Jahresrückblick: Abschied von der literarischen Regression

Vielleicht eines der Ereignisse, die mich in diesem Sommer am meisten mitgenommen haben, ist das Zerwürfnis mit dem hiesigen Tolkien Fans, und damit verbunden der Abschied von Tolkien. Ich habe mir einen Umzugskarton aus dem Baumarkt besorgt, in welchem ich meine Bücher von Tolkien erst einmal unterbringen werde, und vielleicht, da der Karton zu groß ist, noch mehr Bücher. So habe ich erst einmal mehr Platz in meinen Regalen. (Außerdem werde ich die Bestandteile meines auseinandergefallenen Exemplars von Lotr zum Altpapier bringen. Es handelte sich um eine englische Paperback-Ausgabe, alles in einem Band, da war die Bindung einfach überfordert. Aber vielleicht werde ich das Buch doch behalten, aus Sentimentalität. Immerhin habe ich es dreißig Jahre lang immer wieder aus dem Regal geholt.)

Es war ein eigenartiges Gefühl im Sommer: mich von einem Buch verabschieden, das zwischen zwölf und vierzehn mein Lieblingsbuch gewesen war – mich von meinem damaligen Ich verabschieden, das dieses Buch geliebt hatte, das für Helden wie Aragorn geschwärmt hatte. Zeitweise ekelte es mich vor meinem vierzehnjährigen Ich. Aber in den letzten Wochen ist mir in den Sinn gekommen, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm war: dass ich einige der Autoren, die ich damals las, auch heute noch schätze:  H. C. Andersen, E. T. A. Hoffmann.

Ich habe immer noch Scheu und Angst, wegen Rufmords Ärger zu bekommen, daher bin ich vorsichtig, aber nicht mehr so vorsichtig wie im Sommer, da ich jetzt sicher bin, dass meine Entscheidung, die Gruppe zu verlassen, richtig war, obgleich ich immer noch ein wenig traurig bin, da ich die meisten Mitglieder im persönlichen Umgang sehr nett fand und gerne Zeit mit ihnen verbrachte. Aber ich bin mir mittlerweile sicher, dass meine Intuition, die mich angesichts eines Vortrags über die alten Germanen (der sich immer noch auf der Website der Gruppe befindet) misstrauisch werden ließ, richtig lag. Ich habe im Sommer mehr über die alten Germanen gelernt, als ich je wissen wollte, und das wichtigste, was ich gelernt habe, ist folgendes: Die alten Germanen sind eine Erfindung von Julius Cäsar.

Das heißt nicht, dass zu der Zeit, als Julius Cäsar Gallien eroberte, keine Menschen östlich des Rheins wohnten, und Arminius ist durchaus eine historische Figur. Aber die Menschen östlich des Rheins sahen sich erstens nicht als zusammengehörig an, und zweitens sahen sie keine großen Unterschiede zwischen sich selbst und den Menschen, die westlich des Rheins lebten. Abgrenzungen von Völkern sind immer ein künstliche Grenzziehung, die Zugehörige von Nichtzugehörigen trennt, in diesem Fall aber war es eine Fremdbezeichnung, die von Julius Cäsar stammte, der gegenüber dem römischen Senat begründen musste, warum er die Menschen westlich des Rheins beschützen musste (und dass er dazu ihr Land erobern musste, erschien ihm logisch), während die Menschen östlich des Rheins die wilden Barbaren waren, vor denen die Menschen westlich des Rheins beschützt werden mussten.

