Aufarbeitung der verpassten Aufarbeitung der Vergangenheit. Filmtipp: Der Staat gegen Fritz Bauer

Ich gehe nur noch selten ins Kino, aber jetzt einmal doch. Gesehen habe ich „der Staat gegen Fritz Bauer“, was ein eigenartiger Titel ist, als sei Fritz Bauer Angeklagter in einem Strafprozess. Anfangs fand ich den Film etwas kitschig und klischeelastig, vor allem, da ich vergessen hatte, mich vorher im Internet um die Handlung zu informieren. Da war mir nicht klar, dass es auch um Adolf Eichmann gehen würde, und ich fand die eingespielten Interviewszenen mit Wilhelm Sassen etwas dick aufgetragen. Als klar wurde, dass es eben gerade um die Entführung von Adolf Eichmann gehen würde, konnte ich mich auf den Film einlassen und hörte auf, über die Frage, ob er gut gemacht sei oder nicht, nachzudenken.

Worüber ich beim Rausgehen nachdachte: Jetzt gibt es Filme, die sich die gescheiterte Aufarbeitung der Vergangenheit zum Thema machen, also nicht die NS-Zeit, sondern die Fünfziger, als viel zu viele Altnazis noch in Amt und Würden waren. Es ist durchaus notwendig und vielleicht in unserer Zeit wichtiger als die Aufarbeitung der NS-Zeit selbst, obgleich das Wissen über diese die Grundlage bildet, ohne welches man die Vergangenheitsaufarbeitung nicht verstehen und beurteilen kann. Aber die NS-Zeit selbst steht manchmal wie ein schwarzer Monolith da, so dass das Davor, die Weimarer Republik, und das Danach, die Fünfziger, zugänglicher sind: Zeiten, die die Möglichkeit geboten hätten, etwas anders zu machen, Zeiten, die nicht einfach nur schwarz und böse sind.

(Andererseits gehört es für mich zu den wichtigen Dingen, die ich nach meiner Schulzeit gelernt habe, dass auch die NS-Zeit nicht einfach nur ein monolithischer Block war, sondern dass es auch damals noch Optionen gab. Allerdings  ging es bei vielen dieser Optionen nur noch darum, ob man sich beteiligt oder ob man außen vor bleibt und nur ganz selten darum, ob man tatsächlich etwas verhindern kann. Aber wenn mehr Menschen gesagt hätten: Ich mache nicht mit (etwa „ich beteilige mich nicht an Mordaktionen“, was gefahrlos möglich war, wenn man es richtig formuliert hat, etwa, „mir ist das zu viel mit dem ganzen Blut, kann ich nicht lieber eine andere Aufgabe haben“), dann wären auch die Verbrechen nicht möglich gewesen. Tatsächlich stießen die Nazis an einigen Punkten auf Widerstand und mussten nachgeben.)

Vielleicht ist ein Film über die Nachkriegszeit auch deswegen interessant, weil einige der ProtagonistInnen noch leben. Wenn die Rede davon ist, dass die ZeitzeugInnen wegsterben, so wird meistens an die Überlebenden gedacht und nur selten an die TäterInnen, aber diese sterben auch. Ich bin nicht traurig darüber: Die Vergangenheitsaufarbeitung ist leichter, wenn ihr kein Widerstand von Menschen entgegengesetzt wird, die seit siebzig Jahren nichts gelernt haben, die aber Rücksicht einfordern. Andererseits ist es natürlich bedauerlich, dass man sie nicht mehr konfrontieren und sich mit ihnen auseinandersetzen kann.

