Doch noch ein paar eigene Worte zu Clausnitz

Mir fällt es schwer, etwas zu sagen, weil es nichts zu analysieren und auseinanderzunehmen gibt. Nicht nur die Bilder des Mobs, sondern auch die Bilder von Polizisten, die verängstigte Kinder aus dem Bus tragen, sind entsetzlich und lassen mich verständnislos zurück: Wie kann man so mit Kindern umgehen?

Es ist ein Dilemma: Wenn man die Flüchtlinge in einem Dorf wie Clausnitz nicht unterbringt, haben die RassistInnen gewonnen, aber im Grunde ist es unzumutbar, sie dort unterzubringen. Vielleicht ist es am besten, solche Dörfer stürben mit der Zeit aus, weil niemand mehr dort leben will.

Eigentlich kann ich kaum etwas zu dem Mob, aber auch kaum etwas zu den Polizisten sagen. Zur Zeit lese ich die Kriegstagebücher von Louis Barthas aus dem Ersten Weltkrieg. Die Deutschen spielen in diesen Tagebüchern kaum eine Rolle, sie sind auf der anderen Seite der Front, sie schießen mit Artillerie und Maschinengewehren, und mehrere Freunde des Autors kommen um oder werden verwundet, aber ihnen gilt nicht sein Zorn. Der Zorn gilt nur den eigenen Offizieren und Generälen, die ihre Soldaten ins Artillerie- und Maschinengewehrfeuer hineinschicken, aber nicht jenen, die für das Artillerie- und Maschinengewehrfeuer verantwortlich sind. Man mag diese Abwesenheit von Zorn als wohltuend empfinden, aber in Wirklichkeit ist sie viel schlimmer als Zorn: Die Soldaten auf der anderen Seite, auch nicht ihre Generäle oder Politiker, werden nicht als verantwortlich angesehen, als sei es gar nicht mehr möglich, sie zur Verantwortung zu ziehen. Sie sind wie das Wetter, nur dass Maschinengewehrkugeln tödlicher sind als Hagelkörner. Aber genauso wenig wie der Hagel sind sie verantwortlich: Verantwortlich sind nur die Generäle und Offiziere, die ihre Soldaten rücksichtslos in Lebensgefahr und schlechtes Wetter schicken.

Ähnlich geht es mir mit jenem rassistischen Mob: Sie sind weit jenseits von dem, womit ich noch reden oder was ich überhaupt analysieren mag. Sie sind da, und man wird sie leider nicht los, aber ich bin sehr pessimistisch, ob sie irgendwelchen neuen Ideen zugänglich sind. Ich weiß, dass ich selbst mit meinen Positionen weit jenseits von dem bin, was auf sie noch einwirken könnte: ich scheitere selbst dann, wenn ich Leuten, die der SPD oder den Grünen nahestehen, klar machen will, dass einige ihrer Äußerungen problematisch sind.

Durch Zufall bin ich durch Twitter auf einen Blog einer Rechten gestoßen: P e t r a   R a a b auf blogspot. (Ich weiß, ich bin feige, aber ich habe keine Lust, dass sie mich durch irgendein Pingback findet.) Was sie heute (19. Februar) zu Clausnitz oder Multikulti oder am 2. Mai 2015 (also vor Silvester) zu Freiwild schreibt, lässt mich nur noch die Punkte in meiner Liste von Aspekten rechter Positionen abhaken:

  • Fremde werden als Bedrohung und Invasion, Flut, negative Energie dargestellt. (Anscheinend besteht auch eine gewisse Affinität zur Eso-Szene.)
  • Muslime sind schon dadurch böse, dass sie einem Propheten folgen, der als durch und durch böse dargestellt wird. Dadurch wird einerseits die eigene Unkenntnis dokumentiert, andererseits wird das Verhalten und die moralische Qualität von einer Milliarde Menschen anhand einer einzelnen Person beurteilt, die vor über tausend Jahren gelebt hat. Genaues Hinschauen erübrigt sich.
  • Notwehr ist selbst gegen Kinder erlaubt.
  • Die Prägung durch die islamische Kultur wird als determinierend angesehen, da sie vor dem dritten Lebensjahr stattfand. Muslimische Flüchtlinge, insbesondere Männer, können gar nicht anders als gewalttätig sein.
  • Grenzen dienen dazu, verschiedene Kulturen voreinander zu schützen, als seien Nationen in erster Linie durch ihre jeweilige Kultur definiert.
  • Das deutsche Volk sei friedfertig. (Da hat wohl jemand im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst.)

Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll, zu erklären, dass das alles falsch ist. Aber immerhin schreibt diese Autorin, so dass es möglich ist, eine solche Liste aufzustellen, und schreit nicht nur immer dieselbe Parole.

