Blauäugig: Zum Antirassismustraining von Jane Elliott

Ich bin auf Jane Elliott gestoßen, als ich Kaddas Blogpost zu Noah Sow las. Jane Elliott wurde dort in den Kommentaren erwähnt.

Nun sind die Diskussionen um Noah Sow zum Glück lange vorbei, jeder und jede weiß, wo sie oder er steht, und auch, wo alle anderen stehen. Ich weiß es auch, und im Grunde bin ich zu Überzeugungen zurückgekehrt, die ich schon seit langem habe: Im Kampf des GUTEN gegen das BÖSE sind nicht alle Mittel recht.

(Und, ja, ich halte Ausschau nach Texten über antirassistische Arbeit, die ich gut finde. Dies wird der vorletzt letzte kritische Artikel über eine Form von antirassistischer Arbeit sein.)

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Regression in den Weihnachtsferien: Über den Hobbitfilm

Die Warnung von vorhin gilt noch immer: nichts Politisches, nur meine Leidenschaft für Fantasy, die seit meinen Teenagerjahren überlebt hat. Dieses Mal schreibe ich über den Film selbst.
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Regression in den Weihnachtsferien: Der Hobbit, gelesen als frischgebackene Atheistin

Ich bin wieder zwölf Jahre alt. Ich habe den Hobbitfilm gesehen und bin genauso hin und weg, wie ich war, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe.

Erst einmal eine Warnung an die Menschen, die sonst hierher kommen und intelligente, politische Diskussionen erwarten: Das gibt es dieses Mal nicht. Wer nicht selbst dafür anfällig ist, von einem Fantasybuch in den Bann gezogen zu werden, wird hier nicht auf seine oder ihre Kosten kommen. (Ich habe aber bereits einen Plan für einen weiteren Blogpost, mit Notizen und Links und allem, über Jane Elliott.) Andererseits kann ich auch beim Sehen eines Fantasyfilms mein Gehirn nicht ganz abschalten, und wenn ich merke, dass meine emotionale Reaktion auf den Film die gleiche ist wie die auf das Buch, als ich es mit zwölf Jahren zum ersten Mal las, fange ich an nachzudenken: Was ist da mit mir los? Warum begeistere ich mich für eine Figur, die von Tolkien keineswegs sympathisch angelegt worden ist, und die auch von den meisten Lesern nicht als sympathisch empfunden wird? Steckt da in mir eine irrationale Faszination für etwas, was ich auf der rationalen Ebene völlig ablehne? Oder kann ich meine Faszination auch auf der rationalen Ebene akzeptieren? Schließlich lehne ich Tolkiens Wertesystem mittlerweile ab – vielleicht erlaubt mir das, eine Figur zu mögen, die er nicht mochte.

Ich habe also den Hobbit aus dem Bücherschrank geholt und wieder gelesen. Mir ist dabei etwas aufgefallen, das ich sonst nie bemerkt habe: Als die Zwerge aus Beutelsend aufbrechen, haben sie außer Messern (die sie wahrscheinlich vor allem zum Brotschneiden benutzen) keine Waffen dabei. Dies stellt eine der gängigen Interpretationen des Buchs in Frage, nämlich die, dass es bei der Konfrontation im Höhepunkt des Buches um pazifistische gegen kriegerische Ideale ginge. Ich denke, dass sich das nicht halten lässt und dass es stattdessen in der zentralen Konfrontation um Eigennutz gegen Verzicht, Selbstlosigkeit und Aufopferung geht – einschließlich der Aufopferung als Kämpfer/Soldat. Und da vertrete ich mittlerweile eine andere Position als Tolkien.

Bevor ich weiterschreibe, jetzt die zweite Warnung, nach der ersten für Menschen, die von mir intelligente politische Diskussionen erwarten: Der Rest des Texts ist nicht für Menschen, die das Buch nicht kennen. Ich werde über das gesamte Buch schreiben, einschließlich des Endes. Ich werde auch Ereignisse aus dem Herrn der Ringe und dem Silmarillion erwähnen.

Im zweiten Teil werde ich über den Film schreiben.
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Kommentare zum Thema Bullying

Wieder einmal habe ich bei The Leftist Elite kommentiert und möchte nicht, dass meine Kommentaren in den Tiefen des Cyberspace verlorengehen. Dieses Mal war es zum Tod von Amanda Todd, die sich umbrachte, weil sie das Bullying ihrer Klassenkameraden nicht mehr aushielt.

Hier ist das Youtube-Video, das Amanda Todd selbst online gestellt hat: Amanda Todd’s Story: Struggling, Bullying, Suicide, Self Harm

Hier ist ein Text von/über Amandas Mutter: Amanda Todd’s mother speaks out about her daughter, bullying (with video)

Und hier sind zwei Artikel aus der Frankfurter Rundschau: Der ungerechte Tod von Amanda Todd und aus der Süddeutschen: Der angekündigte Tod der Amanda Todd.

Ich fand beide Artikel hoch problematisch. Beide waren geprägt von einer rein emotionalen Reaktion: Wie schrecklich, ein Mädchen hat sich umgebracht, weil es gemobbt wurde. Die Schuld wurde vor allem bei dem Stalker gesucht, der sie mit Photos erpresste, die sie als Zwölfjährige von ihren Photos gemacht hatte. Die Mechanismen des Bullyings selber – wie ein paar Bullies den Rest der Klasse auf ihre Seite ziehen – wurden nicht erklärt, und es wurde auch nichts über mögliche Gegenmaßnahmen erklärt, die letztendlich im Idealfall darin bestehen, dass die Schüler in der Klasse, die selbst keine Bullies sind, sich gegen die Bullies wenden. Dies ist natürlich für Jugendliche nicht leicht – es ist auch für Erwachsene nicht leicht, aber für Jugendliche ist es noch schwerer, und sie brauchen dazu Unterstützung durch Erwachsene – durch Lehrer oder Schulsozialarbeiter etc., aber auch durch den Rest der Erwachsenenwelt, der das Mobbing ächten muss und keine “Rationalisierungen” – scheinbar logische Erklärungen, warum in diesem Fall das Bullying gerechtfertigt und akzeptabel und vom Opfer selbst verursacht sei – akzeptieren darf. In Amandas Fall war es so, dass sie wegen ihrer Photos nun als “Slut” galt, aber die Rechtfertigungen sind im Grunde austauschbar, sie haben in aller Regel nichts oder nur wenig mit dem tatsächlichen Verhalten des Opfers zu tun, und dienen vor allem den Bullies zur Rechtfertigung ihres Verhaltens.

Ich habe vor kurzem einen Artikel gefunden, der Slut-Shaming als Bullying-Technik beschreibt: ‘Slut’: Gender Policing As Bullying Ritual. Ich hatte bei diesem Artikel die Schwierigkeit, dass er Bullying als eine mehr oder weniger rationale Methode vorstellt, um Menschen in die klassischen Geschlechterrollen zu zwängen, nicht als etwas, das für die Bullies ein Zweck an und für sich ist, außer vielleicht dass es den Zweck hat, den Bullies Macht zu verschaffen. Mich machte vor allem stutzig, dass Mädchen, die überhaupt zu jung für irgendwelche sexuellen Erfahrungen sind, schon als Slut bezeichnet werden: hier geht es nicht um den realen Vorwurf, sondern darum, das Opfer fertig zu machen (und nicht darum, es zu “erziehen”.) Ich habe versucht, den Originalartikel zu bekommen, aber meine UB hat nicht die Zeitschrift, in der er erschienen ist, und ich bezahle nicht 27 Euro für einen einzelnen Artikel. (Ich frage mich, wie Zeitschriften auf die Idee kommen, sie könnten für einen einzelnen Artikel so viel verlangen wie für ein gebundenes wissenschaftliches Buch.)

Jetzt noch zwei Hinweise auf Bücher, die weniger kosten als 27 Euro und die sehr viele wertvolle Informationen enthalten:

Du Opfer!: Wenn Kinder Kinder fertigmachen von Mechthild Schäfer und Gabriela Herpell

Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können

Okay, jetzt meine Kommentare:

1. Kommentar

Ich habe das jetzt gelesen, und ich habe auch die Berichte in der Süddeutschen und der FR gelesen. Ich habe auch Amanda Todds Youtube-Video mit den Karteikarten gesehen.
Was sich durch das Internet verändert hat: in eine neue Stadt zu ziehen, hat Amanda nichts geholfen. Häufig hilft eine neue Umgebung, aber die Photos sind ihr anscheinend gefolgt. Andererseits habe ich in einem der Bücher, die ich zum Thema Bullying habe, die Geschichte einer Engländerin gelesen, der ein Schulwechsel ebenfalls nicht geholfen hat, und zwar vor den Zeiten von Facebook und so. Wenn an den Schulen eine Mobbing-Atmosphäre ist, werden die Bullys schnell merken, wer ein leichtes Opfer ist. Wer neu ist, ist sowieso gefährdet, und wer eine Mobbing-Erfahrung hinter sich hat, ist doppelt gefährdet, weil er oder sie unsicher wirkt. Es gibt natürlich auch normale Menschen, die auf Unsicherheit nicht mit Bullying reagieren: Wenn man Glück hat, kommt man in eine Klasse, in der keine Bullys sind, und dann wird alles normal.

