ADHS/ADS als „Jungskrankheit“ – aus der Reihe Maskulinismus in der Pädagogik

Weitere Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Maskulinismus in der Pädagogik und der Idealisierung von Gewalt

Es ist ja nicht so, dass ich mit Absicht nach Artikeln suche, in denen sich Maskulinisten über die Benachteiligung von Jungen auslassen. Den Artikel Wo die wilden Kerle wohnten habe ich angeklickt, weil ich der Tatsache, dass Unruhe als Krankheit definiert wird, kritisch gegenüberstehe, und weil ich die Verabreichung von Ritalin als noch kritischer sehe als die Krankheitsdefinition selbst.

Ich fand meine Kritik wunderbar in dem folgenden Absatz bestätigt:

Für ein schwieriges Kind gibt es Gründe: überforderte Eltern, eine kaputte Familie, unfähige Lehrer, zu viel Computerspiele und zu wenig Kletterbäume. Wenn ein schwieriges Kind für krank erklärt wird, braucht sich niemand verantwortlich zu fühlen: Krankheiten können genetisch veranlagt sein oder Schicksal oder beides. Keiner kann etwas dafür. Nicht der Junge, nicht Eltern, nicht Lehrer, nicht Umstände. Wer krank ist, bekommt Medizin. Eine Pille, die gesund macht. Für die wilden Jungs gibt es eine Pille, die sie still und aufmerksam macht: Ritalin.

Auch jetzt, beim Wiederlesen, spiegelt dieser Absatz ziemlich genau meine eigene Meinung wieder, nur, dass ich jetzt, beim Wiederlesen, merke, dass nicht durchgängig von Kindern, sondern an manchen Stellen nur von „Jungs“ die Rede ist. Dadurch, dass an manchen Stellen eben doch von „Kindern“ gesprochen wird, wurde ich nicht sofort auf das Problem aufmerksam.
Auch die weiteren Absätze waren mir sympathisch: Es wird spekuliert, ob ADHS nicht eine „fabrizierte“ Krankheit ist, ob man in ihr nicht besser ein Deutungsmuster erkennen sollte:

Keine Krankheit, ein Deutungsmuster: als psychisch krank wird definiert, was gegen bestimmte Regeln verstößt und von Normen abweicht. Diese Normen sind nicht ein für alle Mal festgelegt, sie können sich verändern. ADHS ist ein Jungen-Syndrom. Jungen bekommen die Diagnose viermal so oft wie Mädchen. Sie sind es, die über die Stränge schlagen und gegen Regeln verstoßen. Wer hat sich verändert? Die Jungen? Die Regeln?

Es werden dann verschiedene Ansichten über Jungen aufgeführt: Sie suchen das Risiko, wollen Grenzen überschreiten und sich erproben. Sie sind die Erben der Kämpfer, Jäger und Wächter, die jeden Reiz wahrnahmen, die nun aber nicht mehr gebraucht werden.
Es sind nur ein paar Zeilen, dann wendet sich der Artikel wieder seinem eigentlichen Thema zu: Dass Kinder durch ein Medikament zum Funktionieren gebracht werden. Ich bin mit der generellen Aussage immer noch einverstanden, nur mit den Aussagen über Jungen nicht. Zusammenfassen kann ich meine Kritik in zwei Sätzen.

Der Artikel entbiologisiert ADHS, aber er biologisiert Männlichkeit: Was einen Jungen ausmacht, gilt als naturgegeben.

Dabei scheint den Autorinnen des Artikels nicht einmal aufgefallen zu sein, dass die Erklärung, dass Jungen sich nicht mehr wie „richtige Jungs“ benehmen dürfen und daher mit ADHS diagnostiziert werden, im Widerspruch steht zu der oben zitierten Erklärung, dass ADHS viele Ursachen haben kann, im wesentlichen aber damit zusammenhängt, dass etwas im Leben der Kinder (nicht der Jungen) nicht in Ordnung ist.

Die Vorstellungen davon, was es heißt, ein „richtiger Junge“ zu sein, sind ziemlich konventionell: „richtige Jungen“ sind Kämpfer, Jäger und Wächter, sie wagen etwas, passen sich nicht an und rebellieren nicht. Eine Reflektion darüber, ob diese Verhaltensweisen anerzogen sein könnten, findet nicht statt.

Dabei scheint mir fragwürdig, ob es überhaupt stimmt, dass an ADHS leidende Jungen früher gute Kämpfer, Wächter oder Jäger gewesen wären, weil sie jeden Außenreiz wahrnehmen. Für Wächter scheint mir diese Fähigkeit tatsächlich sinnvoll, nicht aber unbedingt für Jäger oder Kämpfer: diese müssen sich auf die Beute oder auf den Gegner konzentrieren. Das zweite Problem ist aber, dass selbst ein Wächter im Idealfall überlegt und ruhig reagiert, wenn er eine Gefahr erkennt, nicht impulsiv und spontan. (Ich habe mir überlegt, für wen ein solches Verhalten tatsächlich von Vorteil ist: für Kaninchen und andere typische Beutetiere. Sie müssen bei Gefahr sofort reagieren, ohne groß nachzudenken. Aber Kaninchen sind nicht die Tiere, mit denen MaskulinistInnen Jungen gerne vergleichen.)

