So langsam klärt sich, was geschehen ist

So langsam wird deutlich, was in Köln geschehen ist, und so langsam möchte ich auch aufhören, die verschiedenen Beiträge, die überall erscheinen, zu lesen, und daher setze ich einen Schlusspunkt, indem ich selber schreibe, und riskiere, mich mit Kommentaren auseinander setzen zu müssen.

Vor ein paar Tagen ist ein langer podcast von Antje, Benni und Eva erschienen: Besondere Umstände, Episode 19, Teil 1 erschienen. Ich habe dort ausführlich geantwortet und poste jetzt hier meinen langen Kommentar (hinter dem Cut). Ich halte den podcast für eine der besten Reaktionen, weil erst einmal das Dilemma eingestanden wird: In Köln ist anscheinend etwas passiert, was genau dem rassistischen Narrativ entspricht, und nun muss man darauf eine nichtrassistische Antwort finden.

Vorher aber noch ein paar Links zu weiteren intelligenten Texten:

http://zumpad.zum.de/p/ml-koeln

http://www.newstatesman.com/world/europe/2016/01/how-deal-new-years-eve-sexual-assaults-cologne-and-hamburg

http://www.thedailybeast.com/articles/2016/01/08/why-we-can-t-stay-silent-on-germany-s-mass-sex-assaults.html

http://www.n-tv.de/politik/Was-Koeln-mit-dem-Islam-nicht-zu-tun-hat-article16718251.html

Liebe Antje, lieber Benni, liebe Eva,

das ist einer der intelligentesten Beiträge aus der Linken, die ich in den letzten Tagen gelesen beziehungsweise gehört habe, und zwar intelligent gerade wegen der Ratlosigkeit, die sich wohltuend von den reflexhaften Reaktionen der letzten Tage abhebt. Die einen reagieren reflexhaft mit Rassismus, die anderen reagieren reflexhaft mit Antirassismus. Leider auch Shehadistan, und leider ist das auch Antjes erste Bemerkung. Der Rest ist aber besser.

Ich wollte erst Minute für Minute kommentieren, aber das wäre doch zu viel Aufwand gewesen. Die Notizen, wann was zu hören ist, lasse ich unten stehen.

Die Ereignisse der Silvesternacht stellen Linke und antirassistische AktivistInnen vor ein Dilemma, da sie genau dem rassistischen Narrativ vom „südländischen/schwarzen“ Mann und der weißen/blonden Frau entsprechen. Wie kann man über diese Ereignisse sprechen, ohne in Rassismus zu verfallen und ohne sie zu verharmlosen. Die Polizei und vermutlich auch zuständige PolitikerInnen haben das Dilemma durch ihre Informationspolitik verschlimmert, indem sie Lügen erzählt haben, so dass Menschen, die sich wie Antje sehr früh zu Wort gemeldet haben, auf falscher Faktengrundlage geredet haben.

(Andererseits war von Anfang an klar, dass es sich um Menschen handelt, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammen.“ Anfangs dachte ich, wie die meisten wahrscheinlich, es handle sich um Banden von Taschendieben, und hoffte, es seien keine Flüchtlinge, obgleich früh bekannt wurde, dass einige kontrollierte Menschen sich mit Bescheinigungen des BAMF auswiesen. Ich dachte: das sind nicht alle, sie können diese Bescheinigungen geklaut haben… Ich dachte aber auch: Wenn das wirklich Banden von Taschendieben sind, handelt es sich da wohl um ein Problem, das diskutiert werden muss: wie konnten solche Banden dermaßen außer Kontrolle geraten? Und welche sozialen Probleme gibt es, dass solche Banden entstehen können?)

Jetzt, wo so langsam klar wird, was passiert ist, kann man anfangen, nach Ursachen zu suchen. Ich bin mir aber immer noch nicht sicher, ob wirklich klar ist, was passiert ist. Heute morgen habe ich gelesen, dass Heiko Maas darüber spekuliert, ob die Übergriffe in verschiedenen Städten (Köln, Hamburg, Stuttgart, Bielefeld) nicht möglicherweise das Ergebnis einer Verabredung waren.

Die konkreten Ereignisse in Köln sind anscheinend mittlerweile deutlich geworden. Eine Menge von ungefähr tausend „nordafrikanisch aussehenden“ Männern hat dafür gesorgt, dass der Weg vom Bahngleis zum Ausgang des Bahnhofs für Frauen zu einem Spießrutenlaufen wurde. Einzelne Gruppen haben sich aus dieser Menge gelöst und Frauen massiv belästigt, ihnen unter die Röcke gefasst und Strumpfhosen und sogar Slips zerrissen.

