Lese- und Hörtipp: Stammtisch im Edelrestaurant

Zwei Tipps: Erstens ein Hörtipp zu einem Interview mit Micha Brumlik: Der Stammtisch wird salonfähig und zweitens ein Lesetipp zu einem Text von Hans Hütt: Die Heimatvertriebenen. Beide kritisieren Intellektuelle, die sich die Inhalte von Pegida und AfD zu eigen machen, allerdings in etwas gehobenerer Sprache.

Die Interviewerin ist leider etwas ärgerlich: Sie spricht vor allem über die Sprache, die benutzt wird, die bekanntermaßen auch das Bewusstsein verändere, aber nicht über die Inhalte.

Hans Hütt stellt fest, dass Intellektuelle wie Reinhard Jirgl, Rüdiger Safranski oder Peter Sloterdijk sich plötzlich auf ganz rechten Terrain bewegen, wo sie beklagen, dass Liebe zum Fremden plötzlich zur Pflicht geworden sein scheint, oder dass der Verlust der Souveränität nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer infantilen Außenpolitik geführt habe, oder vom Lügenäther und vom territorialen Imperativ sprechen.

Auch der sachlichen Ebene lässt sich alles leicht widerlegen. Natürlich ist die Liebe zum Fremden nicht plötzlich Pflicht geworden, aber die Achtung vor der Würde des Fremden war schon immer Pflicht, und nun, da die Anzahl derjenigen, die diese Pflicht ernst nehmen, zunimmt, fühlen sich andere, die nie besonders viel von dieser Pflicht hielten, moralisch unter Druck gesetzt und reagieren, indem sie einen Strohmann, die Pflicht zur Liebe des Fremden, bekämpfen. Die Souveränität, also das Recht, sich nach eigenen Gesetzen zu regieren, hat Deutschland wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erhalten. Das Grundgesetz ist nicht von den Alliierten geschrieben worden. Natürlich gab es einen gewissen Rahmen: Kommunismus und eine Neuauflage des Nationalsozialismus waren tabu. Die Außenpolitik war zunächst durch die Blockkonfrontation geprägt, aber nur die wenigsten Westdeutschen wünschten ernsthaft einen Austritt aus der NATO. Die Mitgliedschaft in der NATO war aber immer nur ein Aspekt der Außenpolitik, der viele Freiräume im Detail ließ. Außerdem: selbst wenn die Außenpolitik nach 1945 infantil gewesen sein sollte, ist sie doch derjenigen der hundert Jahre davor bei weitem vorzuziehen. Wenn der Verzicht auf das angeblich souveräne „Recht“, andere Länder zu überfallen, Infantilität bedeutet, dann bin ich gerne infantil. Ja, und dass es keinen Äther und daher auch keinen Lügenäther gibt, sollte sich 111 Jahre nach der Veröffentlichung der speziellen Relativitätstheorie herumgesprochen habe. Aber der „Äther“ ist sowieso nur ein Bild für das Radio, das immer mehr Bedeutung als Nachrichtensender verliert. Die öffentlich-rechtlichen Medien und die großen Tageszeitungen gehören aber immer noch, wenn es um Fakten geht, zu den zuverlässigsten Quellen (die ich daher in Ergänzung „meiner“ linken Zeitungen auch zu Rate ziehe.) Was aber nun ein territorialer Imperativ sein soll, will ich lieber nicht spekulieren.

Soweit zu den Texten. Interessant sind nun also die Ursprünge. Hans Hütt vermutet, dass sich die von ihm kritisierten Intellektuellen vor allem an der Konservativen Revolution orientieren. Das Wort „Revisionismus“, das im Text auch auftaucht, scheint mir jedoch den Sachverhalt genauer zu umschreiben: Das sind Menschen, die die Geschichte gern umschreiben würden. Sie haben nicht verwunden, dass Deutschland nicht nur militärisch besiegt wurde, sondern dass es auch moralisch am Ende war – allerdings schon 1933. Der Sieg der Allierten hat nur dafür gesorgt, dass dies den Menschen klar wurde, allerdings in vielen Fällen nicht wirklich. Sie merkten zwar, dass Deutschland besiegt war und dass die Alliierten ihren Sieg als Sieg über das Böse darstellten, aber sie verstanden nicht, dass es gute Gründe gab und gibt, den Sieg der Alliierten über Deutschland als Sieg über das Böse zu sehen. Sie dachten: Die Amerikaner haben gewonnen und stellen sich jetzt als das Gute dar, und weil wir verloren haben, müssen wir das akzeptieren.

Insgeheim wurde jedoch das alte Denken bewahrt: Man möchte lieber unter sich bleiben, also unter Deutschen deutscher Abstammung, und die Fremden nicht lieben müssen, man beklagt den Verlust der Souveränität und vergisst, dass diese häufig das Recht meinte, nach Belieben Kriege beginnen zu dürfen, und ja, was der territoriale Imperativ soll, ist mir immer noch ein Rätsel.

Vielleicht handelt es sich um Gedankengut der Konservativen Revolution, das nicht kritisch aufgearbeitet wurde. Ernst Jünger wurde bis zu seinem Tod von den verschiedensten Menschen hofiert, und Carl Schmitt wird immer noch zitiert. Vielleicht handelt es sich aber auch um Versatzstücke nationalsozialistischen Gedankenguts, vielleicht auch um allgemein völkisches Denken. So ohne weiteres lässt sich das nicht voneinander trennen, wenn man es mit einzelnen Gedankensplittern, nicht mit einem zusammenhängenden Text zu tun hat.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob die Flüchtlingsdebatte zutage bringt, was Menschen schon immer dachten, oder zu einer Radikalisierung führt. Ich fürchte aber, dass ersteres der Fall ist.

 

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