Verstummen

Seit einigen Monaten habe ich nichts geschrieben. Dafür gab es verschiedene Gründe: Viel Arbeit im Offline-Leben, Verunsicherung in den gegenwärtigen Debatten (aber mittlerweile fühle ich mich sicherer), und vor allem Verunsicherung durch Menschen, die sich als nicht rechts definieren, deren Ansichten ich aber für rechts halte. Dadurch gerate ich in fruchtlose Debatten, ob diese oder jene Position schon rechts sei oder nicht, anstatt dass ich einfach erklären könnte, warum sie falsch, unmoralisch oder unsinnig ist. Auf der anderen Seite habe ich mich mit Critical Whiteness auseinandergesetzt.

Nach einer Phase der Verunsicherung trat allerdings ein anderes Motiv in den Vordergrund: Internet-Identität und reale Identität haben sich im vergangenen Frühling berührt. Am stärksten wurde mir das bewusst, als ich bei einem Vortrag, zu dem ich mich als Gast per Internet angekündigt hatte, eine Frau traf, die ich aus dem realen Leben kannte. Es war nur eine kurze Verbindung von Offline und Online, über die ich vermutlich nicht nachdenken würde, wenn ich nicht schon länger erwägen würde, Online und Offline-Leben aktiv zu vermischen. Aber dann müsste ich überlegen, was ich mit diesem Blog mache: Es aufgeben und ein neues Blog eröffnen? Es ausmisten und alle Texte löschen, die nicht mehr zu mir passen? Oder die Texte löschen, mit denen ich mich vor den Menschen, die mir offline wichtig sind, blamieren könnte?

Darüber, dass ich mich vor Menschen, die mir online wichtig sind, blamieren könnte, habe ich weniger Angst. Bei ihnen rechne ich nicht damit, dass sie mein Blog durchstöbern und dann die Nase über die eher weniger gelungenen Texte rümpfen, vor allem nicht über die, die schon einige Jahre alt sind. Vor allem rechne ich bei ihnen nicht damit, dass sie potentielle Arbeitgeber sind oder dass sie Stipendien oder Einladungen zu Vorträgen vergeben könnten.

Aus diesem Grund denke ich darüber nach, entweder dieses Blog auszumisten oder ein neues Blog zu eröffnen, das ich anders gestalte als dieses hier: weniger Gemischtwarenladen, stärkerer Fokus auf der Auseinandersetzung mit rechten Positionen, vor allem jenen, die sich auch unter Menschen, die sich selbst nicht für rechts halten, großer Beliebtheit erfreuen, aber auch Auseinandersetzung mit Positionen der Linken, die ich für antiemanzipatorisch halte.

Und während ich über diese Frage nachdenke, verstumme ich.

 

Edit: Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich werde ein neues Blog eröffnen, und ich werde dieses hier aufräumen. Vor allem die älteren Beiträge, die kaum LeserInnen gefunden habe, werde ich löschen (aber abspeichern.) Die Beiträge, die viele LeserInnen gefunden haben, werde ich stehen lassen.

 

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5 Antworten zu Verstummen

  1. Trippmadam schreibt:

    Menschen, die sich nicht als rechts definieren, aber rechte Positionen vertreten – solche begegnen mir im Zusammenhang mit der Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen auch, und es schmerzt, wenn es Menschen sind, die ich als meine Freunde betrachte.

    • susanna14 schreibt:

      Von diesen Menschen kenne ich sehr viele. In den letzten Monaten habe ich das Gefühl bekommen, dass die Aufnahme von Flüchtlingen unsere Gesellschaft an einer Stelle spaltet (oder eine schon immer vorhandene Trennung aufzeigt), die mit sonstigen Gräben, etwa zwischen links und rechts, wenig zu tun hat, allerhöchstens noch zwischen „konservativ“ und „progressiv“. Die Reaktionen zeigen aber etwas anderes: Das Fortleben eines ethnischen Nationalismus in weiten Teilen der Gesellschaft (wessen Vorfahren keine „Volksgenossen“ waren, kann kein richtiger Deutscher sein, meist gepaart mit dem Spruch über die Kuh, die im Pferdestall geboren wurde) und außerdem tauchen auch regelmäßig die nicht aufgearbeitete Vergangenheit auf, wenn man die Leute lange genug reden lässt und sie hin und wieder provoziert.

