Über Menschen, die rechte Positionen vertreten, aber „als Menschen“ beurteilt werden wollen

Durch einen Tweet von @nurGedanken bin ich auf das Buch „Widersprechen – aber Wie?“ der Bundeszentrale für Politische Bildung gestoßen:

Das Buch ist noch nicht angekommen. Einerseits bin ich neugierig und bräuchte  tatsächlich dringend Rat, weil ich schon wieder einmal eine Gruppe verlassen habe, weil unerträgliche Sprüche fielen, andererseits bin ich skeptisch, weil ich fürchte, dass es im Buch erstens nur um Jugendliche, zweitens nur um offen rechte Sprüche und drittens nur um Situationen gehen wird, in denen man selbst mindestens gleichberechtigt ist. Aber ich bin erwachsen, diejenigen, mit denen ich in Konflikte gerate, sind ebenfalls erwachsen, ihre Sprüche sind nicht plump rassistisch, sondern Offensichtliches wird gezielt vermieden, außerdem ist Rassismus oder offener Antisemitismus nicht das zentrale Thema der Sprüche, sondern eher Geschichtsrevisionismus und Sehnsucht nach einer heilen nationalen Erinnerung, und ich bin nicht die Leiterin der Gruppe, sondern einfaches Mitglied und häufig nicht diejenige, die am längsten da ist oder den besten Stand ist, sondern ich nehme bereits vor dem Konflikt eine Außenseiterinnenposition ein. Ich bin gespannt, ob das Buch der Bundeszentrale für politische Bildung auch für solche Situationen kluge Tipps bietet.

Andererseits bin ich ganz zufrieden mit meinem eigenen Verhalten im jüngsten Konflikt (auch wenn das Resultat wieder einmal dasselbe ist: ich verlasse die Gruppe – aber ich verlasse sie dieses Mal mit einem Gefühl der Befreiung.) Aus diesem Grund, und weil ich viele Parallelen zwischen diesem Konflikt und dem Konflikt im Sommer sehe, habe ich gedacht, dass ich vielleicht eine Liste mit eigenen Ratschlägen aufstellen könnte. Es handelt sich um „Work in Progress“ – aber ich hoffe, dass ich nie wieder in eine solche Situation geraten werde.

(Ich frage mich, ob jene Menschen, die schon seit früher Jugend linksradikal sind, sich über mich wundern: Warum gerate ich immer wieder in solche Situation und freunde mich mit den falschen Leuten an? Warum merke ich nicht viel früher, dass ich unter die falschen Leute geraten bin? Es liegt eben daran, dass ich als Jugendliche nicht linksradikal war, sondern „diffus links“, also mich irgendwie den Grünen, dem Feminismus, der Friedensbewegung und der Anti-AKW-Bewegung nahe fühlte, kurz allem, was damals in den Achtigern aktuell war, aber ohne es bis ins Letzte durchdenken und beurteilen zu können. Das habe ich erst als erwachsene Frau gelernt. Das schlimmste aber war, dass ich ( aufgrund einiger Lebenskrisen oder vielmehr eines krisenhaften Dauerzustands) auch die Hinwendung zu Psychologie (meist auf Ratgeberebene) und Esoterik mitmachte, die damals einen großen Teil der Linken erfasste. Wenn ich jetzt auf Menschen treffe, die aus einem ähnlichen Milieu stammen und ähnlich alt sind wie ich, so fühle ich mich einerseits erst einmal wohl: ich denke, das sind Menschen wie ich. Andererseits sind sie in aller Regel  bei den Standpunkten, die sie als Jugendliche eingenommen haben, stehen geblieben, und das heißt eben auch: Auf dem Stand der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Achtziger.)

Also, jetzt zu den Ratschlägen. Mein wichtigster Tipp: Bleibt auf der sachlichen Seite und widersteht allen Versuchen, die Diskussion auf die persönliche Ebene zu ziehen.

Die Sache ist nämlich die, dass es praktisch unmöglich ist, Menschen, die rechte Ansichten äußern, davon zu überzeugen, dass das, was sie sagen, falsch ist. Dies hat verschiedene Gründe, die ich weiter unten erläutern werde. Andererseits sind sie meiner Erfahrung nach auch nicht imstande, die Argumente, die man gegen ihre rechten Äußerungen vorbringt, zu entkräften. In dieser Situation werden sie in aller Regel persönlich. Folgende Erfahrungen habe ich gemacht:

