Ich war dabei: Centenary 1914-2014 (Urlaub, Teil 1)

Ich bin zurück vom Urlaub. Ich bin mit dem Zug nach Metz gefahren und von dort aus mit dem Fahrrad Richtung Westen: Nach Verdun, dann nördlich die Argonnen überquert, anschließend die Aisne entlang und dem Chemin des Dames gefolgt (vorher noch ein Ausflug nach Reims), und von dort aus nach Norden nach Péronne und Albert. Dort bin ich in den Zug gestiegen und nach Lille gefahren, von dort aus nach Ieper (Ypern, Ypres, Ypers). Von Ieper aus bin ich wieder nach Hause gefahren. Ich bin also, mehr oder weniger, die Westfront entlang gefahren, das heißt, den umkämpften Teil der Westfront. Den elsässischen Teil, den es auch gab, habe ich ausgelassen, vor allem, weil ich ihn zu wenig kenne. In Metz habe ich eine Karte gefunden, auf der die gesamte Front eingezeichnet ist, einschließlich der (geringfügigen) Veränderungen im Laufe des Krieges, so dass ich mit dieser Karte auch die gesamte Front abfahren könnte. Ich weiß aber noch nicht, ob ich das je tun werde: Selbst die Strecke, die ich jetzt gefahren bin, hat sich als sehr anstrengend herausgestellt. Vielleicht die erstaunlichste Erkenntnis, die ich durch kein Buch hätte erfahren können: Verdun ist nicht nur der Schauplatz einer der furchtbarsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, sondern außerdem eine hübsche kleine Stadt. Ansonsten einige Ausflüge in die britische und französische Erinnerungskultur, an der Deutsche leider viel zu wenig teilhaben.


21. August: Hannover – Metz

Gerade noch rechtzeitig habe ich den IC in Richtung Süden erwischt. Er hält an den Bahnhöfen, die vor der Erfindung von ICEs von Interregios angefahren wurden, bevor diese abgeschafft wurden. (Ich mochte sie sehr.) Ab Kassel erinnern mich die Bahnhöfe an meine Studienzeit in Marburg, und in Marburg schaue ich ganz intensiv aus dem Fenster.

Nach Marburg kümmere ich mich darum, mein Fahrrad zu beladen, so dass ich in Gießen schnell umsteigen kann. Ich rede mit vier Männern, die den Lahnradweg entlang fahren wollen. In Gießen habe ich lange Zeit, ich kann eine Jungle World kaufen und Geld abheben (in umgekehrter Reihenfolge.) Die nächsten Umstiege sind Koblenz, Trier und Luxemburg. Im Zug nach Luxemburg teile ich das Abteil mit zwei Jugendlichen, deren Fahrräder wie selbstgebastelt aussehen, und auch während der Fahrt schrauben sie an ihnen herum. Sie sprechen letzebuergisch miteinander, und nachdem die Grenze überschritten wurde, spricht auch der Fahrer letzebuergisch. Der Zug nach Metz ist bereits ein französischer Zug. Man kann auch in Frankreich das Fahrrad in Regionalzügen mitnehmen, und zwar für umsonst. Allerdings muss man das Vorderrad in einen Haken einhängen, was ich schwierig finde. Die Einheimischen brauchen nur Sekunden dafür.

In Metz gibt es zwar einen Aufzug, aber dieser darf nicht von Fahrrädern benutzt werden. Ich suche, ob es einen Weg ohne Treppen gibt, auf dem ich den Bahnhof verlassen kann, aber nach kurzer Zeit gerate ich in Gegenden, die mir zu sehr nach Betriebsgelände aussehen. Also entlade ich mein Fahrrad und trage erst mein Gepäck und dann das Fahrrad die Treppe hinunter. Draußen sehe ich mich nach einem Ort um, wo ich das Fahrrad abstellen kann, und danach trinke ich eine Tasse Kaffee im Bahnhofscafé, die 3 Euro vierzig kostet, ohne etwas besonderes zu sein (also kein Cappuccino oder Latte Macchiato, sondern einfach café au lait, das heißt, eine Tasse Kaffee mit einem Kännchen Milch, das daneben gestellt wird.) Dafür kann ich endlich aufs Klo gehen. (Im letzten Zug waren die Toiletten defekt.) Im Bahnhofsbuchladen kaufe ich einen Stadtplan von Metz und eine Karte Metz-Verdun 1914-2014, also einen Nachdruck der alten Michelin-Karte, anschließend mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Ich suche das Office de Tourisme, das direkt hinter der Kathedrale sein soll, und einen Buchladen. Letzteres scheint ziemlich schwierig, zwischen all den Läden von Modeketten scheinen sich die Buchläden nicht halten zu können. Aber ansonsten ist Metz wunderschön und wirkt sehr französisch auf mich. Ich überlege, woran ich dieses Gefühl festmache. Es ist ein bestimmter Stil der Häuser: Heller Stein, hohe, zweiflügelige Fenster, mit Holzläden, die sich nach außen aufklappen lassen und einer gefühlten Dominanz der horizontalen Linien.

