kein Fall von mangelnder Bildung

Ich habe gerade in der SZ einen Artikel gefunden, in dem beschrieben wird, wie versucht wird, die Folgen der Koranverbrennung/entsorgung zu lindern, nämlich durch Schulungen der Soldaten: Soldaten auf die Schulbank.

Nun ist es generell eine gute Sache, wenn Menschen ein wenig Sensibilität für andere Kulturkreise entwickeln, insbesonders wenn sie sich gerade in einem Land aus dem betreffenden Kulturkreis aufhalten. Der Artikel bemängelt, dass dies über zehn Jahre nach dem Beginn des Krieges etwas spät ist: man hätte dies auch früher tun können. Aber ich frage mich, ob das den Punkt trifft. Braucht man wirklich Schulungen, um zu lernen, dass man einen Koran, den man einem Gefangenen abgenommen hat, nicht “entsorgt”, schon gar nicht, indem man ihn verbrennt? Können sich das die Menschen nicht auch von selbst denken? Ist das nicht selbstverständlich?

Schulung klingt nach Wissensvermittlung. Ich fürchte jedoch, dass die Ursache für die Entsorgung/Verbrennung der Koranexemplare im emotionalen und nicht im kognitiven Bereich liegt.

Dies entschuldigt nicht, dass der Ärger der Bevölkerung jetzt von den Taliban ausgenutzt und instrumentalisiert wird, und schon gar nicht entschuldigt es, dass Menschen getötet wurden, noch haben die amerikanischen Soldaten Schuld an diesen Toten.

Mir kommt dies in den Sinn wegen der Debatte, die wir hier im Herbst über Nora Sow hatten, und auch über den #krakengate auf Twitter. Sind historische oder kulturwissenschaftliche Detailkenntnisse notwendig, um zu wissen, dass man manche Dinge nicht tut? Bei manchen Punkten ist das wohl so, bei anderen sollte es sich jedoch wohl aus einfachem Respekt für andere Menschen ergeben, dass sie nicht angemessen sind.

Vielleicht kann ich es so formulieren: Manche Dinge sollten sich einfach daraus ergeben, dass man den anderen respektiert als jemanden, der im Prinzip so ist, wie man selbst. Dies ist nun genau die Umkehrung der Behauptung, dass die Soldaten mehr über die andere, fremde Kultur des Islams lernen sollten. Möglicherweise sollten sie nicht lernen, dass die anderen fremd sind und eine andere, merkwürdige Kultur haben, die man nicht ohne weiteres verstehen kann, so dass man spezielle Schulungen braucht, sondern viel eher, dass die anderem einem selbst ähnlich sind und dass sie sich daher verletzt fühlen, wenn das, was ihnen heilig ist, unwürdig behandelt wird, genau wie man selbst sich im entsprechenden Fall fühlen würde.

Oder – und dieser Verdacht drängt sich mir auf – die, die die Koranexemplare verbrannt haben, wissen, dass die Afghanen ihnen ähnlich sind und sich verletzt fühlen, und legten es darauf an. Vielleicht ging es ihnen darum, eigene Wut und Frustration abzureagieren und achteten nicht gut genug darauf, dass nichts nach außen dringt. Vielleicht müsste es in diesen Schulungen darum gehen, mit der eigenen Frustration und der eigenen Wut auf eine andere Wut umzugehen.

Hier ist noch ein Interview im Deutschlandfunk: Interview mit Thomas Ruttig Afghanistan Analyst Network

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Nachtrag zu Libyen: mit Zahlen

Vor einigen Tagen habe ich einen Beitrag der Tagesschau zum Thema Libyen gefunden, möglicherweise gesendet aus dem Anlass des ersten Jahrestags des Beginns der Revolution: Gaddafis langer Schatten liegt über Libyen.

Was mir dabei besonders auffiel: Eine Zahl im unteren Abschnitt des Beitrags: 50 000 Menschenleben hat der Bürgerkrieg gekostet. Zum Vergleich: Die derzeitigen Opferzahlen in Syrien liegen bei ungefähr 5 000, und das bei einer dreimal so großen Bevölkerung.

Der Vergleich ist natürlich nicht ganz fair. Die Opferzahlen in Syrien werden wahrscheinlich noch steigen; schließlich ist ihre Revolution noch nicht erfolgreich beendet. Außerdem lassen sich keine zwei Länder direkt vergleichen: Vielleicht war Gaddafi einfach skrupelloser als Assad.

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ADHS/ADS als “Jungskrankheit” – aus der Reihe Maskulinismus in der Pädagogik

Weitere Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Maskulinismus in der Pädagogik und der Idealisierung von Gewalt

Es ist ja nicht so, dass ich mit Absicht nach Artikeln suche, in denen sich Maskulinisten über die Benachteiligung von Jungen auslassen. Den Artikel Wo die wilden Kerle wohnten habe ich angeklickt, weil ich der Tatsache, dass Unruhe als Krankheit definiert wird, kritisch gegenüberstehe, und weil ich die Verabreichung von Ritalin als noch kritischer sehe als die Krankheitsdefinition selbst.

