Die richtigen Argumente finden

Über meine Twitter-Timeline ist heute ein Tweet von Elquee bei mir gelandet: Reem, die wegen Merkel weinte, möchte, dass Israel von der Landkarte verschwindet. Zum Tweet gehörte auch ein Link zu einem Artikel aus der WELT: Reem und wie sie die Welt sieht.

Damit es keine Missverständnisse gibt, möchte ich ein paar Punkte gleich von Anfang an klarstellen: Ich möchte, dass Reem in Deutschland bleiben darf: Weil es ihr hier besser geht als im Libanon und weil sie hier etwas lernen und ihre Ansichten ändern kann. Und selbstverständlich bin ich der Ansicht, dass der Staat Israel bestehen bleiben soll. Aber ich glaube, dass es nicht viel bringt, wenn einem palästinensischen Mädchen gegenüber mit dem Holocaust und mit der besonderen deutschen Beziehung zu Israel argumentiert wird, und dass es bessere Argumente gibt.

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Maccabi Chai!

Ursprünglich veröffentlicht auf Lizas Welt:

Maccabi Chai! (© Rafael Herlich)

»Zwei Dinge sind unendlich«, beginnt ein Zitat, das gemeinhin Albert Einstein zugeschrieben wird, »das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher«. Wie treffend dieses Bonmot auch heute noch ist, zeigt nicht zuletzt so mancher Kommentar zu den European Maccabi Games, einem jüdischen Sportfest, das in diesen Tagen in Berlin stattfindet. Und damit sind nicht nur die widerwärtigen Sprüche und Drohungen deutscher Neonazis gemeint, sondern auch Äußerungen, die von eher im Spektrum der Linken zu verortenden Dichtern und Denkern stammen. »Makkabi = GroßJüdische Weltfestspiele, Nicht-Juden bitte draußen bleiben? Was soll das? Hört sich irgendwie rechtsradikal an«, tat beispielsweise einer aus dem Umfeld der Piratenpartei via Twitter vor Kühnheit zitternd kund – und bewies damit auch aufs Schönste, dass man keine Ahnung zu haben braucht, um zu allem eine Meinung in die Welt zu plärren.

Nicht viel besser ist das, was die…

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Lebenswert behindert sein

susanna14:

Schon seit einer Weile folge ich schon “Ein Blog von Vielen”, dem Blog von jemandem mit dissoziativer Identitätsstruktur. Ich habe bis jetzt noch nicht “rebloggt”, weil mir das Blog sehr verletzlich vorkommt, aber jetzt ist dort ein Text erschienen, der mich zum Nachdenken über ein Thema gebracht hat, das allgemeiner Natur ist, nämlich dem Druck, positiv zu sein, das Leben als gut darzustellen und keine Verzweiflung zuzulassen. In dem Text, den ich reblogge (ich bin mir noch nicht sicher, wie ich dieses Wort der deutschen Grammatik anpassen soll) geht es vor allem um behinderte Menschen, konkret um zwei Texte von zwei Frauen, von denen die eine schreibt, dass jetzt im Nachhinein möglicherweise nicht mehr ihre Einwilligung zur lebensrettenden Operation geben würde, während die andere die erste dafür kritisiert: Sie habe den Behinderten, die intensiv dafür eintreten, dass Menschen das Leben von Behinderten als lebenswert ansehen, einen Bärendienst erwiesen.

Hier erst einmal der Link zum Text, den ich reblogge:

Lebenswert behindert sein

Und zu den beiden Texten, die dort verlinkt sind:

Samuel Koch nimmt Monica Lierhaus in Schutz

Der Bärendienst von Monica Lierhaus

Als Nichtbehinderter geht es mir so, dass ich denke: Warum sollen Behinderte nicht auch hin und wieder verzweifelt sein, so wie alle anderen Menschen? Und warum sollen sie nicht hin und wieder auch über ihre Behinderung verzweifelt sein? Und warum soll sich für manche Behinderte nicht auch ihre Behinderung zur Quelle einer andauernden Verzweiflung anwachsen, mit der sie nicht mehr klar kommen? Warum sollen ausgerechnet Behinderte immer glücklich und positiv sein und jederzeit in der Lage, Interviews zu geben, die Nichtbehinderten Menschen ein positives Bild vom Leben mit Behinderung geben?

Ich vermute, ich bin nicht die einzige Nichtbehinderte, die beim Lesen des Interviews mit Lierhaus nicht denkt: “Aha, da ist mal eine, die ehrlich sagt, dass manche Behinderungen schlimmer sind als der Tod”, sondern “okay, das ist die Meinung von Lierhaus, aber nicht die von allen Behinderten, und möglicherweise denkt auch Lierhaus in zwei Jahren ganz anders über ihr Leben mit Behinderung.” Ich habe im Laufe meines Lebens genügend Menschen kennengelernt, die ihr Leben mit Behinderung als lebenswert empfanden.

(Und was völlig klar sein sollte: Niemand darf über das Leben eines anderen sagen, dass es nicht lebenswert sei. Es ist immer die Person selbst, die das sagt.)

