Im Café: Keine Antisemitin

Heute  nachmittag hatte ich wieder einmal eine eher unangenehme Begegnung mit Mitmenschen, die Ansichten vertreten, die nicht vertretbar sind. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so: sowohl an der Universität als auch im Internet lebe ich in einer gewissen „Blase“, und so weiß ich nicht, wie der „Mainstream“ tickt. Allerdings hoffe ich sehr, dass es sich bei diesen Leuten nicht um den Mainstream handelt.

Da ich etwas vergrippt war, konnte ich mich mit ihnen nicht so streiten, wie ich gern gewollt hätte, und außerdem hätte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den BetreiberInnen und MitarbeiterInnen des Cafés gehabt, die alle sehr nett sind und die mich sonst für einen friedlichen Menschen halten.

Es handelte sich um eine Gruppe von drei Menschen: Mutter, Sohn und (künftige?) Schwiegertochter. Sie saßen am Nebentisch und unterhielten sich so laut, dass ich nicht weghören konnte. Dreimal war ich in Stimmung einzugreifen, und beim dritten Mal habe ich es getan. Das erste Mal handelte es sich um eine Beziehungsgeschichte zwischen den drei Personen, bei der ich dachte, dass es mich nichts angeht. Beim zweiten Mal beklagte der Sohn, dass er sich kaum noch zum Arbeiten motiviert fühle: da arbeite man und zahle man in die Sozialsysteme ein, aber am Ende sei nichts mehr da, weil andere Menschen, die nie etwas eingezahlt hätten, alles bekämen.

Ich überlegte mir, ob ich erklären solle, dass es genau andersrum sei: dass nämlich die Menschen, die jetzt einwandern, die künftigen Renten bezahlen, aber dann ließ ich es bleiben.

Nicht mehr schweigen konnte ich, als die Mutter sagte: „Wer hatte denn die ganzen Wechselstuben?“

Ich wies also darauf hin, dass sich die Gruppe so laut unterhalten habe, dass es unmöglich sei, wegzuhören, und konfrontierte die Frau ziemlich direkt, ich wüsste, was sie denke, und dass ich ihre Gedankengänge für antisemitisch hielte. Es entspann sich ein kurzes Spiel, ob ich das wirklich wüsste, und ich entschied mich, zu sagen, was ich dachte, dass sie dächte, nämlich dass die Juden eben diese Wechselstuben besessen hätten. Ich konfrontierte sie auch damit, dass ich die Art ihres Denkens für antisemitisch hielte, was sie natürlich weit von sich wies.

Sie setzte allerdings noch eins drauf: Die Juden seien eben clever gewesen.

Ich versuchte zu erklären, dass es daran gelegen hätte, dass die meisten anderen Tätigkeiten verboten gewesen seien, so dass nur das Geldgewerbe übrig blieb (dass umgekehrt das Geldgewerbe für Christen verboten war, konnte ich gar nicht anbringen) und erklärte auch, dass in Osteuropa Juden alle möglichen Berufe ausgeübt hätten. (Ich bin mir nicht sicher, ob meine historischen Kenntnisse hundertprozentig korrekt sind – es gibt immer etwas, was man noch dazulernen kann.)

Der Sohn mischte sich dann ebenfalls ein. Er erklärte, Juden hätten eben andere Werte. Ich forderte ihn auf, diese anderen Werte konkret zu nennen, aber alles, was er sagte, war: „Sie haben eine andere Religion, also ist klar, dass sie andere Werte haben.“

Gleich darauf brachte die Mutter den Nahostkonflikt auf: „Und was machen sie in Palästina?“

„Sie verteidigen ihr Land.“

„Und die Palästinenser?“ (Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie nicht „der Jude“ und „der Palästinenser“ sagte.)

„Die terrorisieren die Zivilbevölkerung.“

„Ach ja, und die Israelis tun das nicht.“

Ich versuchte, zu erklären, dass die Israelis sich bemühen, die Zivilbevölkerung nicht zu treffen, dass dies aber schwierig ist, wenn Raketen aus bewohnten Häusern abgeschossen werden, während die Palästinenser direkt die Zivilbevölkerung als Ziel wählen. Ich kam jedoch nicht dazu, weil die Frau erklärte: „Wissen Sie, was das heißt, wenn in einem Arbeitszeugnis steht: hat sich bemüht…“

Ich war, wie gesagt müde und vergrippt und auch nicht mehr wirklich sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, mich in das Gespräch der drei Leute einzumischen. Ich brach das Gespräch ab, sagte, sie könne denken, was sie wolle, und ich könne denken, was ich will (nämlich, dass sie eine Antisemitin sei.)