Elquee (http://www.prinzessinnenreporter.de/silvester-in-koeln-einige-anmerkungen/) hat recht, wenn sie schreibt, es waren nicht tausend, sondern vierzig Täter. Aber die vierzig hätten ihre Taten ohne die restlichen 960 Menschen nicht verüben können.

Im Gegensatz zu den meisten anderen sich als feministisch verstehenden AutorInnen bin ich der Ansicht, dass diese Attacken in Köln tatsächlich eine andere Qualität als die gewöhnliche Situation in Deutschland darstellen. Natürlich ist auch Deutschland kein feministisches Paradies. Aber viele Frauen fahren freiwillig zum Oktoberfest oder zum Kölner Karneval. (Ich nicht – ich mag generell weder Menschenmassen noch Alkohol.) Sie würden es nicht tun, wenn es dort zuginge wie in der Silvesternacht in Köln oder Hamburg.

Ich habe ein paar Ideen, warum dies so sein könnte. Ich beanspruche nicht, dass diese der Weisheit letzter Schluss sind, aber ich fände gut, wenn darüber geredet wird. Ich vermute, dass die sexuellen Übergriffe auf dem Oktoberfest (Po grapschen, Busen grapschen) sich auf einem Level bewegen, mit dem die Besucherinnen umgehen zu können meinen, sowohl von der Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, als auch von der Schwere her als auch von der Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen. Für ziemlich viele Frauen stellt sich das als Illusion heraus – für die meisten aber nicht.

Wer am Kölner Bahnhof aber zu Silvester aus dem Zug ausgestiegen ist, muss in eine Situation kompletten Ausgeliefertseins geraten sein, in der es eben nicht möglich war, durch Ausweichen oder einen Umweg nehmen den Übergriffen zu entkommen, in der die Übergriffe schwere waren als das häufig angesprochene „auf den Po fassen“, und in der viele Menschen – eben die anderen 960 Männer – dabei waren und nichts taten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Oktoberfest eine solche Situation des Ausgeliefertseins bedeutet, sonst würden Frauen es meiden. Häusliche Gewalt ist auch nicht alltägliche Erfahrung für alle Frauen, nämlich für die nicht, die nicht mit einem gewalttätigen Mann zusammenleben, und das sind, glaube ich, die meisten. Alle Frauen leben damit, dass das Risiko sexueller Gewalt allgegenwärtig ist – aber Risiko ist etwas anderes als die Unausweichlichkeit und Ohnmacht, die die Frauen am Bahnhof erlebten.

Wenn man Mitgefühl, Respekt und Empathie für die Opfer ausdrücken will, müsste man erst einmal zu erfassen versuchen, was die Nacht für sie bedeutet hat. Dies geschieht nicht, indem man nach dem ersten Satz, in welchem man Mitgefühl bekundet, sofort auf Rassismus oder Alltagssexismus in Deutschland zu sprechen kommt.

Ich habe oben geschrieben, dass die Schwierigkeit darin besteht, wie man mit den Vorfällen in Köln umgehen soll, ohne in Rassismus zu verfallen. Ich denke, wenn man sich das ganze Jahr über mit Rassismus und Alltagssexismus befasst, sollte man genügend reflektiert sein, dass man sich über die Vorfälle in Köln äußern kann, ohne vor eigenem unbewussten Rassismus Angst zu haben – dann sollte man imstande sein, über diese Vorfälle zu reden und ihnen nicht auszuweichen, indem man sofort über alles mögliche andere spricht.

Das erste wäre also, dass man über diese Vorfälle in einer Weise spricht, die sie nicht verharmlost. Das zweite ist die Herkunft der Täter, und hier wird es heikel. Es wäre schon heikel gewesen, wenn es sich um Banden von Taschendieben gehandelt hätte, es ist noch heikler, wenn es Flüchtlinge sind, gerade wegen der politischen Debatten der letzten Monate. Einerseits handelt es sich bei den Vorfällen der Silvesternacht eben um Vorfälle, die für Deutschland nicht typisch sind (womit ich nicht sagen will, dass es hier keine sexuelle Belästigung gäbe), andererseits sollte man es vermeiden, die Herkunft der Täter zur Ursache, womöglich noch zur unausweichliche Ursache erklären. Irgendwie hat die Herkunft etwas damit zu tun – aber sie ist eben nicht unausweichliche Ursache. Das gilt auch für die „Kultur“. Wie Antje habe ich Erinnerungen an einen Urlaub im Nahen Osten, und die Erinnerungen an intensive Anmache verfolgten mich eine Weile. Es war aber intensive Anmache, die ich mit einem intensiven „Nein“ stoppen konnte. Es waren keine schönen Erlebnisse, so intensiv „Nein“ sagen zu müssen – aber eben keine sexuelle Gewalt. Ich habe aber auch von Frauen gehört, die im vergewaltigt wurden, eine von einem Freund des Fremdenführers.