Die Photos waren m.E. nur der Anlass des Bullying. Die Mitschüler hätten auch anders auf diese Photos reagieren können. Sie hätten Amanda in Schutz nehmen können. Jemand hätte ihr den Tipp geben können, zu sagen, das Photo sei gar nicht von ihr, und dann hätten sich die Menschen um sie herum entschließen können, das auch zu glauben und weiter zu verbreiten. Es wäre m.E. ein Fehler, die Probleme alle auf den Erpresser zu schieben.

Was ich in diesen Geschichten völlig vermisse, sind ein paar Worte über die Rolle der Lehrer. Die meisten Bücher über Schoolyard-Bullying, die ich gelesen habe, richten sich an Lehrer, und sie stellen verschiedene Methoden dar, mit dem Bullying umzugehen. Es gibt noch keinen Königsweg, aber verschiedene Konzepte. (Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Bullys wahrscheinlich ungefähr gleichaltrig wie Amanda waren. Möglicherweise wären sie noch nicht einmal strafmündig. Es wären die Lehrer, die etwas unternehmen müssten.)

2. Kommentar

Ich hatte schlicht und ergreifend vergessen, die Links einzufügen.

Süddeutsche: Der angekündigte Tod der Amanda Todd
Frankfurter Rundschau: Der ungerechte Tod von Amanda Todd

Laut den Büchern, die ich gelesen habe, läuft Bullying typischerweise jeweils innerhalb der Geschlechter ab, also Mädchen mobben Mädchen und Jungen mobben Jungen. Hin und wieder kommt es auch vor, dass Mädchen von Jungen gemobbt werden (das war bei mir der Fall), aber ganz selten werden Jungen von Mädchen gemobbt.

Ich hatte zum Glück eine Clique von Mädchen, die zu mir stand. Einem Jungen ging es schlechter als mir. Auf Klassenfahrten, wenn Zeit zur freien Verfügung war, lief er allein los, was eigentlich aus aufsichtsrechtlichen Gründen problematisch war. Die Lehrer haben es gesehen und nichts unternommen.

Ja, ich denke, die Rolle der Lehrer wird bei Amanda Todd überhaupt nicht erwähnt. Was mich auch interessieren würde: die Rolle der Eltern der Täter. Mein Verdacht ist, dass sie häufig das Verhalten ihrer Kinder mehr oder weniger offen unterstützen.

Ich glaube, die Inhalte des Mobbing sind austauschbar. Ich habe vor kurzem einen Artikel über Slut-Shaming gefunden: ‘Slut’: Gender Policing As Bullying Ritual. Ich habe versucht, den Originalartikel zu finden, aber die Universität hier hat keine Lizenz für die Zeitschrift. Ich bin mir aber noch nicht sicher, was ich von dem Artikel halte.

3. Kommentar

Es ist tatsächlich ein Problem, dass Lehrer für viele Dinge zuständig sind, für die sie nicht ausgebildet wurden – oder vielleicht sollte ich es umgekehrt sagen: Dass sie für viele Dinge nicht ausgebildet werden, für die sie zuständig sind. (In meiner eigenen Ausbildung zur Lehrerin habe ich überhaupt nichts davon erfahren, möglicherweise, weil ich an keinem Seminar “Schule und Gewalt” teilnahm, möglicherweise weil ich unter Gewalt nur körperliche Gewalt in Extremformen verstand, nicht die alltäglichen Sticheleien. Ich musste erst lernen, dass diese alltäglichen Sticheleien, wenn sie sich immer gegen dieselbe Person richten, als Mobbing gewertet werden, das zerstörerische Auswirkungen hat.)

Ich meine, wenn wir diese Verantwortung nicht den Lehrern aufbürden, machen wir Mobbing zu einem Naturereignis. Die Kinder sind nämlich noch zu jung, um Verantwortung zu tragen. (Damit meine ich nun nicht, dass Lehrer auf Facebook nachsehen sollen, was ihre Schützlinge da alles so treiben. Sie sollten aber erst einmal klar stellen, dass Kinder, die gemobbt werden, sie um Hilfe bitten dürfen, und dass sie dann etwas unternehmen werden, und dass sie dann Ahnung haben, was sie unternehmen können, ohne dass sie die Situation der betroffenen Kinder verschlimmern.

Dies ist jetzt nicht nur meine persönliche Meinung, sondern auch das, was zur Zeit Stand der Forschung ist. Wenn ich in die pädagogische Abteilung der großen Buchhandlung in Hannover gehe, finde ich ein ganzes Regalbrett zum Thema Mobbing, und die meisten Bücher richten sich an Lehrer. Es ist natürlich gut, wenn es auch Sozialarbeiter und Beratungslehrer gibt, die die Lehrer unterstützen, und es gibt auch Menschen, die Projekte zum Thema machen und Projekte durchführen. (Und die Direktion muss natürlich auch verantwortlich fühlen.)

4. Kommentar

Sehe ich anders. In den Grundschulen probieren die Kinder das mit dem Schikanieren und Ärgern schon aus, aber dass sich feste Strukturen bilden, in denen klar ist, wer Opfer und wer Täter ist, das gibt es in der Unterstufe und Mittelstufe der weiterführenden Schulen. Da braucht es Unterstützung durch die Erwachsenen, weil die Jugendlichen selbst das nicht hinkriegen.

Beratungsslehrer und Sozialarbeiter und Psychologen sind gut, aber am Ende sind es die Lehrer, die vor Ort handeln müssen: Sie führen Aufsicht, sie sehen, was in der Klasse passiert und wer immer abseits sitzt und wer sich in seiner Jacke versteckt. Die Aufgabe der Beratungslehrer und Sozialarbeiter und Psychologen muss auch darin bestehen, die Lehrer in etwas zu unterstützen, wo die Lehrer keine Spezialisten sind, aber die Lehrer sind in der Verantwortung und können sie nicht an Spezialisten abgeben.

Dass es unter Schülern verpönt ist, sich an Lehrer zu wenden, ist ein Problem. Es ist aber, glaube ich, weniger schlimm als zu der Zeit als ich jung war, und selbst als ich jung war, gab es Lehrer, die wir mochten. Ich war allerdings auch zu stolz, mich an sie zu wenden. Ich denke mittlerweile, sie sollten eingreifen, wenn sie etwas bemerken. Vorsichtig natürlich, aber sie sollten nicht warten, bis das betroffene Kind auf sie zukommt. Sozialpädagogische Grundsätze wie “Hilfe nicht aufdrängen” sind hier m.E. fehl am Platze, gerade wegen des “Ehrenkodex” unter Schüler, allein mit der Sache fertig zu werden. Kinder und Jugendliche sind mit so etwas in aller Regel überfordert, und zwar insbesondere das Opfer selbst. Sie sind in einer Situation, die durch nichts, was sie tun, verbessert werden kann.

Wer etwas tun kann, sind die Mitschüler. Manche der Konzepte, die zur Zeit ausprobiert werden, schließen die aktive Beteiligung von netten Mitschülern ein. Die Mobber haben ja nur deswegen Erfolg, weil es ihnen gelingt, den Großteil der Klasse auf die eigene Seite zu bringen, vor allem, weil diese Angst haben, selbst das nächste Opfer zu sein. Wenn es gelingt, ein paar der selbstbewussteren unter den Mitschülern davon zu überzeugen, dass sie Partei für das Opfer nehmen (denn insgeheim tut es ihnen dann doch leid), dann kann etwas effektiv erreicht werden.

Es gibt Schüler, die von sich aus Partei für die Opfer ergreifen, aber sie sind selten, und sie brauchen ebenfalls Unterstützung und Ratschläge, wie sie dies am besten tun. Ich glaube, Gruppen von Jugendlichen, gerade solche, zu denen sich die Jugendlichen nicht freiwillig zusammengeschlossen haben wie Schulklassen, brauchen Unterstützung durch Erwachsene. Wenn alles gut geht, ist es gut, aber es geht eben nicht alles gut, und dann brauchen sie Hilfe: dafür sind die Erwachsenen da. Wenn es keine Erwachsenen gibt, endet die Situation wie bei “Lord of the Flies”. Erwachsene müssen Kindern und Jugendlichen beibringen, wie man miteinander lebt, und das gilt auch noch für Dreizehnjährige oder Vierzehnjährige – typisches Mobbingalter. Meiner Erfahrung nach sind sie noch ziemlich kindlich. Erst mit sechzehn fangen sie an vernünftig zu werden, aber in dem Alter ist Mobbing nicht mehr so häufig.

Ich glaube, das mit den Jugendlichen, die am besten sich selbst überlassen bleiben und die nach ihren eigenen Regeln leben (leider viel zu oft der Regel “der Stärkere hat Recht”), ist auch Ideologie. In Deutschland ist es ja seit langem so, dass sich jede Generation gegen die Eltern auflehnt, aber bei den Jugendlichen, die ich jetzt kenne, beobachte ich das gar nicht so stark. Teilweise fahren sie noch mit achtzehn mit ihren Eltern in Urlaub – mein letzter Urlaub mit den Eltern war mit fünfzehn.