  1. Sie werfen mir vor, ich sein nicht nett genug gewesen. Ich hätte meine Vorwürfe in der falschen Form vorgetragen, nicht diplomatisch genug, nicht pädagogisch wertvoll genug oder hätte den falschen Ansprechpartner gewählt.
  2. Manchmal reicht es auch schon, dass man überhaupt die Äußerungen jener Personen als rechts benannt hat, um als „nicht genügend nett“ eingestuft zu werden. Schlimmer: Dieser Vorwurf wird von der Gegenseite als Legitimationsgrundlage angesehen, um die inhaltliche Diskussion abzubrechen. Die persönliche Auseinandersetzung wird aber weiterhin gesucht.
  3. Auf der inhaltlichen Ebene, falls sie überhaupt noch geführt wird, finden Verwirrungsversuche statt, meistens unter der Überschrift: „Du hast mich falsch verstanden – ich hatte das ganz anders gemeint.“
  4. Personalisierung heißt nicht nur, dass der Fokus auf die Persönlichkeit dessen, der die Vorwürfe gemacht wird, gelegt wird, sondern außerdem wird Kritik an Äußerungen einer Person in Kritik an dieser Person umgedeutet, also auf den Vorwurf „was du gesagt hast, war problematisch und hatte eine Tendenz nach rechts“ wird mit „willst du sagen, ich sei rechts?“ geantwortet. Dabei hat sich längst gezeigt, dass auch Linke zu rechten Positionen imstande sind, insbesondere wenn es um die NS-Zeit einschließlich Shoah und Weltkrieg selbst geht. (Anschließend wird aufgrund dieser „Beleidigung“ die politische Auseinandersetzung abgebrochen, siehe Punkt 2.)
  5. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung ist erreicht, wenn beide Seiten sich gegenseitig für verrückt halten. Diejenigen, die Zusammenhänge mit rechten Positionen sehen, werden bezichtigt, Gespenster zu sehen, diejenigen, die Vorwürfe an ihren Äußerungen zurückweisen, werden bezichtigt, Zusammenhänge nicht wahrhaben zu wollen.
  6. Mit dem Vorwurf der Verrücktheit ist meistens das Angebot verbunden, als TherapeutIn tätig zu werden. Über Politik etwas lernen wollen die Leute trotzdem nicht.
  7. Ein weiterer Vorwurf, der mir immer wieder begegnet ist, ist der des Schubladendenkens. Anstatt die Menschen als Menschen und Persönlichkeiten zu sehen, würde ich sie aufgrund ihrer politischen Ansichten in eine Schublade stecken. Sie fordern auf, die politische Diskussion abzubrechen, wieder nett zu sein, und sie selbst als nette Menschen wahrzunehmen.

Schon allein diese Liste von Gemeinsamkeiten in verschiedenen solchen Zusammenstößen zusammenzustellen hat mir geholfen, über das, was geschehen ist, lachen zu können, und das Verhalten, der Menschen, mit denen ich aneinander geraten bin, einordnen zu können: Es geht um die Vermeidung einer inhaltlichen Auseinandersetzung.

Jetzt also zu den Punkten im einzelnen:

  1. Erwachsene Menschen haben keinen Anspruch darauf, dass Äußerungen, die entweder einfach faktisch falsch sind oder eine rechte Tendenz aufweisen, auf pädagogisch wertvolle Weise kritisiert werden. Im Sommer habe ich „Schuld und Abwehr“ von Adorno gelesen, da wird die Selbstinfantilisierung oder Selbstpathologisierung (wenn ein Erwachsener wie ein Kind behandelt werden will, bedeutet dies implizit immer Selbstpathologisierung), mit der Menschen einfordern, auf schonende Weise mit den Gräueln der NS-Zeit bekannt gemacht zu werden, als eine Form von Schuldabwehr benannt. Zweitens sind die NS-Verbrechen mittlerweile schon eine ganze Weile her, die Menschen hatten also viel Zeit und viel Gelegenheit, etwas zu lernen. Wer immer noch einfordert, auf schonende Weise mit seinen Irrtümern bekannt zu machen, zeigt, wie wenig er oder sie gelernt hat. Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass es nicht möglich ist, mit solchen Irrtümern auf schmerzfreie Weise bekannt gemacht zu werden. Was weh tut, ist die Verletzung des kollektiven Selbst: als Deutscher oder Deutsche hat man kein Land, auf das man stolz sein kann. (Man kann trotzdem gut leben, aber das wissen die Menschen, die sich ein solches Land wünschen, nicht.) Weil man sich nicht klar macht, dass die Nachricht selbst schmerzt und gar nicht anders kann als schmerzen, sieht man dem Überbringer der Nachricht als Ursache des Schmerzes und wirft ihm oder ihr vor, er oder sie sei nicht genügend nett gewesen, und fordert pädagogisches Feingefühl ein, obgleich derjenige, der die Kritik geäußert hat, kein Pädagoge und man selbst kein Kind ist. (Meine Haltung: Ich bleibe innerhalb der Grenzen allgemeiner Höflichkeit – niemand hat Anspruch auf mehr.)
  2. Auch die Botschaft „was du da gerade gesagt hast, war ziemlich rechts“ tut natürlich weh. Allerdings tut sie vor allem dann weh, wenn man fest entschlossen ist, an dem, was man gerade gesagt hat, festzuhalten. Wenn man bereit ist zu lernen und seine eigenen Einstellungen zu hinterfragen, tut eine solche Botschaft nicht weh, sondern bringt einen zum Nachdenken. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, dass ich auch einen Autor wie Eike Geisel mit Vergnügen lesen kann, obgleich er die Gedenkrituale der Achtziger und Neunziger, an denen ich auch teil hatte, aufs Korn nimmt und behauptet, dass es in aller Regel nur um die Deutschen, nicht um Juden und JüdInnen geht: Beim Hören von Klezmermusik und beim Spaziergang über einen jüdischen Friedhof fühlt man sich erbaut, aber die Menschen, die ermordet wurden, nehme man dabei nicht ernst. Ich lese das und denke: ja, genau das habe ich auch getan, aber ich werfe das Buch nicht in die Ecke, sondern lese weiter. Anderen Menschen müsste das also auch möglich sein. Ich vermute, Menschen, die tatsächlich links sind, reagieren nicht mit den Worten „Ich bin doch nicht rechts!“, sondern sie denken nach und revidieren gegebenenfalls (aber nicht immer) ihre Haltung. Nur Menschen, die rechts sind und dies wissen, reagieren aggressiv.
  3. Verwirrungsversuche der Form „du hast mich falsch verstanden“ sind meist das einzige, was auf der inhaltlichen Ebene noch übrig bleibt. Sie haben leider oft den Effekt, dass derjenige oder diejenige, die Kritik am gesagten geübt hat, anfängt an der eigenen Wahrnehmung und am Urteilsvermögen zu zweifeln. Ein prominentes Beispiel sind Judith Butlers Versuche, sich herauszureden, nachdem sie mit ihren Aussagen zu Hamas und Hisbollah konfrontiert wurde. Ein aktuelles Beispiel ist Frauke Petry, die versucht, sich nach ihren Äußerungen zum Schusswaffengebrauch aus der Bedrouille herauszuwinden. Die Taktik ist immer die falsche: „Du hast mich falsch verstanden“ und „meine Sätze wurden aus dem Kontext gerissen.“
  4. Personalisierung in umgekehrter Richtung: „einige deiner Äußerungen waren ein wenig zu weit rechts – du solltest sie überdenken“ wird zu „Du bist rechts!!!“ uminterpretiert. Über den eigentlichen Vorwurf könnte und müsste man nachdenken – die Uminterpretation bedeutet, dass man den Vorwurf als Beleidigung auffasst, für die eine sofortige Entschuldigung eingefordert werden kann. Über das eigentliche Problem kann man sich so nicht unterhalten. Wie beim Punkt zuvor ist es hier wichtig, sich nicht irre machen zu lassen.
  5. Denn der ultimative Punkt, an dem man einen Menschen nicht mehr ernst nehmen muss, ist, wenn man ihn für verrückt erklärt. Wenn er erreicht ist, ist die Diskussion endgültig unmöglich geworden. Andererseits war sie es wahrscheinlich von Anfang an.
  6. Die logische Konsequenz der „Diagnose“ besteht darin, dass man therapeutische Hilfe anbietet. Selbst wenn derjenige, der Kritik an rechten Äußerungen geübt hat, therapeutische Hilfe bräuchte und selbst wenn derjenige, der kritisiert wurde, eine sozialpädagogische oder psychologische Ausbildung besitzt, ist solch ein Angebot Unsinn: Es ist nicht möglich, gleichzeitig KonfliktgegnerIn und TherapeutIn zu sein, so wenig wie man gleichzeitig LiebespartnerIn und TherapeutIn sein kann. Jeder Mensch mit therapeutischer Ausbildung weiß das. Dennoch wurde mir zweimal von ansonsten intelligenten Menschen angeboten, sie würden mich gerne aus meinem verrückten Zustand herausholen. Aber auch dies ist einfach nur eine Weigerung, eine Diskussion zu führen.
  7. Wenn es gelungen ist, all jene Klippen zu umschiffen und sich nicht von Vorwürfen, nicht nett genug zu sein, das Gegenüber nicht richtig verstanden zu haben oder schlichtweg verrückt zu sein, beirren zu lassen, kommt der Vorwurf des Schubladendenkens: Man sei doch ein netter Mensch und habe es nicht verdient, aufgrund einiger Äußerungen in eine Schublade gesteckt zu werden. Man würde gern als Person wahrgenommen werden – das heißt, man möchte unter Absehung der eigenen politischen Äußerungen beurteilt werden. Die politische Haltung ist jedoch ein wesentlicher Teil eines Menschen und ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung seiner oder ihrer Person. „Ich bin zwar ein Nazi, aber sonst ein netter Mensch“ funktioniert eben nicht. (Man kann sich klar machen, wie unsinnig der Schubladenvorwurf ist, indem man sich fragt, wie man reagieren würde, wenn man selbst in eine politische Schublade gesteckt wird. Ich zum Beispiel zähle mich zu jenem Teil der Linken, der regelmäßig die Jungle World kauft und liest, und freue mich, wenn ich von anderen solchen Linken als ihnen zugehörig anerkannt werde. Damit sind meine politischen Positionen natürlich nur grob beschrieben, aber die Feinheiten liefere ich gerne nach. Mein Verdacht ist der, dass diejenigen, die nicht gerne in Schubladen gesteckt werden, sich entweder nicht selbst eingestehen, dass sie in eine ziemlich rechte Schublade gesteckt werden müssten, oder zumindest nicht wollen, dass andere merken, dass sie in diese Schublade gehören.)