Ein anderer Punkt, den Antje angesprochen hat, und den ich bedenkenswert finde, ist die Gewalt auf dem Tahrir-Platz. Ich weiß nicht, wie weit diese Gewalt mittlerweile schon aufgearbeitet ist. http://zumpad.zum.de/p/ml-koeln schreibt, dass es darum gegangen sei, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Möglicherweise ging es auch hier um Raum: Ein wichtiger öffentlicher Raum, der Bahnhof, wurde von besetzt, und die Polizei war erst einmal hilflos. Die Frauen dort waren die Hauptleidtragenden.

Spekulationen über Signale, die Menschen aus anderen Kulturen nicht richtig verstehen, finde ich fragwürdig. Auch ohne Signale weiß jeder Mensch, egal aus welcher Kultur, dass man Frauen nicht unter den Rock greift und ihre Unterhose zerreißt. Und in Zeiten, wo jeder einen Fernseher hat, wissen auch alle Menschen, wie Frauen in westlichen Ländern herumlaufen. Man sollte diese Männer diskutieren, wie wir hiesige Männer diskutieren würden: Es geht nicht um Sexualität, sondern um ein Gefühl von Macht (welches möglicherweise auch Lustgewinn verspricht), dem die Ohnmacht der Opfer gegenüber steht.

Vielleicht höre ich da einfach auf und formuliere das als Aufgabe: einerseits akzeptieren, dass die Gewalt in der Silvesternacht eine andere Qualität hat als die hierzulande leider ebenfalls übliche Form der sexuellen Belästigung, andererseits eine klar antirassistische Position einnehmen und simple Erklärungen mit „Kultur“ vermeiden. Vielleicht kommt man von dort aus zu Erkenntnissen.

Vielleicht noch ein paar Anmerkungen:

An einer Stelle sagt Benni, der Diskurs laufe Amok, wenn sich verschiedene Unterdrückungsachsen überschneiden. Mir fallen da drei Beispiele ein: Muslime und Antisemitismus, Muslime und Homophobie und (wie jetzt) Muslime und Sexismus. Bei allen drei Beispielen, vor allem aber dem ersten gilt, dass „unsere“ Kultur nicht frei von diesen Problemen ist. Es besteht dann ein schmaler Grat zwischen der Projektion des eigenen Antisemitismus auf die Muslime – oder vielleicht kann ich es noch anders sagen: Die Projektion besteht darin, dass Muslime als die eigentlichen Antisemiten gesehen werden. Anschließend kann man muslimischen Antisemitismus entweder umso heftiger bekämpfen, um den eigenen Antisemitismus nicht wahrnehmen zu müssen, oder man kann den eigenen Antisemitismus ausleben, ohne ihn benennen zu müssen, indem man den Antisemitismus der Muslime verharmlost. Wie immer man sich zu muslimischem Antisemitismus stellt, man ist immer gefährdet, und die einzige Lösung besteht darin, sich mit dem eigenen Antisemitismus zu beschäftigen, so dass man Sicherheit im Beurteilen des Antisemitismus‘ anderer Leute gewinnt.

Ähnlich müsste es auch mit den Vorfällen in Köln sein. Wer sich regelmäßig mit Themen wie sexueller Gewalt und Rassismus beschäftigt, sollte über die Vorfälle von Köln sprechen können, ohne auf andere Themen auszuweichen.

Der zweite Punkt ist die Frage, ob Rassismus nun zum Mainstream werde. Ich denke nicht. Ich informiere mich zur Zeit aus der ARD (die Definition von Mainstream schlechthin), und dort wurde von Anfang an vor Rassismus gewarnt:

http://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/tagesthemen/Das-Erste/Video?documentId=32601712&bcastId=3914

Hier noch weitere Kommentare:
https://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-sexismus-101.html
https://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-silvester-koeln-reschke-101.html
Nun noch die einzelnen Minuten, zu denen ich etwas zu sagen habe:

1:15 Rassismus als Mainstream: Ich verfolge das Thema auf der ARD und höre mir dort auch die Kommentare an. Wenn etwas Mainstream ist, dann die ARD. Hier sind zum Beispiel die Tagesthemen vom 5. Januar. Die Gefahr des Rassismus wird von Anfang an thematisiert.

Minute 2:10: Das Narrativ vom muslimischen Mann, der deutsche Frauen belästigt. Jetzt passiert es wirklich.

Minute 5:00: Es ist nur noch erlaubt, zu sagen: Die sind so. Man kann andere Männlichkeitskonstruktionen in anderen Kulturen nicht mehr diskutieren.

Das stimmt nicht – einfach die ARD-Berichterstattung sich anschauen.

Minute 7:00: Der Diskurs ist vergiftet – das beginnt schon bei der Frage, ob die Herkunft genannt wird oder nicht.

Minute 8.20: Auf der Pressekonferenz wurde gelogen.

9:45: Es hat ins gute Bild gepasst:

11:25: Man kann nur verstehen (analysieren?), was man an Fakten hat.

12:20 Wenn Menschen aus Kulturen mit einem patriarchaleren Geschlechterverhältnis kommen, müsste man ihnen zeigen, dass es bei uns anders und besser ist.

Minute 13:30: Der öffentliche Diskurs läuft Amok, wenn mehrere Unterdrückungsachsen sich schneide.

Minute 14:40: Vorwurf der Relativierung, Verharmlosung, Erklären, Verstehen.

(Bezug auf verstehende Jugendarbeit und Verzicht auf Grenzen.)

17:00: Gibt es vielleicht wirklich kulturelle Differenzen, und was passiert, wenn man mit diesem Verständnis in unsere Gesellschaft kommt?

18:05: Falsch interpretierte Signale (oder Legitimation).

Minute 19:00: Endlich werden diese sexuellen Belästigungen ernst genommen.

 

 

http://www.taz.de/379-Anzeigen-150-wegen-sexueller-Gewalt/!5267612/

Tagesthemen vom 4. Januar: http://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/tagesthemen/Das-Erste/Video?documentId=32585422&bcastId=3914

(ab Minute 20).

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18 Antworten zu So langsam klärt sich, was geschehen ist

  1. Achim Spengler schreibt:

    Jedes Vorurteil bedient sich der Narrative, die ihm dienlich sind. Da hilft mindestens Aufklärung ohne Ressentiments, der Versuch zur Schaffung von Faktenklagen ohne Rücksicht auf political correctness, die, aus Angst vor dem Vorwurf des Rassismus, ihren Blick weg lenkt vor den Erfahrungen der Opfer. Das ist das eigentliche Skandalon. Die Täter haben in einem Rechtsstaat im Nachhinein immer Gelegenheiten genug, sich zu den von ihnen begangenen Schändlichkeiten zu äußern. Vielleicht sind zur Zeit, in der Atmosphäre sich gegenseitig hetzender Vorurteile, Gerichtsurteile das einzig pragmatische Signal zur neuen Austarierung des Diskurses. Urteile ohne die Anrechnung gewisser kultureller Boni, wenn das zu schaffen wäre. Solche Urteile zu fällen, ohne den Narrativen ausgesetzt zu sein. Anschließend können sich Politik und Gesellschaft streiten um Prävention als Ausdruck nicht nur subjektiver Sicherheit , und um Integration als Ausdruck einer Freiheit für alle.

    • Christoph schreibt:

      Vielen Dank für den Text – bislang einer der besten, die ich zu Köln gelesen habe. Wenn man den zusammen mit den Links liest, die Antje Schrupp verlinkt hat (http://antjeschrupp.com/2016/01/05/die-gewalt-von-koeln-und-was-zu-tun-ist/) kommt man zu einem sinnvollen Ausgangspunkt für eine linke, feministische Diskussion zu dem Thema. Und die, also eine gute Diskussion zur Analyse der Ursachen und angemessenen Reaktionen, jenseits von dem, was Du Reflexe nennst, fängt, denke ich, gerade erst an.

    • susanna14 schreibt:

      Dass die Fakten nicht auf den Tisch kamen, hat dem Anliegen der AntirassistInnen wahrscheinlich mehr geschadet als genutzt, und ich glaube, mich hat die ganze Geschichte auch deswegen so aufgeregt, weil ich mir gut vorstellen kann, auch betroffen gewesen zu sein. Ich fahre nicht aufs Oktoberfest, aber einmal bin ich am Silvesterabend in Hannover angekommen. Damals war es eine gute Erfahrung; ich möchte keine schlechten Erfahrungen machen. Ich fürchte, dass kein einziger der Täter von Köln verurteilt werden wird, erstens, weil es ganz schwierig sein wird, Täter zu identifizieren, zweitens, weil es ganz schwierig sein wird, etwas nachzuweisen, was strafrechtlich relevant ist.