Ich fand meine Kritik wunderbar in dem folgenden Absatz bestätigt:

Für ein schwieriges Kind gibt es Gründe: überforderte Eltern, eine kaputte Familie, unfähige Lehrer, zu viel Computerspiele und zu wenig Kletterbäume. Wenn ein schwieriges Kind für krank erklärt wird, braucht sich niemand verantwortlich zu fühlen: Krankheiten können genetisch veranlagt sein oder Schicksal oder beides. Keiner kann etwas dafür. Nicht der Junge, nicht Eltern, nicht Lehrer, nicht Umstände. Wer krank ist, bekommt Medizin. Eine Pille, die gesund macht. Für die wilden Jungs gibt es eine Pille, die sie still und aufmerksam macht: Ritalin.

Auch jetzt, beim Wiederlesen, spiegelt dieser Absatz ziemlich genau meine eigene Meinung wieder, nur, dass ich jetzt, beim Wiederlesen, merke, dass nicht durchgängig von Kindern, sondern an manchen Stellen nur von “Jungs” die Rede ist. Dadurch, dass an manchen Stellen eben doch von “Kindern” gesprochen wird, wurde ich nicht sofort auf das Problem aufmerksam.
Auch die weiteren Absätze waren mir sympathisch: Es wird spekuliert, ob ADHS nicht eine “fabrizierte” Krankheit ist, ob man in ihr nicht besser ein Deutungsmuster erkennen sollte:

Keine Krankheit, ein Deutungsmuster: als psychisch krank wird definiert, was gegen bestimmte Regeln verstößt und von Normen abweicht. Diese Normen sind nicht ein für alle Mal festgelegt, sie können sich verändern. ADHS ist ein Jungen-Syndrom. Jungen bekommen die Diagnose viermal so oft wie Mädchen. Sie sind es, die über die Stränge schlagen und gegen Regeln verstoßen. Wer hat sich verändert? Die Jungen? Die Regeln?

Es werden dann verschiedene Ansichten über Jungen aufgeführt: Sie suchen das Risiko, wollen Grenzen überschreiten und sich erproben. Sie sind die Erben der Kämpfer, Jäger und Wächter, die jeden Reiz wahrnahmen, die nun aber nicht mehr gebraucht werden.
Es sind nur ein paar Zeilen, dann wendet sich der Artikel wieder seinem eigentlichen Thema zu: Dass Kinder durch ein Medikament zum Funktionieren gebracht werden. Ich bin mit der generellen Aussage immer noch einverstanden, nur mit den Aussagen über Jungen nicht. Zusammenfassen kann ich meine Kritik in zwei Sätzen.

Der Artikel entbiologisiert ADHS, aber er biologisiert Männlichkeit: Was einen Jungen ausmacht, gilt als naturgegeben.

Dabei scheint den Autorinnen des Artikels nicht einmal aufgefallen zu sein, dass die Erklärung, dass Jungen sich nicht mehr wie “richtige Jungs” benehmen dürfen und daher mit ADHS diagnostiziert werden, im Widerspruch steht zu der oben zitierten Erklärung, dass ADHS viele Ursachen haben kann, im wesentlichen aber damit zusammenhängt, dass etwas im Leben der Kinder (nicht der Jungen) nicht in Ordnung ist.

Die Vorstellungen davon, was es heißt, ein “richtiger Junge” zu sein, sind ziemlich konventionell: “richtige Jungen” sind Kämpfer, Jäger und Wächter, sie wagen etwas, passen sich nicht an und rebellieren nicht. Eine Reflektion darüber, ob diese Verhaltensweisen anerzogen sein könnten, findet nicht statt.

Dabei scheint mir fragwürdig, ob es überhaupt stimmt, dass an ADHS leidende Jungen früher gute Kämpfer, Wächter oder Jäger gewesen wären, weil sie jeden Außenreiz wahrnehmen. Für Wächter scheint mir diese Fähigkeit tatsächlich sinnvoll, nicht aber unbedingt für Jäger oder Kämpfer: diese müssen sich auf die Beute oder auf den Gegner konzentrieren. Das zweite Problem ist aber, dass selbst ein Wächter im Idealfall überlegt und ruhig reagiert, wenn er eine Gefahr erkennt, nicht impulsiv und spontan. (Ich habe mir überlegt, für wen ein solches Verhalten tatsächlich von Vorteil ist: für Kaninchen und andere typische Beutetiere. Sie müssen bei Gefahr sofort reagieren, ohne groß nachzudenken. Aber Kaninchen sind nicht die Tiere, mit denen MaskulinistInnen Jungen gerne vergleichen.)

(Ich habe jetzt übrigens bei Spektrum der Wissenschaft einen Artikel gefunden, die vielen Fassetten der Aufmerksamkeit, der von einer anderen Richtung herkommend die einfachen Erklärungen der Aufmerksamkeitsstörung definiert: Aufmerksamkeit schließt eine ganze Menge von Fähigkeiten ein: ein Aufmerksamkeitsfeld, das weder zu klein noch zu groß ist, systematische visuelle Suchbewegungen, eine genügende Fixationszeit – und das sind allein die Facetten, die das Sehen betreffen. Jede dieser Facetten kann gestört sein, und entsprechend unterschiedlich muss auch die Therapie verlaufen.)

Was bleibt, sind die Vorstellungen über kämpfende Jungen/Männer, die in diesem Artikel fröhliche Urstände feiern, und die Behauptung, dass es sich dabei um natürliche Verhaltensweisen handelt, die man daher auch nicht zu ändern versuchen sollte. Jungen leiden darunter, dass sich die Regeln verändert haben, und darunter, dass die Gesellschaft keine Jäger, Kämpfer und Wächter mehr braucht, und anstatt dass Jungen ihr Verhalten verändern sollten (und dabei Unterstützung erfahren sollten), wird gefordert, dass die Gesellschaft sich ändert und die zu harten Forderungen an Jungen wieder zurücknimmt.