Ich finde einen Buchladen und kaufe eine Landkarte, die mich bis Verdun bringen wird und eine zweite, die mich bis nach Reims bringen wird. Außerdem finde ich eine Karte von IGN „la grande guerre, auf der die Frontlinien der Westfront eingezeichnet sind: Das weiteste Vordringen im Sommer 1914, die Frontlinie im Herbst 1914, die lange Bestand haben sollte, der Rückzug auf die „Hindenburglinie“ im Frühling 1917 (nach der Schlacht an der Somme), das Vordringen der Deutschen während der „Michaelsoffensive“ im Frühling 1918 und die Frontlinie zum Zeitpunkt des Waffenstillstands.

Metz hat eine gothische Kathedrale, sogar eine der größten, die es gibt. Als ich sie betrete, ist mein erster Eindruck „stattlich“, nicht „hoch und schlank“ wie in der von Amiens, und auch nicht das Gefühl eines Zaubers, das ich in der Kathedrale von Straßburg hatte. Nur die Kathedrale von Reims habe ich ohne spezielles Gefühl besucht. Ich lasse mir Zeit für die Besichtigung, und an einer Stelle zünde ich ein Teelicht an. Ich mag den Gedanken, dass es zwischen den anderen steht und leuchtet, ich denke gern an das von den Teelichtern erzeugte Meer von Licht und denke: eine davon ist meine, und meine Wünsche und Hoffnungen, die niemand kennt als ich, leuchten mit ihr.

Anschließend lasse ich mir Zeit und trinke noch einen Kaffee. Es reicht, wenn ich halb sieben auf dem Zeltplatz bin. Dort werde ich gewarnt: Stellen Sie Ihr Zelt nicht zu nah am Wasser auf, wenn es regnet, ist der Grund überschwemmt. Ich folge dem Rat. Anschließend möchte ich mir etwas kochen, aber entgegen meiner Erinnerung habe ich kein Fertignudelgericht eingepackt. Ich fahre noch einmal in die Stadt, um nach einem Carrefour zu suchen, aber ich finde keinen. In der Innenstadt gibt es zwar viele Apotheken, als würden die Touristen ständig zusammenbrechen, aber einen Supermarkt gibt es nicht.

22. August: Metz – Verdun

Ich komme früh los. Mein Zeltnachbar lädt mich zu einer Tasse Kaffee ein, aber ich lehne ab, weil ich nicht weiß, wie lang ich bis Verdun brauche. Noch vor um neun breche ich auf und wage mich ins Gewirr der Vorstädte von Metz. Als ich an einer Kreuzung die Karte heraushole, werde ich angesprochen, ob ich Hilfe bräuchte und wo ich hin wolle. Der Mann, der mich angesprochen hat, merkt schnell, dass mein Französisch schlecht ist, und wir kommunizieren auf deutsch weiter. Ich sage ihm, dass ich nach Westen wolle, da ich nicht sagen möchte, dass mein Ziel für heute Verdun ist, und er meint: Ah, Richtung Paris. Ich frage mich, was peinlicher ist, nach Paris oder nach Verdun zu wollen. Immerhin zeigt er mir die Richtung, und als ich hundert Meter weiter wieder auf die Landkarte schaue, stelle ich fest, dass ich auf dem richtigen Weg bin. (Ich frage mich, warum ich hilfsbedürftig wirke, wenn ich auf die Landkarte schaue. Ich komme mit der Kombination aus Landkarte und Wegweisern sehr gut zurecht, ich bin nicht hilflos. Tipps von Fremden sind nicht immer hilfreich: Erst einmal muss ich sie verstehen, und dann sind sie häufig Geheimtipps, die mir als Ortsunkundiger nichts bringen. Außerdem schaue ich auf die Landkarte, um herauszufinden, wo ich hin will, also, wie das nächste Dorf heißt, ich kann also gar nicht mein Ziel sagen, bevor ich auf die Karte geschaut habe.)

