Im Café: Keine Antisemitin

Heute  nachmittag hatte ich wieder einmal eine eher unangenehme Begegnung mit Mitmenschen, die Ansichten vertreten, die nicht vertretbar sind. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so: sowohl an der Universität als auch im Internet lebe ich in einer gewissen „Blase“, und so weiß ich nicht, wie der „Mainstream“ tickt. Allerdings hoffe ich sehr, dass es sich bei diesen Leuten nicht um den Mainstream handelt.

Da ich etwas vergrippt war, konnte ich mich mit ihnen nicht so streiten, wie ich gern gewollt hätte, und außerdem hätte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den BetreiberInnen und MitarbeiterInnen des Cafés gehabt, die alle sehr nett sind und die mich sonst für einen friedlichen Menschen halten.

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Endlich habe ich die Karikatur gefunden, über die sich alle aufregen.

Zuerst war es ein Tweet von @nabertronic , der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass es in der neuen Ausgabe von Charlie Hebdo eine Karikatur gibt, die die Gemüter erregt. Nabertronic erklärt, dass die Karikatur darstellt, wie die meisten Deutschen denken. Ich wollte mich erst einmal nicht „spoilern“ lassen und mied die Diskussion, bis ich Gelegenheit hatte, die Zeitung zu kaufen und zu lesen.

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So langsam klärt sich, was geschehen ist

So langsam wird deutlich, was in Köln geschehen ist, und so langsam möchte ich auch aufhören, die verschiedenen Beiträge, die überall erscheinen, zu lesen, und daher setze ich einen Schlusspunkt, indem ich selber schreibe, und riskiere, mich mit Kommentaren auseinander setzen zu müssen.

Vor ein paar Tagen ist ein langer podcast von Antje, Benni und Eva erschienen: Besondere Umstände, Episode 19, Teil 1 erschienen. Ich habe dort ausführlich geantwortet und poste jetzt hier meinen langen Kommentar (hinter dem Cut). Ich halte den podcast für eine der besten Reaktionen, weil erst einmal das Dilemma eingestanden wird: In Köln ist anscheinend etwas passiert, was genau dem rassistischen Narrativ entspricht, und nun muss man darauf eine nichtrassistische Antwort finden.

Vorher aber noch ein paar Links zu weiteren intelligenten Texten:

http://zumpad.zum.de/p/ml-koeln

http://www.newstatesman.com/world/europe/2016/01/how-deal-new-years-eve-sexual-assaults-cologne-and-hamburg

http://www.thedailybeast.com/articles/2016/01/08/why-we-can-t-stay-silent-on-germany-s-mass-sex-assaults.html

http://www.n-tv.de/politik/Was-Koeln-mit-dem-Islam-nicht-zu-tun-hat-article16718251.html

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Ratschläge aus den Fünfzigern für junge Frauen aus den Zweitausendzehnern.

Was die Ereignisse in Köln selbst anbelangt, mag ich noch nichts sagen: Zu reflexhaft sind mir die Reaktionen beider Seiten. Die eine Seite weist die Schuld „Flüchtlingen“ und anderen Eingewanderten zu, die andere Seite wendet sich genau dagegen und weist darauf hin, dass auch deutsche Männer vergewaltigen. Informationen, die diesen Namen verdienen, sickern erst nach und nach durch, und im Moment ärgert mich vor allem, dass es zunächst Fehlinformationen etwa über als Taschendiebe bekannte Männer gab.

In der Zwischenzeit, weil ich während des Wochenendes in eine Diskussion mit Evolution-Christian und am Donnerstag in eine Diskussion mit @drehumdiebolzening  geraten bin, ein paar Bemerkungen zu den Ratschlägen, die OB Reker an junge Frauen gibt, die sich amüsieren wollen. Hier ist erst einmal ein Link zur Pressekonferenz auf Youtube

und hier ein Link zu einem Interview im ZDF:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/2639602

Ärgerlich an der Pressekonferenz ist vor allem, wie viele Informationen sich hinterher als falsch herausgestellt haben. Aber zu diesem Thema sammle ich noch Links und Gedanken und warte ab, bis wir wirklich etwas Substantielles wissen.