Das interessante an biologistischen Argumentationen ist nun, dass es einen Unterschied von hundertachtzig Grad ausmacht, ob nun weibliche oder männliche Eigenschaften als biologisch festgelegt beschrieben werden und ob Jungen oder Mädchen durch ihre angeblich biologisch festgelegten Eigenschaften benachteiligt sind. Wenn Mädchen durch angeblich biologische Eigenschaften benachteiligt sind (weniger begabt für Mathematik und Technik, weswegen sie statt Ingenieurswissenschaften lieber Germanistik studieren, oder lieber Krankenschwester statt Mechatronikerin werden), so ist das bedauerlich, aber nicht zu ändern, und auch kein Grund, darüber nachzudenken, ob diese natürlichen Nachteile irgendwie ausgeglichen werden sollten. Wenn es sich nun herausstellt, dass Jungen aufgrund angeblich natürlicher Eigenschaften gegenüber Mädchen benachteiligt sind, so wird die Forderung aufgestellt, dass den Jungen entgegengekommen werden müsste, indem die Regeln wieder so verändert werden, dass Jungen besser mit ihnen zurechtkommen, oder indem man ihnen gegenüber großzügiger ist.

Abgesehen davon, ob es wirklich die zunehmende Intoleranz gegenüber “jungenhaftem” Verhalten ist, die für den starken Anstieg von ADHS bei Jungen verantwortlich ist – was ich nicht glaube – stellt sich doch die Frage, ob es sinnvoll ist, die Regeln zu lockern, damit Jungen es wieder leichter haben. Es wäre nur sinnvoll, wenn ihnen damit auch im künftigen Leben geholfen wäre – und in diesem Fall sollten auch Mädchen ermutigt werden, mehr auszuprobieren und ihre Grenzen auszutesten und hin und wieder zu rebellieren. Auch sie müssten Fähigkeiten erwerben, die ihnen im späteren Leben zugute kommen, anstatt sie nur zur Anpassung zu erziehen.

Aber möglicherweise handelt es sich um Veränderungen der Gesellschaft, die an und für sich wünschenswert sind: Ein Rückgang der Gewalt, der bewirkt, dass Kämpfer, Jäger und Wächter nicht mehr benötigt werden. Dies bedeutet tatsächlich die Entwertung von typisch männlichen Fähigkeiten, möglicherweise sogar der Fähigkeit, die traditionell die exklusivste männliche Fähigkeit war (mit einigen wenigen Ausnahmen, die es immer gibt): die Fähigkeit, physiche Gewalt auszuüben und sich in einem Kampf zu behaupten.

Es ist nachvollziehbar, dass Männer (ehemalige “Jungs”), die sich selbst durch diese Fähigkeit definieren oder diese Fähigkeit als Ursache ihrer Privilegien ansehen, sich angegriffen fühlen, wenn die Fähigkeit, Gewalt auszuüben, an Wert verliert, und Gewalt an und für sich auch nicht mehr als wünschenswert angesehen wird. Dies gilt auch dann, wenn sie jetzt, als erwachsene Männer, mit Gewalt nichts mehr zu tun haben und sie für nicht legitim halten. Es reicht, wenn sie als Jungen anders dachten und nun nicht schlecht von sich selbst als Jungen denken wollen. Dann wird Gewalt zu etwas, was zwar nicht für Männer, wohl aber für Jungen sehr wohl in Ordnung ist.

(Um noch einmal auf ADHS zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass es die gewalttätigen Jungen sind, die unter ADHS leiden – jedenfalls nicht die Jungen, die erfolgreich Gewalt anwenden und an der Spitze der Hierarche stehen. Anders sieht es aus mit jenen, die unter Gewalt leiden.)

Es müsste wohl trotzdem noch geklärt werden, warum ADHS eine Diagnose ist, von der in erster Linie Jungen betroffen sind, und zwar ohne biologistische Argumente zu Hilfe zu nehmen. Dies will ich hier aber nicht versuchen.

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Selbstbewusstsein und Victim-Blaming

Und wieder finde ich Tweet von @familylab_de, und einen entsprechenden Facebook-Eintrag, der mich den Kopf schütteln lässt:

Ein gesund entwickeltes Selbstwertgefühl ist der wirksamste Abwehrmechanismus gegen Schikane, Mobbing, körperliche Gewalt und persönliche Kritik. Jesper Juul_familylab.de
familylab auf facebook

