Die falschen Lehren aus der Geschichte: Gegen eine inhaltsfreie Nettigkeitsmoral.

 

Da ich einerseits dabei bin, meine Konflikte mit Gruppen aufzuarbeiten, andererseits mich aber auch wegen des Studiums mit der Erinnerungskultur beschäftige, sind mir in den letzten Monaten einige Gedanken gekommen, was man nicht aus der Geschichte lernen sollte. Beim erneuten Lesen ist mir klar geworden, dass sich in diesen Regeln eine Sozialpädagogenmoral ausdrückt: Ziel ist, mit allen Menschen gut auszukommen. Wenn ich mit allen Menschen gut auskomme, ist dies ein Zeichen, dass ich erfolgreich bin. Lange Zeit war auch das mein Ziel. Aber mit Moral im eigentlichen Sinn hat das nicht viel zu tun. Als moralischer Mensch gerate ich hin und wieder in Situationen, in denen ich sagen muss: mit dir oder mit euch möchte ich nichts zu tun haben (oder möglichst wenig – manchmal kann man es nicht vermeiden – aber jedenfalls keine freundschaftliche oder sonstige freiwillige Beziehung.)

1 Zorn und heftige Affekte sind ein Zeichen, dass man etwas noch nicht aufgearbeitet hat.

Ich habe diese Regel jetzt von zwei Seiten kennengelernt. Beim ersten Mal war ich es, die wütend wurde. Ich hatte etwas getrunken, und ich war auf eine Frau getroffen, die mir widersprach, als ich sagte, Deutschland habe zwei Weltkriege begonnen, und dies ausdrücklich auch auf den Zweiten Weltkrieg bezog. (Über den Ersten Weltkrieg diskutierte ich damals noch, über den Zweiten nicht.) Ich rief „Was!“ und da mir niemand zur Seite kam, verließ ich den Raum. Hinterher wurde mir erklärt, meine Wut sei ein klares Zeichen dafür, dass ich etwas noch nicht aufgearbeitet hätte.

Es ist schwierig zu beschreiben, wie sehr mich das traf und verunsicherte. Anstatt weiter zu streiten und zu diskutieren, hatte man mich mit meiner eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert. Es kostete mich einige Mühe, mir zu sagen, dass es normal und angemessen ist, wütend zu werden, wenn jemand die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg leugnet, und dass es zweitens zwar besser ist, ruhig zu bleiben und ruhig zu widersprechen, dass wütend werden aber immer noch besser ist, als überhaupt nichts zu sagen, wie jener Feigling, der meinte, meine Wut deute auf Therapiebedürftigkeit hin.

Ich habe aber tatsächlich eine Therapie begonnen (und abgebrochen, nachdem ich eine Therapiestunde darauf verwendet hatte, der Therapeutin Nachhilfeunterricht in Geschichte zu geben, so dass ich auf dem Nachhauseweg dachte: irgend etwas läuft hier falsch.) Ich habe außerdem die Geschichte meiner eigenen Familie aufgearbeitet (es handelt sich um work in progress), und ich habe mich weiterhin mit der NS-Geschichte beschäftigt. Ich habe jetzt viel mehr Ahnung als vor zehn Jahren, und ich habe gelernt, dass ich unter allen Umständen die Nerven behalten muss und nicht wütend werden darf. Ruhig bleiben und den Raum und die Gruppe verlassen ist jetzt meine Ultima Ratio.

Jetzt bin ich also wieder in Streit geraten, dieses Mal aufgrund von sehr subtilen Hinweisen auf rechte Tendenzen, die zu erkennen ich mittlerweile imstande bin, was eben ein Effekt meiner verstärkten Aufarbeitung der Geschichte ist. Ich bin ruhig geblieben, habe mich darum bemüht, Spitzen zu vermeiden, habe auf die aggressivsten Beschimpfungen gar nicht erst geantwortet und mir ansonsten Zeit zum Nachdenken gelassen – und wieder war es nicht recht. Wo ich mich um vorsichtige Formulierungen bemühte, um niemanden zu verärgern, wurde mir vorgeworfen, dass ich Menschen etwas auf subtile Weise vorwerfen würde, was sie aber durchschauen könnten. In manchen Punkten hatten sie sogar Recht, in anderen nicht, aber erstaunlich war der Vorwurf doch: Da bemühte ich mich um Behutsamkeit, und die Menschen wurden dennoch aggressiv. Manche wurden sogar richtig wütend, aber im Gegensatz zu mir vor zwölf Jahren wurden diese Menschen jetzt in Schutz genommen: Niemand unterstellte ihnen, dass ihre Wut ein Zeichen dafür sein könnte, dass sie etwas nicht aufgearbeitet haben. Nur ich hielt das für wahrscheinlich: völlig argument- und inhaltsfreie Wutausbrüche sind eine der Methoden, mit der die Generation der Täter und Täterinnen ihre Kinder eingeschüchtert hat, wenn diese kritische Fragen stellten. Wenn jemand aus der Zweiten oder gar Dritten Generation die gleichen Taktiken verwendet, hat er oder sie nichts oder fast nichts aufgearbeitet.