Die entscheidenden Fragen zum Thema, welche Tipps die OB jungen Frauen geben würde, damit sie sicher sind, finden sich erstens um Minute 4.48 und zweitens zu Minute 9.10:

Um Minute 4.48 hakt eine Journalistin der taz nach, weil sie gehört hat, dass zum Maßnahmenkatalog auch gehören soll, dass Stadt und Polizei Frauen, die sich an gefährdeten Orten aufhalten oder aufhalten werden, informiert werden sollen, wie sich verhalten sollen.

Reker erklärt, dass es Verhaltenshinweise gebe, wie sich Frauen und Mädchen, die sich in solche Situationen begeben oder mit solchen Situationen konfrontiert werden, sich sicherer fühlen können, so dass sie sich gut vorbereitet und ohne Unsicherheitsgefühl ins Karnevalsgeschehen begeben können: Vor allem muss Menschen aus anderen Kulturen (Nicht-Kölnern?) deutlich gemacht werden, dass die Zuwendung, die zum Karneval gehört nicht als Einladung verstanden werden darf.

Eine weitere Journalistin hakt um Minute 9.10 nach und fragt, wie sich junge Frauen schützen können, da sie keine Vorstellungen habe. Frau Reker antwortet, dass man eine Armlänge Abstand halten könne und keine Nähe zu Personen suchen solle, die man nicht kennt und zu denen man kein Vertrauensverhältnis hat, und ansonsten solle man in der eigenen Gruppe bleiben und sich nicht trennen lassen.

Geradezu angenehm ist im Vergleich dazu der Hinweis ihres Kollegen, der Hinweise für Dritte gibt, dass diese nicht wegschauen, sondern helfen sollen, und der Polizeipräsident erklärt, dass die jungen Frauen Fremde um Hilfe bitten und dabei konkrete Menschen ansprechen sollen. (Jetzt sollen also Fremde doch helfen können und nicht einfach feindlich gesonnen sein.)

In der Süddeutschen wird behauptet, diese Ratschläge seien durch den bald folgenden Shitstorm aus dem Zusammenhang gerissen worden: Eine Armlänge Empörung. Das stimmt insofern, als sich Frau Rekers Vorschläge nicht auf die Situation am Bahnhof bezogen, sondern allgemein auf gefährliche Situationen, etwa den Karneval. (Dass der Karneval eine potentielle Gefahrenzone für Frauen und Mädchen darstellt, scheint niemanden zu stören.) Allerdings sind die Ratschläge auch für andere Situationen, etwa den Karneval untauglich. Am schlimmsten ist die Warnung, nicht jedem beim Karneval um den Hals zu fallen im Interview mit dem ZDF.

Hier sind erst einmal die Kritik der Taz: Präventionstipps für Männer und #Eine Armlänge zu unnütz.

In den Kommentaren zum zweiten Text wird die übliche Frage gestellt, ob jeglicher Tipp, wie man die eigene Gefährdung verringert, gleich victim-blaming bedeute. @drehumdiebolzening hat auch diese Frage gestellt. Der Vergleich mit dem Überqueren einer Einbahnstraße wird gezogen: hier schaut man auch in beide Richtungen, ob ein Auto kommt, obgleich eigentlich nur aus einer Richtung Autos kommen sollten. Ein weiterer Kommentator beklagt, dass nach dem Diebstahl einer Brieftasche die Polizei Victim-Blaming betrieben habe. Als er den Diebstahl angezeigt habe, hat er sich sagen lassen, dass er die Brieftasche in der Innentasche der Jacke hätte aufbewahren müssen.

