, SPSS 22 auf Linux zu installieren, die gleiche Fehlermeldung erhalten haben wie ich auch, dass es aber noch keine wirklich gute Erklärung oder gar Lösung für das Problem gibt. (Eine Empfehlung, die ich gefunden hatte, lautete: „R“ benutzen.)

3. Nach mehreren Anläufen und mehreren neu installierten Programmen (beim ubuntuusers wiki gefunden) und einigen Tipps, die ich im dortigen Forum gefunden habe, gelingt es mir tatsächlich, das Installationsprogramm zum Laufen zu bringen. Die Lizensierungsroutine durchlaufe ich allerdings nicht. Als ich versuche, das eigentliche Programm zu starten, erhalte ich die gleiche Fehlermeldung wie zuvor bei den Versuchen, es zu installieren. Die Tricks, die bei der Installation geholfen haben, helfen jetzt nicht weiter. Ich bin nun an dem Punkt, dass ich ein Email an das Rechenzentrum schicke, wo ich für vierzig Euro meine Lizenz erstanden habe.

3. Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass ich nicht mehr ins WLAN-Netz der Uni komme (durch verfehlte Lösungversuche hervorgerufenes Disaster.) An diesem Tag habe ich 3 Veranstaltungen à 90 Minuten an der Uni, davon eine ein Geschichtsseminar, bei dem ich gleich in der ersten Sitzung in Konflikt mit dem Dozenten zu geraten drohe, und anschließend muss ich 3,5 Stunden arbeiten. Während dieser Zeit esse ich fast nichts und komme ausgehungert zuhause an. Dort finde ich ein sehr freundliches Email vom Rechenzentrum, dass sie mit meinem Problem wahrscheinlich überfordert sind und dass ich mich an den Support von IBM wenden soll. Alternativ wird mir eine Lizenz für SPSS 21 angeboten.

4. Am nächsten Morgen beschließe ich, SPSS 22 nicht am Netbook, sondern am „großen“ Computer zu installieren (Modifikation des Ziels). Die Installation funktioniert ohne große Tricks, und das Programm startet auch. Allerdings findet es die Lizensierung nicht. Es behauptet, wahrscheinlich sei eine Lizenz vorhanden, aber irgendetwas stimme nicht. Ich schicke eine weitere Email ans Rechenzentrum und berichte den neuesten Stand. Um Mitternacht erhalte ich Antwort: Ich soll eine bestimmte Datei, die bei Windows einen bestimmten Namen hat, zum Lesen freigeben. Außerdem besteht immer noch die Möglichkeit mich an den IBM-Support zu wenden, und ich könnte auch ein „Patch“ herunterladen.

5. Auf der Site von IBM finde ich heraus, dass auch andere Menschen die gleiche Fehlermeldung erhalten haben wie ich. Auch IBM rät, eine bestimmte Windows-Datei zum Lesen freizugeben. Wie die entsprechende Datei bei Linux heißt, erfahre ich nicht. Ich beschließe, tatsächlich den IBM-Support zu kontaktieren und möglicherweise sogar im Linux-Forum eine Anfrage zu stellen.

6. Ich wende mich nun dem anderen Problem zu: Dass ich nicht mehr ins WLAN-Netz der Uni komme. Ich besorge mir ein Exemplar der Broschüre, in der erklärt wird, welche Einstallungen benötigt werden, trage diese an den entsprechenden Stellen ein und komme weiterhin nicht ins Netz. Immer wird nur das „Mininetz“ aufgerufen, das nur den Zugang auf ausgewählte Seiten der Homepage des Rechenzentrums erlaubt. Ich ahne schon, dass das Problem darin besteht, dass ich irgendwie das Icon des Netzwerkmanagers aus meinem Panel entfernt habe, welches die einzige Möglichkeit darstellt, diesen aufzurufen. Ich füge sämtliche Icons, die mir einigermaßen sinnvoll erscheinen und auch einige andere (CPU-Auslastung) in die Panelleiste ein, aber nichts davon ist das, was ich brauche. Ich gebe auf, um nach Hause zu fahren: Dort könnte ich nämlich ins Internet gehen und herausfinden, wie ich vom Terminal aus das Icon ins Panel bekomme.

Im Erdgeschoss sehe ich aber, dass am Helpdesk jemand sitzt. Eigentlich ist es samstags nicht besetzt, aber ich frage, ob sie auch für die Computerdienste zuständig ist, und als sie dies bejaht, bitte ich sie, mir zu helfen, dass ich wieder mit Linux ins Netz komme. Sie sieht mich an und sagt: „Sie waren doch schon mal hier! Nein, wir können Ihnen nicht helfen! Selbst mein Kollege, der sehr viel weiß, konnte ihnen doch damals schon nicht helfen!“ (Ganz so schlimm war es nicht gewesen – am Ende hatte er eine Lösung gefunden, mit der ich ins Netz kam, wenn es auch nicht die von mir bevorzugte Lösung gewesen war.)