Immerhin lernte ich auf diese Weise den originalen Kontext der Behauptung kennen, mit der mich die erste Gruppe verunsichert hatte: Menschen, die die NS-Zeit, insbesondere ihre Familiengeschichte, aber auch ihre Identifikation mit dem nationalen Kollektiv noch nicht aufgearbeitet haben, reagieren häufig mit unangebrachter Emotionalität und Aggression, wenn das Thema aufgebracht wird, da sie sich von der Möglichkeit, ihre Lebenslügen könnten aufgedeckt werden, bedroht fühlen. Dies ist aber etwas völlig anderes als mein Entsetzen, als ich hören musste, wie eine Frau die deutsche Alleinverantwortung für den Zweiten Weltkrieg leugnete und dafür von niemandem außer mir kritisiert wurde. Dieses Entsetzen hatte nichts mit der Furcht zu tun, irgendwelche Lebenslügen könnten aufgedeckt werden. (Und auch die Furcht vor Menschen, die die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg leugnen, ist realistisch und nicht pathologisch: Nazis, ob alt oder jung, ob Männer oder Frauen, sind gefährlich.)

Mittlerweile denke ich, dass gar nicht darauf ankommt, ob man wütend wird oder nicht (obgleich es besser ist, nicht wütend zu werden, aber vor allem um des Respekts vor sich selbst willen). Die Menschen, die die TäterInnen verteidigen, werden deren Wutausbrüche rechtfertigen und entschuldigen, und diejenigen, die die TäterInnen anklagen, gleichgültig wie ruhig oder zornig sie dies tun, werden von ihnen angegriffen.

2 Schubladen sind böse.

Einer der abstrusesten Vorwürfe, die ich gehört habe (und jener, der für mich das letzte Signal war, den Kontakt abzubrechen, weil die andere Seite den Kontakt zur Realität verloren hatte), war der, dass ich Menschen in Schubladen einordnen würde, anstatt den Menschen zu sehen.

Es handelt sich natürlich um eine Lehre aus der Geschichte: Man darf Menschen nicht in Schubladen einsortieren und sie danach beurteilen, ob sie schwarz oder weiß, Mann oder Frau, homosexuell oder heterosexuell, christlich beziehungsweise deutsch oder jüdisch sind. (In meinem Denken sind „deutsch“ und „jüdisch“ keine Kategorien, die einander ausschließen. Sie sind es aber im Denken jener Menschen, die nach solchen Kategorien urteilen.) Die Nationalsozialisten haben Menschen auf diese Weise in Schubladen gesteckt und beurteilt, aber das war falsch: es kommt nämlich auf den Menschen an, nicht auf solche oberflächlichen Merkmale.

Die gleiche Regel wurde nun auf eine andere Unterscheidung angewandt: Mitte/Links und Rechts. Mein Kontrahent meinte, er sei ein besserer Mensch als ich, weil er jemanden nicht in die Schublade „Rechts“ einsortierte, sondern ihn als Mensch beurteilte. (Es gab stichhaltige Gründe, ihn in diese Schublade einzusortieren, aber die wurden nicht diskutiert.) Aber wenn ich jemanden „als Mensch“ beurteile, so schließt das ein, dass ich mir ein Bild seiner oder ihrer moralischen und politischen Positionen mache. Dass jemand im alltäglichen Kontakt ein freundlicher, umgänglicher, sympathischer Mensch ist, schließt nicht aus, dass man, wenn man auf eine tiefere Ebene wechselt, auf politische oder moralische Positionen stößt, die man unmöglich teilen kann. (Meistens vermeide ich daher die tiefere Ebene – bei dem Menschen, den ich angeblich in eine Schublade steckte, waren wir aber bereits auf diese Ebene geraten.)

Menschen nicht in Schubladen zu stecken, scheint auf den ersten Blick eine Lehre aus der NS-Zeit. Wenn diese Regel aber auf die Unterscheidung zwischen Links/Mitte und Rechts ausgedehnt wird, dann wird daraus eine Überlebenstaktik aus der Nachkriegszeit: Wir vermeiden es, nach der NS-Vergangenheit unserer Mitmenschen oder ihren gegenwärtigen politischen Einstellungen zu fragen, und beurteilen sie nur nach ihrem alltäglichen Auftreten, das häufig durchaus sympathisch ist, jedenfalls solange nicht die Sprache auf die NS-Zeit kommt, und wir meinen, dass dieses alltägliche Verhalten dann den Menschen ausmache. Auf diese Weise vermeiden wir Konflikte.

3 Menschen verbal verletzen ist böse.

Ich meine jetzt nicht Beleidigungen, die man tatsächlich vermeiden sollte. Ich meine die Vorstellung, dass man nichts sagen sollte, was einem anderen Menschen irgendwie weh tun könnte. Auch dieser Punkt hat nämlich zwei Seiten: einerseits ein oberflächliches Lernen aus der Geschichte, nämlich dass man gegenüber Menschen aus den Ländern, gegen die Deutschland Krieg geführt hat oder die zu einer der Gruppen der vom NS-Regime verfolgten Menschen gehören, vorsichtig ist und nicht unbedingt sagt, was man denkt, weil diese davon verletzt werden könnten, andererseits aber eben auch die Haltung, dass es besser ist, den Menschen, die Verbrechen begangen haben (oder deren Eltern oder Großeltern Verbrechen begangen haben), dies nicht allzu deutlich zu sagen, weil sie sich dadurch verletzt fühlen könnten.