(Ich habe jetzt übrigens bei Spektrum der Wissenschaft einen Artikel gefunden, die vielen Fassetten der Aufmerksamkeit, der von einer anderen Richtung herkommend die einfachen Erklärungen der Aufmerksamkeitsstörung definiert: Aufmerksamkeit schließt eine ganze Menge von Fähigkeiten ein: ein Aufmerksamkeitsfeld, das weder zu klein noch zu groß ist, systematische visuelle Suchbewegungen, eine genügende Fixationszeit – und das sind allein die Facetten, die das Sehen betreffen. Jede dieser Facetten kann gestört sein, und entsprechend unterschiedlich muss auch die Therapie verlaufen.)

Was bleibt, sind die Vorstellungen über kämpfende Jungen/Männer, die in diesem Artikel fröhliche Urstände feiern, und die Behauptung, dass es sich dabei um natürliche Verhaltensweisen handelt, die man daher auch nicht zu ändern versuchen sollte. Jungen leiden darunter, dass sich die Regeln verändert haben, und darunter, dass die Gesellschaft keine Jäger, Kämpfer und Wächter mehr braucht, und anstatt dass Jungen ihr Verhalten verändern sollten (und dabei Unterstützung erfahren sollten), wird gefordert, dass die Gesellschaft sich ändert und die zu harten Forderungen an Jungen wieder zurücknimmt.

Das interessante an biologistischen Argumentationen ist nun, dass es einen Unterschied von hundertachtzig Grad ausmacht, ob nun weibliche oder männliche Eigenschaften als biologisch festgelegt beschrieben werden und ob Jungen oder Mädchen durch ihre angeblich biologisch festgelegten Eigenschaften benachteiligt sind. Wenn Mädchen durch angeblich biologische Eigenschaften benachteiligt sind (weniger begabt für Mathematik und Technik, weswegen sie statt Ingenieurswissenschaften lieber Germanistik studieren, oder lieber Krankenschwester statt Mechatronikerin werden), so ist das bedauerlich, aber nicht zu ändern, und auch kein Grund, darüber nachzudenken, ob diese natürlichen Nachteile irgendwie ausgeglichen werden sollten. Wenn es sich nun herausstellt, dass Jungen aufgrund angeblich natürlicher Eigenschaften gegenüber Mädchen benachteiligt sind, so wird die Forderung aufgestellt, dass den Jungen entgegengekommen werden müsste, indem die Regeln wieder so verändert werden, dass Jungen besser mit ihnen zurechtkommen, oder indem man ihnen gegenüber großzügiger ist.

Abgesehen davon, ob es wirklich die zunehmende Intoleranz gegenüber „jungenhaftem“ Verhalten ist, die für den starken Anstieg von ADHS bei Jungen verantwortlich ist – was ich nicht glaube – stellt sich doch die Frage, ob es sinnvoll ist, die Regeln zu lockern, damit Jungen es wieder leichter haben. Es wäre nur sinnvoll, wenn ihnen damit auch im künftigen Leben geholfen wäre – und in diesem Fall sollten auch Mädchen ermutigt werden, mehr auszuprobieren und ihre Grenzen auszutesten und hin und wieder zu rebellieren. Auch sie müssten Fähigkeiten erwerben, die ihnen im späteren Leben zugute kommen, anstatt sie nur zur Anpassung zu erziehen.

Aber möglicherweise handelt es sich um Veränderungen der Gesellschaft, die an und für sich wünschenswert sind: Ein Rückgang der Gewalt, der bewirkt, dass Kämpfer, Jäger und Wächter nicht mehr benötigt werden. Dies bedeutet tatsächlich die Entwertung von typisch männlichen Fähigkeiten, möglicherweise sogar der Fähigkeit, die traditionell die exklusivste männliche Fähigkeit war (mit einigen wenigen Ausnahmen, die es immer gibt): die Fähigkeit, physiche Gewalt auszuüben und sich in einem Kampf zu behaupten.

Es ist nachvollziehbar, dass Männer (ehemalige „Jungs“), die sich selbst durch diese Fähigkeit definieren oder diese Fähigkeit als Ursache ihrer Privilegien ansehen, sich angegriffen fühlen, wenn die Fähigkeit, Gewalt auszuüben, an Wert verliert, und Gewalt an und für sich auch nicht mehr als wünschenswert angesehen wird. Dies gilt auch dann, wenn sie jetzt, als erwachsene Männer, mit Gewalt nichts mehr zu tun haben und sie für nicht legitim halten. Es reicht, wenn sie als Jungen anders dachten und nun nicht schlecht von sich selbst als Jungen denken wollen. Dann wird Gewalt zu etwas, was zwar nicht für Männer, wohl aber für Jungen sehr wohl in Ordnung ist.

(Um noch einmal auf ADHS zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass es die gewalttätigen Jungen sind, die unter ADHS leiden – jedenfalls nicht die Jungen, die erfolgreich Gewalt anwenden und an der Spitze der Hierarche stehen. Anders sieht es aus mit jenen, die unter Gewalt leiden.)