Die Menschen, die zwischen 400 und 500 nach Christus das Römische Imperium zu Fall brachten, sahen sich auch nicht als Germanen, sondern als Goten, Franken, Sachsen und so weiter. Erst tausend Jahre später wurden die Texte von Julius Cäsar und Tacitus neu gelesen und bestimmten den Anfang des Mythos von den Germanen als den Vorläufern der Deutschen. Besonders virulent wurde dieser Mythos dann im 19. Jahrhundert. Aber trotz des Nationalsozialismus, der den Germanenmythos diskreditiert haben sollte, lebt er fort. Als ich im Internet nach Informationen suchte, auch nach Büchern, stieß ich auch auf Bücher, die ich nicht als Information, sondern allerhöchsten als Primärliteratur bezeichnen könnte: Bücher zur germanischen Mythologie der heutigen germanentümelnden Szene. Im Prinzip lässt sich sagen: Allein schon, wenn man die (von Cäsar erfundenen) Germanen als Vorläufer der Deutschen sieht, oder wenn man glaubt, dass man Informationen aus der Edda mit Informationen aus der Germania des Tacitus kombinieren könne, ist man in die völkische Falle getappt: Der Vorstellung, dass Völker Abstammungsgemeinschaften seien, die über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende in ihrer „ethnischen Substanz“ und Kultur im wesentlichen gleich blieben.

(Es gibt selbstverständlich auch seriöse Forschung über die „Germanen“ – aus dieser habe ich meine Informationen gewonnen. Die Frage ist, woran man seriöse Forschung erkennt. Das erste Kennzeichen besteht darin, dass seriöse Forschung den Mythos von den Germanen als den Vorläufern der Deutschen reflektiert, dass zweite darin, dass seriöse Forschung nicht so tut, als würden Völker über Jahrhunderte oder Jahrtausende ihre „ethnische Substanz“ bewahren, und das dritte, wie ich jetzt gelernt habe, dass seriöse Forschung weiß, dass die Germanen eine Erfindung Julius Cäsars sind.)

Insofern war es richtig, mich von der Gruppe zu trennen, auch wenn es traurig war. Es bedeutete aber auch, dass meine Vorliebe für Tolkien in Frage gestellt war. Tatsächlich handelte es sich in erster Linie noch um Nostalgie: Als die Herr-der-Ringe-Filme heraus kamen, habe ich noch zweimal versucht, den Herrn der Ringe zu lesen, aber beide Male bin ich ungefähr am Ende des ersten Bandes stecken geblieben. Die Verfolgung der Orks und die Begegnungen mit den Rohirrim erschienen mir eher langweilig. Den Hobbit mag ich immer noch, und Teile des Silmarillion auch, aber beides lese ich „gegen den Strich“, das heißt, entgegen den moralischen Wertungen des Autors.

Allerdings stieß ich mich vor allem an der Religiosität des Autors, nicht an irgendwelchem völkischem oder rechtem Gedankengut: Alles ist von einem göttlichen Willen bestimmt, und dieser göttliche Wille bestimmt auch, was gut ist. Das Böse besteht in der Auflehnung gegen den göttlichen Willen, am deutlichsten zu sehen im Wunsch der Numenorer nach Unsterblichkeit, aber auch in Feanors Rebellion. Selbst Saurons Wunsch nach Macht bedeutet vor allem, dass die Allmacht Gottes (der praktisch nie genannt wird) in Frage gestellt wird. Und beinahe hätte ich jetzt das wichtigste Moment vergessen: Melkor, der sich nicht der allgemeinen Musik anpasst, sondern seine eigene Melodie spielt.

Unterwerfung unter den Willen Gottes bedeutet auch, dass individuelle Rechte geopfert werden. Das fällt am meisten auf, als Feanor die Silmaril opfern soll, es fällt aber auch in der etwas abenteuerlichen „Argumentation“ auf, nach der Thorin das Recht am Arkenstein bestritten wird. Auch Linke meinen, dass Feanor respektive Thorin unrecht hätten, weil sie (die Linken) das Recht auf Eigentum bestreiten, aber weder beim Arkenstein noch bei den Silmaril handelt es sich um Produktionsmittel, und vor allem sind beides nicht nur abstraktes Eigentum, sondern Gegenstände, an denen das Herz der Betreffenden hängt, vor allem, weil Feanor die Silmaril selbst hergestellt hat. Das Ideal heißt nicht Teilen, sondern Selbstopfer. Von daher ergeben sich meine Präferenzen unter den Figuren Tolkiens: Feanor, Thorin und außerdem Turin Turambar, aber nicht die glatten Märchenhelden, deren individuelles Sehnen in Einklang mit dem Schicksal der Welt steht oder die kein individuelles Sehnen kennen, und vor allem nicht Gandalf, der für den Sieg des Guten gegen das Böse kämpft und dabei nicht an das Wohl der Einzelnen denkt.

