Im Buchladen: Ein dem Alter entsprechendes feministisches Buch

Manchmal habe ich auch nette Erlebnisse mit wildfremden Menschen. In „meinem“ Buchladen um die Ecke warte ich darauf, dranzukommen, und höre währenddessen der Frau zu, die vor mir dran ist. Es gibt Komplikationen bei einer Buchbestellung, weil sie erstens nicht die vollständigen Informationen hat und weil zweitens das Buch nur beim Verlag bestellbar ist. Die Frau redet, während der Buchhändler versucht, sich Notizen zu machen, und irgendwann sagt er: „Ich bin ein Mann, ich muss nicht multitaskingfähig sein.“

Die Frau – irgendwo zwischen sechzig und siebzig Jahre alt – meint, dass das nichts damit zu tun habe, dass er ein Mann ist. Auch Frauen seien nicht multitaskingfähig. Es sei ein Mythos, der sie in ihrer Rolle festhalten soll: Sich gleichzeitig um die schmutzige Wäsche, das Kind und den Mann kümmern. Ich stimme ihr zu, sage, das multitasking nicht funktioniere, und auf ihre Nachfrage, ob ich Kinder hätte, antworte ich, dass nicht nur für die Familie, sondern auch für viele frauentypische Berufe Multitaskingfähigkeit gefordert würde, dass dies aber nie wirklich funktioniere, sondern jede Tätigkeit darunter leide.

Sie erzählt dann, dass sie vor kurzem fremd gegangen sei und in einem der „Bücherschränke“, die in Hannover herumstehen und in denen man Bücher entsorgen kann, das Buch „Frauen“ von Marilyn French gefunden habe. Sie erzählt ein wenig von dem Buch, dass das alles noch eine andere Zeit gewesen sei, und ich sage: „Ich habe von dem Buch gehört! Das ist ganz berühmt! Das ist aus den Siebzigern, ich habe es nicht gelesen, aber ich weiß, dass es ganz berühmt ist!“

Hinterher denke ich, dass die Frau ungefähr zwanzig gewesen sein muss, als das Buch erschien. Wenn sie in den entsprechenden Kreisen gelebt hätte, hätte sie es lesen können, als es gerade neu war. Wahrscheinlich gehörte sie aber zum weit überwiegenden Teil der Generation der „68-er“, die der Bewegung eher misstrauisch gegenüberstand und nicht wusste, was sie damit anfangen soll.

Ich habe gerade ein Buch mit einer Sammlung von Aufsätzen gelesen, die das Buch „Gefühlte Opfer“ diskutieren. Dabei wird auch die Frage gestellt, wer denn nun gemeint sei, wenn von „den 68-ern“ die Rede ist: Die Angehörigen der entsprechenden Jahrgänge, oder nur die wenigen Prozent, die politisch aktiv seien. Jetzt, da ich über die Bemerkung im Buchladen nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass diese Unterscheidung zu einfach ist: Es gab diejenigen, die sehr aktiv waren, es gab diejenigen, die „sympathisierten“ (nicht mit der RAF, sondern insgesamt mit der Bewegung und später auch mit der Frauenbewegung), und es gab diejenigen, die am Rande standen, nur teilweise begriffen, was geschah, aber doch von den Veränderungen mit betroffen waren – und dann ist es umso schöner, wenn sie ein Buch wie „Frauen“ von Marilyn French lesen, das damals berühmt war und der Selbstverständigung zwischen Frauen diente. So kann im Nachhinein begriffen werden, was geschah.

(Und vielleicht täusche ich mich auch komplett, und das Buch ist in Wirklichkeit gar nicht neu für sie und sie freute sich einfach, ein Buch aus ihrer Jugend wieder zu finden, oder sie hat immer gewusst, dass es das Buch gab, war jedoch nie dazu gekommen, es zu lesen, und hat stattdessen andere feministische Bücher gelesen.)

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2 Antworten zu Im Buchladen: Ein dem Alter entsprechendes feministisches Buch

  1. Ich kenne von dem Buch nur das berühmte Zitat „Whatever they may be in public life, whatever their relationships with men, in their relationships with women, all men are rapists, and that’s all they are. They rape us with their eyes, their laws, and their codes“ das sehr radikalfeministisch klingt

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe das Buch nicht gelesen (bin ca. 10 oder 20 Jahre zu spät dazu geboren), bin mir aber sicher, dass es noch weitere Einsichten enthält. Bei Wikipedia kann man sich darüber informieren.

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