Natürlich sind der Brieftaschendieb und der Autofahrer, der aus der falschen Richtung kommt, schuld. Natürlich ist es sinnvoll, trotzdem vorsichtig zu sein. Natürlich ist der Einbrecher schuld, und trotzdem ist es sinnvoll, die Wohnungstür abzuschließen

Ich frage mich, ob es Tipps gibt, die die Wahrscheinlichkeit einer Vergewaltigung verringern, ohne Victim-Blaming darzustellen. Sie müssten alle mit den folgenden Worten beginnen: „Im Prinzip hat jede Frau das Recht, überall und zu jeder Tageszeit und in jeder Art von Kleidung unterwegs zu sein, ohne vergewaltigt zu werden. Es gibt aber böse Menschen, die die Rechte von Frauen (und häufig auch die Rechte anderer Männer) nicht achten, und wir, die Gesellschaft, können euch nicht überall vor ihnen schützen, daher werden wir euch jetzt Tipps geben, wie ihr eure eigene Sicherheit erhöhen könnt.“

Wenn man so beginnt, erübrigen sich alle Tipps zum Thema Kleidung, und zwar deswegen, weil sie mit einem anderen Bild der Täter arbeiten: Sie werden nicht als Menschen betrachtet, die die Rechte anderer Menschen nicht achten, sondern als triebgesteuerte Wesen.

Gestern habe ich einen Text von Majiid Nawaz gefunden, der das besser erklärt als ich: Why We Can’t Stay Silent on Germany’s Mass Sex Assaults.(Majiid Nawaz ist Brite, hat einen „Hintergrund“ aus einem muslimischem Land, welchem weiß ich nicht, ist jetzt aber in erster Linie säkular und kämpft für Liberalismus, gegen Islamismus und gegen das, was er die Regressive Linke nennt.)

Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurse sind grundsätzlich nicht schlecht, so lange sie nicht überschätzt werden. Um richtig gut zu werden, reicht ein Wochenendkurs nicht aus. Auch einer Frau, die regelmäßig trainiert, kann es passieren, dass sie im Angesicht einer realen Gefahr in Panik gerät und nicht weiß, was sie tun soll. Jedem und jeder kann es passieren, dass sie einem stärkeren Gegner oder einer Überzahl oder Menschen mit Waffen gegenüber steht.

Kontraproduktiv ist der Trend zur Selbstverteidigung, wenn er zu einer neuen Form des Victim-Blaming führt: Warum hast du dich nicht gewehrt? Vielleicht ging es gerade nicht. Am schlimmsten finde ich jene Frauen, die der Überzeugung sind, sie könnten durch ihr selbstbewusstes Auftreten Männer davon abhalten, sie anzugreifen. „Ich wirke nicht ängstlich – mir kann nichts passieren.“ Am allerschlimmsten sind aber einige sechzigjährige Frauen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, die beim Anhören von Geschichten über Gewalterfahrungen gesagt haben: „Wenn ich dem begegnet wäre – ich hätte ihm mit meinem Regenschirm eins übergezogen“, als wären sie siebenjährige Junge. Tatsächlich sind sie noch nie in eine entsprechende Situation geraten.

Eine weitere häufige Kategorie von Ratschlägen betreffen Orte, die man besser meiden sollte, jedenfalls zu bestimmten Uhrzeiten. Anscheinend haben Menschenansammlungen wie der Kölner Karneval jetzt Wald und Park als gefährliche Orte abgelöst. Ich fürchte, dass jede Frau (und vielleicht auch einige Männer) Orte kennt, die sie meidet, weil sie sich dort nicht sicher fühlt, zumindest nicht nachts. Das subjektive Sicherheitsgefühl hat dabei nicht immer etwas mit der realen Gefahr zu tun.

