Selbstbewusstsein und Victim-Blaming

Und wieder finde ich Tweet von @familylab_de, und einen entsprechenden Facebook-Eintrag, der mich den Kopf schütteln lässt:

Ein gesund entwickeltes Selbstwertgefühl ist der wirksamste Abwehrmechanismus gegen Schikane, Mobbing, körperliche Gewalt und persönliche Kritik. Jesper Juul_familylab.de
familylab auf facebook

Ich starre den Satz an, überlege mir, ob ich familylab „entfolgen“ soll (sie haben nur eine zweistellige Zahl von „Folgenden“, weniger als ich selbst, nicht besonders viel für eine Seite, die ständig von „Führung“ redet, da macht es sich bemerkbar, wenn eine Person sie entfolgt.)
Ich starre den Satz an. Früher wäre ich in erneute Selbstzweifel verfallen, jetzt, nach ein paar Jahren der Beschäftigung mit dem Thema „mobbing“, überkommt mich eine ungewohnte Klarheit: Nein, ich bin nicht verrückt. Meine Erinnerungen entsprechen der Wahrheit. Ich bin nicht nur das Opfer der Bullies in meiner Klasse gewesen, sondern auch das Opfer der damals im Mainstream stehenden „alternativen“ Pädagogik (ich zögere, sie links zu nennen.) Einer Pädagogik, die sich dem Selbstbewusstsein und der Eigenständigkeit von Kindern verschrieben hatte (was im Prinzip gut ist), die dabei aber vergessen hat, dass es auch wichtig ist, Regeln des Zusammenlebens zu vermitteln. Einer Pädagogik, die sich intensiv gegen die Gewalt von Erwachsenen (Eltern, Lehrern) gegen Kinder wandte, die aber blind war für die Gewalt unter Kindern, die sie mit Allgemeinplätzen wie „die machen das unter sich aus“ verniedlichte und vernatürlichte.
Beziehungen unter Kinder wurden nicht als etwas betrachtet, das den Regeln zivilisierten Zusammenlebens entsprach, sondern als etwas, was betrachtet werden konnte wie die Rangkämpfe in einem Wolfsrudel. Entsprechend waren dann die „Überlebensregeln“, die ich lernte: Nicht provozieren, vorsichtig sein, manchmal unterwarf ich mich auch. Nicht in allen Punkten: das waren dann Momente von Moral und von Freiheit.

Mir wurde vermittelt, dass ich selbst für das verantwortlich war, was mir angetan wurde. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht allen Mobbing-Opfern so ging: Einige übten sich auch in stolzer Einsamkeit und hielten die Täter für Idioten. Ich hatte auch solche Momente, aber im großen und ganzen war die Frage, die sich mir stellte: Wie muss ich mich verhalten, um nicht gemobbt zu werden? Nicht zu klug sein, weil das die Täter provoziert, nicht zu stolz oder arrogant sein, weil das ebenfalls provoziert, aber auch auf keinen Fall irgendeine Schwäche zeigen.
Die Regel „keine Schwäche zeigen“ wird nun auch in dem Zitat von familylab deutlich. Selbstbewusstsein als Schutz gegen Mobbing. (Ich habe auch schon gehört, dass es als Schutz gegen Vergewaltigung dienen soll.) Eine der Kommentatorinnen bei facebook fragt dann berechtigterweise, wie sie das ihrer sechshährigen Tochter beibringen soll.

Die Verantwortung für das Mobbing wird mit einem solchen Spruch den Opfern und ihren Eltern zugeschrieben.

Den Opfern, weil sie nicht genug Selbstbewusstsein haben, den Eltern, weil sie ihren Kindern nicht genug Selbstbewusstsein mit auf den Weg gegeben haben. Es wird nicht gefragt, woher Selbstbewusstsein kommt, oder wie ein kleines Kind genug Selbstbewusstsein haben soll, um sich gegen eine Übermacht durchzusetzen, die es als Opfer erkoren hat.

Es wird nicht auf die einschlägige Literatur etwa von Dan Olweus Gewalt in der Schule oder Mechthild Schäfer Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertigmachen eingegangen. Das sind Bücher von Wissenschaftlern, die empirische Forschung betreiben, einschließlich statistischer Analysen, nicht von „Ratgebern“, die weise (?) Sprüche absondern.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass keine Korrelation zwischen irgendwelchen Eigenschaften des Kindes und der Wahrscheinlichkeit, Mobbing-Opfer zu werden, besteht. Wenn irgendwelche Eigenschaften genannt werden, handelt es sich um Rationalisierungen der Täter, auf die Pädagogen nicht hereinfallen sollten. Kurz gesagt: Pädagogen sollten das Victim-Blaming der Täter nicht unterstützen und fortschreiben.
Zugegeben, in einem Twitter-Spruch ist das schwierig, eine komplexe Theorie zu erläutern. Aber hinter Twitter-Sprüchen stehen Haltungen und Positionen, und die Haltung, die hinter dem obengenannten Spruch steht, ist mit den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft nicht vereinbar.