Ich starre den Satz an, überlege mir, ob ich familylab “entfolgen” soll (sie haben nur eine zweistellige Zahl von “Folgenden”, weniger als ich selbst, nicht besonders viel für eine Seite, die ständig von “Führung” redet, da macht es sich bemerkbar, wenn eine Person sie entfolgt.)
Ich starre den Satz an. Früher wäre ich in erneute Selbstzweifel verfallen, jetzt, nach ein paar Jahren der Beschäftigung mit dem Thema “mobbing”, überkommt mich eine ungewohnte Klarheit: Nein, ich bin nicht verrückt. Meine Erinnerungen entsprechen der Wahrheit. Ich bin nicht nur das Opfer der Bullies in meiner Klasse gewesen, sondern auch das Opfer der damals im Mainstream stehenden “alternativen” Pädagogik (ich zögere, sie links zu nennen.) Einer Pädagogik, die sich dem Selbstbewusstsein und der Eigenständigkeit von Kindern verschrieben hatte (was im Prinzip gut ist), die dabei aber vergessen hat, dass es auch wichtig ist, Regeln des Zusammenlebens zu vermitteln. Einer Pädagogik, die sich intensiv gegen die Gewalt von Erwachsenen (Eltern, Lehrern) gegen Kinder wandte, die aber blind war für die Gewalt unter Kindern, die sie mit Allgemeinplätzen wie “die machen das unter sich aus” verniedlichte und vernatürlichte.
Beziehungen unter Kinder wurden nicht als etwas betrachtet, das den Regeln zivilisierten Zusammenlebens entsprach, sondern als etwas, was betrachtet werden konnte wie die Rangkämpfe in einem Wolfsrudel. Entsprechend waren dann die “Überlebensregeln”, die ich lernte: Nicht provozieren, vorsichtig sein, manchmal unterwarf ich mich auch. Nicht in allen Punkten: das waren dann Momente von Moral und von Freiheit.

Mir wurde vermittelt, dass ich selbst für das verantwortlich war, was mir angetan wurde. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht allen Mobbing-Opfern so ging: Einige übten sich auch in stolzer Einsamkeit und hielten die Täter für Idioten. Ich hatte auch solche Momente, aber im großen und ganzen war die Frage, die sich mir stellte: Wie muss ich mich verhalten, um nicht gemobbt zu werden? Nicht zu klug sein, weil das die Täter provoziert, nicht zu stolz oder arrogant sein, weil das ebenfalls provoziert, aber auch auf keinen Fall irgendeine Schwäche zeigen.
Die Regel “keine Schwäche zeigen” wird nun auch in dem Zitat von familylab deutlich. Selbstbewusstsein als Schutz gegen Mobbing. (Ich habe auch schon gehört, dass es als Schutz gegen Vergewaltigung dienen soll.) Eine der Kommentatorinnen bei facebook fragt dann berechtigterweise, wie sie das ihrer sechshährigen Tochter beibringen soll.

Die Verantwortung für das Mobbing wird mit einem solchen Spruch den Opfern und ihren Eltern zugeschrieben.

Den Opfern, weil sie nicht genug Selbstbewusstsein haben, den Eltern, weil sie ihren Kindern nicht genug Selbstbewusstsein mit auf den Weg gegeben haben. Es wird nicht gefragt, woher Selbstbewusstsein kommt, oder wie ein kleines Kind genug Selbstbewusstsein haben soll, um sich gegen eine Übermacht durchzusetzen, die es als Opfer erkoren hat.

Es wird nicht auf die einschlägige Literatur etwa von Dan Olweus Gewalt in der Schule oder Mechthild Schäfer Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertigmachen eingegangen. Das sind Bücher von Wissenschaftlern, die empirische Forschung betreiben, einschließlich statistischer Analysen, nicht von “Ratgebern”, die weise (?) Sprüche absondern.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass keine Korrelation zwischen irgendwelchen Eigenschaften des Kindes und der Wahrscheinlichkeit, Mobbing-Opfer zu werden, besteht. Wenn irgendwelche Eigenschaften genannt werden, handelt es sich um Rationalisierungen der Täter, auf die Pädagogen nicht hereinfallen sollten. Kurz gesagt: Pädagogen sollten das Victim-Blaming der Täter nicht unterstützen und fortschreiben.
Zugegeben, in einem Twitter-Spruch ist das schwierig, eine komplexe Theorie zu erläutern. Aber hinter Twitter-Sprüchen stehen Haltungen und Positionen, und die Haltung, die hinter dem obengenannten Spruch steht, ist mit den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft nicht vereinbar.

Mobbing ist ein soziales Phänomen, das in der Schule auftritt und in der Schule gelöst werden muss. Hauptverantwortlich sind die Lehrer, aber auch die Schule als ganzes mit ihrer Organisation. (Die Täter sind selbst noch Kinder oder Jugendliche, also nicht oder nicht voll für ihr Handeln verantwortlich. Genausowenig sind aber die Opfer, die ja ebenfalls Kinder oder Jugendliche sind, für ihr Handeln verantwortlich.) Die Lehrer sind dafür verantwortlich, die Schikanen zu stoppen, sie sind dafür verantwortlich dafür zu sorgen, dass Mobbing nicht als cool gilt und dass die unbeteiligten Mitschüler (“Zuschauer”, “bystander”) die Täter nicht durch Lachen oder Wegsehen unterstützen, sondern dem Opfer die Unterstützung geben, die es braucht. Victim-Blaming (“kein Wunder, der oder die ist ja nicht selbstbewusst genug. Er oder sie sollte mal besser lernen, sich zu wehren/sich durchzusetzen”) ist nicht hilfreich.
Hilfreich sind auch nicht irgendwelche therapeutischen oder sozialpädagogischen Maßnahmen, die sich an das Opfer richten und ihm mehr Selbstbewusstsein oder Stärke vermitteln sollen. Gerade, wenn das Mobbing in den Anfangszügen steckt, sind solche Maßnahmen nicht nötig, sondern eher schädlich, sie vermitteln dem Opfer, dass es selbst für das Mobbing verantwortlich ist. Ihr einziger Vorteil ist, dass die Opfer für die Therapeuten und Sozialpädagogen besser greifbar sind als die Täter: Sie stehen unter einem Leidensdruck und möchten, dass die Situation sich ändert. Für die Täter, deren Verhalten sich eigentlich ändern müsste, besteht kein Leidensdruck, sie sehen daher auch keine Möglichkeit, sich auf Sozialpädagogen oder Therapeuten einzulassen.
Wenn das Mobbing anhält, ist es möglich, dass Schädigungen eintreten, die Therapie für das Opfer sinnvoll machen. Besser ist es aber, die Schikanen in den Anfangszügen zu stoppen. (Da ergibt sich dann auch die Frage, ob das, was man bei den Opfern an mangelndem Selbstbewusstsein beobachtet, nicht eine Folge des Mobbings und der Schikanen ist.)