Das Meiden bestimmter Orte ist jedoch kein wünschenswerter Zustand: Wünschenswert wäre, überall hingehen zu können und keine Angst haben zu müssen, nicht einmal auf der Hut sein und darauf gefasst sein müssen, dass man sich wehren oder davonlaufen muss. Wer andere Menschen auffordert, bestimmte Orte zu meiden, anstatt dies dem Sicherheitsgefühl der Betreffenden zu überlassen (obwohl er genauso wenig gesicherte Erkenntnisse über die Gefährdungslage besitzt wie jene), wer im Extremfall auffordert, , zuhause zu bleiben, ohne gegenwärtigen Zustände anzuprangern und andere Zustände zu fordern, der tut nichts für die Sicherheit der betroffenen Frauen, sondern schickt sie dahin, wo sie gemäß patriarchaler Vorstellungen hingehören, ins Haus. Die meisten Frauen wägen regelmäßig zwischen ihrem Sicherheitsbedürfnis und ihrem Bedürfnis nach Bewegungsfreiheit ab: Gehe ich noch ins Kino, obwohl ich hinterher eine halbe Stunde auf den Bus warten müsste? Fühle ich mich sicherer, wenn ich zu Fuß gehe, und bin ich dann womöglich sogar früher zuhause? Bin ich bereit, das Geld für ein Taxi auszugeben? Oder verzichte ich auf Kino und sehe lieber fern?

Dass jetzt alle erklären, der Bahnhof müsse ein Ort bleiben, an dem sich Frauen sicher fühlen, ist insofern ein Fortschritt. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, zu denen das anders war, zu denen also Frauen gewarnt wurden, abends noch Zug zu fahren oder zu spät mit dem Zug anzukommen. (Einmal einziges Mal in meinem Leben habe ich eine Nachtfahrt mit Umsteigen unternommen und verbrachte bei dieser Gelegenheit neunzig Minuten in den „small hours“ am Kasseler Hauptbahnhof – alles war damals zu, ich konnte nur auf dem Bahnsteig warten, und etwas mulmig war mir schon zumute. Damals waren die Bahnhöfe allerdings noch nicht zu Einkaufspassagen umgebaut. Andererseits – nachts halb drei sind auch die heutigen Einkaufspassagen geschlossen.)

Dies bringt mich jetzt zu den Ratschlägen von OB  Reker. Teilweise gehören sie dieser letztgenannten Kategorie an, allerdings versteckt: Ihre Tipps, bei der eigenen Gruppe zu bleiben und sich nicht trennen zu lassen, wenn man zum Karneval geht (anstatt, wie man es auf einer nicht gefährlichen Veranstaltung tun würde, einen Treffpunkt auszumachen für den Fall, dass man sich aus den Augen verliert), deklarieren den Karneval zu einem gefährlichen Ort, den Frauen, die zufällig keine Gruppe haben, besser meiden sollten.

In der Gruppe zu bleiben, ist überhaupt ein fragwürdiger Rat. Die Ereignisse der Silvesternacht haben gezeigt, dass Menschen, die es darauf anlegen, Gruppen auseinanderreißen können. Der andere Punkt ist der, dass selbst auf Veranstaltungen, die die meisten Menschen ohnehin nur in Gruppen besuchen (wie dem Karneval), es Situationen gibt, in denen die eine Person mehr in die, die andere mehr in jene Richtung möchte, oder wo eine an einer Stelle noch stehen bleibt und sich unterhält, während die anderen schon weiter  gehen, so dass man nicht immer aneinanderkleben mag. Und wenn eine Person zur Toilette muss, dann sollte auch nicht die ganze Gruppe mitkommen müssen, und Ankunft und Abreise geschehen immer getrennt. Den Karneval als Gruppe genießen ist eine Sache – als Gruppe ständig darauf achten, dass niemand verloren geht und dass alle immer zusammen sind, kann schnell in Stress ausarten. Wenn man eine Kindergruppe beaufsichtig, mag das notwendig sein, aber für die, die die Gruppe beaufsichtigen, ist das kein Spaß. Eine Gruppe von Erwachsenen sollte sich auf dem Karneval nicht fühlen, als sei sie auf Expedition im Urwald oder auf Erkundungstour in einem Kriegsgebiet.