Aber die Menschen, die in den Fünfzigern und Sechzigern die Vergangenheitsaufarbeitung versäumt haben, leben noch, und man kann sich mit ihnen streiten. Interessanter als eine einfache Anklage: Warum habt ihr die NS-Täter nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern ihnen gut bezahlte Posten gegeben? wäre jedoch eine andere Frage: welche Deutungen der NS-Zeit waren damals en vogue? Während in den Fünfzigern noch die Einstellung vorherrschte, dass Hitler und seine engste Entourage quasi aus dem All gekommen sei und die Deutschen verführt habe, welche deswegen auch das erste und wichtigste Opfer Hitlers gewesen seien (welches im Rahmen des Zweiten Weltkriegs in der Tat einiges durchmachte, nur gilt dies eben auch für andere Völker Europas und insbesondere für Juden und Jüdinnen und alle anderen Verfolgten des NS-Regimes), setzte sich im Lauf der Jahrzehnte immer stärker das Wissen durch, dass Hitler eine ganze Menge Helfer und Helfershelfer gehabt haben muss, von denen die meisten nicht verführt oder gezwungen wurden, sondern sich höchst freiwillig am Nationalsozialismus beteiligten. Man kann dabei verschiedene Phasen benennen: Erstens die Zeit in den Fünfzigern, als Hitler und ein paar wenige andere Figuren und Organisationen dämonisiert wurden, anschließend die Diskussion um Strukturalismus oder Intentionalismus, wobei es vor allem darum ging, ob das System eine Eigendynamik entwickelt habe (wobei aber die Personen als Akteure, die sich entscheiden können, ausgeblendet wurden) und in den Neunzigern dann die Debatten um Browning, Goldhagen und die Wehrmachtsausstellung, welche deutlich machten, wie viele Täter und Täterinnen beteiligt waren, und zwar sowohl an den Schreibtischen als auch direkt an den Erschießungsgruben und in den Konzentrationslagern, und dass keiner dieser Menschen ernsthafte Konsequenzen zu befürchten hatte, wenn er sich den Morden entzog (natürlich nicht, indem er sagte „was hier getan wird, ist zutiefst unmoralisch“, sondern indem er sagte „ich verkrafte das nicht, kann ich nicht eine andere Aufgabe übernehmen?“). Was nach diesem Einschnitt kam, ist noch zu aktuell, um einsortiert zu werden. Die historische Forschung schreitet voran, aber große Debatten werden weniger. Auf die Debatte um Martin Walser folgten zwei über Günter Grass, aber die zweite drehte sich nicht um die NS-Vergangenheit, sondern um Israel.

Vielleicht ein Versuch einer alternativen Deutung meinerseits: Geschichte der Vergangenheitsaufarbeitung ist nicht nur Geschichte des Umgangs mit den NS-Tätern, sondern immer auch Geschichte des Umgangs mit Deutschland und mit der angeblichen Kollektivschuld (welche wieder die Verbindung zur Täterforschung stiftet). Die Gedenkstättenbewegung war in dieser Hinsicht ein wichtiger Schritt: Sie versuchte ein Zeichen eines anderen Deutschlands zu setzen, das sich von der NS-Zeit absetzt und in Solidarität mit den Opfern sich nun um die Gedenkstätten kümmert, anstatt nur über die eigenen Kriegstoten zu jammern. Möglicherweise ist das repräsentative Mahnmal für die ermordeten Juden Europas im Zentrum Berlins der krönende Abschluss der Arbeit dieser Bewegung – und im Zuge der Diskussion um dieses Denkmal wurde auch dafür gesorgt, dass die Gedenkstätten eine verlässliche finanzielle Ausstattung erhielten, so dass sie festangestellte Historiker und Gedenkstättenpädagogen beschäftigen können.

(Gestern habe ich mir Bergen-Belsen angesehen. Das Dokumentationszentrum war wegen der Winterferien allerdings geschlossen, dazu auch die Cafeteria und der übliche Büchertisch, an dem ich mir eigentlich etwas zum Lesen hatte kaufen wollen. Aber selbst von außen war es beeindruckend – ein riesiger Betonkasten – und gegenüber das pädagogische Zentrum mit vielen Büros, in die ich hineinschauen konnte.)

Mein Eindruck ist jedoch, dass ein ganz zentraler Punkt durch die Gedenkstättenbewegung nicht in Frage gestellt wurde: Die Identifikation mit Deutschland. Sie wurde anders interpretiert und gedeutet: nicht mehr der Stolz auf die Macht und Größe und die militärischen Leistungen Deutschlands, sondern der Stolz auf die Leistungen der Vergangenheitsaufarbeitung und auf das, was man angeblich aus der Geschichte gelernt hat (dass man keine Kriege anfangen und keine Menschen umbringen soll.) Gerade das Holocaustdenkmal war heftig umstritten, weil eben die Frage, auf welches Deutschland man stolz ist und woran man gern erinnert, umstritten war: während die einen auf die Vergangenheitsaufarbeitung stolz waren, empfanden die anderen (eben gerade Martin Walser) die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit als etwas, das ihren Stolz verletzte – aber der Stolz auf Deutschland blieb. (Henryk Broder nimmt diese Haltung aufs Korn: Entweder Broder, Deutschland Safari, Staffel 1, Folge 2)