Mich hat das auch an die Diskussionen über positives Denken erinnert. Es ist jetzt einige Jahre her, dass ich in der Stadtbücherei ein Buch “Positives Denken macht krank” von Günter Scheich gefunden hatte, indem er die Schmalspurpsychologie und die Lügen der Propheten des positiven Denkens kritisiert. Im Prinzip handelt es sich um magisches Denken und um Immunisierung gegen Kritik: Wenn ich immer positiv denke, werde ich erfolgreich und glücklich sein, und wenn meine Hoffnungen sich nicht erfüllen, liegt es daran, dass sich ein paar negative Gedanken eingeschlichen haben.

Barbara Ehrenreich hat positives Denken auf ähnliche Weise kritisiert. Ihr Buch habe ich nicht gelesen, aber ich habe ein Interview mit ihr gefunden: http://mondediplo.com/2010/02/11wpodcast Auch sie kritisiert den Zwang zum positiven Denken und fordert, dass wir nicht positiv, sondern wieder kritisch denken. Am perversesten ist es, wenn todkranke Menschen dazu aufgefordert werden, positiv zu denken. Sie hat die Methode kennengelernt, als sie an Brustkrebs erkrankt ist.
(Im Prinzip handelt es sich beim Positiven Denken nur um eine Variante der Botschaft “wenn es dir schlecht geht, bist du selbst schuld”.)

Also, als Fazit: Menschen dürfen “negativ” sein, sie dürfen wütend und verzweifelt sein, sie dürfen der Ansicht sein, dass sie ihr Leben nicht lebenswert sei – und sie sind auch dann genauso wertvoll wie andere Menschen auch.

Jetzt noch ein paar Worte zu dem Beitrag, den ich reblogge. Am besten, ihr lest ihn ganz. Aber hier erst einmal ein Zitat, das, glaube ich, eine typische Haltung unserer Zeit in Worte fasst:

“Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin.
Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe.
Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!”

Wenn es jemandem nicht gut geht und er oder sie unglücklich ist, ist die Frage ganz schnell: Was mache ich falsch, dass ich unglücklich bin und mich nicht in meine Situation einfinden und das beste aus ihr machen und optimistisch in die Zukunft blicken kann?

Und die Antwort ist: Nichts machst du falsch. Manche Situationen sind eben so, dass man nicht mit ihnen glücklich sein kann. Manche Situationen sind so, dass jeder Mensch, der seine Sinne und sein Urteilsvermögen bei sich hat, wütend werden sollte. Der Zwang zum Positiven Denken kann im schlimmsten Fall zu einer Form des Victim-Blaming werden: Nicht diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben, sondern die, die Gewalt erfahren haben, aber nicht damit klar kommen, machen etwas falsch.

Ursprünglich veröffentlicht auf Ein Blog von Vielen:

Monica Lierhaus sagte in einem Interview, dass sie heute verschiedene Entscheidungen anders treffen würde, als vor ein paar Jahren noch.
Wäre Frau Lierhaus nicht behindert, würde diese Aussage angehört und wieder vergessen.

Als Person aber, der eine Operation das Weiterleben ermöglichte und als Person, die in der Folge behindert ist, hat sie diese Entscheidung gefälligst nicht (öffentlich) zu bereuen und schon gar nicht hat sie ihr Leben danach als weniger lebenswert zu empfinden, weil das die Öffentlichkeitsarbeit anderer Behinderter untergräbt. So lese ich zumindest den Kommentar von Christiane Link in ihrem Blog.
Frau Link schreibt, dass sie öfter hört, Menschen könnten oder wollten an ihrer Stelle nicht leben und setzt dies in einen, vielleicht richtigen, vielleicht aber doch auch unvollständigen Kontext mit Bewunderung.

Und ich stehe neben diesem Disput und denke darüber nach, wann es denn erlaubt ist zu äußern, dass man sein Leben als behinderte Person nicht als…

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Am Kiosk: Diskussion über Berichterstattung beim Auschwitzprozess

Nicht alle meine Gespräche mit Unbekannten oder Gespräche, die ich belausche, sind unangenehmer Natur. Vorgestern, als ich beim Kioskbetreiber meines Vertrauens die Le Monde Diplomatique kaufen wollte, fiel mein Blick auf die Hannoversche Allgemeine, wo ich die Ankündigung eines Artikels zum bevorstehenden Urteil gegen Oskar Gröning angekündigt sah. Ich beschloss, die Zeitung zu kaufen. Der Kioskbesitzer fragte mich, ob ich das wirklich wolle – gerade heute hätte er sie nur durchgeblättert, und ein Artikel habe ihn sehr aufgeregt. Ich nannte ihm den Grund, nämlich den auf der Titelseite angekündigten Artikel zu Oskar Gröning, und er sagte mir, dass ihn dieser Artikel auch aufgeregt habe. Er meinte, nicht nur dieser Artikel, sondern die gesamte Berichterstattung erwecke bei ihm den Eindruck, dass sehr viel Sympathie für den Angeklagten herrsche.

