Verstummen

Seit einigen Monaten habe ich nichts geschrieben. Dafür gab es verschiedene Gründe: Viel Arbeit im Offline-Leben, Verunsicherung in den gegenwärtigen Debatten (aber mittlerweile fühle ich mich sicherer), und vor allem Verunsicherung durch Menschen, die sich als nicht rechts definieren, deren Ansichten ich aber für rechts halte. Dadurch gerate ich in fruchtlose Debatten, ob diese oder jene Position schon rechts sei oder nicht, anstatt dass ich einfach erklären könnte, warum sie falsch, unmoralisch oder unsinnig ist. Auf der anderen Seite habe ich mich mit Critical Whiteness auseinandergesetzt.

Nach einer Phase der Verunsicherung trat allerdings ein anderes Motiv in den Vordergrund: Internet-Identität und reale Identität haben sich im vergangenen Frühling berührt. Am stärksten wurde mir das bewusst, als ich bei einem Vortrag, zu dem ich mich als Gast per Internet angekündigt hatte, eine Frau traf, die ich aus dem realen Leben kannte. Es war nur eine kurze Verbindung von Offline und Online, über die ich vermutlich nicht nachdenken würde, wenn ich nicht schon länger erwägen würde, Online und Offline-Leben aktiv zu vermischen. Aber dann müsste ich überlegen, was ich mit diesem Blog mache: Es aufgeben und ein neues Blog eröffnen? Es ausmisten und alle Texte löschen, die nicht mehr zu mir passen? Oder die Texte löschen, mit denen ich mich vor den Menschen, die mir offline wichtig sind, blamieren könnte?

Darüber, dass ich mich vor Menschen, die mir online wichtig sind, blamieren könnte, habe ich weniger Angst. Bei ihnen rechne ich nicht damit, dass sie mein Blog durchstöbern und dann die Nase über die eher weniger gelungenen Texte rümpfen, vor allem nicht über die, die schon einige Jahre alt sind. Vor allem rechne ich bei ihnen nicht damit, dass sie potentielle Arbeitgeber sind oder dass sie Stipendien oder Einladungen zu Vorträgen vergeben könnten.

Aus diesem Grund denke ich darüber nach, entweder dieses Blog auszumisten oder ein neues Blog zu eröffnen, das ich anders gestalte als dieses hier: weniger Gemischtwarenladen, stärkerer Fokus auf der Auseinandersetzung mit rechten Positionen, vor allem jenen, die sich auch unter Menschen, die sich selbst nicht für rechts halten, großer Beliebtheit erfreuen, aber auch Auseinandersetzung mit Positionen der Linken, die ich für antiemanzipatorisch halte.

Und während ich über diese Frage nachdenke, verstumme ich.

 

Edit: Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich werde ein neues Blog eröffnen, und ich werde dieses hier aufräumen. Vor allem die älteren Beiträge, die kaum LeserInnen gefunden habe, werde ich löschen (aber abspeichern.) Die Beiträge, die viele LeserInnen gefunden haben, werde ich stehen lassen.

 

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Bündnisse mit Antisemitinnen? – selbstverständlich nicht.

Ich bin am Wochenende über Twitter in Diskussionen über Feminismus und Antisemitismus und über mögliche Bündnisse geraten. Ich habe sie irgendwann abgebrochen, weil ich noch spazieren gehen wollte, und als ich zurückkehrte, waren alle mit den Wahlergebnissen beschäftigt. Als ich gestern nach Hause kam, fand ich 23 notifications auf Twitter und stellte fest, dass die Diskussionen fortgesetzt worden waren. Ich finde immer noch neue Tweets und muss mich zurückhalten, nicht jeden einzelnen Tweet zu verlinken. Aus diesem Grund blogge ich auch verhältnismäßig schnell, so dass LeserInnen die Chance haben, nachzulesen, was auf Twitter diskutiert wurde. Am einfachsten ist es wohl, die Accounts der einzelnen ProtagonistInnen aufzurufen und auf „Tweets and Replies“ zu klicken.

Vielleicht gleich vorab: Es tut mir ein wenig leid, dass Antje Schrupp mit einem ihrer Tweets ins Zentrum der Kritik geraten ist. Der Tweet war an mich gerichtet; ich musste erst einmal nachlesen, was ich selbst geantwortet hatte; zum Glück bezog ich klar Position, wenn auch nicht in einem so harten Ton wie andere Personen dies taten. Im Nachhinein bin ich über mich selbst erschrocken, dass ich so zögerte, denn eigentlich hätte die Antwort selbstverständlich sein sollen.

