Wir müssen uns nicht wie Höhlenmenschen benehmen.

Fremdenfeindlichkeit kann nicht mit natürlichen Instinkten begründet werden: wir können selbst entscheiden, was wir tun. Das galt bereits schon vor 40 000 Jahren.

Wenn ich eine Pause von aktuellen politischen Debatten brauche, sehe ich mir gerne Dokumentationen auf arte an, meist auf Französisch, so dass ich es mit gutem Gewissen tun kann (schließlich lerne ich französich), am liebsten über Naturwissenschaft (dunkle Materie, Leben und Sterben von Sternen) oder über historische Epochen, die so weit zurückliegen, dass ich mir nicht ständig Gedanken über die normative Bewertung der Ereignisse machen muss.

Die Zeit der ersten modernen Menschen schien mir weit genug zurückzuliegen, um diesem Kriterium zu genügen, und so verfolgte ich während der letzten zwei Wochen eine Dokumentation über die Besiedlung aller fünf bewohnbaren Kontinente durch den Homo sapiens. