Endlich habe ich die Karikatur gefunden, über die sich alle aufregen.

Zuerst war es ein Tweet von @nabertronic , der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass es in der neuen Ausgabe von Charlie Hebdo eine Karikatur gibt, die die Gemüter erregt. Nabertronic erklärt, dass die Karikatur darstellt, wie die meisten Deutschen denken. Ich wollte mich erst einmal nicht „spoilern“ lassen und mied die Diskussion, bis ich Gelegenheit hatte, die Zeitung zu kaufen und zu lesen.

Beim ersten Lesen fand ich die Anstoß erregende Zeichnung nicht. Ich hatte zwei Kandidatinnen gefunden, von denen ich annahm, dass es sich um die Problemzeichnung handeln könne, aber erst als ich einen Artikel aus der taz (Das öffentliche Ärgernis) fand, wusste ich, welche es tatsächlich war – keine der beiden, die ich gefunden hatte.

@Nabertronic erklärt, die Zeichnung zeige, wie die meisten Deutschen denken. So funktionieren tatsächlich viele Karikaturen von Charlie Hebdo, unter anderem eine Karikatur, die vor einigen Monaten erschien und ebenfalls den kleinen Aylan zeigte, tot am Strand liegend und daneben ein großes Schild mit Werbung „Zwei Mahlzeiten für den Preis von einer“. Auch jene Zeichnung erregte Anstoß, und der gerade verlinkte Artikel der taz bezeichnet sie als zynisch. Aber nicht der Zeichner ist zynisch, sondern er stellt den Zynismus seiner Mitmenschen dar: ihre zur Schau getragene Sentimentalität neben ihrer faktischen Gleichgültigkeit. Die Zeichnung greift diese Haltung auf und übertreibt sie ins Groteske.

Jetzt also der Tweet von @nabertronic: „Funfact: Der Charlie Hebdo Cartoon stellt nicht das dar, was Charlie Hebdo denkt, sondern das, was sie annehmen, was Deutsche gerade denken.“

Ich vermute, die Interpretation von @nabertronic ist insofern falsch, als die Karikatur nicht nur Deutsche, sondern auch andere EuropäerInnen, insbesondere FranzösInnen aufs Korn nimmt. Die Ereignisse von Köln haben europaweit für Wirbel gesorgt.

Amüsiert habe ich mich allerdings über die Kommentare zu dem Tweet, und zwar vor allem über einen, der eine Erläuterung der Karikatur fordert:

Die Zeichnung hat einen Appendix, allerdings keinen, der 1000 Seiten stark ist, sondern nur 16 Seiten: Die Karikatur ist in einer ganz bestimmten Zeitung erschienen, die neben Zeichnungen auch eine Menge Text enthält. (Und vor ein paar Monaten, als die Diskussionen über die Karikatur des kleinen Aylan vor einem Werbeplakat entbrannten, veröffentlichten sie auf Seite 2 sogar ein Tutorial: „Karikaturen verstehen für Dummies.“)

Die Texte sind häufig sehr ernsthaft. Mein Französisch ist nicht besonders gut, aber ich versuche, jede Woche einige der Texte zu lesen, auch um mein Französisch zu verbessern. Einer der sehr ernsthaften Texte, an die ich mich erinnere, ging um ein Traumazentrum für Opfer politischer Gewalt, die größtenteils aus anderen Ländern nach Frankreich geflohen sind.

Riss schreibt jede Woche ein Editorial. Ich erinnere mich noch an eines vom Sommer oder vom Herbst: er war positiv erstaunt über das Verhalten der Deutschen und die neue Willkommenskultur, er schrieb über die weniger ausgeprägte Willkommenskultur in Frankreich, und anschließend zitierte er in ziemlicher Länge einen Brief, den ein französisches Dorf in den Dreißigern an die Regierung schrieb: Sie seien überfordert mit der Aufnahme so vieler jüdischer Flüchtlinge (ähnlich wie auch hierzulande viele Dörfer erklären, sie seien überfordert mit der Aufnahme so vieler Flüchtlinge.)

Die Weihnachtsausgabe zeigte auf der Titelseite eine Karikatur von François Hollande, der seine Weihnachtsansprache mit den Worten „Français, Françaises, Binationaux“ beginnt – eine Kritik an der verkündeten Absicht, Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen (ich weiß nicht mehr, welches Vergehen es sein sollte) und sie dadurch zu BürgerInnen zweiter Klasse zu erklären.

