Zu meinem Nano-Projekt

In meinem vorherigen Blogpost habe ich schon beschrieben, was Nano ist. Jetzt kann ich ein wenig über mein diesjähriges Projekt schreiben. Es ist nämlich in zweierlei Hinsicht eine Premiere: Erstens ist es mein erster Roman, der sich nicht an Jugendliche richtet und nicht einmal von Jugendlichen handelt. Praktisch alle Figuren sind erwachsene Frauen. (Vielleicht werden im Lauf der Geschichte auch ein paar Männer dazukommen, aber in erster Linie handelt es sich um Konflikte zwischen Frauen, und zwar deswegen, weil die Handlung während eines künstlerischen Workshops auf einer Nordseeinsel spielt, und solche Kurse werden meistens nur von Frauen besucht. Also, nicht neidisch sein – es gibt keinen Grund dazu.)

Zweitens ist es das erste Projekt, bei dem ich, als ich am ersten November zur Tastatur griff, schon wusste, dass ich es nicht veröffentlichen werde. Normalerweise komme ich erst dann zu diesem Schluss, wenn der Entwurf schon mehrere Jahre in der Schublade liegt und ich denke: Wie konnte ich damals nur so etwas schreiben? Das ist ja voll Klischee? Wobei – meine längeren fanfictions mag ich immer noch, und den Text vom letzten Jahr muss ich zwar umschreiben, aber im großen und ganzen finde ich ihn immer noch okay. Ich muss allerdings mehr Distanz zur Ich-Erzählerin gewinnen. Dieses Jahr aber hatte ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl, weil ich über eine Erfahrung schreiben würde, die nur kurz zurückliegt, weil ich ganz klar mich selbst in der Geschichte als Ich-Erzählerin positionieren würde, hoffentlich nicht in allzu idealisierter Variante, wie dies eine Vierzehnjährige tun würde, aber eben doch mit einer Ich-Erzählerin, die Positionen vertritt, die ich auch selbst für richtig halte und die auch sonst ein paar meiner Eigenheiten hat.

Außerdem müsste ich die originale Episode, die meinem Entschluss, einen Roman zu schreiben, zugrunde liegt, genügend verfremden, so dass niemand erraten kann, wer oder was denn nun der Ursprung dieser Erfahrung sein könnte. Aber es war eine Erfahrung, die mich um und um getrieben hat – am Ende hatte ich das Gefühl, ich bin dem Bösen begegnet, und zwar in einigermaßen sozialverträglicher Form, das heißt, es ist völlig klar, dass die Grenze, jenseits derer Konflikte mit dem Gesetz drohen, nicht überschritten wird, aber innerhalb dieser Grenze wird kein Mitgefühl und keine Sensibilität gezeigt.

Eine Woche nach dieser Erfahrung hatte ich dann eine Idee für ein paar erste Sätze, ich hatte eine Idee für eine surrealistische Verfremdung der Geschichte – und widmete mich erst einmal meinen sonstigen Problemen. Dann kaufte ich mir ein Edel-Schreibheft von Clairefontaine für die Planung, plante die ersten drei Schritte der „Schneeflocke„, und auf einmal war der November da, ich sollte anfangen und hatte noch sehr wenig Motivation, da ich zweifelte, ob es sich lohnte: Ein Roman, den ich nicht veröffentlichen würde, da ich vermutlich versuchen würde, mich selbst (als Ich-Erzählerin) idealisiert darzustellen (und so etwas ist meistens furchtbar zu lesen), bei dem ich außerdem einige Arbeit ins „Verfremden“ stecken müsste, um niemanden zu diffamieren, und dann wäre noch die Frage, ob eine Geschichte, die in erster Linie im Zorn geschrieben wird, jemals eine gute Geschichte sein kann.

Dann habe ich mich mit jemandem, der sich auch bei Nano beteiligt, getroffen und ihr von meinem Roman erzählt. „Die Ich-Erzählerin besucht ein Mittelding zwischen Kunstkurs und Selbsterfahrungskurs (mit hohem Esoterik-Anteil, was aber erst mit der Zeit deutlich wird) auf einer Nordseeinsel, welcher eine Woche lang dauern soll, und mit der Zeit stellt sie fest, dass dieser Kurs ziemlich schräg ist, insbesondere, dass er durch Guru-Strukturen geprägt ist.“

Ich erzählte eine Weile lang von Selbsterfahrungsseminaren, an denen ich in einer bestimmten, stark durch Krisen geprägten Phase meines Lebens gehäuft teilgenommen habe, von denen die meisten sich als nicht gut herausstellten. Stets ging es dem Kursleiter oder der Kursleiterin auch um Macht, und sei es nur, weil er oder sie Angst hatte, dass der Kurs ihm oder ihr dann entgleiten würde. (Jetzt, wo ich schreibe, fallen mir zwei Kursleiterinnen ein, denen es nicht um Macht ging. Nicht alles war perfekt, aber wenn es den Kursleiterinnen nicht um Macht geht, kann man anfangen, Methoden und ähnliches zu diskutieren.) Menschen, die widersprachen, nach Belegen oder nach Gründen fragten oder auf eine andere Weise deutlich machten, dass sie nicht gewillt waren, an den Lippen des Kursleiters oder der Kursleiterin zu hängen und alles, was aus ihnen strömt, für Gottes Wort zu halten, wurden in diesen Kursen fertig gemacht, indem der Kursleiter oder die Kursleiterin ihnen vermittelte, sie seien komplett gestört und alle Kritik, die sie an den Kursleitern übten, sei reine Projektion und hätte mit der Qualität dessen, was in dem Kurs passiert, nichts zu tun.