Ich versprach, ihm hinterher zu sagen, was ich von jenem Artikel halte. Ich will es jetzt auch hier aufschreiben, zusammen mit ein paar eigenen Gedanken zum Urteil und zu den Kommentaren, die ich in den Zeitungen gefunden habe.

Ach, und hier noch ein paar Lesetipps: Das letzte Kapitel und der Epilog von “Eichmann in Jerusalem” von Hannah Arendt, und der Aufsatz “Verantwortung in der Diktatur”, den sie als Antwort auf die Reaktionen zu ihrem Eichmann-Buch schrieb. In beiden behandelt sie die Frage der Kollektivschuld, den Unsinn, sich schuldig zu fühlen, obgleich man nichts getan hat, die Frage des “Rädchens”, das sich nun plötzlich als Mensch beziehungsweise als Person vor Gericht verantworten muss, und die Unangemessenheit jeder Strafe angesichts eines Verbrechens wie der Shoah, was aber Strafen nicht überflüssig macht.

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#10 Gedenkstättenansichten ~ irgendwie jüdisch

#10 Gedenkstättenansichten ~ irgendwie jüdisch.

(Irgendwie hat das mit dem Rebloggen nicht so funktioniert wie sonst. Normalerweise wird auch der Anfang des Textes mit angeführt.) Da dies nun nicht geklappt hat, werde ich hier eine Zusammenfassung des Textes schreiben, die euch hoffentlich neugierig auf das Original machen wird:

Die Autorin berichtet von der Tagung “Erinnern Kontrovers” und dem Unbehagen (milde ausgedrückt), das sie dort verspürt, etwa wenn in einem Workshop zu Zeitzeugen Interviews mit Zeitzeugen nachgespielt werden. Ein besserer Weg besteht darin, Angehörige der zweiten oder dritten Generation sprechen zu lassen, vorausgesetzt, man nimmt sie als Menschen mit eigenen Verletzungen wahr und sieht sie nicht nur als Leute, die man nutzen kann, um Jugendlichen die richtige Erinnerungskultur nahezubringen. (Der Sarkasmus stammt von mir, nicht von der Autorin.)

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Deutsche Geschichtsvergessenheit

Ursprünglich veröffentlicht auf Lizas Welt:

Wandsprüherei in der Leipziger Südvorstadt, © strassenstriche.net mit CC-BY-NC-2.0-Lizenz via Flickr

Einer der hartnäckigsten politischen (und ökonomischen) Mythen in Deutschland ist zweifellos der vom »Wirtschaftswunder« nach dem Zweiten Weltkrieg. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wird der unerwartete ökonomische Aufschwung in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts gerne damit (v)erklärt, dass die Bevölkerung sich nach dem erzwungenen Ende des »Dritten Reiches«, durch das ihr Land zu großen Teilen in Trümmer gelegt worden sei, brav und fleißig an die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten gemacht und so im Schweiße ihres Angesichts »die Wirtschaft« wieder in Schwung gebracht habe, was verdientermaßen in erklecklichen Wohlstand gemündet sei. Vergessen wird dabei vor allem eines: dass dieser Wohlstand nicht zuletzt »auf der kontinuierlichen Verwertung von Profiten aus dem Nationalsozialismus« beruhte, wie Jörg Rensmann im 2003 erschienenen Buch »The Final Insult« schrieb.* »Man halluzinierte sich«, so der Politikwissenschaftler weiter, »ein ›Wirtschaftswunder‹, dessen materielle Grundlage gleichzeitig verdrängt wurde, nämlich die Profite aus ›Arisierung‹ und Zwangsarbeit«. Hinzu kommt, dass 80 bis…

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Manchmal ist es gar nicht so schlecht, eine europäische Ordnung zu zerstören.

Heute morgen fand ich folgenden Tweet in meiner Timeline: “Greece destroyed European order in 1827 says man from a country that started two of the most destructive wars ever http://www.welt.de/geschichte/article142305296/Griechenland-zerstoerte-schon-einmal-Europas-Ordnung.html …”

Die Frage, ob ein Deutscher solche Dinge behaupten darf, werde ich nicht diskutieren, und ich habe heute morgen, als ich den Tweet fand, auch gar nicht darüber nachgedacht. Allerdings habe ich heute nachmittag über ähnliche Themen nachgedacht und kann jetzt auch zu dieser Frage etwas sagen. Aber zunächst werde ich darüber nachdenken, ob das, was er sagt, wahr ist.

Ich habe also den Original-Artikel nachgelesen: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung

Mein erster Gedanke: Mein Weltbild ist wieder in Ordnung. Die “Welt” ist eine ultrakonservative Zeitung, so wie schon vor dreißig Jahren, als ich sie im Unterricht meines ziemlich rechten Geschichtslehrers kennenlernte. Zwischendurch war ich ins Zweifeln geraten angesichts der Tatsache, dass Journalisten, die ich als links und alternativ einschätzte, anfingen, für diese Zeitung zu schreiben.

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