Durch verschiedene Dörfer hindurch gelange ich auf die richtige Straße und vorher sogar noch zu einem „Carrefour“, meiner Lieblingskette unter den französischen Supermarktketten. Da ich noch nicht gefrühstückt habe, ist das ganz gut so. Weiter geht es auf die „Voie de la Liberté“. Sie hat verschiedene Nummern, erst heißt sie D603, dann D903, und sie heißt so, weil auf dieser Route 1944 die amerikanische Armee Frankreich befreite. Ziemlich schnell merke ich, dass dies eine bergige Strecke werden wird: Gravelotte liegt direkt hinter einem Kamm. Vor dem Kamm habe ich noch gefrühstückt, auf einem der „Picknickplätze“, die sich immer wieder an den französischen Straßenrändern finden und außer einem Tisch mit Bänken auch Mülleimer zu bieten haben.

Ich habe vor, mich mit dem Ersten Weltkrieg zu beschäftigen. Die ersten Gräber, die ich sehe, stammen aber aus einem anderen Krieg: Dem von 1870/71. Es sind Massengräber: „Hier ruhen deutsche und französische Soldaten.“ In Gravelotte fahre ich an einem Museum für diesen Krieg vorbei; später raste ich an einer Stelle, wo sowohl ein offizielles deutsches als auch ein französisches Denkmal stehen. Das französische Denkmal ist privat organisiert und finanziert worden und entsprechend kleiner. Ich lerne auch, dass die französische Armee in Gefahr stand, in Metz eingeschlossen zu werden und sich deswegen zurückzog. An einem Haus entdecke ich eine Gedenktafel: „Hier wohnte Bismarck während des Frankreich-Feldzugs“.

Im großen und ganzen komme ich gut durch. Es ist warm, und ich brauche meine Wasservorräte auf. Verlangsamt werde ich dadurch, dass ich immer wieder auf die Karte schaue und versuche, einzuschätzen, ob ich es mir leisten kann, mir unterwegs noch etwas anzusehen. An den Hängen der Berge östlich von Verdun scheint es diverse Denkmale, Militärfriedhöfe und Museen zu geben, ich müsste allerdings von der Voie de la Liberté nach Süden abweichen. Ich entscheide mich dagegen aus Angst, zu spät in Verdun anzukommen. Also besichtige ich nur, was sich am Rand dieser Straße befindet, und so kommt es, dass der erste Militärfriedhof, den ich besichtige, ein deutscher ist. Er liegt direkt hinter der Kirche und hat die Größe eines etwas größeren Garten, wie er auf dem Land üblich ist, aber es sind fünfhundert Tote. Einen weiteren Friedhof sehe ich am Rand der Straße, ich schätze ihn auf 2000 Tote, betrete ihn aber nicht. Beim Weiterfahren denke ich: Es hätte ja auch einer aus dem Zweiten Weltkrieg sein können, aber dann erinnere ich mich an einige jüdische Grabsteine auf dem Friedhof (leicht aus der Ferne erkennbar, da nicht in Kreuzform), und es ist klar: Der Friedhof stammt aus dem Ersten Weltkrieg.

Ungefähr dreißig Kilometer vor Verdun stelle ich fest, dass die kleinen Säulen, auf denen immer wieder „Voie de la Liberté steht“, Nummern tragen, und komme schnell darauf, dass diese Nummern die Entfernung nach Verdun anzeigen (eigentlich schon beim ersten Stein – der zweite bestätigt meine Vermutung.) Von dort aus schaue ich nicht mehr nach jedem Dorf auf die Karte, überlege, wie viel ich schon geschafft habe und wie viel ich noch schaffen muss und bis wann ich das wohl geschafft habe, sondern kann mit Hilfe der Steine all diese Fragen viel leichter beantworten: Ungefähr um fünf müsste ich da sein.