Ich weiß jetzt nicht, wie stark sie ihren Lehrern vertrauen. Ich denke, es ist wie immer: Manche Lehrer sind nett und vertrauenswürdig, andere nicht so sehr. Aber es ist ganz ganz wichtig, dass dieser “Ehrenkodex” aufgebrochen wird. Kinder, die zum Opfer werden, schaffen es nicht allein, da rauszukommen. Ich habe mal auf der Website von J.K.Rowling, der Harry-Potter-Autorin ein paar Tipps gefunden, und auch da stand: “Versuche nicht, allein mit der Situation fertig zu werden. Sprich mit Menschen darüber. Sprich mit Erwachsenen darüber. Suche Hilfe.” Und dann sollte es eben nicht psychologische, sondern praktische Hilfe sein (das sehe ich als Gefahr, wenn das Problem an Psychologen delegiert wird: dass sie versuchen, am Opfer herumzuändern, statt die Situation in der Klasse zu verändern, und dass sie auf diese Weise Victim-Blaming betreiben.)

In dem Buch Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind von Sigrid Chamberlain geht es in erster Linie um Kleinkinder, aber in einem Kapitel “sich wehren oder untergehen” geht es auch um Schikanen älterer Kinder untereinander. Von Nazi-Kindern wurde erwartet, dass sie stark sind und sich zur Wehr setzen, und eine Petze zu sein, war das schlimmste überall, auch in den Augen der Erwachsenen, unabhängig davon, ob das Kind überhaupt eine Chance hat, sich zu erfolgreich zu wehren (etwa wenn die anderen Kinder älter und größer oder einfach in der Überzahl sind). Es ist eben das Recht des Stärkeren, das sich hier durchsetzt. Ich glaube, ich bin dem noch unter den Jungen begegnet, die mich selbst schikaniert haben – und ich glaube, ein paar der Lehrer standen auf deren Seite, eben weil sie selbst auch noch “vom alten Schlag” waren.

Es ist gut, wenn dieser “Ehrenkodex” an Bedeutung verliert und sich auflöst.

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Vorträge in den Semesterferien

Übermorgen fängt die Uni wieder an, und ich weiß nicht, ob ich dann noch zum Bloggen kommen werde (und vielleicht ist das auch gut so, denn die letze Woche war ziemlich aufregend für mich.)

Ja, in den Ferien habe ich einige Vorträge zu Feminismus und Marxismus gehört, auch deswegen, weil ich mich mit etwas beschäftigen wollte, was mich interessiert, weil ich davon lernen möchte, nicht, weil ich endlich wissen möchte, worüber alle reden. Die Reihe bestand aus einem Einführungsvortrag, und zwei Vorträgen von Gabriele Winker und von Tove Soiland, die beide sehr gut waren. Tove Soiland habe ich schon seit einigen Jahren unbedingt einmal hören wollen, und jetzt ist es mir endlich gelungen. Bei dem Vortrag von Gabriele Winker war ich mir unsicher, ob ich ihn hören wollte, weil ich noch gar nichts über sie wusste; ich bin dann aber hingegangen und es hat sich sehr gelohnt. Der Einführungsvortrag war auch gut, aber ich werde nur über die anderen beiden Vorträge berichten, da in ihnen Wissenschaftlerinnen ihre eigenen Positionen vorstellten.

Ich fange an mit dem Vortrag von Tove Soiland, Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen: Kritische Betrachtungen zu Intersektionalität und Diversity, und mit dem Artikel aus querelles-net mit fast dem gleichen Titel: Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie. Ich fasse den Text und Vortrag zusammen, so gut wie ich beides verstanden habe, und hoffe, dass ich anderen helfen kann, den Text zu verstehen, und freue mich über Hinweise, wo ich etwas falsch verstanden habe.

Tove Soiland stellt die derzeit angesagte Intersektionalitätstheorie vor, kritisiert sie, und stellt ihr die ältere marxistische feministische Theorie gegenüber, die sie selbst vertritt. Dabei ordnet sie beiden Ansätzen zentrale Begriffe zu: Der Intersektionalität den Begriff “Kategorie”, der marxistischen Theorie den Begriff “Verhältnis”.

Die Intersektionalitätstheorie hat ihre Ursprünge in den USA. Sie erwuchs aus der Analyse der Verschränkung verschiedener Ungleichheitslagen, wie sie etwa mit dem Begriff der triple oppression zum Ausdruck kamen, fügte dem aber noch einen weiteren Aspekt hinzu, nämlich dass sich Diskriminierungsformen nicht einfach addieren, dass schwarze Frauen also im Vergleich zu weißen Frauen nicht doppelt, sondern anders diskriminiert werden.

Dieses Konzept wurde wiederum kritisiert, weil es Gruppen festlegt und homogenisiert. Es entstand der antikategoriale, dekonstruktivistische Ansatz, dem es darum geht, die Kategorien aufzulösen. Diese werden dabei grundsätzlich als konstruiert aufgefasst. Seine Heimat findet er vor allem in den cultural studies. Daneben gibt es aber immer noch einen sozialwissenschaftlichen “interkategorialen” Ansatz, der die Kategorien erst einmal so nimmt, wie er sie vorfindet, und sie nutzt, um Effekte der Ungleichheit zu analysieren. Beheimatet ist er vor allem in der Antidiskriminierungspolitik, etwa der Vereinten Nationen, und sein wesentliches Instrument ist affirmative action.

Herrschaft oder eben auch nur Ungleichheit entsteht nach diesem Ansatz durch die Einteilung von Menschen in Kategorien aufgrund von realen oder vorgestellten Merkmalen, was dann zu Benachteiligung und zu Ausschlüssen führt. Befreiung von dieser Herrschaft geschieht dann durch Auflösung dieser Kategorien (in den antikategorialen Ansätzen) oder durch affirmative action in den interkategorialen Ansätzen, wobei sich beides ergänzen kann: Um später die Kategorien aufzulösen, müssen sie erst einmal anerkannt werden und müssen bestehende Ungleichheiten ausgeglichen werden.

Soiland anerkennt, dass dieser Ansatz in der Antidiskriminierungspolitik wichtige Dienste geleistet hat. Allerdings sieht sie auch schon hier ein Problem: Affirmative Action führt meistens nur zur Verlagerung von Ungleichheiten, etwa dass Mittelschichtsfrauen von der Hausarbeit befreit werden, diese aber jetzt Frauen in prekären Verhältnissen aufgebürdet wird. Ihrer Meinung nach ist dies eine Konsequenz der Tatsache, dass in diesen Ansätzen in erster Linie auf die Effekte, nicht die Mechanismen der Diskriminierung eingegangen wird. So lassen sich die Probleme aber nicht lösen.

Ein weiteres Problem sieht sie darin, dass die Anzahl der Einteilungsmöglichkeiten und der Gründe für Benachteiligungen und Ausschlüsse im Prinzip beliebig hoch ist. Das führt dann dazu, dass immer wieder Menschen auftauchen und sagen: “An uns habt ihr aber nicht gedacht”, und dann zur Zersplitterung der Linken und zu Handlungsunfähigkeit. (Das sagte sie im Vortrag, im Text ist es nicht vorhanden.)

Ihrer Meinung nach übernimmt sich die Intersektionalität, wenn sie eine Gesellschaftstheorie zu sein versucht, während sie im Bereich der beschreibenden Soziologie durchaus ihre Berechtigung hat.

Eine weitere Kritik ist die, dass Intersektionalitätsdiskurse und Antidiskriminierung nur das Ziel haben, dass alle innerhalb des Kapitalismus gleichberechtigt sind, dass also etwa eine schwarze Frau die gleichen Chancen hat, ein Unternehmen zu besitzen, wie ein weißer Mann. Im Marxismus würde es aber darum gehen, dass der Status des Unternehmers als ganzer aufgehoben ist.

Und dann gibt es noch eine Anmerkung, die auf die Ironie der ganzen Situation hinweist: Es werden einerseits Kategorien hervorgehoben und immer neue geschaffen (meiner Meinung nach lässt sich das besonders schön bei den sexuellen Identitäten beobachten), und gleichzeitig werden die Kategorien kritisiert und wird Essentialismuskritik betrieben. Es wird nach der Lösung eines selbstgeschaffenen Problems gesucht.

Als Alternative zu den Intersektionalitätstheorien stellt Tove Soiland die älteren marxistischen Theorien vor. Hier stehen nicht Kategorien, sondern Herrschaftsverhältnisse im Vordergrund, und es geht nicht um die Effekte, sondern die Mechanismen von Herrschaft. Dabei wird davon ausgegangen, dass Herrschaftsverhältnisse (im Gegensatz zu den Kategorien) nicht offensichtlich sind, und dass es darum geht, sie theoretisch herauszuarbeiten. Genau das hat nach Ansicht Tove Soilands Marx mit seiner Werttheorie geleistet. Kategorien, die dabei gebildet werden, sind Teil des Produkts dieser theoretischen Arbeit. Sie sind konstruiert, aber es geht nicht darum, diese Konstrukte als falsch und schädlich aufzulösen, sondern darum, mit ihrer Hilfe Herrschaftsverhältnisse zu benennen und zu artikulieren. Befreiung geschieht nicht durch die Dekonstruktion der Kategorien, sondern dadurch, dass man sie als theoretisches Werkzeug nutzt, um Herrschaft sichtbar zu machen.

