Lesetipps: Berichte über antisemitische Vorfälle

Ein Text, den ich (weil er nicht bei WordPress verfasst ist) nicht ohne weiteres „rebloggen“ kann, ist in mein Aufmerksamkeitsfeld geraten (ich habe ihn aber schon retweetet). Er  handelt vom ganz gewöhnlichen Antisemitismus, der hier in Deutschland existiert und schon immer existiert hat und den man gar nicht zu importieren braucht (was eine absurde Idee wäre):

„Antisemitismus als Konstante“ von Chajm.

Den Tagesthemenkommentar von Tamara Anthony (ab Minute 8.15) haben dagegen bestimmt viele gesehen. Einen Text, den sie dazu geschrieben hat, So schamlos, so dumm, habe ich erst durch den Text von Chajm entdeckt.

Jetzt doch noch eine kleine persönliche Geschichte. Zufällig hörte ich genau am Tag, nachdem der Kommentar von Tamara Anthony in den Tagesthemen gesendet wurde, einen Vortrag von Micha Brumlik. Ich sprach ihn auf diesen Vorfall an – ich habe schon einiges erlebt, aber dass jemand Morddrohungen ausspricht und trotzig zu ihnen steht, selbst nachdem er von einem der potentiellen Mordopfer zur Rede gestellt wurde (und nicht sich herauszureden versucht nach dem Motto „das war so nicht gemeint“ oder „du hast mich falsch verstanden“) hatte für mich eine neue Qualität. Micha Brumlik sah das alles viel unspektakulärer: „So reden die Leute, wenn sie meinen, dass sie unter sich sind.“

Als „Biodeutsche“ mit vier VolksgenossInnen als Großeltern kann ich das bestätigen: Menschen gehen davon aus, dass ich eine von ihnen bin und ihre Ansichten teile, so dass sie unbefangen reden können, wenn ich dabei bin. Wenn ich widerspreche, sind sie erstaunt.

Durch einen weiteren Zufall bin ich einen weiteren Tag später in eine solche Situation geraten. „Hollywood“ und die „Wall Street“ wurden für alles Übel dieser Welt verantwortlich gemacht, einschließlich des Nationalsozialismus. Ich wies auf die Absurdität dieser Behauptungen hin. Die Reaktionen waren nicht schön (wie zu erwarten), aber wirklich erstaunlich war eine Antwort, die ich erhielt, nachdem ich darum bat, sich nicht wie am Stammtisch zu benehmen, da man eben nicht unter sich sei, ich sei nämlich auch da: Ich solle bedenken, dass mich das Thema besonders direkt berühre und aufrege. Normalerweise würde man auf meine Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, aber ich sei in ein Gespräch hineingeraten, das schon in meiner Abwesenheit begonnen hatte.

Es ist in der Tat so, dass mich das Thema stärker berührt als andere Nachfahren von VolksgenossInnen. Aber im Prinzip geht es alle Nachfahren von VolksgenossInnen genauso stark an wie mich selbst, und alle sollten ihre Einstellungen auf ererbte antisemitische Einstellungen und Klischees überprüfen. Es gibt keinen Grund, dass dieses Thema mich stärker berührt als andere Nachfahren von VolksgenossInnen, außer dem einen,, dass ich mich seit über zehn Jahren mit diesem Thema beschäftige (immer mal wieder mit Pausen) und mit der Zeit auch etwas gelernt habe.

Mir gaben diese Zeilen also Rätsel auf, und ich begann mich zu fragen, ob diese Leute dachten, dass ich Jüdin sei, und meine Empfindlichkeiten damit erklärten. Man würde natürlich auf Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, als seien es irgendwelche Traumata. Dass man auch dann keine antisemitischen Sprüche machen sollte, wenn keine JüdInnen im Raum sind, fiel ihnen nicht ein. Dass es am besten ist, die eigenen antisemitischen Einstellungen zu bearbeiten, so dass man nicht ständig darauf achten muss, was man sagt oder nicht sagt, weil man einfach nicht in Versuchung ist, antisemitische Sprüche zu machen, fiel ihnen auch nicht ein. Für sie war es ganz normal, dass sie in vertrauter Runde sagen, was sie wirklich denken (und das ist ziemlich antisemitisch), während sie, wenn andere (also keine Nachfahren der Volksgemeinschaft) dabei sind, sich hüten, Tabus zu verletzten.

Vor einigen Wochen, als ich einmal wieder über die Rede von Martin Walser nachdachte, ist mir eingefallen, wie ich eine solche Einstellung charakterisieren könnte: als Katzenmoral. Eine Katze weiß, dass sie nicht auf den Tisch springen und vom Menschenessen naschen darf, aber sie versteht nicht warum, und wenn niemand hinschaut, wird sie es trotzdem tun. Für Katzen ist das okay: ich mag sie trotzdem (oder vielleicht deswegen, weil sie unzähmbar sind), aber Menschen sind Menschen und keine Katzen.

Chajm schließt seinen Text mit der Bemerkung, dass Antisemitismus nicht nur JüdInnen, sondern alle angehe und das Problem der ganzen Gesellschaft sei:

Und dann gibt es auch diejenigen die sagen, man spüre jetzt den Antisemitismus. Die Journalistin Tamara Anthony merkte das öffentlich an und zeigte damit auf das Offensichtliche (etwa hier).
Sie kommt jedoch zu einer falschen Schlussfolgerung: Sie will dem Antisemitismus die »Stirn bieten«. Das ist nicht ihre Aufgabe und nicht die der anderen Juden in Deutschland. Das wäre die Aufgabe der Gesellschaft. Aber die muss das Problem erstmal als »ihr« Problem erkennen und nicht als Problem »der Flüchtlinge«.

Ich möchte mich dem anschließen: Schweigt nicht, gerade auch nicht im privaten und halbprivaten Raum, wo man meint, unter sich zu sein. Wenn es normal wird, dass auch Nachfahren von VolksgenossInnen ihre Stimme erheben, wenn in ihrer Nähe antisemitische Einstellungen geäußert werden, dann wird nicht mehr die spezielle Empfindlichkeit von JüdInnen zur Ursache erklärt werden, dass sie mit antisemitischen Äußerungen schlecht umgehen können, sondern dann ist klar, dass alle, für die Moral nicht bedeutet, still zu sein und niemandes Gefühle zu verletzen (vor allem nicht die Gefühle von AntisemitInnen), „empfindlich“ reagieren, wenn antisemitische Äußerungen fallen, einfach weil Antisemitismus nicht mit Moral nicht vereinbar ist. Wenn nicht mehr die spezielle Empfindlichkeit von JüdInnen das Problem ist, sondern jeder, der antisemitische Sprüche macht, mit Widerspruch rechnen wird, werden vielleicht auch die letzten merken, dass gewisse Dinge unsagbar sind, und zwar nicht nur im öffentlichen Raum, sondern überall, nicht weil sie Tabus verletzen, sondern weil sie falsch sind.

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Eine Antwort zu Lesetipps: Berichte über antisemitische Vorfälle

  1. Rose schreibt:

    „Chajm schließt seinen Text mit der Bemerkung, dass Antisemitismus nicht nur JüdInnen, sondern alle angehe und das Problem der ganzen Gesellschaft sei“

    Er ist nicht der erste, der dies so ausspricht. Das haben in den letzten Jahrzehnten in der Tat schon nicht wenige Menschen vor ihm getan.

    Der Punkt ist eher der, wann wird das gehört und endlich verstanden?

    Denn erst dann kann sich überhaupt etwas ändern.

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