Ab Kilometer vierzehn geht es bergauf. (Davor hatte ich Gegenwind). Es ist klar, Verdun liegt irgendwie hinter den Bergen. Der Anstieg zieht sich über mehrere Kilometer hin, erst ungefähr bei Kilometer acht geht es wieder bergab, aber nur für kurze Zeit. Ab Kilometer zwei geht es durchgehend bergab, aber da habe ich auch schon die Außenbezirke der Stadt erreicht, kenntlich an den üblichen Baumärkten, Supermarktketten und so weiter. Ich stelle fest, dass Verdun für Fahrradfahrer lebensgefährlich ist: Die beiden Spuren der Straße sind getrennt, so dass es nicht möglich ist, auf die Gegenspur zu gelangen, was bedeutet, dass ich nur mit Schwierigkeiten überholt werden kann. Lastwagen können mich nur mit großen Schwierigkeiten überholen, und manchmal halte ich den Atem an, weil einer mich mit weniger als einem Meter Abstand überholt.

Ich fahre bergab und hoffe, dass ich nichts falsch mache und dass ich nicht wieder bergauf muss. Ich habe Glück: Das Zentrum von Verdun liegt im Tal. Der Campingplatz ist frühzeitig ausgeschildert, aber nicht durchgehend, und ich finde das „Office de Tourisme“, bevor ich den Campingplatz finde. Ich erhalte dort eine Wegbeschreibung und einen einfachen Stadtplan der Innenstadt, mache mich auf die letzten paar hundert Meter meines Weges, gelange erst einmal an einem großen Denkmal für die Toten des Krieges vorbei, und anschließend sehe ich das große Stadttor, die Maas, die Promenaden an den Ufern der Maas mit ihren Flohmarktständen. Verdun ist eine schöne, sehr französische Stadt. In den Straßen finden sich Cafés, es gibt eine große Einkaufszone und sehr viele Einbahnstraßen, die ich einfach nicht verstehe, so dass ich mein Fahrrad hindurch schiebe.

Auf dem Zeltplatz lese ich die Zeitung „Le Monde“, die ich im Carrefour gekauft habe, bevor ich mein Zelt damit auswische. Ein Artikel bleibt mir besonders in Erinnerung, nämlich über eine Studie, welche besagt, dass Frauen den öffentlichen Raum nicht in dem Maße nutzen, wie Männer es tun. Selbst wenn sie draußen sind, bewegen sie sich in aller Regel sehr zielbewusst, um Besorgungen zu machen, sie flanieren nicht und nutzen auch nicht die Cafés oder (wenn sie jünger sind) die Skateparks. Daneben ist eine Karikatur zu sehen: Neben einer Parkbank steht ein Schild, Frauen verboten zwischen 21 und 7 Uhr, und einer Frau, die sich dort doch aufhält, zeigen einige Männer entrüstet ihre Armbanduhr, damit sie versteht, dass sie sich zu einer Zeit, zu der das für Frauen nicht erlaubt ist, draußen aufhält. Der Artikel enthält einige Überlegungen, was man von Seiten der Stadtverwaltungen vor allem architektonisch tun kann, um den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass sich Frauen wohler fühlen, aber ich denke, dass die Karikatur das Problem genauer erfasst hat: Männer machen deutlich, dass Frauen an manchen Orten und zu manchen Zeiten nicht willkommen sind. Es handelt sich nicht um Gewalt oder Drohungen von Gewalt, sondern um kleine, subtile Gesten, die dennoch klar machen: hier ist kein Platz für dich, und falls du darauf nicht reagierst, könnte Gewalt durchaus die Folge sein.

Während des gesamten Urlaubs bleibt mir der Artikel in Erinnerung; ich überlege, an welchen Punkten ich unmarkierte Grenzen überschreite und mich an Orten aufhalte, an denen ich nicht willkommen bin: Als Deutsche in französischen Erinnerungsstätten, als Frau, die allein durch die Gegend fährt, und als Fahrradfahrerin auf Straßen, von denen die Autofahrer meinen, dass sie ihnen gehören. Es sind tatsächlich die Autofahrer, die mir am aggressivsten (teilweise lebensbedrohlich) klar machen, dass ich hier nicht erwünscht bin.