Wieder denke ich an jene Frau aus einer meiner Gruppen für kreatives Schreiben vor zwölf Jahren, deren Großvater Kommandant eines Lagers für Zwangsarbeiterinnen, aber angeblich ein guter Mensch war. Möglicherweise sprach diese Frau zum ersten Mal darüber: es war eine Situation geschaffen worden, in der sie meinte, darüber gefahrlos sprechen zu können. Möglicherweise hatte sie gelernt: ich darf nicht darüber reden: einerseits weil die Gefahr groß ist, für das, was sie sagt, kritisiert zu werden, andererseits aber möglicherweise auch, weil das, was sie sagt, Menschen weh tun könnte. Möglicherweise dachte sie: ich würde zwar die Wahrheit sagen, aber den Opfern (oder, aus ihrer Perspektive, denen, die sich für Opfer halten) würde sie weh tun, und vielleicht werden sie wütend, wenn ich sie sage, und deswegen sage ich sie lieber nicht. Vielleicht wäre sie eine von Menschen, die nicht wissen, was Wahrheit ist: dann würde sie sagen: ich sage meine Meinung nicht, weil ich niemandem weh tun will.

Umgekehrt tat ich jener Frau natürlich weh, indem ich sie für das kritisierte, was sie gesagt hatte, und prompt war der Rest der Gruppe auf ihrer Seite. Ich hatte ihr wehgetan, ich war böse. Übergeordnete Kriterien für das, was man sagen oder nicht sagen darf, zum Beispiel, dass man sich an der Wahrheit orientieren sollte, gab es nicht. Unrecht ist aus dieser Perspektive nur der konkrete Schmerz, den man konkreten, anwesenden Personen zufügt, keine abstrakte Kategorie wie Wahrheit oder Gerechtigkeit an und für sich.

4 Anklagen und Anschuldigungen sind böse

Es gibt verschiedene Wege, auf Kritik zu reagieren, die man nicht akzeptiert: Man einerseits die Tatsachenbehauptungen der anderen Seite bestreiten, oder man kann die Tatsachenbehauptungen akzeptieren, aber diese Tatsachen anders bewerten, als es derjenige tut, der die Kritik übt, und diese andere Bewertung begründen.

Neben diesen beiden rationalen Wegen gibt es aber auch noch einen dritten Weg: Man wirft dem Kritiker vor, dass er einem weh tut. Das kann in ganz banalen Fällen vorkommen: Eine Frau wirft ihrem Lebensgefährten vor, dass er sich zu wenig an der Hausarbeit beteilige, und anstatt auf die Vorwürfe einzugehen (was nicht das gleiche ist, wie sie zu akzeptieren), wirft er ihr vor, dass er sich jetzt schlecht fühlt, weil sie ihm Vorwürfe gemacht hat. Ähnlich geht Frau Klemm vor: Das wahre Gesicht des Grauens. (https://quergedachtes.wordpress.com/2015/11/05/das-wahre-gesicht-eine-chronik-des-grauens/)

Zuerst habe ich aber durch die Analyse der Walserschen Friedenspreisrede von Raphael Gross und Werner Konitzer diese Taktik kennengelernt: Auch Walser schimpft auf diejenigen, die der deutschen Nation ihre Verbrechen vorhalten („sie beschuldigen“) und besteht darauf, auf der Seite der „Beschuldigten“ (nicht der Täter) zu stehen, aber er versucht gar nicht erst, diese Vorwürfe zu entkräften. (Nachzulesen im Buch „Anständig geblieben“ von Raphael Gross)

Ich weiß nicht, woher dieses Verhalten kommt und ob es typisch deutsch und ein Erbe der NS-Zeit ist. Ich fürchte, es ist ein Verhalten, das überforderte Eltern gegenüber ihren Kindern einsetzen: Die Kinder sollen dafür sorgen, dass es den Eltern gut geht, und die Kinder übernehmen diese Aufgabe, weil sie es nicht besser wissen. Dass die Eltern selbst dafür verantwortlich sind, für ihr eigenes Wohlergehen zu sorgen, dass Vorwürfe auf ihre Stichhaltigkeit überprüft werden müssen, kommt in diesem Denken nicht vor. Eltern können sich leisten, ihren Kindern zu vermitteln, sie wären böse, wenn sich die Eltern ihretwegen schlecht fühlen. (Und möglicherweise ist dies sogar das erste Kriterium, anhand dessen Kinder erwünschtes von unerwünschtem Verhalten zu unterscheiden lernen: Ist die Mutter zornig und verletzt oder nicht? Mit der Zeit und mit Unterstützung der Eltern sollten sie aber differenziertere Kriterien entwickeln.)

Besonders praktisch war dies natürlich nach der NS-Zeit. Eltern vermittelten ihren Kindern auf den verschiedensten Wegen, dass es schlecht war, kritisch nachzufragen, denn dann würde man den Eltern ja Ungemach bereiten, sie würden sich schlecht fühlen, und schuld daran wären die Kinder, die kritische Fragen stellten, und nicht die Eltern, die sich weigerten, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Vielen steckt dies noch in den Knochen: Jemand fühlt sich schlecht, weil ich ihn oder sie kritisiert habe, also habe ich einen Fehler gemacht. Aus diesem Grund ist es einfach, Menschen zu verunsichern, indem man ihnen vorwirft, dass sie einen kritisiert hätten. Aber besser ist es, stichhaltige Einwände gegen ihre Kritik zu finden – oder aber die Kritik zu akzeptieren.

Grundlage eines solchen Verhaltens ist natürlich, dass weder die eine noch die andere Seite in der Lage ist, die Vorwürfe differenziert moralisch zu beurteilen. Dann ist „tut mir weh“ das einzige Kriterium für „gut“ oder „böse“, und zwar für beide: die Person, die den Schmerz empfindet, und die, die ihn zufügt. Die Kriterien der faktischen und der moralischen Wahrheit entfallen dann.