Aber ich finde Antje Schrupp sehr nett und auf jeden Fall jemanden, mit der es sich lohnt, zu diskutieren und zu hoffen, dass sie lernt. So lange jemand diskutiert und nicht aggressiv oder manipulativ wird, lohnt es sich zu diskutieren, und Antje wird nicht aggressiv oder manipulativ.

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Vor einem Jahr ist Terry Pratchett gestorben,

und fast pünktlich zum Jahrestag habe ich einmal wieder zu einem seiner Bücher gegriffen, dieses Mal nicht zu „Lord and Ladies“ wie nach jedem der drei Hobbitfilme, oder zu „Carpe Jugulum“, seinem meiner Ansicht nach besten Buch, sondern zu „Thief of Time“, dem Höhepunkt und Ende der Teilserie über Susan StoHelit.

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Lesetipp: „Über Leichen gehen“ von Elke Wittich

Vor etwas mehr als 100 Jahren, im Februar 1916, begann die Schlacht von Verdun. Elke Wittich hat darüber in der Jungle World geschrieben: Über Leichen gehen.

Da ich selbst vorletztes Jahr ebenfalls Verdun und die ehemaligen Schlachtfelder besichtigt habe (Urlaubsbericht 2014, über den Tag in Verdun wird ganz unten berichtet), fühlte ich mich an vieles erinnert, was ich schon kannte: an das riesige Ossuaire, an das zerstörte Dorf Fleury-devant-Douaumont, an die Schilder an den Wegen, die davor warnten, die Wege zu verlassen, weil im Wald immer noch Munition liegt, die nicht geborgen werden konnte und die explodieren kann, wenn man darauf tritt. Auch an den zerfurchten Waldboden, in dem die Granatentrichter immer noch zu sehen sind, kann ich mich noch erinnern. (An einer Informationstafel am Chemin des Dames wurde erklärt, dass die Wurzeln der Bäume verhindern, dass der Boden sich wieder einebnet.) Ich habe gelernt, Granatentrichter an ihrer Kreisform zu erkennen.

Elke Wittich macht auf das Ausmaß der Zerstörung aufmerksam, das der Überfall der Deutschen verursacht hat. Auch hundert Jahre später liegen nicht nur Blindgänger im Boden, sondern vor allem giftige Metalle, die in den Umhüllungen der Granaten verwendet wurden, und die Überreste der Giftgranaten. Dies gilt nicht nur für die Schlachtfelder von Verdun, sondern auch für die Schlachtfelder an der Aisne und an der Somme. In Ieper (Ypern) habe ich noch keine solchen Stellen gefunden, aber auch dort finden Bauern noch jedes Frühjahr Blindgänger und müssen dann erst einmal die Kampfmittelbeseitigung anrufen.

Neun Dörfer sind zerstört worden: Beaumont, Bezonvaux, Douaumont, Louvemont, Fleury-devant-Douaumont, Haumont, Ornes, Vaux und Cumières. (Der Text erweckt den Eindruck, als seien es nur acht Dörfer und als hieße das letzte Vaux-et-Cumières.) Sechs davon wurden nicht wieder aufgebaut. Ich habe einige französischsprachige Seiten gefunden, die über diese Dörfer informieren. Auch ein Vorschlag für eine Rundtour ist dabei: Der Weltkriegstourismus treibt manchmal eigenartige Blüten (allerdings schlimmer an der Somme als in Verdun, vor allem wegen der britischen Touristen.)