23. August: Verdun (Ausflug zu den Schlachtfeldern)

Der Tag beginnt mit Regen, und anstatt mich sofort auf den Weg zu machen, trinke ich erst einmal eine Tasse Kaffee im Café des Campingplatzes. Als sie leer ist, mache ich mich im Regen auf den Weg zu den Schlachtfeldern, und komme dabei an einer großen „Nécropole nationale“, einem französischen Militärfriedhof, vorbei. Ich steige ab und sehe ihn mir näher an, finde direkt am Eingang nicht nur das Grab eines unbekannten Soldaten aus dem Ersten Weltkriegs, sondern auch das eines Mitglieds der Résistance im Zweiten Weltkrieg. Ich laufe mehrere Reihen Gräber ab, lese mir die Namen, die Jahreszahlen und die militärischen Ränge durch – mehr steht nicht auf den Kreuzen. In der Mitte des Friedhofs ist ein großes Denkmal mit sieben Gräbern, es handelt sich um die Gräber der sieben unbekannten Soldaten, die zur Auswahl standen, unter dem Arc de Triomphe begraben zu werden, aber nicht ausgewählt wurden. Ich suche nach Gräbern, die nicht durch ein Kreuz gekennzeichnet sind, einige davon sind Gräber von Muslimen, aber nach einer Weile finde ich auch ein jüdisches. Mehrere kleine Steine liegen darauf, so viele, dass ich mich frage, ob nicht hin und wieder einer herunterfällt. Ich sehe neben den Grabstein, und tatsächlich liegen dort einige kleine Steine. Einen davon hebe ich auf und lege ihn auf das Grab. Ich finde eine zweites jüdisches Grab und lege einen Stein darauf, den ich auf dem Weg gefunden habe.

(Ich erinnere mich an den aufgeblasenen Text über Rituale, den ich für ein Seminar lesen musste. Rituale seien eine Form, religiöses Geschehen nachzuspielen und Rollen einzunehmen und Gefühle nachzuleben. Ich denke, es ist viel einfacher: Rituale, eben einen Stein auf ein Grab legen, eine Kerze anzünden oder auch einen Kranz irgendwo ablegen, sind standardisierte Gesten, um ein Gefühl – Trauer – auszudrücken, das sehr komplex und auch widersprüchlich sein kann, so dass man nach außen zeigt, dass man trauert, während man selbst einen kurzen Augenblick still ist und diesem komplexen Gefühl in sich selbst Raum gibt. Man kann über „Kranzabwurfstätten“ spotten, aber sie haben ihren Platz in der Erinnerungskultur und sind notwendig.)

Ich fahre weiter, folge den Schildern „Champs de Bataille“. Es geht aus der Stadt hinaus, den Berg hinauf. Die ersten drei Gräber finde ich schon auf der sich windenden Straße zu den eigentlichen Schlachtfeldern, Gräber aus der Zeit des Krieges, bevor die Toten nach Kriegsende eingesammelt und auf den großen Friedhöfen begraben wurden. Dann ein Schild, dass sich an dieser Stelle ein Fort befunden hätte, das Fort Souville. Ich will erst daran vorbeifahren, dann werfe ich einen Blick auf den Wald zu meiner Seite: Was auf den ersten Blick wie gewöhnlicher Wald aussieht, zeigt auf den zweiten Blick noch immer die Spuren der Schlacht. Der Boden ist übersät mit Minenkratern und mit den Überresten der Schützengräben. Sie liegen dicht an dicht; neben dem Rand des einen Kraters befindet sich schon der nächste, so dass man sich, mit etwas Phantasie, vorstellen konnte, wie das alles ohne Gras und Bäume, nur mit Matsch ausgesehen mag. Sie sind jetzt alle mit Gras bewachsen, und Bäume wachsen hier auch, aber gerade die Bäume mit ihren Wurzeln konservieren die Unebenheiten der Erdoberfläche, eben die Krater und die Schützengräben. (Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich gelernt habe, die Zeichen des Krieges zu erkennen, aber mittlerweile fällt es mir leicht: kreisrunde Löcher sind typisch für die Krater, die von Explosionen herrühren. Hier in der Nähe des ehemaligen Forts Souville liegt Loch neben Loch.)
Ein Stück weit fahre ich in den Wald hinein, um das Fort zu suchen, aber ich finde nur eine Tafel der Forstverwaltung mit Informationen über naturnahe Bepflanzung und über verschiedene Holzschädlinge. Ich fahre wieder zurück, da ich Angst habe, zu weit von der Straße abzukommen. Wieder an der Stelle angelangt, wo der Weg von der Straße abgewichen ist, lese ich die Informationstafel durch. Es wird gewarnt, von den Wegen abzuweichen: Man kann immer noch auf Munition aus dem Krieg treffen (und treten, und dann kann sie auch nach hundert Jahren noch explodieren.) Das Fort kann ich mir auch auf dem Rückweg ansehen, beschließe ich.