5 Urteilen ist böse.

Ich lernte diese Regel, als ich noch mehr Kontakt als jetzt zu Menschen mit kleinem Heilpraktikerschein (für Psychotherapie) hatte. Gerade unter jenen tummeln sich sehr viele, die nie Psychologie, sondern, wenn man Glück hat, Pädagogik oder Sozialpädagogik studiert haben, und die dann eine Aus- oder Fortbildung in einer der unzähligen mehr oder weniger seriösen Therapieverfahren gemacht haben. (Zur Zeit sehe ich in Hannover immer wieder Flyer einer Frau, die feinstoffliche Analysen anbietet – das ist mit Sicherheit eines der weniger seriösen Verfahren.) Um tatsächlich Therapie anbieten zu können, benötigt man aber auch noch einen „kleinen Heilpraktikerschein“, also nicht den medizinischen, so dass man nicht allzu großen Unsinn anstellt. Mein Verdacht ist seit langem, dass „nicht urteilen“ eine Regel ist, die bei der Prüfung zu diesem kleinen Heilpraktikerschein abgefragt wird, um zu verhindern, dass BeraterInnen ihre PatientInnen wegen oberflächlichen Eigenschaften abwerten. Eine Frau, die ich damals kannte und die sich auf die Prüfung für diesen kleinen Heilpraktikerschein vorbereitete, hatte diesen Ratschlag sehr nötig: Wenn ich mit ihr unterwegs war, urteilte sie ständig über die Frisur, die Haarfarbe (grün, lila) oder das Kopftuch der Menschen um uns herum.

Verrückterweise stammt ausgerechnet das Heilpraktikergesetz aus der NS-Zeit. Mittlerweile könnte ich auch erklären, wie das kommt: Was als überlieferte, traditionelle deutsche Heilkunst des Volkes galt, sollte geschützt werden. Heutzutage regelt es auch den Zugang zu fernöstlicher Medizin. (Vor einer Weile habe ich auch gelernt, dass Hexenprozesse der frühen Neuzeit während des NS mit verstärkter Aufmerksamkeit untersucht wurden. Vor dreißig Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen.)

Menschen nicht wegen oberflächlicher Eigenschaften, etwa der Haarfarbe (sei diese nun schwarz oder rot oder grün oder lila, jedenfalls nicht blond) zu verurteilen, scheint eine Lehre aus der Geschichte zu sein. Aber es gibt eben auch die andere Lehre: Menschen überhaupt nicht verurteilen, auch nicht wegen ihrer Position zur NS-Zeit, nicht einmal wegen Verbrechen, die sie damals begangen haben. Wir akzeptieren alles, wie es ist, nicht nur als Fakten, sondern auch moralisch, und gestehen jedem seine eigene Meinung zu. Und hier ist der Rat eben falsch: Verhalten, das wirklich gut oder böse und nicht eine Frage des individuellen Geschmacks ist, muss beurteilt werden.

6 Wir alle können zu Tätern werden.

Wer auch immer sich mit den Verbrechen des Holocaust beschäftigt, steht vor der Frage: Wie konnten Menschen so etwas tun. Der erste Gedanke ist: Sie müssen verrückt oder abgrundtief böse gewesen sein, denn andere Menschen tun so etwas nicht. Im Umgang mit den Tätern (und in verschiedenen psychologischen Tests, die im Vorfeld der Nürnberger Prozesse durchgeführt wurden), stellte sich aber heraus, dass die Täter nicht verrückt wirkten, sondern im Gegenteil ganz normal. Sie sind keine Bestien und keine Sadisten, die Spaß an Grausamkeit haben. Sie sind nicht wie Hannibal Lector aus „das Schweigen der Lämmer.“ Adolf Eichmann ist das Paradebeispiel für diesen Typ von Tätern.

Da die Verbrechen nicht mit der verbrecherischen Natur der Verbrecher erklärt werden können, greift man zur zweiten Möglichkeit: Man erklärt sie mit der besonderen Situation, in der die Verbrecher sich befanden. Dies führt aber zum Schluss, dass jeder in der selben Situation genauso gehandelt hätte. Das Jugendbuch „die Welle“ beruht auf dieser Annahme, und zwei berühmte Experimente, das Milgram-Experiment und das Stanford-Prison-Experiment, schienen sie nachgewiesen zu haben. Menschen wären also außerstande, sich gegen den Einfluss einer Massenideologie zu wehren oder sich zu weigern, einen verbrecherischen Befehl auszuführen.

„Die Welle“ ist ein amerikanisches Jugendbuch, und die beiden Experimente wurden in den USA durchgeführt. Ich weiß nicht, warum Amerikaner auf dieses Erklärungsmuster zurückgreifen: Vielleicht waren sie schockiert, dass ein (angeblich) zivilisiertes Volk wie die Deutschen ein solches Verbrechen begehen konnte, und suchten nach einer Erklärung. Vielleicht mussten sie begründen, warum es unproblematisch sein sollte, die Bundesrepublik in die NATO aufzunehmen.

In Deutschland hat die Behauptung, jeder könne zum Täter werden, fatale Folgen. Erstens exkulpiert sie die Täter, und zweitens lässt sie die nachfolgenden Generationen an sich selbst zweifeln. Anstatt zu fragen: Was hast du getan? Warum hast du es getan? fragen sie sich selbst: Könnte ich vielleicht das selbe tun? Steckt auch in mir die Anlage zum Täter? Habe ich das Recht, die Angehörigen der Ersten Generation zu verurteilen, wenn auch ich in mir die Anlage zum Täter trage? Anstatt Verbrechen und Verbrecher klar zu benennen, kreisen sie um sich selbst.