Ein Dauerthema in den Editorials ist der Schmerz darüber, wie gerade viele Linke den Opfern und Überlebenden der Anschläge auf die Redaktion vor mittlerweile einem Jahr ohne jegliche Empathie begegnen. Sie fordern Rücksicht auf die Gefühle religiöser Menschen, aber zeigen keine Rücksicht für die Gefühle von Menschen, die gute FreundInnen verloren haben und teilweise selbst das Attentat schwer verletzt überlebt haben. Charlie Hebdo betont, dass ein Unterschied zwischen diesen beiden Formen von Rücksicht besteht: das eine Mal geht es um Rücksicht auf Menschen, das andere Mal um Rücksicht auf eine Idee, die über jede Kritik gestellt wird.

Ich bin mir nicht sicher, was die Zeichnung bedeutet. Eines aber bedeutet sie mit Sicherheit nicht: dass es eine gute Sache sei, dass Aylan gestorben ist, da er sonst zum Grabscher geworden wäre. Den Tod eines Menschen, noch dazu eines Kindes, zu einem begrüßenswerten Ereignis zu erklären, ist jenseits dessen, was zu Charlie Hebdo und zu Riss passen würde.

Im direkten Gefolge der Anschläge im November tauchten in meiner Timeline eine Reihe von Tweets auf, die sich beklagten, dass die Opfer anderer Anschläge auf anderen Kontinenten weniger Aufmerksamkeit erführen. Aber der Blick von Charlie Hebdo ist nicht nur auf Frankreich gerichtet. Gerade in der Woche vor den Anschlägen war ein Zeichner aus Bangladesch interviewt worden. Trotz allem was sie selbst durchgemacht hatten, war den Interviewern klar, dass dieser Zeichner deutlich gefährdeter war als sie selbst.

Meine eigene Interpretation der Zeichnung war daher: Wir wissen nicht, was aus Aylan geworden wäre, und bedauernswerterweise werden wir es nie wissen. In jedem Fall aber verdient Aylan (und all die anderen Flüchtlinge, die die Flucht nicht überleben), dass um ihn getrauert wird. (Aber eigentlich habe ich gar nicht versucht, eine Botschaft in die Zeichnung hineinzulesen – Charlie Hebdo provoziert eben gern, dachte ich, und ansonsten kann man Verschiedenes hineinlegen, nur eben nicht, dass sie es irgendwie gut gefunden hätten, dass Aylan gestorben ist oder dass sie sich über seinen Tod lustig machen würden.)

Durch Deniz Yücel

habe ich jetzt eine bessere Interpretation gefunden:

Wer wird bloßgestellt? Wir!

Aber vielleicht gibt es noch mehr mögliche Interpretationen. Nur eben die eine nicht, dass es eine rassistische Zeichnung wäre.

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6 Antworten zu Endlich habe ich die Karikatur gefunden, über die sich alle aufregen.

  1. Trippmadam schreibt:

    Ich sehe das ähnlich. (Danke, liebe Susanna, für die Mühe, die Du Dir immer machst.)

    • susanna14 schreibt:

      Ich lese Charlie Hebdo mittlerweile regelmäßig, und ich mag vor allem die Texte. Die Karikaturen überlese ich häufig, aber ich habe mich mittlerweile an ihre Obszönität gewöhnt.
      Eigentlich hatte ich schon im Sommer etwas über die Karikatur mit dem kleinen Aylan am Strand und dem Werbebanner „Zwei Mahlzeiten für den Preis von einer“ schreiben wollen. Es gab noch eine weitere Zeichnung, mit dem Text: „christliche Kinder gehen über das Wasser, muslimische Kinder ertrinken.“ Man muss schon ziemlich bösartig sein, wenn man meint, Charlie Hebdo meine, dass dies tatsächlich der Fall sei, aber einige Muslime fühlten sich verspottet und diskriminiert, weil gesagt würde, sie würden etwas schlechter können als Christen.

  2. Trippmadam schreibt:

    Andererseits frage ich mich, was Familienangehörige beim Anblick dieser Karikatur fühlen mögen.

    • susanna14 schreibt:

      Das stimmt – an die habe ich nicht gedacht. Aber ich hoffe, dass auch ihnen klar ist, dass Riss weiß, dass niemand sagen kann, was aus Aylan geworden wäre. Nur ob solch eine Karikatur nicht trotzdem geschmacklos ist, ist die Frage. Andererseits hoffe ich, dass die Familie schon längst zwischen Aylan, wie sie ihn in Erinnerung haben, und Aylan als öffentliches Symbol eine klare Linie gezogen haben.