Wichtiger sind mir die zentralen Gedenkstätten, das „Memorial“ und das „Ossuaire“. Bevor ich beides entdecke, finde ich erst einmal ein Denkmal für André Maginot, der sich freiwillig für den Militärdienst gemeldet hat, obgleich er die Altergrenze schon überschritten hatte, und ein Denkmal, das einen liegenden Löwen zeigt. Später lerne ich, dass dieser Löwe für die bayrischen Regimenter steht, die hier von den Franzosen zurückgeschlagen wurden. Ich biege in Richtung Memorial ab, aber dieses wird von einem Bauzaun versperrt: Neueröffnung 2016. Das hundertjährige Jubiläum der Schlacht ist wichtiger als das Jubiläum des Kriegsbeginns. Dafür steht ein Bauwagen da, in welchem Bücher verkauft werden. Ich kaufe eines.

(Ich denke, dass solch ein Bauzaun auch seine Vorteile hat: Er verankert wieder in der Gegenwart. Selbst auf diesem ehemaligen Schlachtfeld, auf dem alles an das Grauen vor fast hundert Jahren und an die Hunderttausende von Toten erinnert, gibt es noch die Gegenwart, in der es eben vorkommt, dass ein Memorial von einem Bauzaun versperrt wird.)

Ich mache mich also auf den Weg zum Ossuaire, aber zuvor sehe ich mir noch das zerstörte Dorf Fleury-devant-Douaumont an. Die Stellen, wo sich Bauernhäuser, Waschhäuser oder das Rathaus befanden, sind markiert. Die Kapelle ist wieder aufgebaut, sie heißt jetzt Notre-Dame-de-l’Europe und soll Hoffnung auf Frieden wecken. Auch hier ist der Boden zerfurcht von Minenkratern und ehemaligen Schützengräben. Ein Schild erinnert an eine Schlucht, auf der die Soldaten an die Front gelangten, meistens nachts, viele wurden bereits auf dem Weg getötet. (Außer Fleury wurden noch acht weitere Dörfer während der Schlacht zerstört. Ich habe aber nur Fleury besichtigt.)

Ich fahre weiter, finde hundert Meter hinter dem Ossuaire ein Restaurant und mache dort erst einmal Halt. Ich esse nur eine Kleinigkeit, gebe aber trotzdem zehn Euro aus. Ich bringe es nicht fertig, zu sagen, dass ich nur Kaffee trinken will. (Die Kleinigkeit heißt Croque Madame. Ich habe noch nie Croque Monsieur gegessen, weiß nicht einmal genau, was es ist, glaube allerdings, dass es das gleiche ist wie Croque Madame, nur ohne Spiegelei und daher einen Euro billiger. Da sieht man, was genderisierte Bezeichnungen für Essen anrichten. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass ich Spiegelei mag.)

Anschließend fühle ich mich bereit, mir das Ossuaire anzusehen. Es besteht aus einem langen Gang mit den Namen von Soldaten, die vermisst wurden. An den beiden Enden des Ganges kann man Kerzen anzünden. Ich suche mir eine für fünfzig Cent aus. Auch wenn es die billigste Kerze ist, schlanker und kürzer als die teureren Kerzen, steht sie doch zwischen den anderen Kerzen und wird ein paar Stunden leuchten.

Ich denke über den Versuch nach, den Toten ihre Individualität zurückzugeben, indem ihrer hier mit einer Tafel mit ihrem Namen gedacht wird. Es ist ein vergebliches Unterfangen, denke ich: Für die Familien der Toten und für diejenigen, die sie kannten, waren diese Tafeln wichtig, sie geben denjenigen, die gefallen sind und denen in der Armee und durch die Art ihres Todes tatsächlich in gewisser Weise ihre Individualität genommen wurde, ihre Individualität zurück, das heißt vor allem, ihre individuellen Beziehungen zu den Menschen ihrer Umgebung, aber für diejenigen, die sie nicht kannten, bleiben nur ein Name und eine Jahreszahl und keine Geschichte dahinter.