Woher kommt Selbstbewusstsein? Ich denke, es gibt nicht “das” Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein speist sich auf verschiedenen Quellen, etwa den eigenen Fähigkeiten, möglicherweise auch dem Bewusstsein der Fähigkeit, sich in einer körperlichen Auseinandersetzung erfolgreich behaupten zu können (sprich, ein anderes Kind zusammenzuschlagen zu können ohne Gefahr für einen selbst.) Selbstbewusstsein kann sich aber auch daraus aus dem Wissen speisen, dass mensch in seinen Eigenarten angenommen und akzeptiert ist und gewisse Rechte hat, unter anderem das Recht auf Schutz vor Gewalt: Ein Recht, das unverwirkbar sein sollte. Selbstbewusstsein sollte heißen, dass das Kind weiß: Im Fall einer Bedrohung kann ich mich an Lehrer oder Mitschüler wenden, und sie werden mich beschützen und mir helfen.
Diese Art von Selbstbewusstsein sollte Kindern mitgegeben werden. Dafür sind in erster Linie die Lehrer, nicht die Eltern verantwortlich, da die Lehrer, nicht die Eltern die Verantwortung für den sozialen Raum Schule tragen.

Für mich persönlich war entscheidend, dass ich nach der Lektüre von Autoren wie Dan Olweus oder Mechthild Schäfer aufhörte, mich zu fragen, was an mir falsch war und das Mobbing ausgelöst hat, und dass ich aufhörte, zu versuchen, so zu sein, dass ich nicht gemobbt werde. Ich gehe jetzt durch die Welt in der Erwartung, dass ich mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt werde, und die Welt der Erwachsenen ist zum Glück so gestaltet, dass das in aller Regel auch eintrifft. Ich bin jetzt nicht mehr um Anpassung bemüht, sondern finde voller Neugier heraus, was ich selbst gut kann und gern mag.
Ich werde mir jetzt aber nicht selbst noch die Schuld dafür geben, dass ich so lange brauchte, meine Einstellung zu ändern. Verantwortung tragen auch unverantwortliche pädagogische Positionen, die ich viel zu lange geglaubt habe und die leider noch viel zu verbreitet sind.

Ach ja, und bevor es wieder heißt: “Genau diese Art von Selbstbewusstsein meinen wir ja!” – das ist ein Spruch, den ich fast jeden Tag von meinen Schülern höre, und ich antworte, was ich meinen Schülern antworte: “Sie müssen das sagen, was Sie meinen.”
(Mich wundert besonders, dass eine Seite, die nicht müde wird zu betonen, dass die Erwachsenen zu 100 Prozent für die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern verantwortlich sind, beim Thema Mobbing die Verantwortung den Kindern und eventuell noch den Eltern gibt, und nicht den Lehrern und der Organisation Schule. Mich wundert auch, dass eine Site, die eigentlich nicht der Anpassung das Wort redet, beim Thema Mobbing/Bullying so unsensibel ist.)

Ich weiß nicht, wie oft ich noch Tweets von @Familylab_de kommentieren werde. Vermutlich werde ich sie in absehbarer Zukunft abhaken als eine weitere Gruppe von selbsternannten “weisen Menschen”, deren Bücher sind in den Ratgeberabteilungen statt in der wissenschaftlichen Abteilung der Buchhandlungen finden. Vermutlich werde ich in wenigen Wochen, oder zumindest Monaten, nur noch über sie lachen und mich wundern, dass ich die Site einmal interessant fand, und sie dann entfolgen. Ich bin noch nicht an diesem Punkt angelangt, und ein paar weitere Blogposts werden möglicherweise noch folgen.

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“Ich möchte nicht zum Mond gelangen…”

“…jedoch zu meindes Feindes Tür” – so fing die vierte Strophe eines Kirchenliedes an, das ich während der Achtziger in friedensbewegten Kirchentagskreisen eine gewisse Popularität hatte. Die erste Strophe fing an: “Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt.” (Gesamter Text)

Ich musste in letzter Zeit öfter daran denken, zum Beispiel, als ich auf der website des Metta-Centers auf ein Zitat stieß, auf dem möglicherweise der Liedtext beruht:

We can send men to the moon, Martin Luther King pointed out, but we cannot get along with one another here on Earth.

Ich musste aber vor allem an dieses Lied denken, als ich im Gespräch mit einem Schüler auf die Mondlandungen zu sprechen kam. Ich erklärte ihm, dass sie kein Fake sind, und dass die Fahne nicht im Wind flatterte, sondern von einer Querstange gehalten wurde (Widerlegung der Argumente der Mondlandungs-Fake-Verschwörungstheorie), dass aber schon lange niemand mehr auf dem Mond war. “Was will man dort?” fragte ich. “Nur Steine.”