Genauso resistent gegenüber Fakten oder Argumenten, wie laut dieser Autorin die muslimischen Männer sind, sind in Wirklichkeit jene, die solchen Ideen anhängen. Man kann eigentlich nichts mehr sagen, nur noch überlegen, wie Flüchtlinge vor ihnen geschützt werden sollen. Wahrscheinlich müsste man darauf verzichten, Flüchtlinge in ihren Dörfern unterzubringen, was für die RassistInnen einen gewissen Triumph darstellen würde, weil sie erfolgreich ein Flüchtlingsheim verhindert hätten, aber für die Flüchtlinge ist es unzumutbar.

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7 Antworten zu Doch noch ein paar eigene Worte zu Clausnitz

  1. Anita schreibt:

    Ich hatte ganz kurz in den erwähnten Blog reingesehen und entsetzt den Tab wieder zu gemacht.

    Mich entsetzt die offene Hetze immer mehr.

    Und sie begegnet mir auch in Form von Lehrern, die unreflektierte Meinungen und Ängste in Schulklassen äußern.

    Da macht sich was breit in unserem Land, vor dem ich ehrliche Angst habe.

    • susanna14 schreibt:

      Für mich war der Blog vor allem interessant, weil ich am Mittwoch einen Vortrag gehört hatte, in welchem es um Fremdenhass ging, und in diesem Blog fand ich alles vereint, was ich im Vortrag gehört hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass es das so gibt.

      Normalerweise lese ich so etwas nicht, sondern halte mich von Blogs wie diesem fern. Manchmal begegne ich offline Menschen, die ziemlich rechts sind, etwa wenn ich mich zwecks Ausübung eines Hobbies einer Gruppe anschließe, aber diese Menschen sind in aller Regel besser darin, ihre Ansichten zu verstecken, und wenn ich sie durchschaue, ist es meistens auf einer Ebene, wo sie schreien können „ich bin doch gar nicht rechts“, ohne dass ich dem Rest der Gruppe erklären könnte, woran man erkennen kann, dass sie doch rechts sind. (Ich kann versuchen, es zu erklären, aber ich komme nicht an.) Kurzum, normalerweise komme ich offline in erster Linie mit subtileren Formen von rechten Einstellungen in Berührung. Im Internet suche ich nach politisch gleich gesinnten, also Linken oder zumindest Menschen, die vom eigenen Anspruch her links sind. Diese streiten natürlich untereinander ziemlich heftig und werfen sich gegenseitig ihre Ansichten vor (bin immer noch mit der Silvesternacht von Köln beschäftigt), aber es war gut, mal zur Abwechslung Texte von jemandem zu lesen, die wirklich rechts und keine Linke auf Abwegen ist.

      Zum Thema Schule kann ich nicht viel sagen, da ich damit nicht viel zu tun habe. Habe allerdings zwei Semester Geschichte im Nebenfach studiert und dabei künftige GeschichtslehrerInnen erlebt, und jetzt weiß ich endlich, warum es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht vorangeht.

      Ob sich etwas in unserem Land breit macht, weiß ich nicht. Möglicherweise tritt nur etwas ins Licht des Tages, was sich vorher nur an Stammtischen und bei Familienfeiern geäußert hat. Menschen, die vorher brav CDU gewählt haben, ist Merkels Politik zu wenig nationalistisch und zu wenig konservativ, und deswegen kommen sie nun aus ihren Löchern. Vorher wurden sie von der CDU aufgefangen.

      • Anita schreibt:

        2008 haben Lehrer noch offen verurteilt, wenn Nazi-Gruppen oder denen nahestehende vor Schulen „Info“-Material verteilt haben. Zum Schutz der Kinder und Jugendlichen.

        Heute äußern sich Lehrer sehr „besorgt“ (aufgrund der Kölner „Vorfälle“) und sind mit ihren knapp 30 Jahren „spießiger“ als ich mit meinen bald 50 Jahren.

        Köln war schlussendlich ein Ventil. Es hat alle Vorurteile befeuert, die tief in den Gehirnen eingegraben waren. Es motiviert noch immer Menschen sich zu äußern.
        Ohne zu hinterfragen, wie viele Anzeigen wirklich echt waren.
        Ohne zu hinterfragen, ob es irgendwem nützt, wenn die Masse der Anzeigen hoch ist.
        Vollkommen ungefiltert reden sie drauflos ohne Informationen zu prüfen, zu filtern und zu reflektieren.

        Clausnitz wird nicht den gleichen Effekt haben. Da wird nicht über die Polizei nachgedacht werden. Die Politik wird sich nicht so demonstrativ für Menschen einsetzen, wie sie es in Köln getan hat. Ebenso, wie sie nicht dafür sorgt, dass rechte Gewalttaten konsequent und schnell verfolgt werden.