In die katholische Kirche werfe ich nur einen Blick, dann kaufe ich mir eine Eintrittskarte. Die Verkäuferin informiert mich, dass in sieben Minuten der Film starten wird, dass ich mir also zuerst den Film ansehen und dann den Turm besteigen sollte. Ich folge ihrem Rat und gehe zunächst treppab, zum Museumsshop, der auch zum Filmvorführraum führt. Es ist möglich, Kopfhörer zu erhalten, mit denen man eine Übersetzung des Textes hören kann, aber ich verzichte und tue so, als sei mein Französisch gut genug. Tatsächlich verstehe ich ungefähr die Hälfte von dem, was gesagt wird.

Besonders in Erinnerung bleiben mir nicht Bilder von der eigentlichen Schlacht, sondern von der Voie Sacrée, der einzig verbliebenen Verbindungsroute nach Verdun. Sie bestand einerseits aus einer einspurigen Eisenbahnlinie, andererseits aber vor allem aus einer Straße, auf der nun die Lastwagen fuhren (die damals noch ziemlich langsam und störanfällig waren.) Sie fuhren mehr oder weniger Stoßstange an Stoßstange, und wenn einer eine Panne hatte, wurde er in den Straßengraben geschoben. Auf diese Weise wurde der Nachschub an Soldaten, Verpflegung und Munition gesichert.

Die Schlacht von Verdun (kurz „Verdun“, aber das werde ich jetzt nicht mehr sagen, jetzt, wo ich weiß, dass Verdun eine Stadt ist und keine Schlacht) war die erste der beiden furchtbaren Schlachten des Jahres 1916, die insgesamt zu mehr als einer Million Verluste führten. (Die zweite war die Schlacht an der Somme.) Berühmt ist der Satz von Falkenhayn, dass er bei Verdun die Franzosen „weißbluten“ lassen würde. Da die Stadt mit ihren zwölf vorgelagerten Festungen ein wichtiges Symbol sei, würden die Franzosen sie nicht aufgeben, sondern immer mehr Soldaten hin schicken, um sie zu verteidigen. Wenn die französischen Verluste genauso groß seien wie die deutschen, würde das langfristig zur Niederlage der Franzosen führen, da für diese wegen der geringeren Bevölkerung die Verluste schwerer wögen. Von den Gegnern wurde der Spruch als zynisch und menschenverachtend empfunden: Normalerweise ist die Eroberung von Territorium, nicht das Töten von Menschen das Ziel. (Dass Menschen sterben, ist aus dieser Perspektive nur ein Nebeneffekt.) In dem Buch „La grande guerre“ von Jean-Jacques Becker und Gerd Krumeich, welches ich nun gelesen habe, wird die Behauptung aufgestellt, dass das „Weißbluten“ Frankreichs nicht das Ziel des Angriffs auf Verdun war. Das Ziel bestand im Durchbrechen der Front, und erst als man damit gescheitert war, wurde die Fortsetzung der Schlacht mit dem „Weißbluten“ Frankreichs gerechtfertigt. (Schließlich waren die eigenen Verluste ähnlich hoch.)

Die Turmbesteigung ist ganz nett, aber oben gibt es keinerlei Museum, wie ich es erhofft hatte, sondern nur einen Rundumblick auf die Umgebung, so dass man das Schlachtfeld sehen kann. (Ich muss auch meine Vorstellungen von der Schlacht revidieren. Ich hatte mir sonst immer vorgestellt, dass Schlachten in Tälern stattfinden und dass die verschiedenen Armeen von den umgebenen Hügeln ins Tal strömen und dort aufeinander treffen. Aber das ist wohl eine romantische Vorstellung, die vielleicht nie mit der Wirklichkeit übereingestimmt hat. Die Schlacht von Verdun fand jedenfalls im wesentlichen auf diesem Berg im Norden von Verdun statt, der von den Franzosen gehalten wurde und den die Deutschen zu erobern versuchten.)

Auch den Museumsshop sehe ich mir an. Ich finde die Tagebücher von Louis Barthas, außerdem „Otages d’Acier“ und „Dans L’Ouest Rien de Nouveau“, mehr oder weniger einträchtig nebeneinander. Ich kaufe aber nichts. Zu diesem Zeitpunkt bin ich noch einigermaßen vernünftig, was Bücher und das mit ihnen verbundene zusätzliche Gewicht anbelangt.