Die technische Entwicklung hat seit der Zeit, als das Brückenbau-Lied gedichtet wurde, eine ganz unerwartete Richtung eingeschlagen. Von interstellarer Raumfahrt spricht niemand mehr, und Satelliten haben in erster Linie den Zweck, die Kommunikation auf dieser Erde zu fördern (oder die Unterhaltung und Zerstreuung, je nach Sichtweise) und uns mittels GPS-System die Orientierung zu erleichtern. Von einer Reise zum Mars ist hin und wieder die Rede, aber nicht ernsthaft: zu teuer, zu langwierig. Interstellare Reisen sind dorthin verbannt, wohin sie gehören: Ins Reich der Fantasie.

Computer werden nicht verwendet, um Weltraumreisen zu steuern (und übernehmen auch nicht das Kommando wie HAL in Odyssee 2001), sondern um sich weltumspannend Katzen-Videos zu verschicken – oder eben auch politische Nachrichten. Wir leben einer Welt, die die Fantasie von Science-Fiction-Autoren und Liederdichtern übersteigt.

Ob die weitergehende Hoffnung Wirklichkeit geworden ist, die dass Brücken zwischen Feinden gebaut werden? Ich zweifle daran. Die meisten Verbindungen werden zwischen Menschen geknüpft, die sich vorher nicht kannten und sich neugierig-neutral begegnen, aber nicht zwischen Feinden.

Und während uns mittlerweile klar ist, dass die anderen Planeten in unserem Sonnensystem eher lebensfeindlich sind (es gibt allerhöchstens Spekulationen über extremophile Mikroorganismen auf den Monden von Jupiter oder Saturn), hat die Suche nach sogenannten Exoplaneten, also Planeten, die um eine andere Sonne/einen anderen Stern kreisen, begonnen. Es ist mittlerweile möglich, auch Planeten zu finden, deren Größenordnung im Bereich der Erde, nicht des Jupiters liegt, und man findet zunehmend auch welche, die im richtigen Temperaturbereich für flüssiges Wasser liegen, also Leben erlauben. Gerade heute habe ich verschiedene Meldungen gefunden, dass ein möglicherweise bewohnbarer Planet in nur 22 Lichtjahren Entfernung entdeckt wurde: Astronomie um Mitternacht. (Für interstellare Verhältnisse ist das ziemlich nah. Zu weit weg zum Hinfliegen, nah genug für den Austausch von Botschaften.)

Nicht einmal die Aliens sind noch, was sie einmal waren. Neugier ist das, was mir am meisten aus den Artikeln über eine “Super-Erde” hervorsticht ist das Gefühl der Neugier: Vielleicht ist da eine Zivilation, mit der wir uns austauschen können. Die Möglichkeit einer Bedrohung wird nicht in Betracht gezogen. (Vielleicht törichterweise.)

P.S. Ein paar Worte zu Metta-Center: Ich habe die Site vor über einem Jahr gefunden und lese nun mehr oder weniger regelmäßig die Artikel, die ich dort lese. Die Organisation widmet sich der Praxis der NonViolence (Gewaltfreiheit) und bietet Seminare dazu an. Wichtigste Autorität ist Mahatma Gandhi. Ich habe einiges von dort gelernt, insbesondere über non-cooperation und constructive programme, aber ich bin mir noch nicht sicher, was ich von der Site als ganzer halten soll. Ich denke, dass ich eher der säkularen, pragmatischen Version von Gewaltfreiheit zuneige als der spirituellen, prinzipiellen. Ich merke allerdings, dass ich mich noch stärker mit den Inhalten dieser Site auseinandersetzen muss.

Insgesamt geht es mir ähnlich wie bei Familylab: Ich erkenne Werte, mit denen ich großgeworden bin und an denen ich jetzt zumindest teilweise zweifle. Ich bin noch dabei, auszusortieren, was von diesen Werten ich behalten will, und was ich als Teil der Lüge und des Victim-Blamings betrachten will, mit dem ich großgeworden bin.

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Große Kleine Jungs: Maskulinisten in der Pädagogik

Ich folge zur Zeit @familylab_de bei Twitter, vor allem weil ich ein paar Bücher von Jesper Juul in Buchhandlungen gesehen und hineingelesen habe und sie mochte. (Ich habe auch ein Interview in der Brigitte mit ihm vollständig gelesen und mochte es auch.) Ich mag seine gelassene Art, und, ja, im großen und ganzen entsprechen seine Ansichten denen, die auch meine waren, seit ich ungefähr vierzehn war.
Ich habe auch ein Buch von Wolfgang Bergmann gelesen (“Unsere Kinder, unser Glück”), in dem er sich gegen Michael Winterhoffs These von kleinen Tyrannen wendet. Im großen und ganzen mag ich seine Ansichten auch. Wo ich hin und wieder mit den Ohren schlackerte: Bei den Geschlechterklischees, die offensichtlich vierzig Jahre Frauenbewegung unbeschadet überlebt haben. Aber ich hatte mir vorgenommen, dass ich mir einen ansonsten guten Autor nicht dadurch verleiden lassen will, dass ich mich über seine Ansichten über Frauen ärgere. Als junge Frau tat ich das, und viele Autoren, zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, wanderten dadurch wieder ins Regal: wenn jemand solche vorsintflutlichen Ansichten zu Frauen hat, interessiert mich nicht, was er zu anderen Themen denkt.
Ich hatte mir vorgenommen, diese Haltung zu überwinden. Ich dachte: vielleicht sind die Ansichten dieser Menschen zu anderen Themen dann lesenswert. Aber beim Thema Kindererziehung kommen mir so langsam Zweifel. Ich frage mich, ob hinter dem Maskulinismus nicht vor allem die Sehnsucht danach steht, tun und lassen zu können, was man will, anstatt die Regeln zivilisiern Zusammenzulebens zu lernen.
Normalerweise, wenn es nicht gerade um Jungen und Mädchen geht, sondern einfach um Kinder, ist Jesper Juul durchaus der Meinung, dass Kinder Sozialverhalten lernen sollen, und dass Kindergärtner und Lehrerinnen sie dabei auf liebevolle Weise unterstützen sollen. (Hier ist ein Artikel von ihm, den ich sehr mag: Time-out – Schluss damit!.)