Gerade heute bin ich auf einen Blogpost gestoßen, der vor Diskussionen mit Nazis warnt: Bitte friedlich und bunt.  Wahrscheinlich hält der Autor mich für komplett naiv. Andererseits sind die Menschen, mit denen ich in Streit gerate, nicht auf den ersten Blick als Nazis zu erkennen. Oft verstehen sie sich selbst als links und erwecken daher auch zunächst den Eindruck, links zu sein. Sie würden nie etwas Rassistisches sagen (aber manchmal eben doch), sie würden auch nichts Antisemitisches sagen (aber hin und wieder etwas gegen Israel), aber wenn es um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geht, dann tauchen auf einmal höchst verquere Ansichten auf, bis hin zur Verschwörungstheorie, die die Wall Street als Ursache allen Übels bezeichnet, einschließlich des Nationalsozialismus selbst.

Da ich diese Leute bisher als tendenziell links (okay, als grün, ehemals friedensbewegt und mittlerweile arriviert und etwas esoterisch veranlangt) kenne, gehe ich davon aus, dass sie eben keine eingefleischten Nazis sind und dass es möglich ist, mit ihnen zu diskutieren. Das heißt: eigentlich will ich nicht mit ihnen diskutieren. Ihre Ansichten sind für mich indiskutabel, und ich habe nicht vor, von meiner eigenen Position auch nur einen Millimeter abzurücken, um ihre Position zumindest teilweise zu akzeptieren. Ich möchte, dass sie von mir lernen, und ich hoffe, dass sie, da sie links wirken, auch gerne etwas lernen wollen. Hin und wieder bin ich sogar Menschen begegnet, die gerne lernen. (Ich frage mich, ob mir mein Gedächtnis einen Streich spielt, indem es solche Situationen nicht so stark erinnert, weil sie weniger spektakulär sind.) Ich bin aber auch Menschen begegnet, die nichts lernen wollen und denen ihre rechten Ansichten wichtig sind: Mit diesen ist tatsächlich keine Diskussion möglich.

Wie also argumentieren gegen rechts? Vielleicht, wenn ich meine Erfahrungen in ein paar Tipps kondensiere, die vor allem an mich selbst (für den nächsten Konflikt) gerichtet sind:

  1. Sich klar machen, wie die Machtverhältnisse sind. Im halbprivaten Raum, bei einer Freizeitaktivität innerhalb einer Gruppe, ist es leicht, die Heldin zu spielen und rechte Äußerungen zu kritisieren – am Arbeitsplatz ist es schwieriger. Den Verlust einer Gruppe und einer Freizeitaktivität kann man leichter verschmerzen als den eines Arbeitsplatzes. Andererseits kann man in einer Gruppe wenig machen, wenn man nicht Gruppenleiter oder -leiterin ist.
  2. Sich außerdem klar machen, dass es nur wenig zu gewinnen gibt: Beziehungsabbruch ist das wahrscheinlichste Ergebnis des Streits. Aus diesem Grund werde ich nur begrenzt viel Energie investieren. Weder derjenige, mit dem man eigentlich den Konflikt austrägt, noch das Publikum, also die anderen Gruppenmitglieder, werden zum Nachdenken bewegt werden. (Wenn jemand weiß, wie er andere zum Nachdenken bewegt, möge er oder sie das sagen.) Wenn man selbst in einer Machtposition ist, also selbst der Gruppenleiter oder die Gruppenleiterin, sieht die Angelegenheit anders aus: Man ist dann aber auch stärker in der Pflicht, etwas zu sagen, denn man ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für jene Mitglieder der Gruppe, die sich nicht trauen, etwas zu sagen.
  3. Trotzdem ist es besser, nicht zu schweigen, sondern etwas zu sagen und problematische Äußerungen nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Wenn man Glück hat, nimmt ihre Anzahl mit der Zeit ab. Wenn man ganz großes Glück hat, fangen die Menschen an nachzudenken. Das wichtigste ist jedoch, dass es nichts bringt, über solche Äußerungen hinwegzusehen: in aller Regel fallen dann immer schlimmere Äußerungen, bis tatsächlich keine andere Wahl bleibt, als zu gehen. Es ist nicht nötig, den Streit bis zum bitteren Ende (Sieg der einen oder anderen Seite oder Beziehungsabbruch) durchzuziehen, sondern manchmal ist es besser, „Widerspruch anzumelden“ und dann erst einmal nichts mehr zu sagen – aber die andere Seite spüren zu lassen, dass man von ihren Gegenargumenten nicht überzeugt ist. Dieser Weg hat den Vorteil, dass man hinterher, wenn es tatsächlich zum Eklat kommt, sich nicht vorwerfen muss, zu lange gewartet zu haben und dem anderen keine Gelegenheit zum Nachdenken gegeben zu haben.
  4. Wenn es zum Streit kommt: auf Klärung der inhaltlichen Fragen bestehen. Erst wenn dies der Fall ist, lohnt es sich, über Persönliches zu streiten – wenn man dann überhaupt noch reden kann. Falls eine Lösung auf der inhaltlichen Ebene gelungen ist, kann man sich zusammensetzen und überlegen, warum alles so emotionalisiert abgelaufen ist. In aller Regel wird die persönliche Ebene aber angesprochen, um die Diskussion der inhaltlichen Fragen zu vermeiden. Also notfalls im „zerkratzte-Schallplatte“-Modus immer wieder auf die inhaltlichen Fragen zurückkommen.
  5. Sich nicht verrückt machen lassen.