Nach der Turmbesteigung suche ich nach dem eigentlichen: Ein Ossuaire ist ein „Beinhaus“, also ein Haus, in welchem die Knochen der Verstorbenen aufbewahrt werden, nachdem die Gräber aufgelöst wurden, so dass sie am Tag des Jüngsten Gerichts an der Auferstehung des Fleisches teilhaben können. Ich suche also nach den Knochen. Sie befinden sich im Keller, man kann sie sehen, wenn man zu den kleinen Fenstern ganz unten auf der Rückseite des Gebäudes hineinsieht. Sie sind lange nicht geputzt, und man muss nahe herangehen, um überhaupt etwas zu erkennen. Hinter einem Fenster sind Schenkelknochen, hinter einem anderen Beckenknochen, hinter einem weiteren sind Wirbel und andere kleine Knochen, hinter noch einem dann Schädel. Es sind die Knochen von hundertdreißigtausend Toten, Deutschen und Franzosen, die nach dem Krieg auf dem Schlachtfeld gefunden wurden und die nicht mehr identifiziert werden konnten. (Ich finde solche Beinhäuser etwas makaber, auch als ich einmal ein „ziviles“ Beinhaus gesehen habe, fand ich es makaber. Aber was hätte man sonst tun sollen?)

Zuletzt gehe ich noch über den Friedhof. Fünfundzwanzigtausend Tote, es muss einer der größten französischen Militärfriedhöfe sein. (Vor zwei Jahren habe ich den in Loretta bei Lens besichtigt, welcher ähnlich groß war.) Die Grabsteine für die muslimischen Gefallen stehen in einem besonderen Bereich, mitten unter den anderen, aber eben alle zusammen, nicht mit den christlichen Kreuzen vermischt. (In Loretta war es genauso.) Nach jüdischen Grabsteinen suche ich hier nicht, es gibt aber eine spezielle Gedenkstätte für die jüdischen und eine andere spezielle Gedenkstätte für die muslimischen Gefallenen. (Immerhin ist das Ossuaire eine ziemlich christliche Angelegenheit, so dass es angemessen ist, wenn die Angehörigen anderer Religionen eigene Gedenkstätten erhalten.)

Auf dem Rückweg entscheide ich mich dagegen, mir das Fort Souville anzusehen. (Von der Straße aus hatte ich ein Schild gesehen, das mir anzeigte, dass es sich genau dort befunden haben muss, wo ich das Schild der Forstverwaltung gefunden hatte. Von der Straße aus könnte ich es nun auch ansehen, aber ich will mir lieber noch die Stadt Verdun etwas genauer ansehen.) Ich fahre zurück in die Stadt, genieße, dass es endlich bergab geht. Ich finde keinen Carrefour, aber einen Leclerc-Supermarkt und kaufe Brot und Käse für den nächsten Tag.

Danach gehe ich noch auf Besichtigungstour: erst einmal das Denkmal für den Sieg, welches nach dem Krieg errichtet wurde, und welches nicht an die Toten erinnert, sondern an alle Kämpfer vor Verdun, auch an die amerikanischen Soldaten, die in den letzten Kriegsjahren hier gekämpft haben. Mir fällt vor allem ein deutsches Plakat auf, das hier ausgestellt ist: Es zeigt Städte, die durch explodierende Bomben zerstört werden und behauptet, so würde es in Deutschland aussehen, wenn man dem Feind erlauben würde, die deutschen Grenzen zu überschreiten. Dass es genauso in der Realität (nicht nur als Möglichkeit) in den französischen Städten aussah, wo die Deutschen eingefallen waren, wird nicht erwähnt. Ich muss an das denken, was ich in den letzten Jahren über Projektionen gelernt habe und an das, was ich von Hannah Arendt („Besuch in Deutschland“) über die Flucht vor der Wirklichkeit der meisten Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt habe.

Schließlich, weil noch viel Zeit ist und ich nicht um halb sieben auf dem Campingplatz sein will, besichtige ich die Kathedrale. Sie ist aber nicht so beeindruckend wie die von Metz, gerade weil sie älter ist: Der Grundstock des Baus ist aus romanischer, nicht aus gotischer Zeit, und hat nicht die Kühnheit der gotischen Kathedralen. Dafür lerne ich etwas über die heilige Thérèse de Lisieux. Der Rückweg gestaltet sich schwierig, da ich immer an Stellen lande, an denen ich nicht weiterkomme, weil es alles Einbahnstraßen in die falsche Richtung sind. Am Ende fahre ich einfach entgegen der erlaubten Richtung.

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