Am schönsten kann dies am Beispiel des Klassismus deutlich gemacht werden. Laut Tove Soiland hat Marx den Begriff der Klasse erfunden, um die Herrschaftsmechanismen deutlich zu machen. Dabei geht es um die Klasse derer, die für Lohn arbeiten, und die Klasse derer, die arbeiten lassen und den Mehrwert, also den Unterschied zwischen Lohn und dem Nutzen, den diese Arbeit bringt, für sich behalten. Damit werden Menschen, deren Verdienst sehr unterschiedlich ist und die sich im realen Leben nicht guten Tag sagen würden, in einer Gruppe zusammengefasst, weil sie bei diesem Mechanismus auf der selben Seite stehen.

Das entsprechende Konzept in den Intersektionalitätsdebatten ist “Klassismus”. Hier geht es jetzt nicht um die beschriebenen Herrschaftsverhältnisse, sondern um Gruppen, die sich durch bestimmte äußere Merkmale, insbesondere unterschiedliches Einkommen und unterschiedliche Bildung, voneinander unterscheiden, und die deswegen benachteiligt oder privilegiert sind (etwa in der Schule, eigene Anmerkung).

Ein anderes Beispiel, an dem Tove Soiland die Unterschiede zwischen den Theorien erläutert, ist die sogenannte Hausarbeitsdebatte, also dass die gesteigerte Berufstätigkeit von Frauen nicht dazu führt, dass sich deren Ehemänner jetzt ebenfalls an der Hausarbeit beteiligen, sondern dazu, dass für die Hausarbeit jetzt eine migrantische Haushaltshilfe beschäftigt wird, meistens in einem irregulären oder prekären Arbeitsverhältnis. Tove Soiland erklärt dieses Phänomen damit, dass sich Care-Arbeit nicht im gleichen Maß rationalisieren lässt und dass dort nicht die gleichen Produktivitätssteigerungen möglich sind wie im Bereich der Produktion. Daraus entsteht ein Lohndruck auf die Beschäftigten, der dadurch gelöst wird, dass vor allem Migrantinnen in diesem Bereich beschäftigt sind, und wegen ihres unsicheren Statuses dann eben in unregulierten Verhältnissen.

Weil in erster Linie Migrantinnen diese Arbeit übernehmen, wird in den Intersektionalitätsdiskursen den Frauen, die diese Migrantinnen beschäftigen, Rassismus vorgeworfen. Laut Tove Soiland ist dies aber erstens falsch, zweitens wird aus einem gesamtgesellschaftlichen Problem ein Problem zwischen Frauen gemacht, und drittens wird Hausarbeit ganz traditionell als Problem zwischen Frauen gesehen.

Aus all diesen Gründen ist Tove Soiland nun der Ansicht, dass ältere feministische ökonomische Theorien, etwa die der Bielefelderinnen um Maria Mies, nützlicher sind als Intersektionalität, und dass die Intersektionalität keinen Fortschritt darstelt.

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So weit die Zusammenfassung des Textes. Nun noch ein paar persönliche Anmerkungen: Es waren die Debatten im Fandom, die mich auf die Frage stießen, ob es sinnvoll ist, immer weitere Unterdrückungsverhältnisse zu finden und diese in den Vordergrund zu stellen und das dann Anti-Oppression zu nennen. Dabei ging mir zu vieles verloren: Während rassistische Fanfics zum Beispiel Kritik hervorriefen, ist Folter ein allgemein anerkannter “kink” (also etwas, das sexuell erregt), und der einzige Vorbehalt ist der, dass Folter im Header zum Fanfic angegeben sein muss, damit Menschen, die nicht darauf stehen oder gar davon getriggert werden, vorgewarnt sind. Auch Diskussionen über Menschenrechte (Recht auf Leben) liefen in aller Regel ins Leere. Als ich aber auf den Begriff Klassismus stieß, wurde mir deutlich, dass etwas schief läuft: Das Problem ist nicht mehr, dass Menschen aus der Arbeiterschicht ausgebeutet, sondern dass sie diskriminiert werden.

Ich ging auf Abstand zu den entsprechenden Positionen und suchte nach Alternativen, und bin jetzt (auch wegen der Wirtschaftskrise, und weil ich in meiner eigenen Arbeitssituation die Ausbeutung sehr genau sehe) auf den marxistischen Feminismus gestoßen. Der erste Fund war das Blog von Detlev Georgia Schulze, Theorie als Praxis, das mir aber zu voraussetzungsreich war, und über dieses Blog stieß ich auf Tove Soiland. Ich stellte fest, dass sie regelmäßig in Hannover Vorträge hält und manchmal auch Lehraufträge hat, und jetzt freue ich mich, sie gehört zu haben.

Ich bin im Moment noch nicht an dem Punkt, an dem ich Kritik üben könnte. Es ist mir erst einmal wichtig, zu sehen, wie ihr Konzept mir hilft, die Intersektionalitätsdebatten zu verstehen. Ich freue mich über Kritik in den Kommentaren, und auch über Nachfragen, wenn jemandem meine Zusammenfassung unverständlich erscheint, oder Kritik, wenn sie falsch erscheint. Und ansonsten werde ich mir das Literaturverzeichnis vornehmen und nach weiteren Texten suchen.

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Kommentare zum gegenwärtigen akademischen Mainstream-Feminismus

Ich habe mal wieder anderswo, nämlich bei The Leftist Elite, Kommentare hinterlassen, die so lang sind und mit so viel Arbeit verbunden waren, dass ich sie nicht in den Tiefen des Internets verschwinden lassen will:

1. Den ersten Kommentar habe ich zum Beitrag Du darfst nichts sagen! geschrieben:

Das mit der Immunisierung, oder dem Versuch, sich zu immunisieren, nehme ich auch so wahr. Das kommt in deinem obigen Text aber nicht wirklich rüber. Und das mit dem Spalten muss, glaube ich, auch noch differenzierter gesehen werden und analysisert werden. Es stimmt ja, dass Frauen nicht alle einig sind, erstmal nicht in dem, was Feminismus sein sollte, und zweitens haben sie sehr unterschiedliche Positionen in der Gesellschaft und profitieren von diesen oder jenen anderen Privilegierungen. Das festzustellen heißt noch nicht zu spalten, und ich glaube, es ist auch ein Zeichen von Erwachsenheit, dass man akzeptiert, dass Frauen unterschiedlich sind und nicht alle ein Herz und eine Seele wie in einer Clique von Dreizehnjährigen.

Aber es gibt doch einiges zu kritisieren an der gegenwärtigen Richtung, deren Namen ich noch nicht genau kenne: Gender, oder Intersektionalität, oder Critical Whiteness. Ich glaube, Intersektionalität ist die wichtigste Form dieser Theorie. Ich persönlich nenne die Vertreterinnen die Anti-Oppression-Leute, aber vielleicht wäre Antiprivilegierungsleute exakter, weil es ihnen nur darum geht, Privilegierungen abzuschaffen. Aber darin kann linke Politik sich nicht erschöpfen. Die Einteilung der Menschheit in Gruppen, die sich teilweise überschneiden (englisch: to intersect) und die unterschiedlich privilegiert oder unterdrückt sind, und die deshalb unterschiedlich unterstützt werden müssen und auf die unterschiedlich Rücksicht genommen werden muss, kann doch kein Plan für eine bessere Welt sein. Ich hahe vor kurzem einen Vortrag über Intersektionalität von Tove Soiland gehört (von der ich sehr viel gelernt habe), und die dann sagt: es geht nur noch darum, dass im Kapitalismus alle gleich berechtigt sind.

Ein Problem, wie die Intersektionalität tatsächlich spaltet, ist, dass sie es unmöglich ist, gewisse Anliegen vorzubringen, von denen viele, wenn auch nicht alle Frauen betroffen sind. Vergewaltigungsmythen sind ein solches Problem – und darunter leiden alle Frauen, auch die, die nicht normschön sind. Denen passiert es nämlich auch, dass sie vergewaltigt werden, auch wenn sie gerade nicht leicht bekleidet durch die Gegend gehen. Möglicherweise haben die Slutwalkerinnen das nicht genügend herausgestellt, möglicherweise ist auch die Berichterstattung in den Medien schuld – aber das sollten dann doch Gründe sein, über Fehler nachzudenken und beim nächsten Mal andere Schwerpunkte zu setzen, und sich nicht gegenseitig Privilegien vorzuwerfen.

Aber wenn dann jemand kommt und sagt: Slutwalks sind schlecht, denn ich als nicht weiße und/oder normschöne Frau kann da nicht mitlaufen, dann lähmt sie erst einmal. Und im schlimmsten Fall wird der Feminismus entwaffnet.

2. Der zweite Kommentar war zum Beitrag Normschön? Rassistisch?:

Ich habe jetzt ein paarmal hin und hergeschwankt: soll ich auf die Beispiele eingehen, die du genannt hast, oder auf die allgemeine Frage, die da mitschwingt: Bin ich falsch, nur weil ich weiß, “normschön” und jung bin? Ich habe erst während der gestrigen Mittagspause viele Notizen gemacht, die auf diese allgemeine Frage eingehen, dann habe ich gedacht, dass es besser wäre, auf die Beispiele einzugehen, die du anführst, jetzt denke ich wieder, es ist besser, auf die allgemeine Frage einzugehen. Die Beispiele sind nämlich alle so, dass meine Antwort ein “ja, aber” wäre.