Wenn nun OB Reker diese Tipps ausspricht, dann wird es sehr merkwürdig. Wenn sie ihre Tipps mit den oben genannten Worten beginnen würde: Ihr habt eigentlich das Recht, euch auf dem Karneval unbesorgt zu amüsieren, aber leider gibt es böse Menschen und leider können wir euch nicht überall schützen, dann spricht sie vom eigenen Versagen. Was den Karneval anbelangt, sollte sie ein vernünftiges Sicherheitskonzept entwerfen, statt Frauen Ratschläge zu geben.

Die allermerkwürdigsten Ratschläge Rekers sind jedoch die, die darauf hinauslaufen, dass Frauen Abstand zu fremden Männern halten sollen. Sie klingen wie die Tipps, die jungen Frauen früher gegeben wurden, damit sie ihren guten Ruf nicht verlören, aber nicht wie Tipps, die vor Vergewaltigung schützen. Warum soll man einen sympathischen Menschen nicht näher als eine Armlänge heranrücken lassen oder sich ihm an den Hals werfen – daraus folgt nicht, dass man unbedingt miteinander Sex haben muss. Vielleicht merkt entweder er oder sie, dass die Sympathie dafür dann doch nicht groß genug ist, dann geht man eben wieder auseinander. Vielleicht wird es aber ein nettes Abenteuer.

Einen unsympathischen Menschen wird keine Frau freiwillig näher als eine Armlänge heranrücken lassen (insofern ist Rekers Rat komplett überflüssig) – es gibt aber Situationen (gerade auch die am Kölner Hauptbahnhof), in denen dies nicht vermieden werden kann. Manchmal herrscht einfach Gedränge – in Köln war das Gedränge Teil der aggressiven Strategie. Jemand, der es wirklich darauf abgesehen hat, eine Frau zu vergewaltigen, der sich schon ein Opfer ausgesucht hat und entschlossen ist, keine Rücksicht auf ihre Wünsche zu nehmen, ein solcher Mensch wird sich nicht davon abhalten lassen, dass die Frau versucht, Abstand zu halten. Die meisten Frauen kennen wahrscheinlich auch Begegnungen mit Männern, die keinen Abstand respektieren, sondern der Frau auf die Pelle rücken, obwohl jene sich bemüht, einen Abstand von einer Armlänge zu halten, und die man nur schwer los wird – häufig nur, indem man selbst den Platz wechselt.

Die Krönung von Frau Rekers Tipps ist aber zweifellos die Bemerkung von den jungen Frauen, die sich jedem Fremden, der sympathisch lächelt, an den Hals werfen würden. Hier ist die Katze aus dem Sack: Sie empfindet die jungen Frauen heutzutage als Flittchen, die durch ihre Offenheit Signale aussenden, die als Einladung zu mehr aufgefasst werden. Ich vermute, sie dagegen war in ihrer Jugend noch höchst sittsam wie heutzutage nur noch Bella aus „Twilight“.

Natürlich lässt sich nicht denken, dass einem solchen Tipp die Worte vorangestellt werden „Es gibt böse Menschen, die euer Recht, an allen Orten und zu jeder Tageszeit in Sicherheit zu sein, nicht achten, und wir können euch nicht immer und überall vor ihnen schützen.“ Ein solcher Tipp unterstellt, dass die jungen Frauen Männern Hoffnung machen würden und dass diese Männer dann nicht verstünden, dass diese Hoffnung unberechtigt war. Die Verantwortung wird den Frauen, nicht den Männern zugeschoben (die normalerweise imstande sind, eine solche Enttäuschung zu verkraften.) Es wird unterstellt, dass Männer vergewaltigen, weil sie nicht imstande wären, einen Rückzug der Frau emotional auszuhalten.