http://www.tourisme-verdun.fr/villages-detruits.php

http://centenaire.org/sites/default/files/references-files/brochure_meuse.pdf

http://verdun2016.centenaire.org/fr/villages-detruits

Das größte Verdienst des Textes von Elke Wittich besteht darin, dass sie an das Leiden auf französischer Seite erinnert. Mein Eindruck in meinem privaten Umfeld ist der, dass die meisten, was den Ersten Weltkrieg anbelangt, vor allem an „Im Westen nichts Neues“ denken (das auch in Frankreich gelesen wird), dass sie an Schützengräben denken, aber nicht an die Versuche, die Front zu durchbrechen, die zu Materialschlachten mit Hunderttausenden Toten führten. (Häufig findet man nur Verlustangaben, die auch Verwundete und Vermisste einschließen: mehr als eine halbe Million, wenn man die Verluste beider Seiten zusammennimmt. Allerdings lassen sich im Internet auch höhere Zahlen finden, ich kann aber nicht auf die Schnelle entscheiden, was davon vertrauenswürdig ist.) An Verdun erinnert man sich vor allem als Symbol der schrecklichsten Schlacht des Krieges, der Knochenmühle, die laut Oberbefehlshaber Falkenhayn Frankreich weißbluten lassen sollte. Aber viele erinnern sich überhaupt nicht mehr, oder sie erinnern sich nur noch an Verdun als an ein Sinnbild der Schrecken des Krieges, wissen aber nicht mehr, wer den Angriff begonnen hat, was er bewirken sollte oder wie die Angelegenheit ausgegangen ist. (Bis zum Juni gelang es den Deutschen, die Front in Richtung Verdun zu verschieben – ein paar Kilometer weit. Nach dem Beginn der Schlacht an der Somme fehlte ihnen die Kraft für weitere Offensiven, und sie wurden bis zum Dezember mehr oder weniger in ihre Ausgangspositionen zurückgedrängt. Die Festungen von Vaux und Douaumont befanden sich wieder in französicher Hand.)

Mehrfach habe ich erlebt, dass es auf Unverständnis stößt, dass die Erinnerung in Frankreich viel lebendiger ist. Auch dass Frankreich im Ersten Weltkrieg höhere Verluste hatte als im Zweiten, wissen die wenigsten. Umgekehrt stößt die deutsche Erinnerungslosigkeit auf Unverständnis: Vorletztes Jahr im November erzählte uns die Französischlehrerin am 11. November, dass in Frankreich Feiertag sei, und fragte uns, ob wir wüssten, aus welchem Anlass. Ich rettete die Ehre des Kurses, indem ich es wusste: Tag des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs. (Dass in Deutschland praktisch zeitgleich, also nicht um elf, sondern um elf Uhr elf, der Beginn des Karnevals gefeiert wird, ist unter diesen Umständen eigentlich ziemlich peinlich.)

In Deutschland erinnert man sich an die Reparationszahlungen, die angeblich für die wirtschaftliche Misere und für den Aufstieg Hitlers verantwortlich gewesen sein sollen, und reproduziert dadurch einen Mythos, der den Aufstieg Hitlers möglich gemacht und der zu seiner Beliebtheit beigetragen hat: Dass die wirtschaftliche Misere ihre Ursache in den Reparationszahlungen hatte und dass die Einstellung der Reparationszahlungen eine der großen Leistungen Hitlers gewesen sei. Nach dem Krieg wurde dieser Mythos verändert: Hitler wurde nun verdammt, aber man selbst war unschuldig: Wären die Reparationszahlungen nicht gewesen, hätte  man ihn nie gewählt.

Was Deutschland in Frankreich angerichtet hatte, interessierte nicht. Dass die Schäden in hundert Jahren nicht beseitigt sein würden, war nicht vorauszusehen, aber dass die Reparationszahlungen sich über hundert Jahre erstrecken sollten, machte die Menschen wütend. (Dabei sollten die Zahlungen gestreckt werden, um Deutschland zu entlasten.)

In der Innenstadt von Verdun findet sich eine Gedenkstätte, die allen gewidmet ist, die vor Verdun gekämpft haben, also auch den Überlebenden. In jener Gedenkstätte war auch ein deutsches Propagandaplakat ausgestellt. Auf ihm waren Artillerie und brennende Häuser zu sehen. Text: Unsere Soldaten halten den Krieg von Deutschlands Grenzen fern. Was man selbst anderswo angerichtet hat, wird gerne ausgeblendet, auch heute noch.

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Die falsche Textsorte: zur Debatte um Kamel Daoud – mit Lesetipps für Menschen, die französisch können.