Für mich schwingt eine gewisse Fassungslosigkeit in dieser Frage mit, die mich bei dir allerdings wundert, weil du diese Frage ja schon lange kennen solltest. Ich habe diese Fassungslosigkeit auch oft bei Frauen im Fandom gelesen, wenn sie mit den Anti-Privilegierungs-Kämpferinnen konfrontiert wurden. “Was habe ich denn falsch gemacht? Ich mache doch nur, was alle um mich herum machen?” Und dann stellt sich eben tatsächlich heraus, dass das, was alle um sie herum machen, sehr unreflektiert ist, wenn es um Menschen geht, die etwas weiter weg sind als “um sie herum”.

Aber deine Frage ist ja nicht “was habe ich denn falsch gemacht?”, sondern “was ist an mir falsch? Darf ich nicht mehr so sein, wie ich bin?” Es ist eine andere Frage, und ich glaube, wenn sie nicht erstaunt fassungslos gestellt wird, kann sie einen Weg bieten zu dem, was an den Intersektionalitätsdebatten falsch ist. Der Artikel, von Vasili Tsianos, den du verlinkt hast, stellt das meiner Meinung nach sehr gut heraus; ich versuche mal, den Hauptpunkt mit meinen Worten zusammenzufassen: Die Frage ist doch, was macht einen Menschen aus? Macht einen Menschen aus, in welche Unterdrückungsverhältnisse er oder sie hineingeboren ist, also, ob er oder sie behindert oder nichtbehindert, Mann oder Frau, weiß oder Person of Colour ist? (Ich weiß, die Liste ist nicht vollständig.) Macht einen Menschen aus, was ihm widerfahren ist an Unterdrückung und Leid oder auch an Privilegierung – oder macht einen Menschen aus, wie er oder sie damit umgegangen ist, wie er oder sie die eigene Situation und die Situation fremder Menschen reflektiert hat, wie er oder sie insgesamt über die Welt nachdenkt? Und das gilt m.E. sowohl für die, die auf der Seite der Privilegierten, als auch für die, die auf der Seite der Unterprivilegierten stehen.

Das also als Beispiel, wie man Vorwürfe, wie du sie in den Beispielen beschrieben hast, entkräften kann – wobei ich, wie gesagt, bei allen drei Beispielen denke: Teilweise ist die Kritik berechtigt, teilweise nicht, und teilweise wird sie auf eine Art vorgetragen, die Verständigung unmöglich macht. Aber eventuell ist Verständigung sogar unmöglich – das wäre, was Tove Soiland behauptet. Sie sagt, es stecken theoretische Ansätze dahinter, die im Widerspruch zueinander stehen und die daher unvereinbar sind. (Hier ein Link zu einem Artikel von ihr: Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie. Ich muss ihren Text noch einmal lesen, und dann auch die Literaturliste durchgehen, damit ich diesen theoreitschen Widersprüchen weiter auf die Spur komme. (Und der Violinwettbewerb ist jetzt zuende, das heißt, ich werde auch Zeit haben, deine Videolinks anzuhören.) Das Problem ist ja, dass die zugrundeliegenden Theorien oft nicht genannt werden, wenn “Sexism 101″ oder “Racism 101″-Texte ins Internet gestellt werden. Ich finde den Text, den ich meine, gerade nicht in meiner umfangreichen Linksammlung, also habe ich mal “how to react when you are called out for being racist” gegoogelt, und habe ein schönes Beispiel gefunden: Racism 101: are you are racist?? Racism – reaction – hier wird die eigene Position als Standard vorgestellt: Racism 101 heißt ja “Anfängerkurs an der Universität” – das, was alle im ersten Semester lernen sollten, um dann Veranstaltungen für Fortgeschrittene besuchen zu können. Wer diese Position anzweifelt – und es gibt sehr vieles an diesem Text zu kritisieren, insbesondere, dass er es nicht für möglich hält, dass jemand ungerechtfertigterweise als RassistIn bezeichnet wird – ist dann jemand, der noch nicht einmal die Basics verstanden hat.

Das ist also der erste Punkt der Gegenstrategie: die zugrundeliegenden Theorien kennenlernen und Menschen, die ohne Literaturangabe Texte ins Netz stellen, oder Dinge sagen, die alle sagen (von der Sorte gibt es sehr viele), klar machen, dass man selbst die Texte kennt, die sie nur aus zweiter oder dritter Hand kennen, und dass man ihnen 1.) zeigen kann, wo sie die zugehörige Theorie falsch verstanden haben und 2.) zeigen kann, wo die zugehörige Theorie falsch ist. Aber da bin ich erst auf dem Weg und muss noch einiges lesen und werde daher auch erst mal etwas schweigsamer sein im Netz.

Manchmal ist es natürlich auch so, dass man den unlogischen Punkt eines Textes auf den ersten Blick sieht, etwa den in den Anleitungen, wie man reagieren soll, wenn man als Rassist beschimpft wird. Dazu muss braucht es keine besondere Theorie. Oder doch – und hier habe ich wieder von Vasili Tsianos gelernt – in diesen Anleitungen wird die Subjektivität des Interaktionspartners, der einer unterdrückten Gruppe angehört, absolut gesetzt. Die Subjektivität der Person, die einer privilegierten Gruppe angehört, ist vernachlässigbar – ihre Gefühle dürfen verletzt werden. Aber um Politik zu machen, kann es nicht um die Subjektivität dieser oder jener Person gehen. Sie ist wichtig, aber sie ist nicht alles.

Ja, und jetzt bin ich bei dem, was ich als Psychotaktiken bezeichne. Es sind gleichzeitig Immunisierungsstrategien. Da ist jemand, der seine (oder ihre) Gefühle sehr wichtig nimmt, und herausstreicht, wie diese verletzt worden sind. Da wir ja alle dazu erzogen worden sind, nette Menschen zu sein, haben wir dann ein schlechtes Gewissen – wir möchten ja niemanden verletzen und niemandem weh tun. Man fühlt sich schuldig und entschuldigt sich, anstatt erst einmal zu analysieren, ob diese Vorwürfe berechtigt sind. Oft funktioniert es. Es funktioniert noch besser, wenn es gelingt, eine Gruppe auf die eigene Seite zu bekommen, die auch nicht analysiert, welche Aussage jetzt richtig oder falsch ist, oder ob ein Vorwurf berechtigt ist, sondern die einfach nur sieht: “da ist reagiert jemand verletzt, also muss das eine Ursache haben, also hat derjenige oder diejenige, deren Worte zu diesen verletzen Gefühlen geführt haben, etwas falsch gemacht.” Das ist aber nicht notwendigerweise so. Ein Extrembeispiel: In einer Schreibgruppe habe ich einer älteren Dame nicht abgenommen, dass ihr Großvater, der SS-Mann und Leiter eines Arbeitslagers für Zwangsarbeiterinnen war, ein guter Mensch gewesen sein soll. Sie war natürlich sehr verletzt, weil ich ihr Bild von ihrem Großvater angegriffen habe. Deswegen war ich aber nicht die Böse in diesem Konflikt. (Ich bin trotzdem von der Leiterin der Gruppe, die keine Konflikte wollte, rausgeworfen worden.) Und so muss eben immer sorgfältig analysiert werden.

Der Verweis auf das Unterbewusste (die Kinderlieder, die einen geprägt haben…) ist auch eine solche Psychotaktik. Wie soll man darauf reagieren und sich gegen Vorwürfe verteidigen? Das Unterbewusste zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass man es nicht kennt. Für den Angreifer ist es die perfekte Strategie, sich gegen Kritik zu immunisieren. Das gleiche gilt auch für die Weigerung, die Erklärbärin zu spielen und genau zu benennen, was jemand eigentlich falsch gemacht hat. “Denk mal selbst darüber nach, warum ich jetzt sauer bin” gehört für mich in die Mottenkiste der Schwarzen Pädagogik, aber auch in die Schublade “Machtkampf unter dreizehnjährigen Mädchen”.

Ja, was hilft noch… andere Theorien finden. Für mich sind das im Moment der marxistische Feminismus, aber auch universalistische Theorien, die ich durch die Beschäftigung mit Antisemitismuskritik kennengelernt habe. Ein Punkt, der mir gerade jetzt noch einfällt, ist der, dass es tatsächlich leichter ist, den unbewussten Rassismus von Verbündeten anzuprangern als tatsächlich gegen rassistische Regelungen in der Gesellschaft (vor allem der Asylpolitik, aber auch der Bildungspolitik usw.) vorzugehen.