Die Gruppe verließ nach kurzer Zeit das Café (ein kleiner Triumph für mich). Beim Gehen verabschiedeten sich die Leute noch und sagten, sie wünschten mir trotzdem einen schönen Abend, und ich solle meine Vorurteile überdenken, womit sie mein Vorurteil meinte, dass sie Antisemiten seien (Mutter und Sohn – die (künftige?) Schwiegertochter hatte nichts gesagt).

Hinterher hatte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Leuten vom Café. Ich fragte mich, ob es richtig ist, mich in fremde Gespräch einzumischen und ob es außer Ärger etwas bringt. Gewiss bringt es solche Leute nicht dazu, ihre Haltung zu überdenken. Andererseits ist es vielleicht günstig, dass sie einmal erlebt haben, dass sie auf Widerspruch stoßen, wenn sie ihre Ansichten äußern, so dass sie es künftig nicht mehr auf so schamlose Weise tun. Das würde nicht heißen, dass ich irgendeine Einsicht bewirkt hätte – zuhause am Kaffeetisch würden sie weiterhin so reden – aber vielleicht nicht mehr in der Öffentlichkeit, und vielleicht wäre selbst das ein Gewinn. Möglicherweise sitzen irgendwo irgendwann Juden oder Jüdinnen in der Nähe, die dieses Gerede als bedrohlich empfinden müsste, während es mich nur denken ließ: ich kann dies nicht so stehen lassen.

Aber eines ist schon komisch: Dass Sätze wie „Wer hatte denn die Wechselstuben…“ wirklich ein zuverlässiger Indikator für Antisemitismus sind. Praktisch alle Äußerungen von Mutter und Sohn bestätigten mein angebliches Vorurteil. Außer dem eliminatorischen rassistischen Antisemitismus (der tatsächlich nicht mehr gesellschaftlich akzeptabel ist) fehlte nur noch der Schuldabwehrantisemitismus. Aber ich fürchte, wenn man die Frau noch ein bisschen weiter geredet hätte, wäre auch der rassistische Antisemitismus aufgetaucht – und man hätte sich nach Schuldabwehrantisemitismus gesehnt, weil dieser zumindest ein wenig oberflächliche Scham angezeigt hätte.

Vielleicht ist es doch ganz gut, dass ich mich in das Gespräch eingemischt habe, auch wenn ich nicht gerade die große Heldin war und gewiss kein Umdenken bewirkt habe: Dadurch, dass ich mich ins Gespräch eingemischt habe, wurde der Antisemitismus der Frau in seinem Ausmaß offenbar. Was ich sonst eher aus wissenschaftlichen Untersuchungen kenne, habe ich zur Abwechslung einmal im normalen Leben erlebt.

 

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8 Antworten zu Im Café: Keine Antisemitin

  1. Trippmadam schreibt:

    Ich frage mich auch oft, ob das etwas nützt, diese kleinen Alltagsaktionen. Viel zu oft halte ich dann den Mund. Andererseits muss man manchmal einfach irgendwo anfangen.

    • susanna14 schreibt:

      Ich fürchte, bei der Frau ist alles verloren. Beim Sohn bin ich mir nicht ganz sicher. Ich fürchte auch, das sind Leute, die nicht gewohnt sind nachzudenken. Normalerweise ist mein Kriterium, ob es Publikum gibt: dann denke ich, ich tue es für das Publikum. Aber in der Realität tue ich es in erster Linie um meiner eigenen Integrität willen.

  2. Xeniana schreibt:

    Ich erlebe oft, dass Diskutieren in dem Falle nicht weiterbringt.Trotzdem schätze ich Zivilcourage:)

    • susanna14 schreibt:

      Ich weiß es auch nie. Ich denke dann: vielleicht kommt die Schwiegertochter ins Nachdenken? Manchmal gibt es Situationen, in denen ich es einfach nicht mehr aushalte, aber andererseits: habe ich das Recht zu bestimmen, wer im Cafe sitzen kann? (Besser ich vertreibe die Leute als sie mich.)