Vor einer Weile stieß ich über den Twitter-Account von AJ Martin auf einen Artikel in der FAZ von Kamel Daoud: „Das sexuelle Elend der arabischen Welt„, in welchem der Autor seine Sicht des muslimischen Frauenbilds darstellt. Ich dachte: interessant, aber problematisch, und ganz gewiss nicht ein Artikel, den ich nutzen würde, um meine Sicht der Ereignisse in Köln und der anschließenden Debatte zu untermauern. (Ich schreibe immer noch an einem Text, bin mir aber immer weniger sicher, ob ich ihn am Ende online setzen will.) Ich würde mich eher auf Ahmad Mansour berufen, der deutlich differenzierter argumentiert und der vorsichtiger gegenüber Vereinnahmungsversuchen der Interviewerinnen ist: Generation Allah und Typisch Islam. Ich habe jetzt noch eines gefunden, und hier ist es ein männlicher Interviewer, der versucht, Ahmad Mansour dazu zu bringen, dass er sagt, dass der Islam schlecht ist: Ahmad Mansour, Psychologe. (Leider kann ich das Video nicht mehr abspielen.)

Über den Twitter-Account von Lizas Welt wurde ich auf einen Text von Pascal Bruckner aufmerksam: Neokoloniale Verachtung. Der Text kritisiert eine Reaktion von französischen AkademikerInnen auf den Text von Kamel Daoud, welche sich bis jetzt nur auf französisch im Netz findet: Nuit de Cologne : « Kamel Daoud recycle les clichés orientalistes les plus éculés » Die AkademikerInnen würden Kamel Daoud als rassistisch kritisieren und hätten ihn jetzt zum Verstummen gebracht. Im Editorial von RISS in Charlie Hebdo habe ich eine ähnliche Kritik wie die von Pascal Bruckner gefunden.

Die zusammengefasste Version lautet also: Algerischer Schriftsteller schreibt Text über „sexuelles Elend der arabischen Welt“, französische Intellektuelle kritisieren ihn, der Schriftsteller „verstummt“, und anschließend werden die Intellektuellen dafür kritisiert, dass sie ihn zum Verstummen gebracht haben. Jetzt möchte ich versuchen, inhaltlich auf das einzugehen, was gesagt wurde.

Zusammenfassung Kamel Daoud

Zunächst der Text von Kamel Daoud: Im ersten Abschnitt geht er darauf ein, dass die Ereignisse in Köln dem rassistischen westlichen Klischee der Rechten entsprechen. Im zweiten Abschnitt kritisiert er die linke Haltung gegenüber Flüchtlingen als naiv: Auch sie nutzten Flüchtlinge als Projektionsfläche, würden sie ausschließlich als schutzbedürftig wahrnehmen und nicht sehen, dass die Flüchtlinge ihre Kultur mitbringen und in ihr sogar gefangen seien. Kultur bedeutet vor allem das Verhältnis zu Frauen und das Verhältnis zu Gott. Das westliche Verhältnis zu Frauen würde Flüchtlingen unverständlich bleiben, und so würden sie sich beim kleinsten Rückschlag zu ihren alten Werten zurückkehren.

Es gälte, nicht nur die Körper der Flüchtlinge zu schützen, sondern auch ihren Seelen die Notwendigkeit einer Veränderung klar zu machen. Anschließend wird das sexuelle Elend der muslimischen Welt und die Grausamkeit dieses Universums beschrieben. Das Verhältnis zur Frau, zum Körper und zum Begehren sei krank. Im gestörten Verhältnis zur Frau zeige sich auch ein gestörtes Verhältnis zu Leben und Freiheit. Am deutlichsten werde dies bei den Islamisten: Diese würden das Leben nur als eine Vorstufe sehen, oder noch schlimmer als Trennung vom Paradies.

In muslimischen Gesellschaften würde der Körper der Frau nicht ihr selbst gehören, sondern ihren Familien, ihre Gemeinschaft, dem Staat. Im Westen angekommen, sähen Flüchtlinge die Freiheit der Frauen nicht als Sinnbild der Freiheit aller, sondern als Symbol von Dekadenz und Unsittlichkeit. In der Silvesternacht von Köln seien zweierlei Phantasien wahr geworden: Die der Rechten von vergewaltigenden Invasoren, und die der Vergewaltiger von Körpern, die allen gehören. Das Problem der Sexualität sei das größte des Islams, und einer seiner Auswüchse sei die Vorstellung von einem Paradies, das einem Bordell gleicht.

Er warnt davor, Türen und Fenster zu schließen, aber er warnt auch vor Naivität. Er ruft dazu auf, die Aufgabe anzupacken, und Einwanderern aus der muslimischen Welt westliche Werte nahe zu bringen.