Aber dann finde ich einen Tweet/Facebookeintrag wie diesen hier: http://www.facebook.com/pages/familylabde/167571786609273

„Wenn heute im Kindergarten beim Ballspielen eine Fensterscheibe zu Bruch geht, wird doch sofort der Morgenkreis einberufen. Jungen haben heute kaum noch die Fähigkeit, sich selbst in ihrer Körperlichkeit, in ihrer männlichen Durchsetzungsfähigkeit kennenzulernen. Sie werden mit Teilen ihrer Männlichkeit überhaupt nicht mehr bekannt.“ Wolfgang Bergmann

Ich weiß nicht einmal, ob es mir gelingt, alle (hoffentlich) unbewussten Konnotationen aufzulisten, die in diesem Zitat auftauchen: Männlichkeit=Körperlichkeit=Durchsetzungsfähigkeit=Fensterscheiben zerbrechen. Der Morgenkreis erscheint dagegen wie ein Standgericht.

Vielleicht sollte einmal hinterfragt werden, inwiefern Durchsetzungsfähigkeit, insbesondere wenn sie mit Körperlichkeit verbunden ist, im Klartext also mit physischer Gewalt, wirklich ein positiver Wert ist. Was ist, wenn diese Gewalt nicht gegen Fensterscheiben, sondern gegen Menschen gerichtet wird? (Aber Raufen wird von Maskulinisten auch als positive Tätigkeit gesehen.) Was bedeutet das für die Schwächeren? Im Kindergarten sind meistens die jüngeren Kinder die Schwächeren, im erwachsenen Alter sind es Frauen.
Ich weiß schon, was geantwortet werden wird: “Aber so haben wir das nicht gemeint. Natürlich sind wir gegen Gewalt.” (Ich kenne diese Sorte Leute: Ein bisschen (Sozial-)Pädagogik, ein bisschen Esoterik, aber keinerlei Fähigkeit, einen Gedanken zuende zu denken.)
Es gibt viele Gelegenheiten, körperliche Stärke auf produktive Weise zu erfahren, und zwar für Mädchen und Jungen. Fensterscheiben zerbrechen gehört nicht dazu. Was wichtig wäre: die körperliche Stärke zu erfahren und kontrollieren zu lernen, und das lernt man nicht, wenn man Fensterscheiben zerbricht. Statt Durchsetzungsfähigkeit sollten Verhandlungsfähigkeit, die Fähigkeit Kompromisse zu schließen, die Fähigkeit, Lösungen zu finden, die für alle gut sind, im Zentrum der Pädagogik stehen.

Dies ist in aller Regel bei der heutigen Pädagogik auch der Fall. Nur ein paar Maskulinisten beklagen, dass ihnen (beziehungsweise den Jungs, mit denen sie sich identifizieren, oder auch den Jungs, die sie in ihrer Vergangenheit einmal waren) jetzt gesagt wird, dass gewisse Verhaltensweisen, die sonst okay waren, es jetzt nicht mehr sind. Es ist ein gewisser Nachteil für die Jungs, die jetzt nicht mehr alles tun können, was sie wollen, die also insbesondere ihre Durchsetzungsfähigkeit nicht mehr auf der körperlichen Ebene erfahren dürfen (sprich: Gewalt ausüben.) Es ist allerdings ein großer Fortschritt für die Schwächeren, die jetzt nicht mehr unter diesem Verhalten leiden müssen.

Ich habe schon früher bei LJ zu diesem Thema geschrieben: Poor Boys

Ja, und mittlerweile führt dies bei mir auch zu einer generellen Skepsis gegenüber der von diesen großen Jungs vertretenen Pädagogik: Legen sie nicht generell zu viel Wert darauf, dass Kinder tun dürfen, was sie wollen?

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Ageism: Mit zunehmendem Alter bin ich imstande festzustellen, dass sich in der Welt tatsächlich etwas ändert.

Warnung: Ageism.

Es sind drei verschiedene Themenfelder, in denen es mir in letzter Zeit aufgefallen ist, dass ich die Welt nicht so pessimistisch betrachte wie viele meiner jüngeren Mitmenschen.

Gestern war es der Klimawandel. Ich hörte Klagen darüber, dass einfach nichts passiert, obgleich man längst bescheid weiß.

