Viel zu wenig als Lehrziel: Den Schülern beibringen, dass der Holocaust war ein Verbrechen war.

(Inspiriert durch einen Text bei http://www.irgendwiejuedisch.com: Widersprüche)
Natürlich war der Holocaust ein Verbrechen. Aber wenn Geschichtsunterricht es als wichtigstes Ziel ansieht, dass Schüler erkennen, dass der Holocaust ein Verbrechen war, dann läuft etwas falsch. Dann könnte man sich darauf beschränken, den Schülern einen Dokumentarfilm zu zeigen, vielleicht einen historischen wie „Nacht und Nebel“ oder „Todesmühlen“, der noch den Horror derjenigen vermittelt, die zum ersten Mal die Konzentrationslager betraten, ohne zu wissen, was sie dort erwartete, und in der nächsten Stunde könnte man sich einem anderen Thema zuwenden. Wenn man sich darauf beschränkt, den Schülern beizubringen, dass der Holocaust ein Verbrechen war, dann ist man viel zu wenig ehrgeizig, weil dann man ihnen dann nur beibringt, was sie von selbst wissen sollten, sobald man ihnen sagt, was der Holocaust war.

Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal vom Holocaust erfuhr. Ich muss vielleicht zehn oder elf gewesen sein, und eine Freundin erzählte mir von einem Buch, das sie gerade las. Es war, im Nachhinein betrachtet, das typische wirre Kindergerede, das entsteht, wenn Kinder etwas erzählen, was sie nicht verstehen. In dem Buch, welches sie las, ging es um eine Gruppe von Kindem, die irgendwo eingesperrt waren, und hin und wieder verschwand eines. Ein paar Kinder hatten sich zu einer Art Bande zusammengetan (meine Freundin liebte Banden), hielten zusammen und versuchten, sich gegenseitig zu schützen. Es fällt mir im Nachhinein schwer, eine solche Geschichte irgendwie in das, was ich vom historischen Holocaust weiß, einzuordnen – vielleicht wurden die Kinder für medizinische Versuche geholt. Vielleicht hat meine Freundin Unsinn geredet. Ziemlich wahrscheinlich hat sie das Buch, das sie las, nur teilweise verstanden.

Meine Freundin ordnete diese Geschehnisse aber auch historisch ein, ohne wirkliches Wissen von der Geschichte zu haben: Da war jemand, der hieß Adolf Hitler, der behauptete, Juden hätten alle braune Haare und braune Augen, während Deutsche blaue Augen und blonde Haare hätten, und der hatte beschlossen, alle Juden umzubringen, dabei hatte er selbst auch braune Haare und braune Augen. Wie gesagt, es war Kindergerede, das dem Thema nicht annähernd gerecht wird, aber selbst in dieser wirren Form war sowohl meiner Freundin als auch mir klar, dass eine solche Vorgehensweise abgrundtief böse ist. Meine Freundin erzählte mir die Geschichte mit einem Gefühl des Horrors (der, wie ich im Nachhinein glaube, auch daher rührte, dass sie mir etwas erzählte, was wirklich passiert und keine dystopische SF-Geschichte war), und ich teilte diesen Horror. Wir brauchten dazu keinen Geschichtsunterricht, der uns erklärt hätte, was wir zu fühlen und wie wir zu denken hätten. (Ich überlege, ob die von meiner Freundin erzählte Geschichte nicht einfach Standard-Horror für Kinder ist. In „der Goldene Kompass“ von Philipp Pullman, der erst zwanzig Jahre nach meinem Gespräch mit der Freundin geschrieben wurde, findet sich eine ähnliche Situation.)

Wir brauchten keinen Geschichtsunterricht, um zu lernen, dass das, was da geschah, abgrundtief böse war. Was wir brauchten, und was ich dann auch suchte, war etwas anderes: Verlässliche, strukturierte Informationen über das, was tatsächlich passiert war, denn die Horrorgeschichte meiner Freundin war selbstverständlich zu wenig. Ich fragte also meine Mutter, gemeinsam gingen wir in die Stadtbücherei, und ich las erst „als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (einschließlich des zweiten Bandes, „Warten, bis der Frieden kommt“) und dann das Tagebuch der Anne Frank. Beide Bücher waren interessant, aber auch enttäuschend, denn an den Horror der Geschichte, die meine Freundin erzählt hatte, reichten sie nicht heran. Erst als Erwachsene las ich die Geschichten, die vom eigentlichen Horror erzählten. Aber natürlich lernte ich durch das Tagebuch der Anne Frank, einschließlich des Vorworts mit Erklärungen und einschließlich der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam herausgegeben Dokumenation auch ein wenig die historischen Zusammenhänge kennen.

(Ich frage mich, ob es typisch ist, dass ich nicht durch Familie oder Schule zuerst vom Holocaust erfahren habe, sondern quasi unter der Hand von einer Freundin, die mir eine erschreckende, unverstandene, geheimnisvolle Geschichte erzählte. Ich frage mich, ob es typisch ist, dass diese merkwürdige Geschichte mir in Erinnerung geblieben ist, obgleich oder weil sie ohne Details und Zusammenhänge, dafür aber mit einem Gefühl des Horrors erzählt wurde. Genauso erinnere ich mich noch daran, wie ich im Alter von sechs oder sieben zum ersten Mal von der Atombombe hörte, von einer Japanerin mit wenig Details und Hintergründen oder Zusammenhängen, aber mit dem Gefühl des Entsetzens.)