Zusammenfassung der „Petition“

Der zweite Text, den es nur auf französisch gibt, kritisiert diesen Text: Obwohl er vorgebe, sich gegen die Phantasien der Rechten zu wenden, würde er die Klischees des Westens über den Orient „recyceln“ und die Phantasien der Islamophoben füttern.

Der Text würde kulturalistische Argumentationsmuster nutzen, die schon seit langem bekannt und als falsch benannt sind: Er fasst einen mehrere tausend Kilometer und eine Milliarde Menschen umfassenden Raum als die muslimische Welt zusammen, ohne auf Unterschiede einzugehen. Die Menschen seien Gefangene Gottes, und die Welt dieses Gottes sei eine des Schmerzes und der Frustration. Als Spiegelbild werde der Westen als Ort der Freiheit und der Emanzipation dargestellt, wo die Freiheit der Frauen bereits verwirklicht sei.  Der Autor lande so im Kulturessentialismus. Soziale Ursachen würden ausgeblendet.

Ferner werden die psychologischen Erklärungsmuster kritisiert, die Muslime zu Gefangenen ihrer Religion machen. Auch Psychologisierung blende gesellschaftliche. politische und ökonomische Ursachen aus. Zudem würde er zu den Bildern von Muslimen beitragen, die gar nicht anders könnten als zu vergewaltigen.

Daoud frage, ob die Flüchtlinge Wilde seien. Er verneine diese Frage zwar, aber schon die Frage allein produziere eine unüberwindbare Kluft des Andersseins. Zu einer Masse von sexuell Frustrierten und Zombies verschmolzen hätten sie westlichen Gesellschaften nichts zu bieten und verlören das Recht auf individuelle Erfahrungen und Lebensläufe. Als Lösung schlage Daoud eine Neuerziehung vor: den einwandernden Massen müssten neue Werte beigebracht werden.

Das ganze Projekt sei ein Skandal: Erstens wiederhole es das Narrativ (die „Routine“) der zivilisatorischen Mission und der Überlegenheit der Werte des Westens und betone, dass die abweichende Kultur der Flüchtlinge eine Gefahr für Europa darstelle. Er fordere, die Aufnahme der Flüchtlinge von Bedingungen abhängig zu machen, was ein antihumanistisches Projekt darstelle, gleichgültig, was er behaupte.

Daoud mische sich als Angehöriger der nichtreligiösen Minderheit in die Debatte ein, der sich in seinem eigenen Land im täglichen Kampf gegen einen manchmal gewalttätigen Puritanismus befände. Im europäischen Kontext verbünde er sich jedoch mir der Islamophobie der Mehrheit. Die rassistischen Diskurse dürften nicht verharmlost werden, und die schwerwiegenden Ereignisse von Köln sollten nicht als Vorwand problematischer Projekte genutzt werden. Es käme darauf an, sich auf die Fakten zu konzentrieren, anstatt antiislamische Klischees zu reproduzieren.

Zusammenfassung Bruckner

Pascal Bruckner nun wirft der Gruppe von Intellektuellen, die diesen Text verfasst hat, vor, dass sie versuche, Kamel Daoud, gegen den es in Algerien eine Fatwa (im Prinzip eine Todesdrohung) gibt, zum Schweigen zu bringen, indem sie ihn als islamfeindlich denunziert.  Es ginge nicht darum, eine abweichende Meinung zu äußern oder eine stärkere Differenzierung zu fordern, sondern darum, ihm den Mund zu verbieten. Es ginge nicht um eine intellektuelle Debatte, sondern darum, dass man nichts sagen darf, wenn es um Menschen aus dem Nahen Osten oder Nordafrika geht. Der Respekt vor einer Kultur werde über den Respekt vor Individuen gestellt und der Islam durch den Ausdruck „Islamophobie“ vor jeder Kritik geschützt, indem er zur verfolgtesten aller Religionen erklärt werde. AbweichlerInnen aus den jeweiligen Kulturen werfe man vor, das Spiel der Imperialisten zu spielen. Ihnen werde verboten, was westlichen Intellektuellen erlaubt (sogar Pflicht) ist: die eigene Kultur zu kritisieren. Eine Art Apartheid werde etabliert: Für EuropäerInnen das „Joch unserer Freiheit“ und die Pflicht, Europa, das Recht auf Unglauben, Geschlechtergleichheit und Selbstverwirklichung zu geißeln, und Menschen aus Nordafrika die Freuden der Sitten und Gebräuche. Es handle sich um eine Form von neokolonialer Verachtung: Den Verdammten dieser Erde werde verboten, ins Zeitalter der Selbstverantwortung einzutreten. Anstatt der Rebellen der arabisch-muslimischen Welt würden die dortigen dominanten Kräfte unterstützt.