Mobbing ist ein soziales Phänomen, das in der Schule auftritt und in der Schule gelöst werden muss. Hauptverantwortlich sind die Lehrer, aber auch die Schule als ganzes mit ihrer Organisation. (Die Täter sind selbst noch Kinder oder Jugendliche, also nicht oder nicht voll für ihr Handeln verantwortlich. Genausowenig sind aber die Opfer, die ja ebenfalls Kinder oder Jugendliche sind, für ihr Handeln verantwortlich.) Die Lehrer sind dafür verantwortlich, die Schikanen zu stoppen, sie sind dafür verantwortlich dafür zu sorgen, dass Mobbing nicht als cool gilt und dass die unbeteiligten Mitschüler („Zuschauer“, „bystander“) die Täter nicht durch Lachen oder Wegsehen unterstützen, sondern dem Opfer die Unterstützung geben, die es braucht. Victim-Blaming („kein Wunder, der oder die ist ja nicht selbstbewusst genug. Er oder sie sollte mal besser lernen, sich zu wehren/sich durchzusetzen“) ist nicht hilfreich.
Hilfreich sind auch nicht irgendwelche therapeutischen oder sozialpädagogischen Maßnahmen, die sich an das Opfer richten und ihm mehr Selbstbewusstsein oder Stärke vermitteln sollen. Gerade, wenn das Mobbing in den Anfangszügen steckt, sind solche Maßnahmen nicht nötig, sondern eher schädlich, sie vermitteln dem Opfer, dass es selbst für das Mobbing verantwortlich ist. Ihr einziger Vorteil ist, dass die Opfer für die Therapeuten und Sozialpädagogen besser greifbar sind als die Täter: Sie stehen unter einem Leidensdruck und möchten, dass die Situation sich ändert. Für die Täter, deren Verhalten sich eigentlich ändern müsste, besteht kein Leidensdruck, sie sehen daher auch keine Möglichkeit, sich auf Sozialpädagogen oder Therapeuten einzulassen.
Wenn das Mobbing anhält, ist es möglich, dass Schädigungen eintreten, die Therapie für das Opfer sinnvoll machen. Besser ist es aber, die Schikanen in den Anfangszügen zu stoppen. (Da ergibt sich dann auch die Frage, ob das, was man bei den Opfern an mangelndem Selbstbewusstsein beobachtet, nicht eine Folge des Mobbings und der Schikanen ist.)

Woher kommt Selbstbewusstsein? Ich denke, es gibt nicht „das“ Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein speist sich auf verschiedenen Quellen, etwa den eigenen Fähigkeiten, möglicherweise auch dem Bewusstsein der Fähigkeit, sich in einer körperlichen Auseinandersetzung erfolgreich behaupten zu können (sprich, ein anderes Kind zusammenzuschlagen zu können ohne Gefahr für einen selbst.) Selbstbewusstsein kann sich aber auch daraus aus dem Wissen speisen, dass mensch in seinen Eigenarten angenommen und akzeptiert ist und gewisse Rechte hat, unter anderem das Recht auf Schutz vor Gewalt: Ein Recht, das unverwirkbar sein sollte. Selbstbewusstsein sollte heißen, dass das Kind weiß: Im Fall einer Bedrohung kann ich mich an Lehrer oder Mitschüler wenden, und sie werden mich beschützen und mir helfen.
Diese Art von Selbstbewusstsein sollte Kindern mitgegeben werden. Dafür sind in erster Linie die Lehrer, nicht die Eltern verantwortlich, da die Lehrer, nicht die Eltern die Verantwortung für den sozialen Raum Schule tragen.

Für mich persönlich war entscheidend, dass ich nach der Lektüre von Autoren wie Dan Olweus oder Mechthild Schäfer aufhörte, mich zu fragen, was an mir falsch war und das Mobbing ausgelöst hat, und dass ich aufhörte, zu versuchen, so zu sein, dass ich nicht gemobbt werde. Ich gehe jetzt durch die Welt in der Erwartung, dass ich mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt werde, und die Welt der Erwachsenen ist zum Glück so gestaltet, dass das in aller Regel auch eintrifft. Ich bin jetzt nicht mehr um Anpassung bemüht, sondern finde voller Neugier heraus, was ich selbst gut kann und gern mag.
Ich werde mir jetzt aber nicht selbst noch die Schuld dafür geben, dass ich so lange brauchte, meine Einstellung zu ändern. Verantwortung tragen auch unverantwortliche pädagogische Positionen, die ich viel zu lange geglaubt habe und die leider noch viel zu verbreitet sind.

Ach ja, und bevor es wieder heißt: „Genau diese Art von Selbstbewusstsein meinen wir ja!“ – das ist ein Spruch, den ich fast jeden Tag von meinen Schülern höre, und ich antworte, was ich meinen Schülern antworte: „Sie müssen das sagen, was Sie meinen.“
(Mich wundert besonders, dass eine Seite, die nicht müde wird zu betonen, dass die Erwachsenen zu 100 Prozent für die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern verantwortlich sind, beim Thema Mobbing die Verantwortung den Kindern und eventuell noch den Eltern gibt, und nicht den Lehrern und der Organisation Schule. Mich wundert auch, dass eine Site, die eigentlich nicht der Anpassung das Wort redet, beim Thema Mobbing/Bullying so unsensibel ist.)

Ich weiß nicht, wie oft ich noch Tweets von @Familylab_de kommentieren werde. Vermutlich werde ich sie in absehbarer Zukunft abhaken als eine weitere Gruppe von selbsternannten „weisen Menschen“, deren Bücher sind in den Ratgeberabteilungen statt in der wissenschaftlichen Abteilung der Buchhandlungen finden. Vermutlich werde ich in wenigen Wochen, oder zumindest Monaten, nur noch über sie lachen und mich wundern, dass ich die Site einmal interessant fand, und sie dann entfolgen. Ich bin noch nicht an diesem Punkt angelangt, und ein paar weitere Blogposts werden möglicherweise noch folgen.

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