Zur Abwechslung zwischendurch ein vernünftiger Text, der vor jedem victim-blaming warnt:

http://www.tagesschau.de/inland/koeln-uebergriffe-weisserring-101.html

Am Ende des Textes aus der SZ  Eine Armlänge Empörung.  gibt es einen weiteren Tipp: Abstand von potentiellen Gewalttätern halten – am besten drei Körperlängen. Auch das ist nicht immer praktikabel, aber wenn es gelingt, bietet es natürlich einen besseren Schutz als eine Armlänge Abstand. Vor allem bietet es eine reale Chance, „potentiellen Gewalttätern“ zu entkommen. Nur: Wer sind diese potentiellen Gewalttäter? Unsympathische Männer? Männer, die in irgendwelche Schubladen fallen – meistens eben die des angeblich kriminellen „Südländers“? Alle Männer? Wie soll es gehen, von allen Männern um einen herum drei Körperlängen Abstand zu halten? Und stellt man dann nicht alle Männer – wahlweise alle, die „nicht richtig deutsch“ aussehen – unter Verdacht?

Dies bringt mich auf eine Diskussion, in die ich vor ein paar Tagen geraten bin, als ich der Ansicht war, jemand beispringen zu müssen, die sich mit Evolution-Christian in eine Diskussion eingelassen hatte:

Hier ging es um die Frage, ob Männer die Straßenseite wechseln sollten, um zu signalisieren, dass sie keine Bedrohung darstellen. Die beteiligten Männer fanden das übertrieben, also zogen sie die Angst von Frauen ins Lächerliche.

Evolutionchristian und seine Mitstreiter unterstellen, Frauen wären überängstlich, Frau Reker unterstellt, sie wären leichtsinnig und vertrauensselig. Für die meisten Frauen gilt weder das eine noch das andere. Die meisten Frauen überlegen, wie sicher dieser Weg oder jene Situation ist, wenn sie nachts oder auch tagsüber unterwegs sind, sie wägen ab, ob sie lieber einen Umweg machen oder lieber gleich zuhause bleiben, weil sie nicht mit einer Gruppe von Freundinnen oder mit männlicher Begleitung unterwegs sein können. Die meisten Frauen halten nachts Abstand von Männern und vor allem von Männergruppen und ganz besonders vor betrunkenen Männergruppen. Es kommt dabei nicht auf die statistische Häufigkeit von Vergewaltigung an, auch nicht auf die Wahrscheinlichkeit, von einem Fremden vergewaltigt zu werden im Vergleich zu der, von einem Bekannten vergewaltigt zu werden. Die selbstverständliche Sicherheit, nicht angegriffen zu werden, die die meisten Frauen tagsüber und fast alle Männer tags und nachts erleben, fehlt, und Frau Reker tut so, als sei dies ein normaler Zustand, während EvolutionChristian so tut, als sei sie völlig unberechtigt.

(Sorry für den Rant über EvolutionChristian. Ursprünglich war er noch länger. Selbst schuld, wenn ich nicht genug Abstand zu ihm halte.)

 

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#einearmlänge : warum das Blödsinn ist…

Trippmadam hat ein paar ziemlich interessante Dinge zu „Eine Armlänge“ geschrieben. Ich bin auch noch am Schreiben, aber bis ich fertig bin, reblogge ich erst einmal diesen Text.

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Aufarbeitung der verpassten Aufarbeitung der Vergangenheit. Filmtipp: Der Staat gegen Fritz Bauer

Ich gehe nur noch selten ins Kino, aber jetzt einmal doch. Gesehen habe ich „der Staat gegen Fritz Bauer“, was ein eigenartiger Titel ist, als sei Fritz Bauer Angeklagter in einem Strafprozess. Anfangs fand ich den Film etwas kitschig und klischeelastig, vor allem, da ich vergessen hatte, mich vorher im Internet um die Handlung zu informieren. Da war mir nicht klar, dass es auch um Adolf Eichmann gehen würde, und ich fand die eingespielten Interviewszenen mit Wilhelm Sassen etwas dick aufgetragen. Als klar wurde, dass es eben gerade um die Entführung von Adolf Eichmann gehen würde, konnte ich mich auf den Film einlassen und hörte auf, über die Frage, ob er gut gemacht sei oder nicht, nachzudenken.