An Tolkiens Germanentümelei dachte ich nicht. Sie existiert – sie war sein Beruf, Professor für Altanglistik. Tolkien wünschte sich, die Sprache wäre rein germanisch geblieben und hätte sich nicht mit dem Französischen vermischt. An verschiedenen Stellen in seinem literarischen Werk lässt sie sich beobachten: bei den Rohirrim, beim Namen der Volksversammlung der Ents (Thing, englisch moot), bei den Namen der Zwerge. Allerdings halte ich es für vergleichsweise harmlos, wenn jemand Zwergennamen aus der Edda für die eigenen Zwerge verwendet, und die Rohirrim werden nicht idealisiert, sondern es ist immer klar, dass die deutlich zivilisierteren Menschen aus Gondor, die Nachkommen der Numenorer, ihnen überlegen sind. Aber für Menschen, die zur Germanentümelei neigen, ist Tolkien ein Weg, es auf politisch korrekte Weise zu tun.

Nach dem Zerwürfnis habe ich, was mir an Freude an Tolkiens Werken noch blieb, verloren. Vorher war ich gespalten, jetzt will ich sie, wie gesagt, nur noch in eine Kiste packen. Eskapismus, Antimodernismus, Antiindividualismus, Sehnsucht nach einer anderen, aber geschlossenen Welt. Als Jugendliche mochte ich das, aber auf einmal ekelte es mich nur noch, und ich ekelte mich vor mir selbst, dass ich so etwas gemocht hatte, dass zwischen zwölf und vierzehn der Herr der Ringe mein Lieblingsbuch gewesen war, dass ich für Aragorn geschwärmt hatte, dass eine Geschichte, in der die Welt vor dem Bösen gerettet wird und in der individuelles Glück hinter diesem Kampf gegen das Böse zurückzutreten hat, mich hatte faszinieren können.

Im Laufe des Jahres fielen mir andere Autoren ein, die ich als Jugendliche mochte, gerade in dem Alter, als ich HdR las, und die ich immer noch sehr schätze: E.T.A. Hoffmann und H.C. Andersen. Andersens Märchen fand ich als Kind zu düster und zu traurig, aber als Jugendliche mochte ich gerade die Geschichten mit traurigem Ende, und von denen gibt es viele, weil Liebe eben oft unerwidert bleibt, gerade dann, wenn sie soziale Grenzen überschreitet. Ein paar seiner Märchen sind reine Märchen, etwas „das blaue Licht“ oder „der große Klaus und der kleine Klaus“ oder auch „die elf Schwäne“, eines meiner Lieblingsmärchen (ich weiß nicht, ob das jetzt immer noch so wäre), aber selbst das bekannteste seiner Märchen, die „Schneekönigin“, ist in seiner eigenen Gegenwart angesiedelt – aber die Kinder entfliehen ihr und kehren später wieder in sie zurück.

Was schätze ich an ihm, wenn ich zurück denke: Die Worte, die er für Einsamkeit und Verzweiflung fand. Die beißende Ironie an vielen Stellen, die denjenigen, die nur die Schneekönigin und die kleine Seejungfrau kennen, wahrscheinlich nicht auffällt – aber auch diese Märchen enthalten ironische Bemerkungen, und einige der nicht ganz so bekannten, aber immer noch ziemlich berühmten Märchen, der „Schweinehirt“ und „des Kaisers neue Kleider“ leben von der Ironie.