  2. Pingback: #ausnahmslos | Aus Liebe zur Freiheit

  3. diandralinnemann schreibt:

    Besonders blöd finde ich an dieser ganzen Sache, dass die erste Berichterstattung offenbar teilweise bewusst falsche Informationen enthielt, die später widerrufen werden mussten – das hat vor allem unter Leuten mir „konservativer Gesinnung“ (*hust nazi hust*) zu einem verbalen „Ich hab’s euch ja gesagt!“-Durchfall geführt.

    • susanna14 schreibt:

      Die Fehlinformationen waren anscheinend gut gemeint, insofern, als geglaubt würde, die korrekten Informationen würden Rassismus und Ressentiments schüren, aber letztendlich haben sie geschadet – von vornherein ehrlich zu sein, wäre besser gewesen.

  4. Claudia Reinke schreibt:

    Ein Dank an Frau Suding von der FDP für ihre klaren, wenn auch viel zu späten Worte gegen die unsäglichen, Gewalt relativierenden Haltungen vieler linker „Feministinnen“, Journalistinnen und Politikerinnen. Auch gegen die unsäglich eindimensionale unreflektierte Haltung, wie sie von den *ausnahmslos-Frauen und ähnlichen „feministischen“ Richtungen vertreten wird. Tatsächlich bin ich regelrecht geschockt von der Einseitigkeit der ausnahmslos-Kampane und distanziere mich ausdrücklich als feministisch denkende Frau von der Eindimensionalität der dort vertretenen Aussagen.

    Ob solcher eindimensionalen Denkweisen bin ich heimatlos geworden seit dem Jahreswechsel.
    Zum einen auf politischer Ebene nach 30 Jahren Rot-Grün-Wahl. Beide Parteien werde ich nach den politischen Statements und Schwerpunktsetzungen und den vernebelnden und die Gewalt marginalisierenden Aussagen zum Thema Silvester nie mehr wählen (Frau Schwesig ist für dabei mich die große Ausnahme und die einzige die noch klar formulieren und ein Stück über den eigenen Tellerrand hinaus denken kann).

    Zum zweiten aber – und das wiegt erheblich schwerer und schmerzt mich unendlich mehr – auf weltanschaulicher Ebene als jahrzehntelange Feministin. Nie in meinem ganzen bisherigen 51jährigen Leben habe ich einen derartig unintelligenten, eindimensionalen, unhinterfragenden, blinden, unkritischen und verleugnenden Verrat der Ideale, Ziele, Weltsichten und vieljährigen Kämpfe von feministisch orientierten Frauen erlebt wie in diesen letzten 10 Tagen durch die eigenen ehemaligen Unterstützerinnen – die s.g. linken „Feministinnen“, Journalistinnen und Politikerinnen.

    Unterirdisch, unglaublich, komplett blind, brandgefährlich und manipulativ in höchstem Ausmaß.
    Diese linken Frauen verraten in wenigen Tagen brachial und unglaublich undifferenziert alles wofür Feministinnen jahrzehntelang gearbeitet haben. Warum hören sie auf weiterzudenken?

    Feige gefangen bis zur Selbstaufgabe im eigenen starren multikulturellen Wir-sind-doch-alle-gleich-Weltbild.Um nicht anschauen zu müssen, dass alle Menschen GLEICHWERTIG sind, aber – anders als gedacht, surprise – nicht alle Menschen/Männer GLEICH sind.

    Um nicht die brutale Gleichzeitigkeit aushalten zu müssen, dass einerseits die zahlreichen verschiedenen sexuellen Gewalttaten gegen Frauen an Silvester systematisch von Klein- und Großgruppen frauenverachtender und zur Gewalt gegen Frauen bereiter Männer begangen wurden, die aus Menschenmasse mit fast ausschließlich arabisch/nordafrik. Männern heraus agierten, vermutlich also auch solche waren + dass die anwesenden Nicht-Täter in dieser Menschenmasse mit fast ausschließlich arabisch/nordafrik. Männern offensichtlich nicht in großen Mengen dagegen interveniert haben. Und dass andererseits gleichzeitig nicht „alle“ arabisch/nordafrikanisch–stämmigen Männer /Asylsuchenden und auch nicht “alle” sonstigen Männer sexuelle Gewalt gegen Frauen begehen. Denn es gibt nie und nirgendwo ein“Alle“.