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Jahresrückblick: Abschied von der literarischen Regression

Vielleicht eines der Ereignisse, die mich in diesem Sommer am meisten mitgenommen haben, ist das Zerwürfnis mit dem hiesigen Tolkien Fans, und damit verbunden der Abschied von Tolkien. Ich habe mir einen Umzugskarton aus dem Baumarkt besorgt, in welchem ich meine Bücher von Tolkien erst einmal unterbringen werde, und vielleicht, da der Karton zu groß ist, noch mehr Bücher. So habe ich erst einmal mehr Platz in meinen Regalen. (Außerdem werde ich die Bestandteile meines auseinandergefallenen Exemplars von Lotr zum Altpapier bringen. Es handelte sich um eine englische Paperback-Ausgabe, alles in einem Band, da war die Bindung einfach überfordert. Aber vielleicht werde ich das Buch doch behalten, aus Sentimentalität. Immerhin habe ich es dreißig Jahre lang immer wieder aus dem Regal geholt.)

Es war ein eigenartiges Gefühl im Sommer: mich von einem Buch verabschieden, das zwischen zwölf und vierzehn mein Lieblingsbuch gewesen war – mich von meinem damaligen Ich verabschieden, das dieses Buch geliebt hatte, das für Helden wie Aragorn geschwärmt hatte. Zeitweise ekelte es mich vor meinem vierzehnjährigen Ich. Aber in den letzten Wochen ist mir in den Sinn gekommen, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm war: dass ich einige der Autoren, die ich damals las, auch heute noch schätze:  H. C. Andersen, E. T. A. Hoffmann.

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Frohe Weihnachten

Ich habe lange nichts geschrieben, weil ich mit meiner Bachelorarbeit beschäftigt war. Die sechs Wochen, die man dafür Zeit hat, laufen ja von dem Augenblick, bei dem man sich über die Fragestellung klar und mit dem Betreuer oder der Betreuerin einig ist – vorher brauchte ich aber eine ganze Weile, um aus der ungefähren Idee, die ich hatte (Erinnerungskultur) eine konkrete, auf dreißig Seiten bearbeitbare Fragestellung zu machen.

Ein paar „Abfallprodukte“, die nicht in die konkrete, auf dreißig Seiten passende Fragestellung passten, sind hier im Blog gelandet – Gedenkkultur und Aufarbeitung enthalten meiner Ansicht nach eine Menge von Absurditäten.

Jetzt sind habe ich die Arbeit abgegeben, und gleichzeitig haben die Weihnachtsferien in Schule und Universität angefangen, so dass ich auf einmal sehr viel Zeit habe (die ich heute genutzt habe, die Jungle World zu lesen – diese Woche ist sie sehr interessant.) Ich werde demnächst wieder schreiben.

 

 

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Lesetipps zum Thema Klimawandel

Es ist einmal wieder Zeit für eine Klimakonferenz, die COP 21 in Paris. Es ist jetzt endlich Zeit, ein Nachfolgeabkommen für das Kyotoprotokoll zu vereinbaren, und ich schwanke zwischen Hoffnung und Skepsis: ob überhaupt ein Abkommen vereinbart werden wird, ob ein Abkommen vereinbart werden wird, das einigermaßen gerecht ist, ob eines vereinbart wird, das Maßnahmen beschließt, die den Klimawandel begrenzen, und ob es überhaupt politische Aktionen sind, die den Klimawandel begrenzen können, oder ob es nicht am Ende technische und ökonomische Entwicklungen – die gesunkenen Kosten für erneuerbare Energien, die erhöhten Kosten für fossile Brennstoffe – sein werden, die den Umstieg bewirken, wobei es fraglich ist, ob dies rechtzeitig geschehen wird.

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Wajd oder: um wen darf getrauert werden?

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