Nazis auf dem Land

Schon wieder drei Leseempfehlungen, dieses Mal eine aus der Jungle World, die zweite aus der ZEIT, beide zum gleichen Thema: Nazis auf dem Land. Nachdem ich die ersten Sätze des ZEIT-Artikels gelesen hatte, dachte ich: möglicherweise ist der Autor der selbe, stellte aber fest, dass das nicht so war. Dann fand ich den Artikel aus dem Freitag und stellte fest: Anna Schmidt, die Autorin des Artikels aus der Jungle World, hat eine größere Studie verfasst. Wenn ihr also nur Zeit für einen Artikel habt, dann den von ihr.

Anna Schmidt: Die netten Nazis vom Ökohof

Benjamin Piel: Nach dem Rechten schauen

Andreas Förster: Siedler auf befreiter Scholle

Der erste Artikel ist auch deswegen der beste, weil er nicht nur von den Kämpfen, sondern auch von der Ideologie erzählt.  In diesem Fall geht es darum, die gewöhnliche, linke Ökobäuerin von der neonazistischen Ökobäuerin zu unterscheiden: Beiden geht es schließlich um die Natur und gegen die Vergiftung der Natur.

Man erkennt sie vor allem ziemlich eindeutig daran, dass sie sehr genau wissen, wer nicht dazugehören soll: Flüchtlinge, Juden, Migranten, Homosexuelle, Behinderte, Kranke und generell alle Menschen mit demokratischer Einstellung gelten als Feinde der Volksgemeinschaft und werden bekämpft.

Häufig, aber nicht immer, erkennt man sie an der angeblichen Wiederbelebung der germanischen Religion. „Angeblich“, weil sie nicht die Religion der Menschen, die vor zweitausend Jahren zwischen Rhein und Elbe lebten, wiederbeleben (von dieser ist nämlich praktisch nichts bekannt), sondern die Vorstellungen der völkisch gesinnten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts und der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Man erkennt dies an den Idealen: Kampf und Härte statt Verweichlichung und Universalismus. (Die Menschen, die vor zweitausend Jahren zwischen Rhein und Elbe wohnten, hätte das vermutlich sehr gewundert. Sie waren froh, wenn Donar/Thor mit seinem Hammer nicht zur Erntezeit ihre Felder verwüstete. Das ist auch der Grund, warum ich eine Wiederbelebung für unmöglich halte: Moderne Menschen schaffen sich einen Blitzableiter an.)

Der dritte Punkt ist der entscheidende: Die Gegnerschaft gegen Emanzipation und Moderne, die Verdammung von Kapitalismus und Industrialisierung, die als jüdisch bezeichnet werden, während Bauernstand und Handwerk fetischisiert werden. Der Naturbezug ist mythisch-romantisch, es geht um die Bindung zwischen Volk und „Scholle“.

(Auch Bauern und Handwerksmeister haben ihre Knechte, Mägde und Gesellen ausgebeutet. Die Zeit vor der Industrialisierung war kein Idyll. Und Natur kann auch ohne Mystik und Romantik geschützt werden: Als Lebensgrundlage, derer alle Menschen bedürfen. Selbst wenn wir Tieren und Pflanzen ein eigenständiges Existenzrecht zusprechen (wofür einiges spricht, wobei man aber auch aufpassen muss, sie nicht zu vermenschlichen), kann dies ohne Mystik und Romantik geschehen: Vor allem ohne mystische Verbindung zwischen Volk und geographischem Gebiet.)

Ein weiterer Punkt ist der „Volkskörper“, zu dem normalerweise auch eine „Volksseele“ gehört. Die Vorstellung der Volksseele bedeutet, dass das Volk einen bestimmen Willen habe, der nicht durch Wahlen, Referenden oder andere demokratische Verfahren ermittelt werden kann, sondern dass er erspürt werden kann – und dass alle, die diesen Willen nicht teilen, eben nicht dazugehören. Das sind dann die Schädlinge im Volkskörper.

Das Dumme ist nur: Gerade der dritte Punkt, die Verdammung von Industrialisierung und Kapitalismus und die Fetischisierung von Handwerk und Bauernstand finden sich auch bei vielen, die sich selbst nicht als rechts, sondern als links identifizieren würden. Das gilt auch für die Verbundenheit zur eigenen Region. (Mein Schluss ist mittlerweile, dass diese Leute sich zwar als links identifizieren mögen, aber nicht links sind.)

 

 

 

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3 Antworten zu Nazis auf dem Land

  1. Pingback: Susannna14 über Nazis auf dem Land | Geschichten und Meer

  2. Lakritze schreibt:

    (Mein Schluss ist mittlerweile, dass diese Leute sich zwar als links identifizieren mögen, aber nicht links sind.)
    Das liest sich, als sei Mißtrauen gegenüber Industrialisierung und Kapitalismus ein Anzeichen rechter Gesinnung. Scheint mir zu einfach; die Gründe dürften bei Linken (oder auch nur Nicht-Rechten) erkennbar andere sein. Zu „jüdisch-raffend“ braucht man nichts weiter zu sagen; aber beispielsweise die Gewinnmaximierung um jeden Preis (auch den der Menschlichkeit) bei gleichzeitigem Mangel an Transparenz zu kritisieren, scheint mir alles andere als rechts.
    Aber das ist natürlich eine Marginalie angesichts des neuen Auftrumpfens der Rechten …

    • susanna14 schreibt:

      Ich merke, ich habe den Originalartikel an dieser Stelle etwas verkürzt wiedergegeben, und du hast noch weiter verkürzt. Natürlich kritisieren auch Linke den Kapitalismus – dies ist im Prinzip die Essenz des Linksseins. Entscheidend ist etwas anderes: die Ablehnung der Moderne, vor allem der Emanzipation, während in der Vergangenheit nach einer heilen Welt gesucht wurde, so dass Landwirtschaft und Handwerk idealisiert wurden.

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