Über die damals häufige Idealisierung der Vergangenheit macht Andersen sich in den „Galoschen des Glücks lustig“. Wenn etwas idealisiert wird, dann Kunst und vor allem Poesie, aber auch die Schönheit der Natur, während diejenigen, die Kunst zwar konsumieren, aber sie nicht zu würdigen wissen, Zielscheibe des Spotts sind, gerade im Schweinehirten.

Beißende Ironie gegenüber der genau beobachteten gesellschaftlichen Wirklichkeit seiner Zeit und auf der anderen Seite die Idealisierung von Kunst und Poesie finden sich auch bei E.T.A. Hoffmann, aber in anderen Mischungsverhältnissen und anderen Geschichten, zum Beispiel fehlen die Schilderungen unerwiderter Liebe, dafür finden sich die verschiedensten Formen von Wahnsinn, aber immer mit gewisser Sympathie gezeichnet, und häufig mit verwickelten Erzählperspektiven: häufig aus Sicht einer unbeteiligten Person, die in einer Stadt zu Besuch ist und sich von einer Nebenfigur die Geschichte erzählen lässt, und beim zweiten Besuch hat sich dann die Geschichte auf ihr trauriges Ende hin entwickelt.

Andere Welten finden sich, so zum Beispiel in „Nussknacker und Mausekönig“, wo das Spielzeug zum Leben erwacht, oder im „Goldenen Topf“, aber es sind keine Welten, in denen man auf Dauer leben kann – keine Welten, in denen gearbeitet wird. Es sind die Welten, in die sich die Künstler hinein fliehen. Gespottet wird über ehrgeizige Beamte und emsige Hausfrauen, und die Serapionsbrüder fragen sich sogar selbst, ob eine Geschichte, in der besonders heftig über solch eine Hausfrau gespottet wird den Frauen gefallen könne. Aber diese Hausfrauen sind nur das Gegenstück zu den emsigen Beamten, und eine Künstlerin wie Antonia aus „Rat Krespel“ oder ein kleines Mädchen, das für Poesie empfänglich ist wie Marie aus „Nussknacker und Mausekönig“ wird nicht verspottet. Im „Sandmann“, der besten Erzählung, wird die Heldin nicht verspottet, obgleich sie versucht, der immer mehr ins Wahnsinnige abgleitenden Dichterei des Helden Einhalt zu gebieten, indem sie ihn im Alltag zu verankern sucht, aber er phantasiert stattdessen, dass Olympia, die Puppe, ohne ein Eigenleben, in welchem es hin und wieder einfach darauf ankommt, guten Kaffee zu kochen, seinen poetischen Geist verstehen würde.

Keine Regression in eine idealisierte Vergangenheit, kein Kampf Gut gegen Böse, kein Antiindividualismus, stattdessen Geschichten, die ihre Lebendigkeit behalten, auch wenn ich sie jetzt mit Mitte vierzig wiederlese, und die mich nicht denken lassen: ich fürchte, ich daraus herausgewachsen (was beim HdR mit spätestens dreißig der Fall war.) Geschichten, die offen bleiben.

Vielleicht bin ich zu harsch gegenüber Tolkien. Vielleicht hat die Rezeption seiner Geschichten durch die Gruppe meine Abneigung verstärkt. Feanor wurde nicht kontrovers diskutiert, sondern man nahm klar Partei gegen ihn. Nicht die nüchternen Landschaftsbeschreibungen des HdR wurden gelobt, in denen niemals Bäume vorkommen, sondern immer Buchen, Eichen, Birken, Fichten, Kiefern, Ebereschen und die dadurch manchmal etwas dröge sind, sondern die bombastischen Beschreibungen der Aufteilung der Welt im Silmarillion, in Sätzen, die wie Felsbrocken aufs Papier fielen, riefen Lob „welch großartige Sprache!“ hervor. Vielleicht finde ich eines Tages wieder einen neuen Zugang – ich fürchte allerdings nicht nur zum Gesamtwerk, sondern nur zu einzelnen Stellen.

Erst einmal bin ich froh, dass der Geschmack, den ich als Jugendliche hatte, nicht ganz hoffnungslos war.

 

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