Es müsste wohl trotzdem noch geklärt werden, warum ADHS eine Diagnose ist, von der in erster Linie Jungen betroffen sind, und zwar ohne biologistische Argumente zu Hilfe zu nehmen. Dies will ich hier aber nicht versuchen.

Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Erziehung, Erziehung zur Gewalt, Maskulinismus in der Pädagogik: Poor Boys, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu ADHS/ADS als „Jungskrankheit“ – aus der Reihe Maskulinismus in der Pädagogik

  1. Vanades schreibt:

    Ich denke, dass auch Mädchen Regeln brechen und über die Stränge schlagen (könnten), nur wird ihnen das von Anfang an einfach aberzogen. Ich war ein Mädchen, dass viel draußen herumgetobt und auf Bäume geklettert ist und Abenteuerhütten bauen wollte. Ich kann mich noch gut an Sprüche erinnern wie: „Ein Mädchen macht sowas nicht.“ Warum Mädchen sowas nicht machen, wurde natürlich nie erklärt.

    Man könnte die Argumentation auch herumdrehen und sage, dass gerade bei Mädchen und Frauen die Aufmerksamkeit eines Wächters besonders notwendig ist, da sie es ja meistens sind, die auf die Kinder aufpassen und da gehört besondere Aufmerksamkeit und das Reagiere auf kleinste Reize einfach dazu. Wenn ich als Teenager nachts nach Hause kam, geisterte mir immer meine Mutter entgegen, die mich gehört hatte, nie mein Vater.

    Medikamente sehe ich nicht als Lösung, aber ein Umdenken in der Erziehung und eine Abkehr von diesem ‚Jungs sind so und Mädchen sind so‘-Denken wäre notwendig. Vielleicht wird es Zeit für die Emanzipation der Männer?

    • susanna14 schreibt:

      Bei mir lief das subtiler mit dem Abgewöhnen. Aber ich bin auch nicht sonderlich sportlich, und wie alle Kinder ließ ich mich durch Frustrationserlebnisse abschrecken. Als junge Frau ging ich das Problem dann an und tat Dinge, die Mädchen nicht tun.

      Die Passagen in dem FAZ-Artikel, in dem es sich um Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen handelt, sind purer Schwachsinn. Was du über Mütter sagst, die das kleinste Geräusch hören (auch von jüngeren Kindern), ist ja ziemlich typisch, wobei ich denke, dass Männer das auch lernen.können. Es ist einfach so: Wenn man denkt, da könnte etwas Wichtiges passieren, ist man/frau aufmerksamer und unentspannter (und kann sich weniger auf anderes konzentrieren.)

      Es müsste doch eigentlich zu fragen sein: Warum sind diese Kinder ständig darauf gefasst, dass passieren könnte, das Wichtiger ist als das, worauf sie sich gerade konzentrieren sollen?

      (Mir wird übrigens gerade klar, dass mit dieser Männlichkeitsgeschichte auch ADHS auf einmal wieder biologisiert wird: Es ist eben die Natur dieser Krieger, dass sie unruhig sind, sie sind halt kleine Krieger. Dabei war der Abschnitt, den ich oben zitiert habe, viel besser.)

  2. Chomsky schreibt:

    Zum ADHS gibt es wohl offenbar noch ganz gute Bücher, die eben nicht einfach eine Medikamentalisierung vorsehen. Ich habe sie zwar nicht gelesen, sie werden jedoch auch im Antipsychiatrie-Verlag angeboten, der m.E. doch vielfach sehr sinnvolle Bücher anbietet. Zwei davon in diesem Zusammenhang wären:

    Gerald Hüther / Helmut Bonney
    Neues vom Zappelphilipp – ADS verstehen, vorbeugen und behandeln
    http://www.antipsychiatrieverlag.de/versand/titel/huether-bonney.htm

    Lara Honos-Webb
    ADHS als Geschenk – Wie die Probleme Ihres Kindes zu Stärken werden können
    http://www.antipsychiatrieverlag.de/versand/titel/honos.htm#vorwort

    Es hat jedoch noch mehr Bücher, die in diesem Verlag angeboten werden im Zusammenhang von ADHS – jedoch alle nicht im Kontext einer Geschlechterperspektive.

    • susanna14 schreibt:

      Antipsychiartrieverlag klingt gut. Ich habe zuhause ein etwas älteres Buch mit dem Titel „keine Pillen für den Zappelphilipp“.

      An diesem Artikel hat mich wieder einmal interessiert, wie diejenigen, die darüber sinnieren, wie benachteiligt Jungen heute sind, dann irgendwann doch schreiben, dass Jungen im Grunde Wächter und Jäger und Kämpfer sind…

      Kurz gesagt: Ich interessiere mich für ADHS, kenne mich aber nicht gut genug aus, um darüber zu bloggen. Was ich mir zutraue, ist, den Diskurs zu beurteilen, gerade aus Geschlechterperspektive. Bücher, die nicht auf die Geschlechterproblematik eingehen, sind mir sympathisch.

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