Ein häufiges Problem stellt die Tatsache dar, dass rechte Äußerungen in aller Regel verschleiert auftauchen, etwa in Form einer Äußerung über die Wall Street statt über reiche Juden oder in einem Vortrag über alte Germanen, der den Forschungsstand der Dreißiger, nicht den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt. Ich kenne das Phänomen, habe schon diverse Vorträge darüber gehört und konnte zumindest die Chiffre „Wall Street“ sofort erkennen, während ich mich über den aktuellen Forschungsstand zu den alten Germanen erst informieren konnte. Misstrauisch war ich allerdings sofort, weil ich aufgrund meines Politikstudiums bereits weiß, dass Völker nicht über tausend Jahre hindurch das gleiche Volk sind.

Ich weiß allerdings nicht, wie ich mit dem Problem umgehen soll. Es gibt immer ein paar politisch rechts stehende Menschen, die genau wissen, was sie tun: Sie schimpfen auf die Wall Street und greifen den Zorn gewöhnlicher Menschen gegen reiche Menschen auf, denen sie sich ausgeliefert fühlen. Diese gewöhnlichen Menschen sind deswegen nicht unbedingt antisemitisch (diejenigen, die das ausnutzen, schon.) Sie greifen das Interesse an alten Heldensagen und eine immer noch diffus vorhandene Identifikation mit den alten Germanen auf, die angeblich unsere Vorfahren waren (was erstens so nicht stimmt und zweitens unwichtig ist.) Ich kann aber nicht immer erkennen, was los ist: Wer sind die rechten Menschen, die bewusst solche Äußerungen einsetzen, und wer sind diejenigen, die sich verführen lassen, aber eventuell noch für Argumente zugänglich wären? Und wie soll ich argumentieren – die Erklärungen, warum „Wall Street“ eine Chiffre für Antisemitismus ist, ist nicht einfach, genau wie die Erklärung, warum wir nicht von den alten Germanen abstammen und warum es, selbst wenn es so wäre, unwichtig ist. Meist sind die Äußerungen der Rechten eingängiger für die ZuhörerInnen, und vor allem erfordern sie nicht, dass die ZuhörerInnen ihren Horizont erweitern und nachdenken – womit auch immer das Eingeständnis verbunden wäre, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht genügend nachgedacht zu haben (was wiederum als Beleidigung gewertet wird: „Du unterstellst mir, ich hätte nicht genügend nachgedacht.“)

Chiffren wie „Wall Street“ für „reiche jüdische Familien von der amerikanischen Ostküste“ enthalten für AntisemitInnen den Vorteil, für mich den Nachteil, dass es immer möglich ist, zu sagen „das habe ich nicht so gemeint“. Selbst wenn ich nachweisen kann (was auf die Schnelle nicht immer möglich ist), dass es sich um eine solche Chiffre handelt, kann ich nicht sicher sagen, dass derjenige, der gerade das Wort „Wall Street“ verwendet hat, auch tatsächlich diese reichen jüdischen Familien von der Ostküste meint: und er wird sich hüten, es zu sagen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass ich einiges zu den psychologischen Nachwirkungen gelernt habe. Dadurch nehme ich bereits kleine Äußerungen wahr, die mir signalisieren: Vorsicht, hier wehrt sich jemand dagegen, seine alten Ressentiments gegen JüdInnen, AmerikanerInnen und manchmal sogar FranzösInnen aufzugeben. Hier sehnt sich jemand nach einer unschuldigen, großartigen deutschen Nation, mit der er oder sie sich identifizieren kann. Aber im Kontakt mit einem Menschen kann ich nicht das Unbewusste ansprechen (wenn ich nicht dessen Therapeutin bin): dies wird als unfair empfunden, weil es unmöglich ist, einen Vorwurf gegen das Unbewusste zu entkräften (und ich halte dieses Argument für stichhaltig.) Ich muss auf der rationalen Ebene bleiben.

Mein Wunsch wäre immer noch, dass ich Menschen aufklären oder zumindest zum Nachdenken bewegen könnte. Ich bin bereit zum Nachdenken: Warum sind andere es nicht auch? Ich weiß, ich kann weder jene aufklären, die rechte Positionen bewusst vertreten, noch jene, bei denen unbewusst die Identifikation mit dem nationalen Kollektiv noch so stark ist, dass sie jede Kritik daran als Verletzung wahrnehmen. Aber wer bleibt dann noch übrig?