      • Trippmadam schreibt:

        Ich glaube, das alles war ununterbrochen seit dem 2. Weltkrieg vorhanden und kam ungefähr seit 9/11 wieder an die Oberfläche. (Eine Zeitlang habe ich Material dazu gesammelt, aber dann doch nichts damit angefangen. Irgendwann kam die Sammlung auf den Müll, denn der Platz in meiner Wohnung ist sehr begrenzt.) Mit der Ankunft der Flüchtlinge im vergangenen Sommer sind Ressentiments gesellschaftsfähig geworden, die in den 80er und 90ern noch sorgfältig verborgen wurden. Dabei scheint es mir, dass die Rechtskonservativen und Rechten sich heutzutage als progressiv betrachten, wohingegen „links“ für irgendwie hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurückgeblieben steht. Aber das sind nur persönliche Eindrücke, die durch meinen derzeitigen (nicht immer angenehmen) Umgang beeinflusst sein könnten.

        • susanna14 schreibt:

          In einem Seminar, an dem ich letztes Semester teilnahm, bezog sich der Professor immer wieder auf die Neunziger, mit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und anderen deutschen Städten. Er sagte, wir hätten damals schon diese Debatte gehabt, und im Prinzip ist sie, glaube ich, immer dagewesen, mal mehr, mal weniger stark. Ich las damals noch die ZEIT, da ging es auch schon darum, wie viel Zuwanderung wir brauchen. (Es war auch die Zeit der faktischen Abschaffung des Asylgesetzes.) Man müsste einmal schauen, wie sich die Debatte in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Rückwärts ist wahrscheinlich am leichtesten: 2001 hat möglicherweise eine neue Trennlinie erzeugt: Zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, so dass vor allem südeuropäische EinwanderInnen nun vereinnahmt wurden (sind ja auch EU-BürgerInnen), was für diese nicht wirklich hilfreich war, weil sie die Diskriminierung, die sie immer noch erfahren, nicht mehr ausdrücken können. MuslimInnen sind aber zum neuen Feindbild geworden.

          In den Neunzigern ging es um verschiedene Formen der Zuwanderung. Einerseits gab es Einwanderung aus Osteuropa, größtenteils von Menschen, die wegen deutscher Vorfahren als Deutsche akzeptiert wurden, obgleich sie kein Wort deutsch sprachen. Andererseits begann die Politik zu akzeptieren, dass die türkischen und südeuropäischen EinwanderInnen nicht „nach Hause“ zurückkehren würden, sondern dass ihr Zuhause dort war, wo ihre Kinder und Enkelkinder lebten. Man musste sich also endlich entschließen, sie zu integrieren, einschließlich einer Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes. Diese Veränderung rief eine heftige Diskussion hervor; viele wollten nicht akzeptieren, dass „deutsch“ etwas anderes als „deutsche Vorfahren“ bedeuten könnte. Möglicherweise hat sich an diesem Punkt etwas geändert, so dass diejenigen, die immer noch nicht akzeptieren, dass jemand ohne deutsche Vorfahren deutsch sein kann, jetzt merken, dass sie in der Minderheit sind.

          Noch weiter zurück, also in die Achtziger zu blicken, ist schwierig, weil ich diese Zeit als Jugendliche erlebte. Rassismus galt auch damals schon als inakzeptabel, jedenfalls unter den Menschen, die mir wichtig waren, aber Staatsangehörigkeiten wurden nicht in Frage gestellt, und dass Ausländerkinder es nicht aufs Gymnasium schafften, weil sie nicht gut genug deutsch konnten, wurde als normal angesehen.

          Menschen, die rechtskonservative Ansichten vertreten, aber sich als progressiv betrachten, bin ich noch nicht begegnet. Ich kenne vor allem Menschen, die rechte Ansichten vertreten, sich aber auf keinen Fall als rechts und manchmal sogar als links bezeichnen würden. Rechts scheint keine Selbstbezeichnung zu sein.

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