    Ja, diese Gleichzeitigkeit der sich scheinbar widersprechenden Realitäten ist hart, das muss man anschauen und aushalten können, wenn das eigene zementierte Weltbild bricht,.
    Dafür braucht´s unendlich Taffheit. Die haben diese „Feministinnen“ nicht, frei nach dem Motto „Wenn die Tatsachen mit der Theorie nicht übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen“. Danke an Sigrid Rüger für diese Taffheit, die ihnen fehlt (und vermutlich auch das Wissen, wer Sigrid Rüger war).

    Viele linken „Feministinnen“, Journalistinnen und Politikerinnen mit ihren, die Komplexität der Realität ausblendenden Aussagen, gießen lieber aktuell rasend schnell eine große Menge von Benzin auf einen zunehmenden Flächenbrand von frauenverachtender und frauendiskriminierender Gewalt, dessen Ende nicht absehbar ist. Werfen damit die feministische Bewegung um Jahrzehnte zurück. Und verraten alle die feministischen Frauen, die das immer schon ausgehalten haben und die Dinge trotzdem so benannt haben, wie sie sind und nicht so, wie sie sie gerne gehabt hätten.

    Als Krönung meiner 10-tägigen exzessiven Recherche und Medienbeobachtung bin ich heute fassungslos auf den vollends gruseligen Artikel zweier Jounalistinnen im Tagesspiegel gestossen „Warum habt ihr keinen Respekt?“. Includiert die Aussage: „Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu beschleunigen.“ Wie können sie es wagen, diesem Argument den Mund zu reden, dass jahrzehntelang benutzt wurde um die Aussagen von vergewaltigten Frauen zu diskreditieren und die Gewalt gegen sie zu leugnen.

    Die einzige, die mal wieder brachial ehrlich und ohne Maulkorb die Klappe aufmacht ist Old Alice – was auch immer an ihr kritisieren kann (und da gibt es einiges über die Jahre, auch ohne Steuerhinterziehung) – Fakt ist, sie sprach schon Klartext und kämpfte für die Gleichwertigkeit von Frauen, als die meisten der nachwachsenden Zwanziger- bis Mitdreissiger-Feministinnen noch Moleküle im Weltall waren, daher mal wieder: danke Alice!

    Ach ja, absurderweise scheint der Oktoberfest-Vergleich bei o.g. Gruppe seit ca. 3 Tagen in Mode gekommen zu sein. Oh mei, oh mei, wie wir Seppl-Menschen aus Bayern gerne mal sagen. Was für ein unterirdisch eindimensionaler, ahnungsloser und schwachsinnig-polemischer Vergleich … ohne Ahnung von der Materie einfach mal hochignorant rumgeschwätzt und wahrscheinlich noch nie im September in München gewesen. Denn das Oktoberfest ist im September, wie die Menschen, die es jetzt gerne als saudummen Vergleich heranziehen vielleicht nicht wissen. Ich weiß es, denn ich habe dort jahrelang als Zigarettenverkäuferin und Wies´n-Bedienung gearbeitet und die – natürlich existente sexuelle Gewalt – steht in keinstem, auch nur ansatzweise ähnlichen Vergleich zur flächendeckenden und ungeheuerlichen Dimension an Silvester 2016.

    Zur Info: ich bin 51, Sozialpädagogin, Feministin, mit 20 aus der Kirche ausgetreten, ehemalige jahrzehntelange rot-grün-Wählerin, habe angefangen mich mit dem Thema Islam zu befassen als 25-jährige Pädagogik-Studentin als ich eine 17-jährige Türkin vor der Zwangsverheiratung versteckte.

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe Deinen Text Rant heute morgen „genehmigt“, bin mir aber im Moment nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Die Aufgabe besteht darin, einen Haltung zu findet, die die Silvesternacht von Köln nicht verharmlost, aber eben auch nicht in Rassismus kippt. Meiner Ansicht nach gehört dazu, dass man nicht verschweigt, dass es sich um Täter handelt, die dem Aussehen nach aus dem nordafrikanischen Raum stammen (vielleicht aber auch ihr ganzes Leben lang in Köln gewohnt haben), aber auch, dass man ein paar deutliche Grenzen zieht: Dass auch die Mehrheit der Männer, die aus dem nordafrikanischen Raum stammen oder einen entsprechenden Hintergrund haben, keine Frauen belästigt oder vergewaltigt, und dass weder Natur noch Kultur, dass also die Herkunft das Verhalten der Täter nicht determiniert.