        Wie ein kleines Kind kommen die Politiker mir vor. Sie halten sich die Hände vor die Augen.
        „Was ich nicht sehe ist nicht da.“
        Und machen dadurch erst den Weg frei, durch Nichtbeachtung, für das ganze rechte Gedankengut.

        Und leider sind mir schon gutsituierte Menschen begegnet, in Arztpraxen, die offen dort so sprachen, wie der erwähnte Blog es tut.
        Das meine ich mit „breit machen“.

        • susanna14 schreibt:

          2008 haben Lehrer noch offen verurteilt, wenn Nazi-Gruppen oder denen nahestehende vor Schulen “Info”-Material verteilt haben. Zum Schutz der Kinder und Jugendlichen.

          Heute äußern sich Lehrer sehr “besorgt” (aufgrund der Kölner “Vorfälle”) und sind mit ihren knapp 30 Jahren “spießiger” als ich mit meinen bald 50 Jahren.

          Die gleichen Personen können sich gegen das „Info“-Material von Neonazis wenden und sich trotzdem „besorgt“ äußern. Der Grund für diesen Widerspruch liegt darin, dass alles, wo offen „NAZI“ draufsteht, zu Recht als böse gilt. Das Problem besteht darin, dass Menschen zwar die offenen Zeichen deuten gelernt haben, aber nicht die Inhalte erkennen können, insbesondere völkische Ideologien. Aus diesem Grunde äußern sie sich „besorgt“, sind gegen Nazis und sind völlig erstaunt und beleidigt, wenn man ihnen erzählt, dass einige ihrer Ansichten rechts sind. Dies kommt auch unter gutsituierten Menschen vor. (Mir ist es im Philosophiestudium mit einem Seniorenstudenten passiert. In seiner „Metaphysik der Sitten“ lehnt Kant die Vorstellung, dass ein Volk durch gemeinsame Abstammung verbunden sei, eindeutig ab, aber der Herr wollte dies nicht akzeptieren – nicht nur, dass er selbst der Ansicht war, dass man sich leichter auf eine Staatsgründung einigen kann, wenn man abstammungsmäßig übereinstimmt, er wollte auch nicht einsehen, dass Kant anderer Ansicht ist.

          Was Köln anbelangt: Ich halte die Berichte im großen und ganzen für wahr (was nicht heißt, dass jede einzelne Anzeige korrekt ist). Ich kann das nicht selbst im einzelnen überprüfen, aber die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen Medien und außerdem, dass selbst diejenigen, die jetzt gegen Rassismus auftreten, die Tatsachen selbst nicht bestreiten, legen in meinen Augen nahe, dass es sich nicht um eine Ansammlung von Fakes handelt. Andere Meldungen haben sich im Gegensatz dazu als Fakes herausgestellt, insbesondere einige angebliche Vergewaltigungen: http://jungle-world.com/artikel/2016/07/53524.html

          Den Umgang der antirassistischen Feministinnen mit den Ereignissen von Köln empfinde ich auch als unglücklich. Vergleiche, bei denen die meisten LeserInnen denken: das kann doch gar nicht sein, sind wenig hilfreich. Diejenigen, die sich noch unschlüssig sind, was sie denken sollen, werden davon nicht überzeugt. Ich habe mich einmal in den letzten Wochen dazu geäußert und mehrere Artikel „rebloggt“ und schreibe die ganze Zeit an weiteren Texten, zögere aber, sie zu veröffentlichen, weil sie wirklich gut sein müssen und nicht so dahingeschrieben.

          Hier erst einmal ein paar Lese- und Hörtipps:
          Liste der Artikel in der Jungle World
          Interview mit Ahmed Mansour: Typisch Islam?
          Noch ein Gespräch mit Ahmad Mansour: Generation Allah
          Am Anfang des ersten Gesprächs sagt er, dass er selbst die Nachrichten erst nicht geglaubt hatte, aber dann eben doch. Ich finde beeindruckend, wie er einerseits durchaus gewisse Fehlentwicklungen unter jungen Muslimen kritisiert, sich aber auch nicht von der Interviewerin instrumentalisieren lässt. Er macht auch deutlich, dass sich aus dem konservativen Islam, der sich unter jungen Muslimen ausbreitet, die Ereignisse nicht vorhersagen ließen.

  2. Trippmadam schreibt:

    Es gibt die Möglichkeit, über http://www.donotlink.com/ zu verlinken, aber wie genau das funktioniert, habe ich noch nicht probiert.

    • susanna14 schreibt:

      Danke, und sorry, dass ich erst jetzt antworte… Mir ging es vor allem darum, Pingbacks zu vermeiden, und gar nicht um die Clicks auf diese Seite (so berühmt bin ich dann doch nicht.) Im Moment scheint donotlink allerdings nicht zu funktionieren.

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