  3. Viennezos schreibt:

    Als von Anfang an entschiedener Gegner des „Ich bin Charlie“-Rummels (mehr dazu findet man mit dem Suchwort „Charlie“ in meinem Blog) nur ein paar Gedanken, die mir spontan beim Lesen dieses Blog-Artikels eingefallen sind:

    – Wenn eine öffentliche Äußerung (ob Karikatur, Zeitungsartikel, Buch, Film, …) derartig verschiedene, ja sogar diametral entgegengesetzte Interpretationen zulässt wie im Fall dieser Karikatur, dann ist es eine schlechte Äußerung. Schlecht entweder aus Unvermögen ihrer Urheber; oder aus deren Feigheit, sich klar zu deklarieren: Kritikern kann nämlich dann immer entgegengehalten werden, alles sei ganz anders gemeint gewesen, und die Kritiker seien nur zu dumm, um es zu verstehen. Wie gesagt: pure Feigheit.

    – Die Auslegung, dass mit der Karikatur Deutsche/Europäer/Franzosen aufs Korn genommen würden, halte ich für sehr weit hergeholt. Dies schon allein aus historischen Gründen: Es gibt ganz üble anti-islamische Karikaturen von „Charlie Hebdo“ (schon in der Zeit vor dem Attentat), die es unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass hier plötzlich sozusagen eine Europäer-kritische und Moslem/Araber-freundliche Haltung zum Ausdruck gebracht werden sollte.

    Aber davon abgesehen: Hätten es die Karikaturisten als Kritik an den Europäern (oder Deutschen oder Franzosen) gemeint, dann hätten sie nur eine entsprechende Figur dazuzeichnen und ihr den Text in Form einer Sprechblase in den Mund legen müssen. Das haben sie nicht getan: eben karikaturistisches Unvermögen (was ich in diesem Fall ausschließe) oder Feigheit.

    – Du schreibst:
    „Ich bin mir nicht sicher, was die Zeichnung bedeutet. [Anm.: Na eben.] Eines aber bedeutet sie mit Sicherheit nicht: dass es eine gute Sache sei, dass Aylan gestorben ist, da er sonst zum Grabscher geworden wäre. Den Tod eines Menschen, noch dazu eines Kindes, zu einem begrüßenswerten Ereignis zu erklären, ist jenseits dessen, was zu Charlie Hebdo und zu Riss passen würde.“

    Das tun sie ja auch nicht (jedenfalls nicht ausdrücklich). Sie stellen nur etwas fest: Nämlich, was (aus ihrer Sicht [oder bei anderer Auslegung eben aus Sicht der Europäer]) aus Aylan geworden wäre. Aber man würde die Maßstäbe an Moral, an guten Geschmack, an journalistische Redlichkeit usw. schon verdammt niedrig ansetzen, wenn man die Karikatur schon deshalb in Ordnung findet, weil darin ja (mutmaßlich) der Tod Aylans ohnedies nicht begrüßt wird. Die Karikaturisten vereinnahmen das tote Kind für ihre schäbigen Witzchen (egal, wie man Zeichnung und Text interpretiert). Allein das diskreditiert sie zu hundert Prozent.

    – Ein mit dieser Vereinnahmung in Zusammenhang stehender, wesentlicher Punkt wurde von „Trippmadam“ in ihrem Kommentar angesprochen (und von dir erfreulicherweise als zutreffend zugestanden): Was mögen Familienangehörige beim Anblick dieser Karikatur empfinden?

    Und so gäbe es noch so manches gegen diese Karikatur und ihre Urheber zu sagen – aber nicht ein einziges Argument zu ihren Gunsten.

    • susanna14 schreibt:

      – Im Gegenteil, ich finde, es gehört zu Kunst – und Karikaturen sind eine Kunstform – dazu, dass sie keine eindeutige platte Botschaft vermitteln, sondern dass man ein bisschen um die Ecke denken muss, um sie zu verstehen. („If you have a message, use the telephone!“)

      – Charlie Hebdo kritisiert den Islam, natürlich vor allem die mörderische Variante des Islam, aber auch die konservative Variante, die ohne Gewaltanwendung auffordert, Rücksicht zu nehmen, und die verlangt, dass Angehörige anderer Religionen, AtheistInnen und insbesondere moderate Muslime ihre Freiheit aufgeben und sich ihnen anpassen. Charlie Hebdo kritisiert aber auch europäischen Rassismus. Bei dieser Karikatur geht es um europäischen Rassismus. Das heißt auch: sie kategorisieren nicht nach Europäern und Arabern, sondern nach Menschen, die die universellen Werte der Aufklärung vertreten – dazu gehören auch viele AraberInnen – und Menschen die dies nicht tun.

      – Nein, aus der Sicht von Charlie Hebdo ist nicht klar, was aus Aylan geworden wäre, wenn er aufgewachsen wäre.

      – Man kann die Zeichnung als geschmacklos kritisieren. Aber das ist eine andere Frage als die, die ich in meinem Blogpost diskutiert habe.

      – Doch, es gibt ein Argument zu ihren Gunsten: Sie kritisieren den Rassismus jener, die meinen, alle muslimischen Männer seien Grabscher.

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