      • Claudia Reinke schreibt:

        Hallo Susanna, wenn Du meinen Post löschen willst und damit meine feministische Haltung zensieren möchtest, die eine andere Meinung vertritt, kannst Du das natürlich tun. Es ist ja Dein Blog und ich poste seit ca. 10 Tagen meine Meinung auch auf diversen anderen Blogs, Kommentarfunktionen, Facebook und You-Tube und werde dies auch weiterhin tun. Ich fände es allerdings wenig konstruktiv, denn mittlerweile habe ich den Eindruck, dass nicht nur im Islam eine innerislamische Debatte und Neuorientierung dringend notwendig ist, sondern auch im deutschen Feminismus die Strömungen derart weit auseinandergeht, dass hier eine neue innerfeministische Debatte unumgänglich ist.
        Ich habe eine klare Haltung zu Köln, die ich mir im Laufe meiner ca. 30-jährigen privaten und beruflichen Auseinandersetzung und Beschäftigung mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen und mit dem Einfluss von soziokulturellen und religiösen Zusammenhängen (insbesondere im Christentum und im Islam) gebildet habe. Meine Post sind aber auch aktuell auch geprägt von unsäglichen Wut aufgrund der Ereignisse aber auch aufgrund der Berichterstattung darüber, einer Wut, die meiner Meinung nach absolut gerechtfertigt ist. Falls Du meinen Post zukünftig nicht löscht, hier noch Verlinkungen zu zwei – wie ich finde – sehr raren guten Berichten zum Thema: http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/eins_zu_eins/videofrauenrechtlosmaennermachostypischislam100.html
        und
        http://www.welt.de/debatte/kommentare/article151084213/Erstaunlich-wie-Feministen-die-Realitaet-ausblenden.html

        • susanna14 schreibt:

          Ich lösche ungern Kommentare, und deinen werde ich jetzt auch nicht löschen. Teilweise teile ich auch deinen Zorn auf die Reaktionen vieler Feministinnen, aber ich denke, dass das Problem, auf das sie hinweisen, die Gefahr des Rassismus, nicht von der Hand zu weisen ist.

          Das Interview mit Ahmed Mansour habe ich mir angehört und finde es sehr bedenkenswert, auch wenn es teilweise mittlerweile überholt ist. (Mittlerweile ist anscheinend klar, dass in erster Linie KleinKriminelle aus nordafrikanischen Ländern, die nicht besonders religiös sind, für die Taten verantwortlich sind.)

          Ahmed Mansour vertritt eine Position, die deutliche Kritik an manchen Formen des Islam übt und deutlich macht, dass das Patriarchat kein rein muslimisches Phänomen ist, aber er sagt auch deutlich, dass es auch andere Formen des Islam gibt – unter anderem die, die er selbst lebt – und dass auch andere Muslime, zum Beispiel die Jugendlichen seines Projekts „Heroes“ ihre Einstellungen ändern können. Er macht auch deutlich, dass vor allem andere Muslime und Muslimas darunter leiden.

          Die Interviewerin ist unerträglich. Sie tut alles, um Ahmed Mansour zu drängen, dass er sagt: Der Islam ist ein Problem.

          Der Artikel aus der Welt ist auch unerträglich: Ein Rundumschlag gegen die Linke insgesamt.

  5. Antje Schrupp schreibt:

    @Susanna – danke für deine ausführliche Auseinandersetzung. Ich glaube allerdings nicht, dass die ARD- und andere „seriöse Medien“ momentan in Bezug auf rassistische Narrative (bzw. die Sensibilisierung dafür und den Versuch, Köln ernst zu nehmen, ohne darein zu verfallen) tatsächlich momentan den Mainstream darstellen. Ich bin immer noch besorgt darüber, dass Köln der Tipping Point gewesen sein könnte, wo Deutschland tatsächlich umschwenkt. Die erstzunehmenden Medien bemühen sich größtenteils um eine halbwegs differenzierte Sichtweise, das stimmt, aber ich glaube, das gibt momentan nicht so die Grundstimmung in weiten Teilen der Bevölkerung wieder. Ich bin also pessimistisch, und ich halte diese Gefahr des rassistisch grundierten Nationalismus momentan für größer als die Gefahr, dass wir als Gesellschaft das Phänomen (organisierter) sexualisierter Gewalt durch migrantische Jugendbanden in den Griff bekommen.