Ich komme mir vor, als hätte ich schon damals ein völlig unangemessenes Anliegen gehabt und mich völlig unangemessen benommen, so dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben will. Ich versuche, einigermaßen freundlich zu bleiben, lasse mir von ihr bestätigen, dass sie sich mit Linux nicht wirklich auskennt, und will mich schon auf den Heimweg machen, da fällt mir ein, dass ich auch von den Universitätscomputern aus ins Netz kann. Ich habe genau eine Stunde Zeit, im Netz zu surfen.

7. Auf den Seiten des ubuntuusers wiki erfahre ich, dass es sich um einen bekannten Fehler von Lubuntu 14.04 handelt, dass das Icon für den Netzwerkmanager nicht mehr im Panel auftaucht. Es werden einige Möglichkeiten genannt, wie man das Icon dennoch erscheinen lassen kann, etwa bei den Autostart-Einstellungen für LXCD-Sesssions einen neuen Eintrag vornehmen, aber keine davon funktioniert. Ich lerne, dass man neue Dateien für das Autokonfig-Verzeichnis schreiben kann, aber das traue ich mich nicht. Nicht einmal über das Terminal kann ich das Icon mehr erscheinen lassen; wenn ich das versuche, erscheint eine Fehlermeldung. Ich erhalte schon eine Warnung, dass ich nur noch fünf Minuten Zeit habe, am Bibliothekscomputer im Internet zu surfen (Cliffhanger!), da finde ich schließlich die entscheidende Information: Der Netzwerkmanager kann über das Icon „Benachrichtigungsfeld“ aufgerufen werden. (Vor ein paar Monaten bin ich schon einmal aus dem Uninetz geflogen, da ist es mir aber mit Hilfe des „großen“ Computers gelungen, herauszufinden, wie der korrekte Paneleintrag heißt. Dieses Mal ging es nicht, weil auch auf dem großen Computer Lubuntu 14.04 läuft und es kein Icon mehr für den Netzwerkworkmanager gab. Ich erinnerte mich noch daran, dass der Name des Icons für den Netzwerkmanager nicht wirklich selbsterklärend ist, aber auf „Benachrichtigungsfeld“ wäre ich nicht gekommen.)
Ich füge also das „Benachrichtigungsfeld“ meinem Panel hinzu, rufe von dort aus den Netzwerkmanager auf, der so aussieht, wie ich mich erinnere, öffne den Zugang zum WLAN-Netz der Uni, und beim zweiten Versuch klappt es. Jetzt bin ich glücklich, aber ich denke an die Arbeit, die ich eigentlich heute hätte tun wollen, und ich denke daran, dass das SPSS-22-Problem noch nicht gelöst ist.

Nein, ich habe nicht vor, das zu einem Roman von 50 000 Worten Länge zu verarbeiten. Ich fürchte, dass schon die Version, die ich hier aufgeschrieben habe, viel zu lang ist und außer mir niemanden interessiert. Aber das ist, was die Schneeflockenmethode ausmacht: Probleme lösen, und das glückliche Ende ist erreicht, wenn das Problem gelöst ist. Aber nicht alle Geschichten handeln vom Lösen von Problemen, und vor allem besteht das Leben nicht aus dem Lösen von Problemen. Es gibt Zeiten im Leben, die in erster Linie aus Leiden bestehen, denen man wenig entgegenzusetzen hat, so dass sie einfach (oder nicht so einfach) erlitten werden – aber auch das sind Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden, und sei es „nur“, um die Menschen zu würdigen, die gelitten haben. Was ist etwa mit dem Roman „Was für ein schöner Sonntag!“, in welchem Jorge Semprun über seine Zeit in Buchenwald berichtet? Oder mit dem Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann? Da werden keine Probleme gelöst.

Vielleicht kann die Schneeflockenmethode so umgewandelt werden, dass mit ihr Romane geschrieben werden, in denen es nicht ums Lösen von Problemen und das Verfolgen von Zielen geht. Schließlich kann auch für solche Romane eine nichtlineare Methode, die nicht ein Kapitel nach dem anderen plant, sondern von der groben Struktur zu immer feineren Details vordringt, von Nutzen sein. Aber dann kann es nicht mehr darum gehen, dass Versuche zur Lösung von Problemen zu Katastrophen führen oder dass unterschiedliche Figuren unterschiedliche Ziele haben und Unterschiedliches lernen.

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