  3. Viennezos schreibt:

    Bis zum 10. Absatz des Blog-Artikels war (und bin) ich uneingeschränkt damit einverstanden. Dann kommt die Sache mit Israel/Palästina – und damit war mein positiver Eindruck schlagartig massiv gedämpft.

    Gegen Rassimus im Allgemeinen – und gerade als Deutsche/r oder Österreicher/in gegen Antisemitimsus im Besonderen – aufzutreten, das ist gut und richtig. Aber wenn man dabei die Augen vor dem Unrecht jener verschließt, die man (ich sag’s noch einmal: völlig zu Recht) vor Rassimus schützen möchte, ja deren eigene Taten sogar verharmlost, dann ist das nicht nur unredlich, sondern geradezu eine Verhöhnung der Opfer dieser (Un-)Taten. Der simple Dualismus „die Israelis/Juden verteidigen ihr Land“ und „die Palästinenser terrorisieren die Zivilbevölkerung“ ist nicht einmal dann akzeptabel, wenn er nur als vereinfachende Argumentation gegenüber einer Antisemitin gedacht gewesen sein sollte.

    Dazu nur ein Detail (betreffend die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen im Jahr 2014), berichtet in der Nachrichtensendung des staatlichen österreichischen Fernsehens („Zeit im Bild 2“ vom 30. März 2015) – also sicher keine antisemitische Quelle:

    „Fast 1900 Palästinenser kamen dabei ums Leben. Wie viele davon Zivilisten und wie viele Kämpfer der islamistischen Hamas-Bewegung waren, das ist bis heute umstritten. Auf israelischer Seite sind 64 Soldaten und 3 Zivilisten gestorben. Die Luftangriffe haben weite Teile des Gazastreifens, der etwas kleiner ist als Wien, in Schutt und Asche gelegt.“

    Allein das Verhältnis 1900 : 67 bei den Todesopfern sagt schon alles. Vor diesem Hintergrund die mit den 67 Opfern für die Guten (= Landesverteidiger) und jene mit den 1900 Opfern für die Bösen (= Terroristen) zu erklären, ist eine völlige Entstellung der Realität.

    Als um Objektivität bemühter Beobachter der Café-Szene wird man damit in die paradoxe Situation gedrängt, in diesem einen Punkt sogar die Position der Antisemitin zu beziehen – obwohl man doch eigentlich auf der Seite jener Person stehen würde (und möchte), die sich mit ihrer Intervention so couragiert gegen Antisemitismus (und Fremdenfeindlichkeit) engagiert.

    Wie sehr passt hier doch der Spruch „Si tacuisses, philosophus mansisses“.
    Schweigen wäre gut gewesen. Nein nicht generell, weder im Café noch im Blog! Aber mit den deplatzierten Äußerungen zum Thema Israelis/Palästinenser.

  4. Viennezos schreibt:

    Klar – man kann kaltschnäuzig über 1900 Tote hinwegsehen und unverändert bei seiner voreingenommenen Haltung bleiben. Deinem Anliegen dienlich ist das aber sicherlich nicht. Denn damit drängt sich der Eindruck auf:

    Die Kämpferin gegen Antisemitismus ist ihrem vermeintlichen Gegenpol – der Soft-Antisemitin im Café – ähnlicher, als man es sich je gedacht hätte.

    Man stelle sich das umgekehrte Szenario zu jenem des Blogeintrags vor:

    Eine Frau sitzt im Café am Nebentisch und würde zu ihrer Begleitung beispielsweise sagen: „1900 tote Palästinenser/innen im Gazastreifen. Schlimm, aber das haben sie sich selbst zuzuschreiben. Wer sind denn die Terroristen im Nahen Osten? Und Israel bemüht sich ja sowieso, die Zivilbevölkerung zu schonen.“

    Wenn man das am Nebentisch mithören muss – ist es da auch angebracht zu intervenieren, weil man solche Äußerungen nicht auf sich beruhen lassen will? Oder wäre die Einmischung in diesem Fall unberechtigt? Darf man die Urheberin dieser Äußerungen jetzt auch zumindest als „Antipalästinenserin“ (oder wie immer man das Spiegelbild zu einer Antisemitin nennen könnte) bezeichnen? Oder ist man vielleicht gar selbst Antisemit, weil man in diesem Fall für die „falsche Seite“ Partei ergreift?

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