Aus genau diesen Gründen bin ich schon lange nicht mehr in einem Selbsterfahrungskurs gewesen, und auch die „Kommunikationskurse“ an der Universität, für die man Leistungspunkte erhält, meide ich mittlerweile und lerne mittlerweile lieber Fremdsprachen.

Wenn ich sowohl an jene Selbsterfahrungskurse als auch an die Kommunikationskurse an der Uni zurückdenke, so wird mir jetzt vor allem eines deutlich: Die Autorität der KursleiterInnen beruhte in aller Regel nur darauf, dass es ihnen irgendwie gelang, als weiser Mann oder weise Frau aufzutreten, der oder die weiß, wie weise Lebensführung geht, als Beleg dafür galt nur, dass er es schafft, einigermaßen weise zu wirken, also müssen seine Sprüche wahr sein. (In einem dieser Kurse hat der Leiter einmal „zur Einstimmung“ eine Powerpointpräsentation verwendet, bei der nacheinander „weise Sprüche“ an die Wand projiziert wurden. Im Raum verbreitete sich eine meditative Stimmung, die ich durchbrach, indem ich nach den Urhebern dieser weisen Sprüche fragte. (Es war einer jener Kurse, bei denen ich am zweiten Tag nicht mehr kam.) Aber der Wahrheitsanspruch dieser Sprüche beruhte erstens darauf, dass diejenigen, die sie geäußert hatten, von vornherein als weise Menschen galten und dass sie zweitens ungefähr das gleiche sagten wie das, was die Leute ohnehin glauben. (Auch bei manchen Texten, die ich für die Uni lesen musste, hatte ich bereits das Gefühl, dass die Autoren nicht durch empirische Belege oder stichhaltige Argumente den Wahrheitsanspruch ihrer Aussagen untermauern, sondern dass sie ihre Beliebtheit vor allem ihren schönen Formulierungen und der Tatsache verdanken, dass sie ungefähr das sagen, was die Leute ohnehin denken.)

Jetzt schreibe ich also meinen Roman (50 000 Worte sollen es insgesamt werden) über diesen Kurs, der sich nach einer Weile als von einer Guru-Struktur geprägt entpuppt, greife auf vielerlei Erfahrungen und nicht nur die aus dem letzten Herbst zurück, beschreibe die typischen Gespräche, wenn sich die Kursteilnehmerinnen gerade erst neu kennenlernen, in ihrer Oberflächlichkeit, welche an und für sich nicht schlimm ist, aber schlimm wird, wenn über irgendetwas gehetzt wird, nur um ein gemeinsames Gesprächsthema zu haben, das aber keine der anwesenden Personen verletzt (in meiner Geschichte schimpfen alle gemeinsam auf die Deutsche Bahn), ich karikiere das Verhalten der Leiterin des Kurses, wie sie einerseits versucht, fürsorglich zu sein, andererseits aber auch die Teilnehmerinnen an der kurzen Leine hält. Ich versuche, das Gerede ganz gewöhnlicher Leute aufzuzeichnen, es macht großen Spaß und ich muss nur aufpassen, dass ich nicht bösartig werde (ein paar der Teilnehmerinnen sollen auch als sympathisch rüberkommen, ich muss aber noch einmal den schon geschriebenen Text durchlesen und mir überlegen, welche das sein könnten), und vor allem kann ich noch einmal über meine Erlebnisse im Herbst lachen und merke, meine Wahrnehmung, dass da jemand böse ist, war nicht völlig irrwegig (dabei ist man ja leicht geneigt, das zu denken, weil man eben als normaler Mensch Hemmungen hat, jemanden als böse zu bezeichnen.)

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3 Antworten zu Zu meinem Nano-Projekt

  1. Matthias schreibt:

    Ich glaube, im Zorn geschriebene, aber mit kühlem Kopf lektorierte Geschichten können ganz exzellent sein.🙂
    Das Konzept klingt sehr spannend! Daher bedaure ich, dass Sie die Entscheidung gegen eine Veröffentlichung schon so früh getroffen haben.

    • susanna14 schreibt:

      Danke! Vielleicht werde ich es doch noch tun. Gestern habe ich nichts geschrieben, und ob ich heute dazu komme, weiß ich nicht, aber ich hoffe, dass ich die Geschichte rechtzeitig beenden kann. Dann werde ich versuchen, den Zorn herauszunehmen. Allerdings ist er schon jetzt ziemlich verflogen – anstatt mich über das aufzuregen, was im September passierte, amüsiere ich mich über das, was ich vor zehn Jahren erlebte und was ich jetzt ziemlich genau einschätzen kann.
      Die vom letzten Jahr habe ich leider noch nicht überarbeitet. Nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte, dachte ich nur: Das wird viel Arbeit, die Verbitterung aus diesem Text herauszunehmen.

  2. Arielle schreibt:

    Ein Zufall hat mich hierher geführt, und ich bin an der Beschreibung Ihrer Skrupel hängengeblieben, nicht selber ebenso Macht und Gewalt ausüben zu wollen. Den Roman wollte ich gerne lesen. Danke für den Beitrag!

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