Das hieß auch, dass die Frage der Kollektivschuld blieb. Zur Zeit lese ich „die Wiedergutwerdung der Deutschen“, eine Sammlung von Essays von Eike Geisel, und er weist darauf hin, dass in der These der Kollektivschuld die nationalsozialistische Volksgemeinschaft fortlebt: nun als Gemeinschaft derjenigen, die von außen gemeinsam der NS-Verbrechen beschuldigt werden und die sich als Gemeinschaft für die Verbrechen mehr oder weniger verantwortlich oder beschuldigt fühlen. (Menschen wie Martin Walser fühlen sich beschuldigt, diejenigen, die sich für den Erhalt der Gedenkstätten einsetzen, fühlen sich verantwortlich.) Dass die gesamte Idee einer Kollektivschuld Unsinn ist, und dass das schon seit langem bekannt ist, wird nicht thematisiert – denn wenn nicht das Kollektiv Schuld ist, dann sind es vielleicht einzelne, die man benennen kann. Das war die Leistung der von Browning und Goldhagen und der Wehrmachtsausstellung.

Was zur Zeit meines Erachtens zu kurz kommt: diejenigen, die am Nationalsozialismus mitwirkten, ohne an konkreten Verbrechen beteiligt zu sein. Die Verbrechen waren nur möglich, weil sehr viele Menschen, die selbst keine Verbrecher waren, also nicht an den Erschießungsgruben standen und mordeten oder als KZ-Wachmannschaften Dienst taten, sich am Nationalsozialismus beteiligten und seine Ideologie mehr oder weniger unterstützten. Aber vielleicht ändert sich das demnächst. Vielleicht war der Blick auf konkreten Täter ein erster Schritt. Aber nur auf die Täter zu fokussieren heißt, ihre Taten zu entpolitisieren und zu entkontextualisieren.

Der Film wirft also einen Blick auf eine Zeit, als selbst hochrangige NS-Täter wie Adolf Eichmann vom Staat geschützt wurden, so dass Fritz Bauer nicht wagte, den eigenen Apparat in die Ermittlungen gegen Adolf Eichmann miteinzubeziehen. Im Prinzip bleibt es bei der Anklage: Warum habt ihr jemanden wir Adolf Eichmann geschützt? Der Film ist trotzdem gut: weil er die Zeit gut darstellt, und weil er, im Gegensatz zum Film „Labyrinth des Schweigens“ Fritz Bauer in den Mittelpunkt stellt und ihn ehrt und ihn nicht durch einen jungen nichtjüdischen Anwalt ersetzt. Andererseits steht die Frage: Tun wir etwas für unser Land? doch sehr im Mittelpunkt.

Im Film findet sich ein Ausschnitt einer Fernsehsendung mit Fritz Bauer, der sich auch auf Youtube finden lässt: Heute abend Kellerclub. (An manchen Stellen war ich erschrocken, wie Fritz Bauer von den jungen Leuten unterbrochen wird, wie sie nicht zu verstehen scheinen, was er zu sagen hat, und wie sie zu anderen Themen ablenken.) Zwei Stellen sind besonders spannend: Wo er auf die Frage, worauf man in Deutschland stolz sein könne, antwortet, man könne nur auf das stolz sein, was man selbst getan hat, und die Stelle, an der die NS-Täter kategorisieren soll (Sadisten, Opportunisten etc.) und erklärt, die meisten von ihnen seien einfach überzeugte Nationalsozialisten gewesen, die der Überzeugung waren, sie täten der Welt einen Gefallen, wenn sie Juden und Jüdinnen umbrächten. Auch dies ist ein Punkt, der von der Täterforschung häufig vernachlässigt wird.

Zum Abschluss noch ein paar Links zu Rezensionen des Films, die ich gefunden habe:

Jungle World: Gegen Alle

Zeit: Der Held will keine Rache

Süddeutsche: Held in Robe

 

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