Kritik

Als ich den Text von Kamel Daoud zum ersten Mal las, dachte ich „interessant, aber ich kann ihn nicht benutzen, um meine eigene Position zu untermauern.“ Ich las den Text als einen sehr persönlichen Text eines Menschen, der die Situation um sich herum, unter der er leidet, wahrnimmt, sie beschreibt und zu deuten versucht. „Um sich herum“ meint hier nicht die gesamte muslimische Welt, auch nicht Algerien als ganzes, vielleicht nicht einmal seine Stadt, sondern nur sein Viertel oder das Milieu, in dem er lebt. Er ist Schriftsteller, nicht Soziologe. Er hat nicht die Kompetenz, etwas über Indonesien zu sagen – dazu müsste er als Soziologe dorthin reisen und forschen, oder er müsste zumindest die soziologische Literatur kennen. Als Schriftsteller nimmt er die Welt um sich herum wahr und reflektiert sie, und da seine Bücher gekauft und gelesen werden, vermute ich, dass er mit seinen Einschätzungen nicht allein dasteht, sondern dass seine LeserInnen denken: Ja, ähnlich nehme ich das auch wahr. Das heißt aber nicht, dass er die Wahrheit über die muslimisch-arabische Welt schreibt, auch nicht die Wahrheit über Algerien. Seine Stimme ist nur eine unter vielen.

Das heißt auch, dass ich den Text in seinem eigenen Wahrheitsanspruch nicht ernst nehme. Ich kann ihn nur ernst nehmen, wenn ich den Wahrheitsanspruch des Textes beträchtlich reduziere. Dann nehme ich ihn allerdings ernst: Als Deutung der Situation von Frauen in der Gesellschaft des Autors und als Deutung des Umgangs mit Sexualität und Begehren. Ernst nehmen heißt allerdings nicht, dass ich denke, dass der Text die Wahrheit sagt, sondern nur, dass er die Sicht und das Erleben des Autors wiedergibt.

Insofern teile ich einige Punkte der Kritik der „Petition“, vor allem die des Kulturessentialismusses, der den muslimisch-arabischen Raum als homogen und Menschen als Gefangene ihrer Religion darstellt. Auch die Kritik an der Psychologisierung kann ich im Prinzip teilen: Die Ausbreitung des Islamismus hat nicht nur psychologische, sondern auch soziale, politische und ökonomische Ursachen, und Menschen sind weder die Gefangenen ihrer Religion noch ihrer Psychologie. Es ist möglich, wenn auch nicht einfach, sich aus kulturellen oder psychologischen Prägungen zu lösen. Es ist möglich, dies ohne Umerziehung zu tun: man kann durch Begegnungen mit einer anderen Kultur oder mit anderen Menschen dazu gebracht werden, das, was man für selbstverständlich hielt, in Frage zu stellen.

Andererseits ist der Text eben auch kein wissenschaftlicher Artikel. Als ich ihn las, dachte ich: das ist der Text eines Mannes, der über die Welt, in der er lebt, gerade sehr frustriert ist, und der von seinen Mitmenschen gerade nicht viel hält. Manchmal geht es mir ähnlich, etwa wenn ich den Eindruck habe, dass Hannover voller Nazis oder zumindest voller Menschen ist, die die Vergangenheit nicht aufgearbeitet haben. Eine solche Frustration ist nie die ganze Wahrheit, sie ist aber eben auch nie ganz ohne Basis in der Realität. Der Autor sagt etwas über Algerien, vielleicht sagt er auch etwas über den Islamismus, der im Gegensatz zum Islam doch in vielen Regionen der muslimischen und nichtmuslimischen Welt grundsätzlich ähnlichen Ideen folgt, aber er sagt nichts über die muslimische Welt als ganze. Ich kann ihn ernst nehmen als Ausdruck der Gefühle eines bestimmten Mannes an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt, und ich registriere, dass der Islam, wie er von den Menschen um ihn herum gelebt wird, etwas mit diesen Gefühlen zu tun hat.