Die historische Wahrheit ist nun die, dass nicht jeder zum Verbrecher wurde. Nicht jeder war in der Partei, nicht jeder war in der SS. Es gab Menschen, die sich weigerten, wenn ihnen befohlen wurde, Unschuldige zu töten. Anscheinend werden nicht alle Menschen zu Verbrechen, wenn man sie in eine Situation steckt, die Verbrechen nahelegt. Die Verbrecher sind für ihre Taten verantwortlich und können sich nicht damit herausreden, dass ihr Verhalten in ihrer Situation normal gewesen wäre und dass jeder so gehandelt hätte.

Die andere Seite ist die: Sehr sehr viele Menschen in Deutschland sind damals zu Tätern oder KZs gedient. Aber sehr viele haben das System in der ein oder anderen Weise unterstützt, haben von Arisierungen oder der Vertreibung der jüdischen KollegInnen profitiert oder haben gejubelt, als Frankreich besiegt war. Aber eben auch wieder nicht alle. Diejenigen, die sich beteiligt haben, sind für ihr Tun verantwortlich und müssen sich mit ihren eigenen Taten und der Einstellung, die zu diesen Taten geführt hat, auseinandersetzen, anstatt ihren Kindern und Enkelkindern einzureden, sie hätten genauso gehandelt, und sie dadurch zu Komplizen zu machen.

(Ein paar Worte noch zu Adolf Eichmann. Der Untertitel zu Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ ist berühmt geworden: „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ und gehört nun zu jenen Sprüchen, die alle Menschen kennen, ohne dass sie auf die Idee kommen würden, das dazugehörige Buch zu lesen. Hannah Arendt versuchte, zu ergründen, warum ein kleiner Bürokrat zum Massenmörder werden konnte. Sie entschuldigt Eichmann aber nicht, sondern hält ihn für voll verantwortlich für das, was er getan hat. Dass jemand unschuldig sein sollte, nur weil er wie ein kleiner Beamter und extrem banal auftritt, hätte ihr nicht eingeleuchtet. Außerdem war er in ihren Augen nicht wirklich durchschnittlich, sondern sozusagen überdurchschnittlich durchschnittlich. Auffallend waren eine Weigerung, selbst zu denken, die Welt vom Standpunkt anderer Menschen aus zu sehen, und zuende zu denken, was die Konsequenzen seiner Handlungen waren. Was sie nicht sah, weil er es leugnete und weil sie ihm glaubte, war sein Antisemitismus: Er war überzeugt, dass das, was er tat, richtig war. Vermutlich waren auch viele andere TäterInnen davon überzeugt, dass das, was sie taten, richtig war. Die meisten von ihnen haben ihre Haltung nie geändert.)

7 Mit dem eigenen Volk solidarisch zu sein ist böse.

Ich bin in einem der Texte zu Erziehung nach Auschwitz in der Migrationsgesellschaft, die ich zur Zeit lese, auf diese Vorstellung gestoßen. Zwei Angehörige von Gruppen, die während des NS sehr gelitten haben, nämlich eine Jüdin und ein junger Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien werden interviewt. Beide fühlen sich ihrem Volk verbunden und zur Solidarität verpflichtet, zum Beispiel auch in der Form, dass angestrebt wird, ein jüdisches Leben zu führen. Beide fühlen sich ihrem Volk vor allem wegen dessen Opferschaft verbunden – sie fühlen sich verpflichtet, an der Seite dieses Volkes zu stehen.

Wenn jemand mit typisch deutschen Vorstellungen auf solche Ideen stößt, also jemand, der aus dem Nationalsozialismus die Lehre gezogen hat, dass Solidarität mit dem eigenen Volk böse ist, weil es schließlich diese gewesen sei, die zu den Verbrechen geführt habe, wird ihm oder ihr dies befremdlich vorkommen, und er oder sie wird sich bemüßigt fühlen, dies zu kritisieren. Schließlich sei allzu starke Verbundenheit mit dem eigenen Volk die Quelle aller Übel.

Aber dabei wird der fundamentale Unterschied zwischen Tätern und Opfern übersehen. Mit Opfern solidarisch zu sein, ist grundsätzlich nicht böse. Dies ändert sich auch dann nicht, wenn man sich aus familiärer Verbundenheit in erster Linie für ein bestimmtes Volk und nicht für alle anderen interessiert (oder, was häufiger vorkommt, für die andern Völker sich zwar auch interessiert, aber mit deutlich weniger Engagement). Es ändert sich erst dann, wenn die Solidarität dazu führt, dass man meint, die Solidarität mit dem eigenen Volk würde jede Moral außer Kraft setzen. Dies war das eigentliche Problem des deutschen Nationalismus, der zu zwei Weltkriegen und den schwersten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit geführt hat.

8 Schwarz-Weiß-Denken ist schlecht

In Texten, die ich im großen und ganzen für gut halte („Schweigen tut weh“ von Alexandra Senfft oder auch die Magisterarbeit von Klaus Dürsch) findet sich immer wieder die Forderung, Schwarz-Weiß-Denken und die Aufteilung der Welt in Opfer und Täter zu durchbrechen. Gerade im der Text von Alexandra Senfft legt nahe, dass sie an Projektionsmechanismen denkt: ihre Familie hat sich immer als gut dargestellt und die bösen Aspekte nach außen verlagert. Sie konnten nicht anerkannt werden. Die Psychoanalyse vermutet, dass Projektionen, die wahnhafte Ausmaße annahmen, dazu führten, dass alles Böse in die Juden hineininterpretiert wurde, insbesondere die eigenen Aggressionen. Juden wurden dadurch als absolut böse angesehen, so dass es nicht nur erlaubt, sondern sogar moralisch geboten war, sie zu töten.