Vielleicht sollte ich all diese Versuche aufgeben, stattdessen eine rote Linie ziehen: Wenn bestimmte Äußerungen fallen, werde ich die Gruppe verlassen. Nicht weil die Menschen so und so denken, sondern weil sie noch nicht einmal mitbekommen haben, dass manche Äußerungen tabuisiert sind. Wenn sie nicht verstanden haben, dass sie mit guten Gründen tabuisiert sind, kann ich ihnen nicht helfen. Eine pädagogische oder gar therapeutische Position muss ich vermeiden, solange ich nicht tatsächlich Gruppenleiterin bin, und selbst als Gruppenleiterin kann ich höchstens pädagogisch, nicht therapeutisch wirken. Aber hin und wieder muss ich dann auch sagen: Bis hierher und nicht weiter: Wir brechen die Diskussion ab, und du unterlässt in Zukunft deine Äußerungen. Du bist nicht die einzige Person in dieser Gruppe, die anderen TeilnehmerInnen haben auch Rechte: Sie wollen sich deine Äußerungen nicht unwidersprochen anhören, und sie haben besseres zu tun, als sich anzuhören, wie ich versuche, gegen deine Position zu argumentieren, ohne dass dich meine Argumente erreichen.

Rote Linie ziehen: Ab einem bestimmten Punkt werde ich nicht mehr einfach nur widersprechen, sondern die Diskussion bis zum bitteren Ende durchziehen: Wenn solche Äußerungen weiterhin fallen, werde ich gehen. Ich werde meine Position begründen, mehr um meines eigenen Respekts vor mir selbst, um mir zu beweisen, dass ich sie begründen kann, als um der anderen willen: Sie haben genügend Gelegenheiten zu lernen, sie müssten nur zu den Jahrestagen wichtiger Ereignisse sich Dokumentationen auf arte oder in der ard ansehen oder intelligente Bücher lesen. (Ab einem bestimmten Punkt gilt allerdings: dies noch begründen zu müssen, wäre ungeheuerlich. Dann geht man sofort. Aber das sind nicht die Diskussionen, in die ich gerate.)

Vor allem aber werde ich mich nicht mehr auf eine Diskussion der persönlichen Ebene einlassen. Dieses Mal ist es mir gelungen, mich auf eine solche Diskussion nicht einzulassen, und der Erfolg ist, dass ich zwar wiederum die Gruppe verlassen habe, aber nach kürzerer Zeit und mit einem besseren Gefühl.

Es ist nicht einfach, eine solche Diskussion abzulehnen, wenn man die Menschen, die sie einfordern, bis dahin gemocht hat und sie auf der menschlichen Ebene, so lange man ihre politischen Einstellungen nicht kannte, ganz nett fand. Andererseits ist meine Erfahrung, dass die nettesten Menschen ihre Nettigkeit verlieren, wenn die NS-Zeit ins Spiel kommt: Dann verwenden sie jeden Trick, der ihnen einfällt, um die Kritiker zu verunsichern und an sich selbst zweifeln zu lassen.

Vielleicht noch ein Tipp, wieder nicht nur an andere, sondern auch an mich gerichtet: keine zu hohen Ansprüche stellen. Widersprechen lernt man nur durch üben. Man muss nicht perfekt sein, und vor allem darf man nicht davon ausgehen, dass man andere Menschen überzeugen könnte, wenn man nur die richtigen Worte träfe und die richtige Methode fände. Manchmal geht es einfach nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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11 Antworten zu Über Menschen, die rechte Positionen vertreten, aber „als Menschen“ beurteilt werden wollen

  1. Sophie schreibt:

    Hallo Susanna,

    ich lese deinen Blog schon länger, habe aber noch nie kommentiert (longtime lurker😉 ) und habe auch keine website oder social media accounts mit denen ich mich ausweisen könnte. Trotzdem habe ich eine Frage zu deinem Artikel und würde mich freuen wenn du mit mir trotz Anonymität diskutieren würdest (kann es aber auch verstehen, wenn du es nicht tust)

    So,langes, vorgeplänkel, jetzt zum Thema: Ich bin feministische Kapitalismuskritikerin (äh, also nicht hauptberuflich) und als solche stehe ich dem „System Wall Street“ sowie der gesamten Finanzbranche sehr kritisch gegenüber. Nun war mir vor deinem Artikel zwar bewusst, dass es eine Verschwörungstheorie zum Thema jüdische Wall Street gibt, allerdings frage ich mich nun, wieviel der kapitalismuskritischen Wallstreet-/Finanzkritik du darunter einordnen würdest? Anders gefragt, woran erkenne ich, ob jemand, den ich für einen Aktivisen halten könnte, in Wahrheit Anhänger dieser Verschwörungstheorie ist? Du schreibst ja nun, dass diese Art antisemitischer Äußerungen üblicherweise über versteckt passiert, über Andeutungen o.ä., daher scheint es mir als Neuling schwer, dass zu erkennen.
    Gerne nehme ich auch lesetipps entgegen!

    Vielen dank für deine langen, engagierten Posts!
    Sophie

    • susanna14 schreibt:

      Das ist eine schwierige Frage: ich weiß auch nicht immer, ob jemand, der über die Wall Street spricht oder die Finanzbranche kritisiert, bereits ein Anhänger jener Verschwörungstheorie ist. Manchmal kippen Menschen auch langsam von ernstgemeinter Kapitalismuskritik in ein Wahnsystem. (Habe mich gerade mit den „Nachdenkseiten“ auseinandergesetzt und den Eindruck gewonnen, dass sie als ernstzunehmende Kritik an der Agenda 2010 begannen und mittlerweile in einer Parallelwelt gelandet sind.)