Es ist immer leichter, eine Theorie zu kritisieren, wenn man alternative Theorien zur Verfügung hat. Es ist aber zumindest bei den Schwundformen von Critical Whiteness möglich, sie auch intern zu kritisieren, wie es Vasili Tsianos im von dir verlinkten Artikel tut:

Was wir gegenwärtig in den Diskussionen zum Beispiel anlässlich des No Border Camps in Köln erleben, ist vielleicht eine Spätfolge einer doppelten Struktur, die den Antirassismus des Whiteness-Ansatzes auszeichnet: Einerseits geht es um eine Ausweitung, die alle Weißen zu Privilegierten macht; andererseits wird ein eher entpersonalisierender Fokus auf Institutionen gerichtet. In diesem Konzept sind die »weißen« Institutionen und Diskurse so mächtig, dass sie die Individuen, die darin als »Weiße« konstruiert werden, vollständig entmündigen. Gleich, wie diese sich verhalten, sie sind »Profiteure«. Anstatt eine Rassismustheorie in Angriff zu nehmen, deren Fluchtpunkt die ideologische und praktische Abschaffung von Kategorien wie »Race« ist, dreht sich das Whiteness-Konzept von Anfang an im Kreis. (2)

Ich finde, hier zeigt sich der Kreislauf: der Fokus geht weg von den Personen auf die Strukturen und Institutionen, was ja an und für sich auch richtig ist – dann wird er aber wieder gegen individuelle Personen gerichtet, die nun aber nicht mehr als Personen, sondern nur noch als Produkt der Struktur gesehen werden.

(Ich überlege, ob man da nicht wieder nach den zugrundeliegenden Theorien suchen muss, etwa Poststrukturalimus, wonach die Diskurse die Subjekte vollständig prägen – ich kenne mich damit aber nicht aus, ich habe das gerade erst von Judith Butler gelernt.)

Die inneren Widersprüche dieser Positionen führen aber dazu, dass eine Gegenstrategie darin besteht, dass man sich einfach gar nichts tut, sondern sich zurücklehnt und wartet, bis sich die Anti-Oppression-Leute in ihre eigenen Widersprüche verstricken. Bei den Dreamwidth-Diskussionen war das dann der Fall, als eine weiße Aktivistin einer Woman of Colour erklärte, dass ein bestimmtes Verhalten unter Freunden (sich mit der jeweils anderen Rasse und den entsprechenden Klischees necken) kein harmloses friendly banter, sondern Rassismus sei. Die andere sagte dann, sie sei selbst eine Woman of Colour, sich mache das ständig mit ihren Freunden, und sie lasse sich nicht von einer Weißen erklären, dass dies falsch sei. Und vielleicht hast du ja auch von den Geschichten auf dem No Border Camp gehört oder gelesen. Ich habe nur davon gelesen, aber da schien es nach dem selben Muster abzugehen: Die akademische Gruppe macht sich spätestens dann lächerlich, wenn sie Menschen, die unter schrecklichen Umständen aus Afrika nach Europa geflohen sind und hier unter unwürdigen Bedingungen leben, wegen ihrer Sprache kritisiert (“Geflüchteter” statt “Flüchtling”.) Da hört es dann nämlich auf mit der Subjektivität der Betroffenen – nur die eigene Theorie repräsentiert dann die “richtige” Subjektivität. Also vielleicht als Weiße sich einfach zurückhalten und warten, bis PoC (oder in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund (schrecklicher Ausdruck, aber ich weiß gerade keinen besseren)) wie Vasili Tsianos sie zurechtweisen. (Jetzt doch noch etwas Eigenwerbung: Ich habe hier selbst darüber geschrieben.)

3. Der dritte Kommentar war die Antwort auf einen Kommentar zu diesem Kommentar:

Vielen Dank für deine Komplimente! Wesentliche Gedanken sind allerdings vor allem aus einer Beobachtung der Diskussionen im Fandom entsprungen (ich habe auch teilgenommen.) Eigentlich ist es ganz einfach, den Antiprivilegierungsleuten Widerstand zu leisten: Man verwirft deren Grundannahme, dass die Person, die einer benachteiligten Gruppe angehört, immer Recht hat.

Ich habe jetzt die Stelle im Text von Tove Soiland gefunden, in der sie von der Inkompatibilität der beiden Ansätze spricht:

Ich möchte an dieser Stelle die Inkompatibilität beider Theorietraditionen betonen. Man wird nämlich nicht darum herum kommen, in der Frage Stellung zu beziehen, ob man der Artikulation oder der Dekonstruktion den Vorzug geben will, oder noch genauer, ob man die Persistenz von Ungleichheit in der mangelnden Artikulation eines Verhältnisses oder im Ausbleiben der Dekonstruktion von Kategorien verortet. Tatsache ist, dass letzteres ersteres verunmöglicht – wenn auch aufgrund eines grundlegenden Missverständnisses dessen, was Artikulation ist.

In der einen Tradition geht es darum, Identitäten und Kategorien zu dekonstruieren, etwa die Kategorien männlich und weiblich. In der anderen Tradition geht es um Artikulation, und zwar um Artikulation gleicher Betroffenheitslagen. Das heißt nicht, dass die Gruppe der Frauen als einheitliches Subjekt oder als homogene Gruppe bezeichnet würden oder dass ihnen essentialistische Eigenschaften zugeschrieben würden. Als Beispiel nennt sie, dass Frauen für Hausarbeit verantwortlich sind – und das gilt sowohl für die Karrierefrau als auch für die Haushaltshilfe, deren ausländischer Berufsabschluss nicht anerkannt wird. Männer, die eine Putzfrau einstellen, werden nicht kritisiert. In meinem anderen Kommentar habe ich überlegt, ob nicht alle Frauen von Vergewaltigungsmythen betroffen sind: die “normschöne”, die gerne im Minirock herumläuft, und die nicht so normschöne, die sich das nicht traut, weil sie ihren Körper zu hässlich findet, um ihn zur Schau zu stellen. Sie sind auf unterschiedliche Weise betroffen, aber sie sind beide betroffen. (Ich folge @reempowerment auf Twitter, das ist eine Seite, die sich gegen Gewalt gegen Frauen wendet, und sie schreiben, dass alle Frauen betroffen sind, und dass es keinen Unterschied zwischen verschiedenen Schichten gibt.)

Wenn es nun nur noch um die Dekonstruktion der Kategorie Frauen geht, dann lassen sich diese gemeinsamen Betroffenheitslagen nicht mehr formulieren/artikulieren.

Die Ironie besteht nun darin, dass die Dekonstruktionsleute erst das Problem schaffen, das sie dann kritisieren. Es gehört eigentlich zu den typischen unfairen Diskussionstrategien, die ich im Internet erlebt habe: Den Gegner für etwas kritisieren, was er gar nicht gesagt hat, sondern was knapp daneben liegt. Irgendwann bin ich dahintergekommen und habe gelernt, dass ich, bevor ich mich gegenüber irgendeinem Vorwurf verteidige, erst noch einmal nachlese, was ich selbst eigentlich geschrieben habe.

Ja, in diesem Fall werden die älteren feministischen (oder antirassistischen etc.) Theorien dafür kritisiert, dass sie essentialistisch seien – aber in Wirklichkeit sind sie es nicht. Wenn eine sagt, dass alle Frauen von der Gefahr einer Vergewaltigung betroffen sind (auch die, die nicht vergewaltigt wurden, sind sich dieser Möglichkeit immer bewusst und beziehen sie in ihr Verhalten mit ein), dann sagt sie nicht, dass alle Frauen eine homogene Gruppe darstellen, oder dass sie alle gleich wären. Die älteren Theorien werden also für etwas kritisiert, was sie gar nicht gesagt haben.

(Die andere Ironie ist die, dass die Intersektionalitätsansätze zum Aufblühen von immer neuen Identitäten führen – besonders sichtbar wird dies an den sexuellen Identitäten. Im nächsten Schritt werden dann diese Identitäten als essentialistisch kritisiert.)

Und jetzt bist du dran: Wie nutzt du Popper, um den gegenwärtigen Mainstream-Feminismus zu kritisieren? Ich habe “die offene Gesellschaft und ihre Feinde” zuhause, wenn du mir ein Kapitel nennst, kann ich es nachlesen…

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Zum Adorno-Preis für Judith Butler III: Warum die Kritiker der Kritiker sorgfältiger lesen sollten

Mein ursprünglicher Anlass, über Judith Butler zu schreiben, war der, dass ich mich über Kommentatoren ärgerte, die teilweise in ziemlich harschen Worten die Menschen kritisieren, die sich gegen den Adorno-Preis für Judith Butler wenden, ohne dass sie verstanden hätten, worum es geht. Außerdem waren da andere Menschen, die meinten, mit Judith Butlers Verteidigung in der ZEIT und ihrem Angebot zur Verständigung in der FR müsse doch jetzt alles gut sein, und die Kritiker sollten jetzt docch endlich den Mund halten. Ich hatte den Eindruck, sie hätten nicht verstanden, worum es wirklich geht, und habe daher in Teil I erklärt, warum Judith Butlers Äußerungen wirklich kritikwürdig sind und warum Kritik an ihnen nicht mit dem Antisemitismuskeulenvorwurf niedergemacht werden sollte, und in Teil II warum mit Judith Butlers Verteidigungsreden nicht alles gut ist.