Das Problem besteht nun darin, dass Alexandra Senffts Großvater Hanns Ludin während des Dritten Reichs deutscher Gesandter in der Slowakei war und in dieser Funktion seine Unterschrift unter die Deportation und letztlich die Ermordung von 70 000 Juden setzte. Angesichts eines solchen Verbrechens darauf zu bestehen, dass die Aufspaltung in Gut und Böse und die Dichotomie von Opfern und Tätern aufgegeben wird, erscheint merkwürdig: Schließlich handelt es sich hier nicht um Böses, was in wahnhafter Weise in eine Menschengruppe hineinprojiziert wurde, sondern um höchst reale extrem böse Taten.

Das Wissen um den Abgrund, den eine solche extreme Tat darstellt, muss erst einmal ausgehalten werden. Die Nachkommen fühlen sich möglicherweise, als breche der Boden unter ihren Füßen auf. (Aber wer im Angesicht von Auschwitz nicht das Gefühl hat, der Boden unter den Füßen breche auf, gleichgültig welche Vorfahren er oder sie hat, der hat etwas nicht verstanden.) Die Versuchung ist dann groß, nach etwas zu suchen, was den Sturz aufhält: irgendein Punkt, an dem der Täter noch menschlich war und noch den Unterschied zwischen Gut und Böse kannte.

Wenn sich tatsächlich ein solcher Punkt findet (etwa dass sich Hanns Ludin den Amerikanern stellte, was die Familienmitglieder aber nicht zu schätzen wussten, da sie dadurch den Ehemann, Vater und Großvater verloren) dann ist es gut: so lange man diesen Punkt nicht überbewertet, also nicht aus einer Handlung, die zeigt, dass der Betreffende seine Menschlichkeit nicht vollkommen verloren hatte, einen Beweis macht, dass er in Wirklichkeit ein guter Mensch gewesen sei. Wenn sich kein solcher Punkt findet, sollte man aber keinen solchen Punkt erfinden.

(Lesetipp: „Elemente des Antisemitismus“, den letzten Teil der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer.)

9 Zwischen den Nachkommen von Tätern und Opfern zu unterscheiden ist böse

Ich habe vor einigen Monaten die Überschriften zu den einzelnen Abschnitten geschrieben und nach und nach die Texte dazu, damit mir meine Ideen nicht abhanden kommen. Bei diesem stehe ich jetzt aber da und frage mich, was der Umstand ist, der mich auf diese Idee gebracht hat. Ich vermute, es sind tatsächlich Texte, die davor warnen, bei der „Erziehung nach Auschwitz“ (darüber, wie dieser Aufsatztitel Adornos von Menschen, die seinen Aufsatz nicht gelesen haben, zweckentfremdet wird, könnte ich einen eigenen Text schreiben) zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu unterscheiden. Tatsächlich ist diese Unterscheidung beim Thema „Erziehung nach Auschwitz“ dreimal so problematisch, wie sie ohnehin schon ist, weil sie darauf hinausläuft, dass nur diejenigen „richtige Deutsche“ sind, die auch während des NS Mitglieder der Volksgemeinschaft gewesen wären. Andererseits gibt es einen realen Unterschied. Er besteht nicht darin, dass die einen die Geschichte des NS angeht, weil sie Familiengeschichte ist, und die anderen nicht, sondern darin, dass die Nachkommen der Täter und Täterinnen zu verschiedenen Entschuldungs- und Verharmlosungsstrategien neigen. Selbst Menschen, die sich um Aufklärung bemühen, schrecken in aller Regel vor dem letzten Urteil zurück: zuzugeben, dass die eigenen Vorfahren Verbrecher und böse waren. Menschen ohne eine solche Familiengeschichte haben dieses Problem nicht.

10 Man muss die Perspektiven aller Beteiligten miteinbeziehen.

Die Perspektiven aller Beteiligten einzubeziehen ist sicherlich sinnvoll, wenn es um Mediation in einem Partnerschaftskonflikt oder in einem Streit unter Nachbarn geht. Ich habe aber auch in Texten, in denen es um die NS-Vergangenheit geht, gelesen, dass dies eine sinnvolle Vorgehensweise sei, und da habe ich doch ziemliche Zweifel, ob es sinnvoll ist, die Perspektiven von Tätern und Opfern gleichberechtigt nebeneinander zu stellen und vor allem auch von Jugendlichen zu verlangen, dass sie auch die Täterperspektive bedenken.

Die Perspektive der Opfer hat immer ihre Berechtigung: Das ihnen zugefügte Leiden muss anerkannt werden, und sie müssen Empathie erfahren.

Die Täterseite ist komplizierter. Aus Tätersicht gibt es immer irgendwelche guten Gründe, die Tat zu begehen, sonst würden die Täter es nicht tun. Manchmal nehmen diese die Form von Ausflüchten an: etwa im NS-Kontext das berühmte „wir mussten ja“, was, so schrecklich es ist, doch immerhin schon das Eingeständnis einschließt, dass das, was man getan hat, falsch war. Manchmal stehen die Täter noch zu den Taten und halten die damalige Begründung immer noch für richtig.