      Misstrauen ist immer angebracht, wenn vor allem der ausländischen, insbesondere der amerikanischen Finanzbranche die Schuld am Unglück gegeben wird. Die Frankfurter Börse ist nicht besser als die Wall Street, und die deutschen Banken nicht besser als ihre amerikanischen Gegenstücke. Auch ein Ausdruck wie „raffendes“ Kapital ist ein Warnzeichen, dazu die Personalisierung: Wenn Gier als Hauptproblem angesehen wird. (Das ist gut für den Hobbit oder für Star Wars, aber nicht gut genug für die reale Welt.)

      Hier ist erst einmal ein Link zu einem Vortrag von Sina Arnold: Occupy Antisemitism. Sie ist eher vorsichtig mit der Zuschreibung von Antisemitismus: Personalisierende und moralisierende Kapitalismuskritik wird kritisiert, aber sie erklärt, dass nur dann von Antisemitismus die Rede ist, wenn er gegen Juden und Jüdinnen gerichtet ist, nicht gegen Banker allgemein. Ungefähr ab Minute 44 geht es um Theorie, aber der Rest vorher ist auch interessant.

      Generell bin ich mittlerweile misstrauisch gegenüber jeglicher Kapitalismuskritik, die sich auf die Finanzbranche konzentriert. Ich habe in der Zwischenzeit etwas Kapitalismuskritik von echten MarxistInnen gelernt, und zwar vor allem, dass der Kapitalismus als ganzes kritisiert werden muss und sich Kapitalismuskritik nie nur auf die Zirkulationssphäre (Banken, Handel) beschränken darf, sondern dass es vor allem um die Produktionssphäre gehen muss.

      Von Peter Bierls Aufsätzen bei audioarchiv habe ich viel gelernt. Der oberste, „Zinskritik“ als Allheilmittel“ (mit Heribert Schiedel) ist möglicherweise ein guter Einstieg. Peter Bierl macht deutlich, dass nicht jeder, der Tauschringe oder Regionalgeld befürwortet, gleich ein Antisemit ist – ihm geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass diesseits von Antisemitismus oder nicht Tauschringe und Regionalgeld nicht funktionieren.

      • Sophie schreibt:

        Danke für die Hörtipps! Den Vortrag von Sina Arnold habe ich schon gehört, zwischendurch für meinen Geschmack etwas trocken, aber durchaus interessant im Ganzen.
        Ich bin bei der Beschäftigung mit diesen Themen zwischendurch immer wieder absolut verstört, was für Schwachsinn Leute anhängen oder Glauben. Es ist ja noch das eine, bestimmte Klischees im Automatismus zu bestätigen (z.B. Frau am Steuer), sich davon vollständig zu befreien, ist sehr schwer. Aber ernsthaft darüber nachzudenken und dann zu glauben, „die Juden“ seien am Scheitern der Finanzbranche schuld… Ist mir wirklich schleierhaft. Aber gerade deswegen will ich mich reinlesen, denn anscheinend gibt es immer noch/wieder Leute, die an sowas und ähnliches glauben.
        Danke dir!

        • susanna14 schreibt:

          Gern geschehen! Das Klischee von Juden (und Jüdinnen) als reichen Bankern ist ziemlich alt. Wenn du noch mehr lesen willst: Es wird schon in den „Elementen des Antisemitismus“ (Dialektik der Aufklärung) von Horkheimer und Adorno genannt. Ein weiterer Lesetipp wären die Texte von Schwarz-Friesel und ihrem Mitarbeiter Matthias Becker.

  2. Trippmadam schreibt:

    Von Gruppen halte ich mich aus diversen Gründen fern. Mein bisschen „Engagement“ beschränkt sich deshalb auf persönliche Gespräche.

    • susanna14 schreibt:

      Es waren bei mir keine politischen Gruppen, sondern Gruppen zwecks Freizeitvergnügen. Tatsächlich fühle ich mich in den Universitätsnahen politischen Gruppen zur Zeit am wohlsten.

  3. Trippmadam schreibt:

    Sorry, zu früh abgeschickt. Zur Zeit spreche ich häufiger mit jemandem, der eigentlich menschenfreundlich und liebenswürdig ist, aber eine Meinung vertritt, die ich nicht gutheißen kann. Ich versuche, die Gründe für seine Haltung herauszufinden, um sie dann nach und nach zu widerlegen, aber das ist eine langwierige Arbeit, die viele Recherchen erfordert. Entsprechend langsam komme ich vorwärts. Dass es sich um jemanden handelt, den ich persönlich schätze, macht die Dinge nicht einfacher. Die obige Liste gibt mir wertvolle Denkanstöße, auch wenn sie sich nicht völlig auf meine Situation übertragen lässt. Deshalb vielen Dank für die Mühe.