Aber als Text, der mir etwas über die muslimisch-arabische Welt von Marokko bis Indonesien zu sagen hätte oder der mich informieren könnte, wie Flüchtlinge oder auch die Täter von Köln ticken, kann ich diesen Text nicht ernst nehmen. Er ist, allerhöchstens, ein kleiner Mosaikstein in dem, was ich über die arabische Welt weiß: ein Mosaikstein, der mir sagt, wie Kamel Daoud die Welt um sich herum erlebt.

Die Kritik der Petition mit dem langen französischen Titel ist also vor allem an einem Punkt berechtigt: der arabisch-muslimische Raum ist nicht so homogen wie Kamel Daoud tut. Bei der Kritik an der Psychologisierung bin ich vorsichtiger: Wenn jemand psychologische Mechanismen benennt, so behauptet er nicht, dass es sich um Automatismen handelt, aus denen man nicht ausbrechen kann. Problematisch wird es allerdings, wenn er Umerziehung fordert, anstatt darauf zu vertrauen, dass die Flüchtlinge selbst imstande sein werden, ihre neue Umgebung wahrzunehmen, offen für sie zu sein und eigenständig zu beurteilen, was an ihr sie gut finden und was nicht.

Völlig daneben finde ich die Unterstellung, er würde orientalistische Klischees aus dem neunzehnten Jahrhundert reproduzieren. Gut möglich, dass er die Autoren kennt, die von der Petition erwähnt werden, schließlich ist er gebildeter Algerier – aber er würde diese Klischees nicht „reproduzieren“, wenn er nicht den Eindruck hätte, dass sie die Welt, in der er lebt, korrekt beschreiben.

Ärgerlich ist auch die jene Kritik, die sich weder gegen seine faktischen Behauptungen noch gegen seine Argumentationsweise richtet, sondern die sich sozusagen auf der taktischen Ebene bewegt: Er hätte das, was er sagt, nicht sagen sollen, selbst wenn es wahr wäre, weil er rassistische Klischees füttert.

Der dritte Text greift nun jene Petition an: Es wäre den AutorInnen nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kamel Daoud gegangen, sondern darum, ihn zum Verstummen zu bringen, was ihnen auch gelungen sei. Dadurch überzieht dieser Text ebenfalls seine Kritik: Er übersieht, was an der Kritik an Kamel Daoud gerechtfertigt war. Sein Text enthält eine Reihe von problematischen Elementen und muss kritisiert werden dürfen. Genauso, wie Pascal Bruckner eine differenzierte Kritik an Kamel Daoud einfordert, hätte auch die Petition auf differenzierte Weise kritisiert werden können. Stattdessen erfolgt ein Rundumschlag gegen jenen Teil der Linken, der den Islam vor jeder Kritik schützen will. Eigentlich kann man nicht viel aus der ganzen Geschichte lernen, außer wie verfestigt mittlerweile die Gräben zwischen beiden Fraktionen der Linken sind.

Vor allem ist die Kritik, dass jene Petition Kamel Daoud zum Verstummen gebracht hätte, indem sie ihm Rassismus vorgeworfen und dadurch eingeschüchtert hätte, was fast genauso schlimm sei wie die Fatwa gegen ihn, völlig überzogen. Kamel Daoud hätte sich von der Petition nicht zum Schweigen bringen lassen müssen. Es war eine Kritik, die zwar harsch war, sich aber innerhalb der Grenzen der Höflichkeit bewegte. Es war kein Shitstorm, der über ihn hereinbrach. Wenn er sich von dieser Kritik zum Verstummen bringen lässt, dann war er selbst naiv: wenn er sich im europäischen Diskurs ausgekannt hätte, wäre er auf eine solche Reaktion gefasst gewesen und hätte auf sie antworten können. Einen rant zu verfassen (denn viel mehr ist sein Text nicht) und von allen Seiten Zustimmung zu erwarten, ist etwas unrealistisch. Vielleicht hätte er durch die Reaktion merken können, dass er etwas übertrieben hat, er hätte nachdenken können, die gerechtfertigte Kritik anerkennen, die ungerechtfertigte Kritik zurückweisen können. Stattdessen zieht er sich ganz zurück.