Wenn man die Tat aus Tätersicht betrachtet, ist es wichtig, sich nicht manipulieren zu lassen, also nicht die Täterperspektive zu übernehmen. Die Versuchung ist häufig groß. Wenn jemand aus der Ich-Perspektive berichtet, ist die gewöhnliche menschliche Reaktion in aller Regel Empathie. Man kann sich dazu selbst in Alltagsgesprächen beobachten oder beobachten, was beim Lesen eines Romans mit unsympathischem oder unmoralischem Ich-Erzähler passiert: Die erste Reaktion besteht meistens darin, Mitgefühl zu zeigen und die Situation aus Sicht des Erzählers zu betrachten, und erst im zweiten Schritt finden wir eine gewisse Distanz. Im Umgang mit NS-Tätern ist diese Distanz besonders wichtig.

11 Moralisieren ist schlecht.

Dass Moralisieren schlecht sei und dass Schüler und Schülerinnen als unangenehm empfänden, wenn man ihnen als GeschichtslehrerIn oder als GedenkstättenpädagogIn moralisierend entgegenträte, lese ich immer wieder, und immer wieder erstaunt es mich. Aus diesem Grund möchte ich erst einmal klären, was das Wort „moralisieren“ bedeutet: Es bedeutet nämlich, dass man predigerhaft erklärt, dieses Verhalten oder jene Art zu sprechen sei schlecht, ohne Argumente dafür anzuführen. Meist wird dabei viel Gefühl gezeigt, sei dies nun echt oder unecht, und zwar vor allem Entrüstung oder Empörung. Demjenigen, der sich falsch verhält, wird deutlich gemacht, dass er oder sie ein moralisch verachtenswertes Geschöpf ist, und es ist nicht immer einfach, dem zu widerstehen, da hinter der Entrüstung oder Empörung weitere Gefühle stehen: Ablehnung und im schlimmsten Fall Aggression. (Dies ist, was ich während meiner Konflikte mit Menschen erlebte, die die NS-Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet hatten.)

Wenn Entrüstung und Empörung begründet werden können, handelt es sich nicht um moralisierendes, sondern um moralisches Sprechen.

Im Falle des Holocaust liegt nun die Besonderheit vor, dass offensichtlich ist, dass es sich um ein furchtbares Verbrechen handelt. Man kann es begründen, aber die Begründung ist so einfach, dass jemand, der eine Begründung einfordert, Zweifel an seinem oder ihrem eigenen moralischen Urteilsvermögen weckt – und dann liegt oft der Verdacht vor, dass er oder sie die Gründe, die auf der Hand liegen, auch dann nicht akzeptieren wird, wenn sie explizit erläutert werden.

Was bedeutet es nun, wenn Schüler sich über moralisierendes Sprechen und Betroffenheitspädagogik beschweren? (Man müsste auch untersuchen, ob es wirklich die Schüler sind.) Eine Spekulation ist die, dass sie sich gegen die Unterstellung wehren, sie sähen nicht von selbst, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Eine andere ist die, dass sie eben doch gern ihre Familiengeschichten pflegen und dass sie sich nicht schuldig fühlen wollen (was berechtigt ist) und ihre Vorfahren nicht beschuldigen wollen (was nicht berechtigt ist).

(Wenn ich mich an meine eigenen Lehrer und LehrerInnen erinnere, die größtenteils der Zweiten Generation angehörten, fallen mir auch Situationen ein, in denen sie „moralisierten“. Aber im Grunde moralisierten sie nicht, sondern brachten nur ihre eigene Fassungslosigkeit angesichts der Lügen, mit denen sie konfrontiert waren, zum Ausdruck: Es kann doch nicht sein, dass die damaligen Deutschen nichts gewusst haben! Mittlerweile haben historische Forschungen explizit bestätigt: die meisten Deutschen wussten Bescheid. Vor einer paar Tagen habe ich einen älteren Herrn kennengelernt, der noch immer eine ähnliche Fassungslosigkeit zeigte: Es kann doch nicht sein, dass jemand Züge organisiert und nicht weiß, wo sie hinfahren. Ich vermute, es gibt viele Angehörige der Zweiten Generation, die auch jetzt, im Alter, immer noch fassungslos angesichts dieser Lügen sind, die ihnen von Menschen entgegengebracht waren, die nicht alt waren, sondern erwachsen im Vollbesitz ihrer Kräfte. Als Angehörige der Dritten Generation fühle ich mich von solchen Ausbrüchen nicht unter Druck gesetzt, sondern versuche, diese Menschen in ihrem Urteil zu stärken: nein, das kann wirklich nicht sein. Als Jugendliche, als ich noch solidarisch mit meinen Großeltern war, empfand ich das aber anders. Vielleicht geht es heutigen Jugendlichen ähnlich.

12 Überwältigung ist schlecht

Die erste Regel des sogenannten Beutelsbacher Konsenses ist das Überwältigungsverbot. Jugendliche sollen nicht überwältigt oder überrumpelt und auf diese Weise zu einer Haltung gedrängt werden, die nicht der entspricht, die sie einnehmen würden, wenn sie Zeit hätten, gründlich nachzudenken. Dem ist im Prinzip zuzustimmen.