Allerdings ging es mir so, dass ich, als ich anfing, den Artikel zu schreiben, auch noch nicht das volle Ausmaß begriffen hatte. Es lässt sich, glaube ich, nur begreifen, wenn man sich die Videos zu der Veranstaltung ansieht, wo Judith Butlers Äußerungen zu Hamas und Hisbollah gefallen sind, und wenn man sich anschaut, wofür die BDS-Bewegung steht. (Zu beidem finden sich Links in Teil I.) Erst dann wird klar, dass Judith Butler in ihren Verteidigungsartikeln nicht die Wahrheit sagt, und dass der Kern des Problems, um den sich nicht nur Judith Butler, sondern auch ihre Kritiker herumdrücken, der ist, dass sie die Auflösung des Staates Israels als jüdischem Staat fordert. Es soll natürlich auf gewaltlose Weise geschehen, nicht mit Gewalt, wie sie von der Hamas vertreten wird, nichtsdestotrotz tritt sie für eine Ein-Staaten-Lösung ein und einen Staat, in dem Juden die Minderheit sind. Sie träumt von Gleichheit zwischen arabischen und jüdischen Bürgern dieses zukünftigen Staates, und fragt sich nicht, ob jüdische Bürger hoffen können, von der Polizei eines solchen Staates gegen Gewalt geschützt zu sein.

Auf der Veranstaltung im Jüdischen Museum in Berlin hat sie jetzt zumindest teilweise die Katze aus dem Sack gelassen. Ärgerlich ist ihre Unehrlichkeit in den Artikeln, die sie geschrieben hat. Es ist vor allem diese Unehrlichkeit und das Ausweichen auf die Gewaltfrage und die Antisemitismusvorwurfkeule, weswegen ich mich jetzt über Judith Butler ärgere. Über ihre Ein-Staaten-Lösung hätte man womöglich diskutieren und sie als unrealistisch zurückweisen können, und vielleicht wäre sie sogar ins Nachdenken gekommen. Aber die Unehrlichkeit hat bewirkt, dass diese Diskussion nicht stattgefunden hat.

Als ich begann, den Artikel zu schreiben, dachte ich: Ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah sind dumm, aber sie entwerten nicht ihr philosophisches Werk, und den Adorno-Preis kann man ihr trotzdem geben. Jetzt hoffe ich, dass man ihn ihr wieder entzieht, so wie Lance Armstrong seine Tour-de-France-Siege und Theodor von Guttenberg sein Doktortitel entzogen wurde, einfach wegen dieser Unehrlichkeit.

Jetzt trotzdem noch ein paar ihrer VerteidigerInnen…

In der taz findet sich gleich eine ganze Sammlung von ihnen: Ist Judith Butler preiswürdig? Besonders ärgerlich ist Aleida Assman, die meint, das “Antisemitismus-Argument” verhindere, dass man über die Probleme spricht, die Judith Butler aufgeworfen hat. Naja, vielleicht auch nicht. Wenn die Kritiker nicht von jüdischem Selbsthass und Antisemitismus gesprochen hätten, sondern beharrlich verlangt hätten, dass Judith Butler etwas zu Hamas und Hisbollah, und vielleicht nocht wichtiger, zu “Boycott, Divestment, Sanctions” etwas sagt, dann hätte Judith Butler auch nicht den Antisemitismuskeulenvorwurf hervorholen können. Etwas naiv ist Felix Semmelroth, der meint, mit Judith Butlers “Klarstellung” hätte sich alles erledigt.

Hier eine Audiobeitrag von Klaus Englert in der Tagesschau: Porträt der Adorno-Preisträgerin Judith Butler Im Deutschlandfunk findet sich eine schriftliche Version: Warum die Vorwürfe gegen Judith Butler unfair sind

Anscheinend hat der Autor anscheinend nicht das Video gesehen, sonst hätte er nicht gesagt, dass sie angeblich Hamas und Hisbollah als fortschrittliche Kräfte bezeichnet hat. Butlers Bekenntnis zur Gewaltfreiheit entschuldigt nicht ihre politische Ahnungslosigkeit und ihre einseitige Parteinahme gegen Israel. (In einem Satz werden Selbstmordattentate erwähnt, aber dann geht es gleich wieder darum, dass Kritik an Israel zum Schweigen gebracht würde.)

Die Äußerung entstammt nicht der gegenwärtigen Debatte, sondern einem Buch, dass Judith Butler 2002, kurz nach ihren Adorno-Vorlesungen am Frankfurter Institut für Sozialforschung hielt. Damals kam keine Kritik des Zentralrats der Juden auf. Auch nicht ein Jahr zuvor, als der jüdische Philosoph Jacques Derrida, der ebenso scharf die israelische Siedlungspolitik kritisierte, den Adorno-Preis erhielt.

Aber damals waren eben auch ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah noch nicht gefallen. Es besteht eben tatsächlich ein Unterschied, ob jemand die israelische Siedlungspolitik kritisiert oder wie Primo Levi die Massaker von Sabra und Shatila, oder ob jemand Hamas und Hisbollah legitimiert. Nicht bei jeder Kritik an Israel wird die “Antisemitismuskeule” geschwungen, sondern es wird zwischen verschiedenen Formen von Kritik unterschieden.

Und von Verantwortungsethik kann ich bei Butler wirklich nichts erkennen. Verantwortungsethik würde doch heißen, nach realistischen Lösungen für den Nahost-Konflikt zu finden.

Helmut Mayer in der FAZ: An den Körpern hängt zuletzt doch alles.

Da nützte kein Eingeständnis von Seiten Butlers, dass die mündliche Äußerung über Hamas und Hizbullah missverständlich ausgefallen war, und auch nicht der stichhaltige Hinweis darauf, dass sie jede Form der Gewalt ablehne (wozu man jederzeit ihre Texte konsultieren kann). Man war und blieb auf Seiten des Zentralrats fest entschlossen, in der Ehrung Judith Butlers einen Skandal zu sehen. Nach der im Kern recht einfachen Logik, die aus der Tatsache, dass sich die Beschuldigte nicht bedingungslos hinter Israel stellt, den Vorwurf des Israel-Hasses und antisemitischer Gesinnung gewinnt.

Anscheinend hält es der Autor nicht für möglich, dass Stephan Kramer die Erklärung von Judith Butler nicht für ausreichend hielt. Gewaltfreiheit reicht einfach nicht, und das Problem an Judith Butlers Äußerungen war nun wirklich nicht, dass sich Judith Butler nicht bedingungslos hinter Israel gestellt hat. Besonders erschreckt der folgende Satz: “Die Maßlosigkeit dieses Anwurfs, die man Stephan Kramer nicht einfach nachsehen sollte, einmal beiseitegesetzt” Ich wüsste gern, was der Autor mit dem Wort “nicht einfach nachsehen” meint.

Hubert Winkels im Deutschlandfunk: Dankesrede gleicht Besinnungsaufsatz. Es geht wieder sehr viel darum, dass sie Gewalt ausschließt, und er wirft den Gegnern vor, dass sie dies nicht wahrhaben wollen. Hier ist nun der eigentliche Abschnitt zu dem Streit:

Na ja, dieser Streit war ein typisch deutscher Streit bis zu einem gewissen Grat. Sie hat, finde ich, mit viel Recht in einem wissenschaftlichen Bereich gearbeitet, sodass sie den Adorno-Preis bekommen hat. Nur hat sie als bekennende Linke 2006 auf die Frage, ob Hisbollah und Hamas antiimperialistisch seien, gesagt, dass der Antiimperialismus die globale Linke und Hamas und Hisbollah verbinde. Man kann das ja sagen oder nicht, sie sagt heute, es war eigentlich ein Fehler, das gesagt zu haben, aber darin steckt eigentlich gar kein Problem.

Das Problem steckt darin, dass die, die das hören, jetzt sagen, damit ist erstens die Hisbollah und Hamas eine linke Bewegung, und zweitens: links sein ist gut. Diesen Schluss macht sie aber in keiner Weise und jetzt distanziert sie sich. Sie hat ja gestern sich ausführlich dazu geäußert, mündlich und schriftlich – davon, dass sie sowohl Antiimperialismus mit links sein im Sinne von politisch gut sein identifizieren würde, sie streitet auch ab, dass es überhaupt eine Einheit wie globale Linke gibt -, geschweige denn, dass sie der Hisbollah und der Hamas diesen Punkt als wesentlichen Zug zubilligt, und distanziert sich ganz klar natürlich von deren Auslöschungsfantasien gegenüber Israel.

Ich fange mit dem letzten Satz an: Er ist pure Phantasie. Judith Butler hat sich von keinen Auslöschungsfantasien distanziert, und die gewaltfreien des BDS unterstützt sie. Zweitens ist es natürlich so, dass außer jüdischen Menschen vor allem Menschen, die sich selbst als links und progressiv bezeichnen (und “links” daher gut finden) ihr diesen Satz vorwerfen. Und wenn man ihren Satz im Zusammenhang mit der an sie gerichteten Frage sieht, bekommt man doch den Eindruck, dass “links” von ihr positiv gewertet wird. Für Menschen, die sich selbst als “links” empfinden, ist es natürlich wichtig, auch zu definieren, wer nicht dazu gehört, und welches die entscheidenden Kennzeichen sind. Außerdem: Das Video ist vorhanden, es ist im ZEIT-Artikel verlinkt, man kann Butlers Rechtfertigungen mit ihren damaligen Äußerungen vergleichen, sogar im Kontext.

Dann gibt es einen Artikel in der EMMA: Was bedeutet es, Frau zu sein und Jüdin?