Naiv war aber nicht nur, dass er nicht auf diese Reaktion gefasst war. Naiv war vielleicht auch die Art und Weise, wie er sich aus Algerien in den europäischen Diskurs eingemischt hat. Im Grunde müsste die Diskussion, die er führen möchte, in Algerien geführt werden, aber in Algerien ist dies zur Zeit sehr schwierig und für ihn anscheinend auch lebensgefährlich. In einer solchen Zeit liegt es nahe, im Ausland zu veröffentlichen: zunächst in Frankreich, innerhalb einer Kultur, in der er sich wahrscheinlich ziemlich gut auskennt und deren Diskussionen er wahrnimmt, wo er weiß, an welche Zeitung er sich wenden muss (Le Monde ist meines Wissens eher linksliberal, während der Figaro eher konservativ ist), eine Kultur, in welcher viele AlgerierInnen oder Nachkommen von algerischen EinwanderInnen leben, die sich vermutlich noch immer für das interessieren, was in Algerien passiert. Dass Menschen, die im eigenen Land nur mit Schwierigkeiten oder unter großer Gefahr veröffentlichen können, ihre Texte im Ausland veröffentlichen und auf Unterstützung hoffen, ist erst einmal völlig legitim. Aber wenn er den Diskurs in Frankreich kennt, muss er auch auf eine entsprechende Reaktion gefasst sein, und sollte sich von ihr nicht zum Verstummen bringen lassen. (Und möglicherweise hätte er gründlicher nachdenken sollen, bevor er zur Tastatur griff, anstatt einfach einen rant abdrucken zu lassen.)

Noch eine Stufe schwieriger wird es aber, wenn der Text dann nach Deutschland wandert und dort von einer konservativen Zeitung abgedruckt wird und in einem Diskurs landet, in welchem sich Kamel Daoud nicht auskennt und wo er keine Möglichkeit hat, darauf Einfluss zu nehmen, was mit seinem Text passiert und wie er aufgefasst wird, wo er nicht einmal beurteilen kann, was mit dem Text möglicherweise passieren wird und wer seinen Text als Bestätigung der eigenen Islamophobie missbrauchen wird. Aber während Kamel Daoud verantwortlich dafür ist, was mit seinem Text in Frankreich passiert und während er dort an der Debatte teilnehmen kann, oder es können sollte, kann er nicht entscheiden, welche deutsche Zeitung den Text abdrucken wird und wer den Text hier lesen wird. Hier müssen wir selbst vorsichtig sein und seinen Text eben als das lesen, was er ist, den rant eines Menschen, der gerade frustriert ist, und nicht als eine fundierte soziologische Analyse der arabischen Welt.

Oben habe ich Interviews mit Ahmad Mansour verlinkt. Diesen merkt man an, dass er sich nicht nur mit der Kultur seines Herkunftslandes, sondern auch mit der Kultur der muslimischen Community in Deutschland und mit dem Diskurs der Mehrheitsgesellschaft auskennt. Er braucht die Mehrheitsgesellschaft als Verbündete, deswegen lässt er sich interviewen von InterviewerInnen, die ihn drängen, zu sagen, dass der Islam als ganzes ein Problem darstelle. Er hat gelernt, ihnen zu widerstehen (auch wenn er es nicht perfekt gelernt hat), er versucht sich so zu positionieren, dass er weder von den Rechten noch von den Linken vereinnahmt werden kann.

Ein weiterer Autor, dessen Text ich gern lese (oder höre), ist Maajid Nawaz. Er war muslimischer Fundamentalist und hat wieder aus dieser Haltung herausgefunden. Hier ein paar Links zu Videos: Big Think. Und dann habe ich mir endlich auch das Buch bestellt (vorgestern ist es angekommen), das Malik Kenan, Pandaemonium, über Moral geschrieben hat.

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Doch noch ein paar eigene Worte zu Clausnitz

Mir fällt es schwer, etwas zu sagen, weil es nichts zu analysieren und auseinanderzunehmen gibt. Nicht nur die Bilder des Mobs, sondern auch die Bilder von Polizisten, die verängstigte Kinder aus dem Bus tragen, sind entsetzlich und lassen mich verständnislos zurück: Wie kann man so mit Kindern umgehen?

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Lese- und Hörtipp: Stammtisch im Edelrestaurant

Zwei Tipps: Erstens ein Hörtipp zu einem Interview mit Micha Brumlik: Der Stammtisch wird salonfähig und zweitens ein Lesetipp zu einem Text von Hans Hütt: Die Heimatvertriebenen. Beide kritisieren Intellektuelle, die sich die Inhalte von Pegida und AfD zu eigen machen, allerdings in etwas gehobenerer Sprache.

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