Noch ein Buch, das ich nicht lesen werde: Die Schlafwandler (und ein paar Tipps zu guten Büchern über den Ersten Weltkrieg). Außerdem: Das Kaiserreich war nicht Mordor

In Hannover, aber wahrscheinlich nicht nur dort, liegen zur Zeit hohe Stapel mit Büchern zum Ersten Weltkrieg auf den Büchertischen der Buchhandlungen. Manchmal fragt man sich, was sich die Buchhändlerinnen dabei gedacht haben: “Im Western nichts Neues” liegt zum Beispiel direkt neben “In Stahlgewittern”. Aber vor allem in der Fachbuchabteilung gibt es schon seit mehreren Monaten einen Tisch mit historischen Büchern, den ich immer wieder umrunde, überlege, ob ich mir eines dieser Bücher kaufen sollte, aber meistens verlasse ich den Buchladen, ohne Geld auszugeben: Titel, in denen Wörter wie “Tragödie” oder “Katastrophe” vorkommen, schrecken mich ab. Solche Wörter suggerieren, dass der Erste Weltkrieg ein schicksalhaftes Ereignis (“Schicksal” – auch ein Wort, das mich abschreckt) und dass niemand dafür verantwortlich war.

Ja, und dann stelle ich fest, dass ein Buch Furore macht, das genau diese Schuldhaftigkeit leugnet: “Die Schlafwandler” von Christopher Clark. Anscheinend ist es schon seit langem ganz oben auf den deutschen Bestsellerlisten. Bei Amazon hat das Buch fast nur positive Rezensionen erhalten, und es scheint, als würden viele Leser es mit Erleichterung aufnehmen, dass ein ausländischer Historiker erklärt, dass Deutschland nicht schuld am Ersten Weltkrieg gewesen sei. Es scheint immer noch ein Bedürfnis nach Entlastung von Schuld zu bestehen, obgleich niemand der Menschen, die bei amazon kommentieren, in irgendeiner Form Schuld am Ersten Weltkrieg trägt. Es geht nur um den Wunsch, einem Kollektiv anzugehören, das nicht allzu schuldbelastet ist: Wenn man schon am Zweiten Weltkrieg schuldig ist, so will man nicht auch am Ersten schuldig sein. (Und was noch besser ist aus Sicht solcher Menschen: Wenn die deutsche Kriegschuld nicht zu Unrecht von den Westmächten in den Versailler Vertrag hineingeschrieben hätte, wäre es womöglich gar nicht zum Zweiten Weltkrieg gekommen. Man ist also auch daran nicht schuld, und auch nicht am Nationalsozialismus.)

Jetzt informiere ich mich über das Buch über ein Streitgespräch bei Phoenix: Wer war schuld am Ersten Weltkrieg? Wolfram Wette nimmt die Gegenposition zu Christopher Clark ein. Außerdem nimmt noch Sönke Neitzel an der Diskussion teil, den ich erst jetzt kennengelernt habe und den ich noch nicht einschätzen kann, und Guido Knopp moderiert. Ich habe dessen Fernsehsendungen bisher gemieden, in dieser Sendung wird er mir nicht sympathisch: zu oft bügelt er weitergehende Diskussionen ab, meist mit dem Argument “nicht zu tief ins 19. Jahrhundert gehen” – dabei war dies 1914 noch nicht lange vorbei.

Anhand dieses Diskussionssendung werde ich die Position von Clark kritisieren. Ich werde außerdem einige Bücher und Artikel im Internet zum Ersten Weltkrieg empfehlen, und auch ein paar Worte zum Thema Kaiserreich und Mordor verlieren. Weiterlesen

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Bullying: Victim-Blaming oder nicht, und ein paar Bemerkungen zur Kultur des Bullying

Ich wollte eigentlich das Thema “Bullying” hinter mir lassen und mich erfreulicheren Themen widmen und nur dann über Bullying schreiben, wenn ich mich über etwas ärgere. Leider ist dies schon wieder passiert, dieses Mal aufgrund einer quasiwissenschaftlichen Anzeige, die ich im aktuellen “Spektrum der Wissenschaft” (April 2014) gefunden habe. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsanzeige verschiedener Stiftungen, in denen für die Arbeit dieser Stiftungen geworben wird. (Für diejenigen, die ein Exemplar von “Spektrum der Wissenschaft” besitzen: Die Anzeige befindet sich ziemlich weit hinten im Heft, hinter Seite 96.)

