Frauenfußball, und die Heldinnen von Terry Pratchett

(Vorsicht, Spoiler – nicht lesen, wenn ihr „das Mitternachtskleid“ nicht kennt und plant, es noch zu lesen.)

Am Wochenende des Eröffnungsspiels habe ich „das „Mitternachtskleid“ von Terry Pratchett gelesen. Für die, die Terry Pratchett nicht kennen: Er schreibt seit über zwanzig Jahren an einer Serie von Romanen, die vor allem dadurch verbunden sind, dass sie alle auf der Scheibenwelt leben, wo Magie funktioniert (sonst könnte eine scheibenförmige Welt auch nicht existieren) und auf der Menschen, Zwerge und Trolle sich im multikulturellen Zusammenleben üben müssen. Die Serie begann als Fantasy-Parodie, ist aber im Lauf der Zeit immer ernsthafter geworden, und sie ist in keiner Weise eskapistisch. Es gibt Trolle und Zwerge und Magie, aber sie müssen auch mühsam lernen, miteinander auszukommen, und die Sehnsucht nach einem König, der alles für alle regelt, wird ausdrücklich zurückgewiesen. Kämpfe zwischen gut und böse, auch ein beliebtes Fantasy-Thema, kommen vor, allerdings mehr in der Form von absolut bösen Prinzipien, und Menschen, oder Figuren, die diese Prinzipien verkörpern.

Das Mitternachtskleid gehört zu den Büchern um Tiffany Aching (auf deutsch Tiffany Weh), eine angehende junge Hexe. Aber auch hier gilt: Ein Leben als Hexe ist nicht so cool, wie man denkt. Man benötigt nicht das zweite Gesicht, das erlaubt, Gespenster zu sehen, sondern das erste, das erlaubt, die Dinge zu sehen, die wirklich existieren, und dafür zweite Gedanken, das sind die Gedanken, mit denen man die ersten, spontanen Gedanken hinterfragt. Zauberei kommt eher selten vor, das meiste ist harte Arbeit: in Terry Pratchett’s Büchern sind Hexen eine Art Gemeindeschwestern, die sich um die alten Menschen im Dorf kümmern, für die sonst niemand Zeit hat, die Krankheiten behandeln und bei schwierigen Geburten helfen. Manchmal zaubern sie aber doch, und kämpfen gegen das Böse in der Welt. Im Gegensatz zu den erwachsenen Hexen aus den Scheibenwelt-Romanen für Erwachsene muss sich Tiffany dabei auch immer wieder mit den Folgen ihrer eigentlichen jugendlichen Torheit herumschlagen.

Im vierten Band, „das Mitternachtskleid“, ist Tiffany bereits sechzehn und gilt als erwachsene Hexe. Sie muss vernünftig und zuverlässig sein, und sie schläft viel zu wenig. Gleichzeitig muss sie damit fertig werden, dass ihr Ex-Freund eine neue Liebste hat, die ganz anders ist als sie: eine Adlige, die mit Wasserfarben malt und hübsche Kleider trägt, die nah am Wasser gebaut hat, wirkt, als sei sie aus Wasserfarben gemalt, und die scheinbar nicht auf eigenen Füßen stehen kann. Sie wird von ihrer Mutter dominiert, und es sieht so aus, als würde sie auch von ihrem künftigen Mann dominiert werden – falls die Mutter nicht beide dominiert.

Für Tiffany ist es nicht einfach. Sie hätte nie eine Prinzessin werden können. Mädchen, die normale braune Haare und braune Augen haben, werden nicht Prinzessin. Prinzessinnen haben blonde Haare und blaue Augen, manchmal sind sie auch schwarzhaarig und haben schwarze Augen, manchmal sogar rothaarig oder brunette, aber ganz gewiss nicht einfach braunhaarig. Deswegen ist Tiffany jetzt eine Hexe, und keine Prinzessin, und sie trägt keine Prinzessinnenkleider und keine Prinzessinnenschuhe. Sie trägt Kleider, die praktisch sind, und nicht zu teuer, weil sie wenig Geld hat. Sie trägt Schuhe, in denen man laufen kann, am besten derbe Stiefel.

Und jetzt komme ich zu der Debatte um die Fußballerinnen und ob sie richtige Frauen sind oder Mannweiber und ob eine Fußballerin auch hübsch sein darf, oder kann, und ob man sagen darf, dass sie hübsch ist. Und ein paar Punkte scheinen mir bei der Debatte unter den Tisch zu fallen: dass Schönheit Geld kostet und Arbeit macht – eine junge Hexe wie Tiffany, die froh ist, wenn sie ausreichend Schlaf bekommt, hat keine Zeit für aufwendige Frisuren – und dass weibliche Schönheit oft immer noch mit Zartheit gleichgesetzt wird. Drei Tage nach dem Eröffnungsspiel sah ich ein Foto von Celia Okoyino da Mbabi auf der Titelseite der Bildzeitung (beim Bäcker. Ich lese die Zeitung nicht, aber ich achte auf die Überschriften.) „Unsere Celia schmiegt sich an einen Mann an.“ Sie trug ein rotes Abendkleid und sah wirklich sehr schön aus, aber das mit dem Anschmiegen und Schutzsuchen ist doch problematisch. Jede weiß, dass sie sehr gut gespielt hat – aber jenseits des Platzes braucht sie dann doch wieder einen Mann, der sie beschützt. (Es geht nicht um die echte Okoyino da Mbabi, von der ich nichts weiß, nur um das Titelbild.)

Also, Schminken und schöne Kleider und schöne Schuhe sind alles kein Problem, und natürlich dürfen auch Fußballerinnen dies, und sie dürfen schön sein, und man darf dies auch sagen, aber sie sollten auch nicht schön sein dürfen, wenn sie keine Lust haben, sich um lange Haare und die richtige Lippenstiftfarbe zu kümmern, und dann trotzdem nach ihren Fähigkeiten beurteilt werden. (Ich fand das Tor von Kerstin Garefrekes zum Beispiel schöner als das von Celia Okoyino da Mbabi.) Und ich mag es, wenn sie auf dem Platz grimmig und entschlossen wirken (in Wirklichkeit wohl vor allem konzentriert) und nicht lächeln, und dadurch auch nicht besonders hübsch sind.

Und weder auf dem Platz noch außerhalb des Platzes sollten sie irgendwie zart und schutzbedürftig sein, außer dass die Schiedsrichterin sie vor Foulspiel schützt.

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