Ein paar Gedanken zum neuen PID-Gesetz

1. In der taz findet sich ein Interview mit einem niederländischen Mediziner: eine sehr deutsche Furcht.

Ich halte Argumentationen mit der deutschen Geschichte mittlerweile für sehr problematisch – und zwar in die eine wie die andere Richtung. Problematisch ist es, wenn Deutsche sich für moralischer halten als andere Menschen, weil wir ja schließlich die Erfahrung des Dritten Reichs hinter uns haben und daraus gelernt hätten. Diese Argumentationsweise findet man nicht nur bei Themen wie PID, sondern auch wenn es um Krieg und Frieden geht.

Aber erstens kann jeder, der will, aus der Geschichte des Dritten Reiches lernen – dies ist nicht nur auf Deutsche beschränkt. Und zweitens habe ich meine Zweifel, wie viel die Deutschen wirklich aus ihrer Geschichte gelernt haben. Meine Erfahrung ist, dass man noch auf sehr viel Schuldabwehr stößt. (Allerdings ist die Geschichte der Ermordung von Behinderten tatsächlich eine der weniger peinlichen in der Geschichte des Dritten Reiches. Es gab öffentliche Proteste, gerade auch von Seiten der Kirchen, und sie zeigten Wirkung. Vielleicht erinnern sich Deutsche deswegen so gern daran, während man sich an andere Verbrechen weniger gern erinnert.)

Eugenik und Euthanasie waren Trends in der Medizin in frühen 20. Jahrhundert in vielen europäischen Ländern. Die Nazis erfanden sie nicht, griffen sie aber auf. Es ging (in der Ideologie der Nazis) um die Gesundheit des „Volkskörpers“, den Behinderte schädigten. Heutzutage geht es um das Leid der Betroffenen, insbesondere der Eltern.

Andererseits finde ich es auch problematisch, wenn die Vorbehalte gegen PID beiseite gewischt werden mit dem Argument „ach, die Deutschen (oder auch: wir Deutsche) haben eben noch Probleme damit wegen ihrer (unserer) Geschichte) und können daher nicht unbefangen mit dieser Frage umgehen.“ Weil Deutsche (angeblich) unzulässigerweise PID mit der Ermordung Behinderter durch die Nazis verbinden, können wir nicht rational urteilen.

Tatsächlich sind beides ad-hominem-Argumente – der Gegenpartei wird kein solides Urteil zugestanden, entweder weil sie Deutsche und daher befangen sind, oder weil sie nicht Deutsche sind und daher nicht aus unserer Geschichte gelernt haben können. Echte Argumente sehen anders aus. (Dazu gehört auch, dass Worte wie „Selektion“ vermieden werden sollten.)

2. „Ach wäre ich doch nie geboren worden“ – in alten Geschichten ist dies ein Ausruf von Menschen in tiefster Verzweiflung. (Etwa in „Odipus auf Kolonos“ von Sophokles: „Nie geboren zu sein, ist der Wünsche größter, und wenn du lebst, ist der andere, schnell wieder dahin zu gehen, woher du kamst.“) Heutzutage werden wir bei einem Menschen, der solches ausruft, eine Depression vermuten.

Mit PID wird dieser Wunsch, nie geboren zu sein, Wirklichkeit. Das Leid wird als so groß angenommen, und als die Freude im jeweiligen Leben so stark überwiegend, dass es wirklich besser ist, nicht geboren zu sein. Behinderte Menschen wehren sich dagegen zu Recht.

3. Ehrlicher ist es, wenn man anerkennt, dass es nicht um das Leid der Kinder selbst geht (das angeblich so groß ist, dass der Tod ihm vorzuziehen sei), sondern das der Eltern und eventuell des Rests der Gesellschaft. Es sollte m.E. Konsens sein, dass die Gesellschaft (also wir alle) behinderte Menschen schützt, und ihnen nicht klarmacht, es wäre besser, sie wären nie geboren worden. Aber in der Realität bleibt die meiste Arbeit doch an den Eltern hängen, und ich maße mir nicht an, ein Urteil zu fällen über Eltern, deren erstes Kind schwer krank ist und die sich liebevoll um dieses Kind kümmern, aber hoffen, dass das zweite Kind gesund ist.

4. Ja, und dann ist da noch die Sache mit der Pränataldiagnostik. Präimplantationsdiagnostik zu verbieten, aber Pränataldiagnostik zu erlauben, erscheint mir nicht besonders konsequent.

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