Dass Menschen, selbst Kinder, den Holocaust, sobald sie wissen, was das ist, für ein Verbrechen halten, ist also normal und nicht erklärungsbedürftig, und man muss es ihnen auch nicht mühsam beibringen. Erklärungsbedürftig ist vielmehr, dass manche Menschen den Holocaust nicht für ein Verbrechen halten und man es ihnen erst mühsam beibringen muss. Die Ursache dafür ist entweder, dass sie selbst irgendwie daran beteiligt waren, oder dass sie, wenn sie selbst nicht beteiligt waren, sich in irgendeiner Weise mit denen, die beteiligt waren, verbunden fühlen: dass sie meinen, solidarisch oder loyal sein zu müssen, in Wirklichkeit aber vor allem Komplizen sind. Sie sind nicht unbedingt selbst dafür verantwortlich, zu Komplizen gemacht worden zu sein: Es ist sehr einfach, die eigenen Kinder zu Komplizen zu machen. Das heißt nicht, dass man das ein Leben lang als Ausrede nutzen kann.

Ich erinnere mich, wie ich ein paar Jahre nach der oben geschilderten Szene mit der gleichen Freundin an einer anderen Bushaltestelle stand und auf den Bus wartete, der uns nach der Schule nach Hause bringen sollte. In der Zwischenzeit hatte die Mutter der Freundin, die zur Zeit, als sie mir jene Horrorgeschichte erzählt hatte, noch ledig gewesen war, einen neuen Freund gefunden und geheiratet, und die kleinen Geschwister, die kurz darauf geboren wurden, erhielten Namen aus der nordischen Mythologie. An mir waren die Jahre auch nicht spurlos vorbei gegangen: Mein Bruder hatte, wie es Kinder eben tun, meinen Großvater gefragt, wie er das Dritte Reich erlebt habe, ob er etwa in der Partei gewesen sei, und mein Großvater hatte für alle Enkelkinder einen langen Text geschrieben. Außerdem hatten meine Freundin und ich gemeinsam in der Schule, vor allem im Religionsunterricht, eine Menge über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung gelernt.

Wir standen also an der Bushaltestelle, und meine Freundin brachte das alte „die anderen aber auch…“-Argument auf: Was haben beispielsweise die Amerikaner mit den Indianern gemacht? Warum war das plötzlich wichtig? Warum konnten wir nicht mehr so klar urteilen, wie wir es als Kinder getan hatten: Wer auf die Idee kommt, Juden umzubringen, und erklärt, nur blonde und blauäugige Menschen seien richtige Menschen und dürften überleben, ist böse?

Ich vermute, der Grund besteht darin, dass uns Zugehörigkeiten klar geworden waren: Wir wussten jetzt, dass wir und Hitler und diejenigen, die Hitler unterstützt hatten, zum gleichen Volk gehörten. Wir konnten noch nicht trennen und sagen: Es war zwar unser Volk, aber nicht wir. Wir fanden keinen Weg, uns selbst als unschuldig anzusehen, als das ganze Volk zu entschulden: Eigentlich sind „wir“ – also nicht meine Freundin und ich, sondern alle Deutschen als Einheit – nicht schuldiger als andere Völker.

Einen klaren Blick fand ich erst wieder, nachdem ich mir klar machte (Hannah Arendts Eichmann-Buch war eine große Hilfe), dass es keine Kollektivschuld gibt. Es bedeutete erst einmal eine große Erleichterung: Ich war nicht schuldig. Es hört sich banal an, und viele werden denken: Wieso, natürlich sind die heutigen Deutschen nicht schuldig. Den anderen Teil von dem, was Hannah Arendt sagte, dass es nämlich so etwas wie kollektive Haftung gebe und dass dies eigentlich trivial sei, überlas ich zunächst – ich brauchte erst einmal die Erleichterung vom Schuldgefühl und die Auflösung der Komplizenschaft. Als konkrete Folge war ich wieder zu Empathie imstande, wie damals als Zehn- oder Elfjährige, als ich zum ersten Mal in etwas wirrer Weise vom Holocaust gehört hatte, und nun, als Erwachsene, konnte ich finden, was ich als Jugendliche gern gelesen hätte: Überlebendenberichte. Es hört sich etwas pervers an, aber ich las in einem Sommer mehrere dieser Bücher (zur Zeit eher nicht mehr). Was berichtet wird, ist grauenhaft, aber ich glaube, es war nicht die Lust am Horror, die mich diese Bücher suchen ließ, sondern der Hunger nach Wahrheit.

So langsam begreife ich auch, was Hannah Arendt mit politischer Haftung meinte. Die Komplizenschaft aufzulösen, war nur ein erster Schritt. Es gilt, auszuhalten, dass Menschen aus anderen Ländern viel unter Deutschen gelitten haben und daher auch mir selbst erst einmal mit Misstrauen gegenübertreten. Mich anzustrengen, das Misstrauen zu zerstreuen, anstatt in Schuldabwehraggression zu verfallen, ist nicht immer einfach. Es gilt zweitens, sich klarzumachen, was ich an Haltungen aus jener Zeit übernommen habe, ohne sie jemals zu hinterfragen, und auch dies aufzulösen.

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