Eines dieser Projekte ist eine Stiftung, die sich um seelische Nöte von Kindern kümmern will, und zwar praktisch vom Kindergarten an: http://www.achtung-kinderseele.org/. Der Text beginnt mit der Schilderung der Probleme dreier Kinder, bei der ich mich beim ersten Lesen ziemlich aufregte und bei der ich beim zweiten Lesen dachte: Vielleicht verstehe ich ihn falsch. Beim dritten Mal dachte ich, dass ich ihn wohl beim ersten Lesen doch nicht falsch verstanden habe. Aber nun erst einmal der Text:
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Kommentare zum Thema Bullying: Opfer sein ist nichts Subjektives

Wie es scheint, kann ich nicht systematisch über Bullying schreiben (und im Grunde möchte ich mich auch gerne anderen Themen zuwenden und mich nicht von etwas determinieren lassen, was mir aufgezwungen wurde), aber wenn ich das Thema anderswo diskutiert sehe, passiert es mir schon mal, dass ich mitdiskutiere, und dann geht es mir so, dass ich meine Kommentare ungern im Cyberspace verschwinden sehe. Dieses Mal kopiere ich nur einen meiner Kommentare hierher: Die Diskussion, in die ich anschließend hineingeraten bin, fasse ich nur zusammen. Außerdem gibt es ein paar Bemerkungen zu Terry Pratchett ganz am Ende. Weiterlesen

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über die angeblichen Barbie-Feministinnen oder “warum sind nicht alle Frauen so emanzipiert wie ich es bin?”

Wie versprochen der zweite Rant des Wochenendes, dieses Mal über den Artikel “Die Barbie-Feministinnen“, der im Freitag erschienen ist und den ich über einen Link bei erzählmirnix gefunden habe. Ich habe gestern auch einige der Kommentare gelesen: Einige von ihnen waren intelligenter als der Artikel, was bei Zeitungskommenaren sonst sehr ungewöhnlich ist.

Bei dem Artikel handelt es sich um einen Rundumschlag gegen westdeutsche Frauen. Nicht gegen westdeutsche Feministinnen, obgleich sie einige von ihnen, die Artikel schreiben, zitiert, sondern gegen westdeutsche Frauen generell, die nicht gemerkt haben, dass die Männer längst ohnmächtig sind und dass der Feind in ihrem eigenen Kopf sitzt. Die Frage, die sich die Autorin nicht stellt: Warum sitzt der Feind im Kopf dieser Frauen?

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Wenn ich Bildungsministerin wäre…

… und diktatorisch das Bildungssystem reformieren könnte, würde ich bei den Hauptschulen anfangen, nicht bei den Gymnasien.

Eigentlich wollte ich nur noch jede Woche schreiben, oder tendenziell eher seltener, aber gerade sind mir über das Internet zwei Artikel in mein Aufmerksamkeitsfeld geflattert, die mich ziemlich aufregen. Der erste befasst sich mit dem G8 (“Turbo-Abitur”), das jetzt wieder in G9 verwandelt werden soll. Über den zweiten schreibe (oder rante) ich morgen.

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Ein Buch, das ich nicht lesen, und ein Film, den ich nicht sehen werde: Über den Film “das Radikale Böse”

Man liebt sie oder man hasst sie: Ich lese regelmäßig Jungle World, und zwar am liebsten die Einlage “Dschungel” in Heftgröße, die eine Art Feuilleton darstellt. Vor ein paar Wochen habe ich zwei Verrisse gefunden: zu Judith Butlers Buch “Am Scheideweg” und zum Dokumentarfilm “das Radikale Böse”. Ursprünglich wollte ich zu beiden Verrissen etwas schreiben, aber schon der erste Verriss hat mich sehr viel Zeit gekostet. Daher nur der Link zum Artikel über das Buch von Judith Butler: Deconstructing Israel. Der Rest des Textes ist über den Film “das Radikale Böse”.

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Antwort auf endolex

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was ich auf endolex’ letzten Kommentar antworten soll, nämlich auf die Frage, ob sich Grenzverletzungen dadurch vermeiden lassen, dass man vor jeder Berührung fragt, ob das okay sei. Ich glaube, dass dies allein keine Lösung darstellt, jedenfalls dann, wenn man unter Fragen nur Fragen mit Worten versteht: Wenn unter Fragen auch Fragen mit Blicken und Fragen durch Berührungen verstanden werden, sieht die Sache anders aus.

Für meine Skepsis habe ich verschiedene Gründe: erstens bin ich mir nicht sicher, ob Menschen, die große Schwierigkeiten haben, ihre Grenzen zu schützen, allein durch Fragen geschützt werden: Schließlich ist es für viele Menschen auch nicht einfach, jemandem, den sie mögen und den sie nicht verletzen wollen, eine Bitte abzuschlagen. Weiterlesen

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