Wenn damit ein Verbot begründet wird, Bilder des Holocausts zu zeigen, dann entsteht ein Problem. Es mag zwar auf den ersten Blick vernünftig erscheinen, wenn man die Jugendlichen nicht mit Bildern des Schreckens überfordert . (Kein Lehrer und keine Lehrerin möchte Anrufe von Eltern erhalten, die Kinder könnten nicht mehr schlafen). Das ist jedoch nicht die Begründung, mit der das Überwältigungsverbot im Beutelsbacher Konsens begründet wird. Wenn man den angemessenen Wunsch, kleine Kinder vor Bildern des Schreckens zu verschonen, mit der Begründung des Beutelsbacher Konsens verbindet, entsteht etwas sehr Schräges: Die Befürchtung, dass die Jugendlichen durch die Konfrontation mit Bildern des Holocausts zu einem Urteil gedrängt werden, das sie so nicht fällen würden, wenn sie sich nicht in einem Zustand emotionaler Überwältigung befänden.

Beim Holocaust werden die Jugendlichen aber durch die Bilder (hoffentlich) zu genau dem Urteil bewegt, das jeder Mensch mit klarem Verstand treffen muss: Dass es sich beim Holocaust um ein extrem schweres Verbrechen handelt. Die Frage, wie viele Bilder man sich zumutet, wird dann zu nur noch zu einer Frage der persönlichen Belastbarkeit, nicht mehr zu einer Frage der Moral. Wer die Bilder nicht aushält, kann ein genauso moralischer Mensch sein wie jemand, der die Bilder absichtlich aufsucht. Manchen Menschen reichen schon trockene Schilderungen, um das Grauen zu empfinden – sie brauchen keine Bilder. Manche Menschen lieben Grusel und Horror – aber wenn sie irgendwie moralisch veranlagt sind, spüren sie das Grauen, das davon ausgeht, dass der Holocaust real war, und reagieren anders als im Kino.

Anders verhält es sich, wenn nicht wegen des Grauens, sondern wegen der Schuldgefühle der Blick von den Bildern abgewandt wird. Man kann den Unterschied sehr schön im Gespräch zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis nachlesen, welches ursprünglich ausgerichtet war, um zwischen den beiden Kontrahenten der Debatte zu vermitteln. (Nachzulesen in der von Frank Schirrmacher herausgegebenen Dokumentation:) Im Jahr 1998 erklärt Walser, dass er sich schon sehr früh mit dem Thema „Auschwitz“ beziehungsweise „Holocaust“ beschäftigt habe, dass er es jetzt aber nicht mehr kann, weil er die Bilder nicht mehr aushält, die ihn mit der deutschen Schuld konfrontieren. Ignatz Bubis sagt, er hätte sich in den Jahren, in denen Walser sich bereits mit dem Holocaust befasste, es nicht gekonnt. Walser leitet daraus eine moralische Überlegenheit ab: „Ich habe mich viel früher mit diesem Thema beschäftigt als Sie“ und vergisst dabei den fundamentalen Unterschied zwischen Tätern und Opfern: Im einen Fall geht es um Schuldgefühle, die man zu vermeiden sucht, was ein echtes moralisches Problem ist, im anderen Fall darum, dass der Schrecken noch zu nah ist, um ihn auszuhalten, und das ist eine Frage der eigenen psychischen Gesundheit, und ein Überlebender des Holocausts hat jedes Recht der Welt, erst einmal auf seine eigene Gesundheit zu achten und ist nicht dazu verpflichtet, diese zu ruinieren, um den Rest der Welt über die Verbrechen aufzuklären.

Was denkt jemand, der verbieten möchte, Bilder des Holocausts zu zeigen, um die Jugendlichen nicht zu einem falschen Urteil zu verleiten? Möchte er nicht, dass die Jugendlichen denken, dass der Holocaust ein Verbrechen war? Möchte er vermeiden, dass die Jugendlichen die Deutschen für schuldig halten?

Wenn das Überwältigungsverbot auf das Thema Holocaust angewandt wird, gerät zudem etwas anderes aus dem Blickfeld: Überwältigung gehörte zu den Propagandamethoden der Nazis: Überwältigung durch Architektur, durch Musik, durch Massenveranstaltungen. Der einzelne konnte in der Masse aufgehen und wähnen, als Teil der Masse an etwas Größerem Anteil zu haben, und dabei zu einem Urteil verleitet werden, das man nie treffen würde, wenn man bei klarem Verstand wäre. Diese Überwältigung ist von ganz anderer Natur als die Überwältigung durch Bilder des Holocausts: Es ist Überwältigung durch Lügen von Größe, nicht Überwältigung durch das Grauen der Realität. Aber davon spricht niemand.

Dieser Beitrag wurde unter Erinnerungskultur abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die falschen Lehren aus der Geschichte: Gegen eine inhaltsfreie Nettigkeitsmoral.

  1. Philipp Schaller schreibt:

    Vielen Dank für diesen Text. Der Unterschied zwischen „moralisieren“ und „moralischem Sprechen“ war mir neu, aber das Wissen hilft mir jetzt, mich zu wehren, denn mir wird oft unterstellt, ich würde moralisieren, wenn ich mit Fakten versuche, verbrecherisches Handeln aufzuzeigen (auch in anderen Zusammenhängen als den Holocaust). Also: Vielen Dank! Eine Kritik habe ich. Der Satz „Manchen Menschen reichen schon trockene Schilderungen, um das Grauen zu empfinden“ ist m.E. ungenau. Das Grauen „empfinden“ kann niemand, weder bei einer Gaskammer, noch bei einer Vergewaltigung (so man sie nicht selbst erleben musste). Und ich denke, die Empfindung sollte auch nicht das (erste) Ziel sein. Eine Ahnung, eine Vorstellung ist wichtiger, denn man kann sich dazu verhalten. Einer Empfindung erliegt man einfach nur, und die Auseinandersetzung wird verhindert.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s