    • susanna14 schreibt:

      @Antje, ich muss gestehen, dass mein Kontakt zur „normalen“ Bevölkerung zu gering ist, um beurteilen zu können, wie der Mainstream denkt. Die Frage ist aber auch, wie wir verhindern können, dass die Silvesternacht von Köln zum Tipping Point wird. Aber ich sehe im Moment auch keine vernünftigen Pläne, wie man solche Gewalt in Zukunft verhindern kann. Erleichterte Abschiebung halte ich erstens für falsch, weil es nicht sein kann, dass Menschen in Bürgerkriegsgebiete geschickt werden, aber eben auch für wenig hilfreich. Bis jetzt weiß man noch nicht einmal, ob es wirklich Jugendbanden waren.

    • Achim Spengler schreibt:

      Die Stimmung kippt tatsächlich, wenn man den Auguren der Meinungsumfragen zur Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel glauben darf.

      • susanna14 schreibt:

        Das lese ich jetzt auch, zum Beispiel im Deutschlandtrend. Vielleicht werde ich am Wochenende noch einmal schreiben, um klar zu machen, dass meine eigene Stimmung nicht kippt. Die Frage ist, wie man diesem Stimmungsumschwung entgegenwirkt, aber paradoxerweise denke ich, dass es nicht wirkungsvoll ist, das, was man sagt, dem anzupassen, was die Leute daraus machen könnten, weil sie dann zu Recht sich manipuliert werden, so dass sie überhaupt nicht mehr zuhören.

    • Claudia Reinke schreibt:

      Hallo Antje, Dein Satz in deinem Post halte ich für den absoluten Knackpunkt der gesamten Anti-Rassismus / Anti-Sexismus – Debatte, insbesondere im links-alternativen feministischen Milieu. Sehr klar formuliert, genau darum geht es: welche Gefahr hält eine/r für größer und wo setzt sie/er den Schwerpunkt! Du schreibst: ´ich halte diese Gefahr des rassistisch grundierten Nationalismus momentan für größer als die Gefahr, dass wir als Gesellschaft das Phänomen (organisierter) sexualisierter Gewalt durch migrantische Jugendbanden in den Griff bekommen`. Bei mir ist genau umgekehrt: Ich halte die Gefahr von sich flächenbrandmäßig ausbreitenden sexuellen und gewalttätigen Übergriffen seitens (oft junger) Männer mit sozio-kulturellem islamisch-patriarchalen Hintergrund und einer darauf folgenden schleichenden Patriarchalisierung im Umgang mit Frauen (seitens aller Männer) in Deutschland für wesentlich größer, als die Gefahr eines bleibenden rassistischen Nationalismus durch neofaschistisch ideologisierte Gruppierungen hier in Deutschland. Eben deshalb finde ich die stattfindende Gewichtung ´breite Anti-Rassismus-Debatte und darunter subsumiert die Anti-Sexismus-Debatte` brandgefährlich.

      • susanna14 schreibt:

        Ich weiß nicht, ob Antje selbst darauf antworten wird: sie hat noch anderes zu tun. Größere Chancen auf eine Antwort hat man, wenn man in Antjes Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ kommentiert.

        Hier daher jetzt meine Antwort: Die Frage, ob die Gefahr von Rassismus beziehungsweise völkischem Nationalismus oder die Gefahr sexueller und gewalttätiger Übergriffe größer seien, halte ich für die falsche, schon weil sie eine ganz unsinnige Opferkonkurrenz aufmacht und weil sie zweitens das Problem reduziert auf: „Wem schließe ich mich an? Wer sind meine Gegner?“ und weil drittens das Problem zu einem Problem der richtigen Beeinflussung der Bevölkerung gemacht wird: Verhindern wir die weitere Verbreitung des Rassismus, oder sensibilieren wir die Bevölkerung dafür, dass diese muslimischen jungen Männer eine Gefahr darstellen? (Gerade wenn ich das so formuliere, wird deutlich, wie unsinnig die Frage ist: Die wenigsten Menschen müssen für die Gefahr sensibilisiert werden, die von muslimischen jungen Männern ausgeht.)

        Eine sinnvolle Frage wäre meines Erachtens: Wie sieht eine antirassistische Position aus, die die Ereignisse von Köln ernst nimmt? Sich erst einmal diese Frage zu stellen und anschließend erst zur Tastatur zu greifen wäre meines Erachtens eine Sache der intellektuellen (und sonstigen) Redlichkeit – und nur eine solche Haltung nimmt das Publikum ernst.

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