Vor ein paar Monaten, und davor vor ein paar Jahren, war es das Thema Feminismus. Ich hörte Klagen, dass Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind. Das die Situation besser ist als vor ein paar Jahrzehnten, gilt nicht als Gegenargument: man will sich (berechtigterweise) nicht über etwas freuen sollen, das weit hinter dem zurückbleibt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Man will dafür auch nicht dankbar sein.

Und das dritte Thema ist das der Gewalt. Hier kann ich mich an keine spezielle Situation erinnern, in der jemand darüber klagte, dass sich nichts daran ändert. Aber vielleicht ist es doch ein Allgemeinplatz, den die meisten schon gehört haben, dass Krieg und Gewalt bestehen, seit die Menschheit existiert, und auch weiter existieren werden, so lange es die Menschen gibt. (Manche ziehen daraus den Schluss, dass eine Welt ohne Menschen eine bessere Welt wäre.)

Im Winter habe ich jetzt das Buch von Steven Pinker gelesen: “Gewalt. Eine andere Geschichte der Menschheit.” Er stellt die Behauptung auf, dass die Gewalt unter Menschen sich in den letzten zehntausend Jahren verringert hat. Er bezieht das auf verschiedene Formen der Gewalt, von Krieg bis zu Gewalt als Erziehungsmaßnahme gegen Kinder, und stellt fest, dass alle diese Formen von Gewalt zurückgegangen sind.

Er führt dies hauptsächlich auf den gesteigerten Gebrauch der menschlichen Vernunft zurück, aber das ist nicht mein Hauptpunkt. Mein Hauptpunkt ist, dass es zwischen “es war immer schrecklich und wird immer schrecklich bleiben” und “es ist alles gut” noch eine Position dazwischen gibt, nämlich: “Es ist besser als früher, es ist aber nicht gut.”

Was die Energiewende anbelangt, ist die Situation viel besser als vor zwanzig Jahren. Die technischen Möglichkeiten sind enorm gewachsen. Es wird nicht mehr darüber diskutiert, ob es möglich ist, die Energieversorgung durch Sonne und Wind sicherzustellen, sondern darüber, wie man die Energie intelligent verteilen und wie man sie speichern kann. Es gibt Kraft-Wärme-Kopplung für den Keller. Häuser können viel besser isoliert werden als früher. Trotz allem sind die CO2-Emissionen nur geringfügig gesunken.

Was Feminismus anbelangt ist die Situation auch viel besser als vor hundert Jahren. Sie ist auch besser als vor zwanzig Jahren, obgleich ich denke, dass es manche Bereiche gibt, in denen es Rückschritte gegeben hat. Aber vor dreißig Jahren gab es weder Polizistinnen noch Skispringerinnen, und am Briefkasten stand nur der Name meines Vaters, und mir erschien das als Kind als etwas, was ich hinzunehmen hatte.

“Es ist besser als früher, aber noch lange nicht gut” – diese Haltung beschreibt nicht nur die Wirklichkeit besser als “es ist alles schrecklich und wird immer so bleiben” oder “es ist alles gut” (einfach, weil sie differenzierter ist, und größere Differenzierung erlaubt), sondern sie ermutigt auch, tätig zu werden. “Es ist möglich, etwas zum Besseren zu verändern.” Und dann ist es möglich, zu schauen, was sich zum Besseren verändert hat, welche Aktivitäten geholfen haben, welche Aktivitäten kontraproduktiv waren, und welche Mechanismen oder auch Personen weitergehenden Verbesserungen im Wege stehen.

Es ist auch eine Haltung, die es ermöglicht, denen, die dafür gesorgt haben, dass es nun besser ist, die angemessene Dankbarkeit entgegen zu bringen. (Nicht denen, die Verbesserungen verhindern.)

Die Haltung “es ist schlimm und wird immer schlimmer bleiben” erscheint mir dagegen die von Menschen, die sich selbst als unschuldig darstellen (womit sie vielleichst sogar Recht haben) und die auch keine Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass sich etwas ändert. (Vor einer Weile habe ich an einem schönen Beispiel den Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld gelernt: Wenn jemand an einem Autounfall vorbeifährt, dann ist er oder sie nicht daran schuld, er ist aber trotzdem verantwortlich zu helfen.)

Es ist eine Haltung von Jugendlichen, die tatsächlich aufgrund ihrer Jugend noch nicht verantwortlich sind, vor allem weil sie noch nicht die Möglichkeit haben, viel zu tun (etwa im Rahmen eines Berufes.) Es ist die Haltung von Jugendlichen, die gerade der typischen Position von Kindern entwachsen sind, die darin besteht, dass Kinder die Welt hinnehmen wie sie ist. Sie entdecken, dass die Welt wie sie ist, nicht gut ist und protestieren dagegen. Sie geben (als Jugendliche noch zu Recht) den Erwachsenen die Verantwortung dafür, dass sie Welt nicht ist wie sie ist.

Ich weiß nicht, wie viel ich schon dafür getan habe, dass die Welt sich ändert. Regelmäßig wählen gehen. Als Mentorin arbeiten. In meiner beruflichen Arbeit versuchen, meine Ideale zu verwirklichen. Sie in Diskussionen mit Freunden vertreten. Ich sehe, dass andere Menschen, die genauso alt wie ich sind, viel mehr getan haben.

Ich bin nur irritiert, wenn andere nicht sehen, was alles schon getan und erreicht wurde, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Erwachsene handelt, die eigentlich schon zu einer differenzierteren Sicht in der Lage sein sollten.

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