Damit schließt sich der Kreis zur Adornopreis-Debatte. Die moralisierende Zurechtweisung des Zentralrats der Juden (festgemacht an einem aus dem Zusammenhang gerissenen Statement von Butler) entpuppt sich als Fortsetzung eines alten Konflikts. Klare Frontstellung gegen ambivalenzfähige Nachdenklichkeit: Es geht den Orthodoxen nicht, wie es zunächst den Anschein hat, um Butlers Bewertung von Hisbollah oder Hamas. Nicht ertragen wird die differenzierte Zurückweisung jederart von Identitätspolitik durch eine amerikanische Jüdin – auch wenn es um Israel geht. Denn vorgelegt hat Butler eine wohldurchdachte Theorie der möglichen Grenzen einer Identifikation, gerade auch von Juden, mit der Politik des Staates Israel. Sie geht mit der Identität „Jude“ also nicht anders um als mit der Identität als „Frau“.

„Eine Kritik an Israel ist nicht identisch mit einer Anfechtung der Existenz Israels, und sie ist auch nicht dasselbe wie eine antisemitische Haltung“, schrieb sie schon 2003. Nicht ohne auf die „kleine, aber dynamische Friedensbewegung in Israel selbst“ hinzuweisen, mit der sich ebenso solidarisiert wie mit FriedensaktivistInnen auf der palästinensischen Seite, die mit der israelischen Friedensbewegung zusammenarbeiten. Vor allem aber fordert Butler Raum für Argumente: Die Drohung mit der öffentlichen Wortkeule „antisemitisch“ sei eine subtile Form der Zensur.

Der Vorwurf Butlers, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, wird ohne Überprüfung übernommen. Der Kontext ist eine Veranstaltung, in der Parteinahme gegen Issrael allgemeiner Konsens ist. Nicht mehr die Kritik an Hamas und Hisbollah, sosndern die Identitätspolitik soll das eigentliche Problem sein. Es ist aber Judith Butler, die immer wieder von ihren konkreten Äußerungen ablenkt (schon 2010, als die Interviewerin wirklich nicht von Butlers Judentum sprach) und stattdessen von ihrer Identität als Jüdin spricht.

Nein, eine Kritik an israelischer Politik heißt nicht, dass man das Existenzrecht Israels angefochten wird. Anders sieht es aus, wenn Partei genommen wird für Gruppen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen.

Dann ein Beitrag von Christian Schlüter in der FR: Ist Judith Butler Israel-Hasserin?

Der erste Abschnitt besteht aus einer Beschimpfung Kramers (besonders schön der Vergleich mit Alexander Dobrindt). Dann geht er auf die Vorwürfe gegen Butler ein:

Wer sich die Veranstaltung in Berkeley anschaut, wird bemerken, dass Butler keineswegs Stellung bezogen hat zu den politischen Zielen von Hamas und Hisbollah, sondern nur Begriffe aufgenommen hat, die in der Diskussion gefallen sind. Dabei hat sie zugestimmt, dass beide Organisationen als „soziale Bewegungen“ zu verstehen sind, die in gewisser Hinsicht auch der „globalen Linken“ zuzuordnen seien, und zwar als Perspektive der politischen Analyse.

Das Problem besteht eben genau darin, dass Judith Butler keine Stellung zu den politischen Zielen von Hamas und Hisbollah genommen hat, was aber notwendig wäre für die Frage, ob die beiden Organisationen links sind und ob man sie unterstützen kann.

Wieder in der FR: Eine nationale Angelegenheit.

Hier nur ein Satz: “Butler hat den FR-Lesern auseinandergesetzt, dass ihre Unterstützung der Kampagne „Boycott, Devistment and Sanctions“ (BDS) nicht von antiisraelischen Ressentiments geprägt ist, sondern von dem Interesse an einer friedlichen Koexistenz in Palästina.” Es wäre aber notwendig, nicht nur Judith Butlers Motive, sondern auch die Ziele der BDS-Kampangne zu untersuchen.

Stefan Rheinecke: Lob der Zwischentöne

Stephan Kramer wird als “Alexander Dobrindt des Zentralrats der Juden” beschimpft, ohne dass sich der Autor die Mühe gemacht hätte, sich über die Kampagne BDS zu informieren. Was er über diese Kampagne schreibt, ist eine grobe Verharmlosung:

Folgt man diesem Alexander Dobrindt der deutschen Juden, dann beteiligt sich, wer aus Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung israelische Waren boykottiert, an der „Kriegsführung gegen Israel“. In dieser Polemik schrumpft der Unterschied, ob man Terror gegen israelische Zivilisten gutheißt oder keine Oliven aus der Westbank isst, fast zur Bedeutungslosigkeit.

Es geht nicht darum, dieses oder jenes Produkt als Privatmensch nicht zu kaufen. Es geht darum, eine Organisation zu unterstützen, die sich die gewaltfreie Auflösung Israels zum Ziel gesetzt hat.

Zum Abschluss noch zwei diffenzierte Kommentare:

Erklärung der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung zur Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler

Doch für sich selbst nimmt sie in Anspruch, eine Linksliberale zu sein; und genauer betrachtet sagte sie 2006, während der Podiumsdiskussion an der Universität Berkeley, dass selbst wenn beide Organisationen zur globalen Linken gerechnet würden, dies uns nicht davon abhalten sollte, nach anderen Optionen der Politik als Gewalt zu suchen. Nicht wenige von uns erachten die Äußerung dennoch als hochproblematisch und sehen Hamas und Hisbollah ausdrücklich nicht als Teil der globalen Linken. In der Sensibilierung im Umgang mit solchen identitären Zuschreibungen, sehen wir eine der wichtigsten Anregungen durch Butlers Arbeiten. Letztere, nicht einzelne Äußerungen sind für uns maßgeblich. Im zweiten Fall eines Boykotts argumentiert Judith Butler im Zusammenhang einer Kritik an US-amerikanisch-jüdischen Lobbys, die für eine bestimmte israelische Außenpolitik eintreten und plädiert für eine genaue Analyse dieser Zusammenhänge, um Verschwörungstheorien zu vermeiden. Den Boykott grenzt sie ausdrücklich auf solche wissenschaftliche Einrichtungen ein, die die von der israelischen Regierung geförderte Besatzungspolitik Palästinas nicht kritisieren. Viele von uns halten solche Boykottaufrufe für sehr problematisch, sind allerdings der Ansicht, dass Kritik möglich sein muss.

Immerhin hat es hier Differenzen innerhalb der Gruppe gegeben.

Und zuletzt der Kommentar von Micha Brumlik: Selbstbehauptung und Gerechtigkeit

Er kritisiert Kramer, sieht aber auch, wo Kramer recht hat:

Die Ursache dürfte die weiterhin ungebrochene Bereitschaft Butlers sein, wenn auch selektiv mit der gewaltfrei agierenden Boykottkampagne BDS zu kooperieren. Aller Gewaltfreiheit zum Trotz nämlich ziele diese Kampagne auf die Zerstörung Israels. Dass sich Butler von dieser Kampagne unter Vorbehalten distanziert habe, „macht“ so Kramer „ihre Komplizenschaft nicht viel besser. …

…Doch trifft sein politisches Gefühl durchaus etwas Richtiges: Tatsächlich trifft nämlich Butlers zweites Boykottziel beinahe die gesamte jüdisch-israelische Gesellschaft, denn: mit Ausnahme einiger nun wirklich linker Departments an israelischen Universitäten bzw. kleiner, besatzungskritischer NGOs wie „Breaking the Silence“, „New Israel Fund“ und „Skhorot“ (Erinnerungen – nämlich an zerstörte arabische Dörfer) sowie die „Rabbis for Human Rights“ dürfte es keine Institutionen des israelischen Staates und seiner Gesellschaft geben, die sich „eindeutig“, so Butlers sehr anspruchsvolles Kriterium, „gegen die Besetzung aussprechen.“

(Auch hier: Bitte lesen!)

Ich frage mich, warum so viele Menschen Judith Butler verteidigen und sich gegen die Menschen wenden, die sie kritisieren. Ich vermute, es liegt daran, dass Judith Butler eine von vielen verehrte Philosophin und Gendertheoretikerin is und dass sie nicht möchten, dass ihr Ansehen in den Schmutz gezogn wird. Daher sind sie dankbar, wenn die Angriffe gegen sie mit dem Hinweis auf einen pauschalen Antisemitismusverdachtsvorwurf zurückgewiesen werden können, ohne hinzusehen, ob es sich dieses Mal vielleicht nicht nur um diese oder jene Kritik an israelischer Politik handelt, sondern um Positionen, die den israelischen Staat gefährden können.

Ich wünschte, ich könnte noch sagen: Dass sie in diesem einen Fall Unsinn geredet hat, schmälert nicht die Bedeutung ihres Gesamtwerks. Die Art und Weise, wie sie sich verteidigt und dabei die Wahrheit verdreht, tut dies meiner Ansicht nach durchaus.

Nachtrag:

Am 15. September hat Judith Butler mit Micha Brumlik über Zionismus und Judentum diskutiert. Ich habe bisher drei Berichte gefunden:

taz: „Ethik der Diaspora“
Frankfurter Rundschau: Keine Tröten gegen Butler
Jerusalem Post: Berlin Jewish Museum event calls for Israel boycott

Mein Eindruck ist, dass nun die Katze aus dem Sack ist: Eine Ein-Staaten-Lösung, und das Ende Israels als jüdischer Staat. Ich bin neugierig, was jetzt passiert.

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