    • susanna14 schreibt:

      Möglicherweise sieht die Situation besser aus, wenn die Beziehung stimmt, so dass sie dann solche Diskrepanzen aushält und du darauf hoffen kannst, langsam aber sicher den Menschen zum Nachdenken zu bringen. Mir geht es mit meinen Eltern so. In den Gruppen, wo ich war, wurde mir vorgeworfen, dass ich um meiner politischen Ansichten willen bereit bin, menschliche Beziehungen aufs Spiel zu setzen. Das gleiche galt aber auch umgekehrt: um ihrer politischen Ansichten willen waren die Leute, mit denen ich in Streit geriet, bereit, die Beziehung aufs Spiel zu setzen.

  4. Pajam_B schreibt:

    Hallo, ich bin der Autor des von dir zitierten Artikels „bitte friedlich und bunt“. Ich habe deinen Artikel gelesen und finde ihn gut. Und ich möchte einmal klarstellen: ich warne nicht vor Diskussionen mit Neonazis, ich denke lediglich das sie nichts bringen😀
    Das einzige bei dem ich denke das Diskussionen mit ihnen gefährlich werden ist, das ein Diskurs über ihre Meinung ihre Meinung legitimiert, da geh ich mit dir d’accord.
    Ich würde dich auch nicht unbedingt als Naiv bezeichnen. Optimistisch und geduldiger als mich vielleicht.

    Das mit (vermeintlich) Linken diskutiert werden sollte wenn sie abrutschen, ist für mich ganz klar, Gewalt sollte immer die letzte Entscheidung sein. Nur bei einem Dehm der durch seine antisemitischen Entgleisungen bekannt wurde, oder eine Wagenknecht die das Grundrecht Asyl als Gastrecht tituliert und in ihrer stalinistischen Identitätskrise auch vor Nationalismus und volkstümelei hört bei mir die Diskussionsbereitschaft auf.

    Aber trotzdem li(E)bertäre Grüße

    • susanna14 schreibt:

      Danke!
      „Linke, die abrutschen“ sind für mich mittlerweile ein Phänomen, das mir überall begegnet. Dehm und Wagenknecht stellen nur das Endstadium dar. (Wie gesagt, ich habe mir auch die „Nachdenkseiten“ angesehen, da scheint auch jemand abgerutscht zu sein.) Ich hoffe immer, dass Menschen bereit sind, ihre Haltung zu überdenken, vor allem, weil ich denke: das kann doch nicht wahr sein! aber ich werde immer pessimistischer. Ich glaube, die Aufarbeitung mit der NS-Vergangenheit ist auch in linken Kreisen nur in unzulänglicher Weise geschehen, und die Tatsache, einem Kollektiv anzugehören, das für die schwersten Verbrechen der Geschichte verantwortlich ist, stellt für viele Menschen immer noch eine Kränkung dar (obgleich klar ist, dass sie als Individuen nicht schuldig sind, von den Neunzigjährigen, die jetzt an verschiedenen Orten vor Gericht stehen, einmal abgesehen.) Diese Kränkung haben viele nicht überwunden, und sie hängen sich an jeden, der ihnen einen Ausweg aus dieser Kränkung anbietet, und reagieren aggressiv auf jene, die den Ausweg kritisieren.

      Mir machen diese „abgerutschten Linken“ (oder Menschen, die von sich behaupten, weder rechts noch links zu sein) viel mehr Angst als offensichtliche Neonazis. Möglicherweise liegt das an meiner privilegierten Position, die mir erlaubt, gewalttätigen Neonazis aus den Weg zu gehen, während ich auf „abgerutschte Linke“ immer wieder hereinfalle. Das heißt, in dem Augenblick, in dem sie ihre Ansichten kund tun, erkenne ich sie, aber vorher nicht. (Andererseits stelle ich auch immer wieder fest, dass ich die einzige in der Gruppe bin, die die Ansichten dieser Menschen kritisiert, dass ich also Äußerungen, die den meisten Mitmenschen als ganz normal erscheinen, bereits als potentiell rechts erkenne. Ich werde dann paranoid genannt, aber meine Selbsteinschätzung ist „immer noch viel zu naiv, sonst hätte ich schon viel früher gemerkt, was los ist.“ Aber jenseits von meiner persönlichen Situation, in welcher ich viel öfter „abgerutschten Linken“ als offenen Neonazis begegne, denke ich, dass auch diese abgerutschten Linken gefährlich sind: Ohne diese hätten die Neonazis es viel schwerer.

      Vielleicht sollte man lieber sagen: bestimmte Thesen diskutiere ich nicht. Man kann erklären, warum sie falsch sind, sollte dabei aber ökonomisch mit der eigenen Zeit und den eigenen Kräften und Nerven sein, da man in aller Regel nicht viel erreicht beim Gegenüber, aber man kann sie nicht in dem Sinn diskutieren, dass man akzeptiert, dass sie teilweise richtig sein könnten. Andererseits ist es vielleicht doch die Persönlichkeit der Menschen: sind sie bereit nachzudenken oder nicht?

  5. Pingback: Bündnisse mit Antisemitinnen? – selbstverständlich nicht. | susanna14

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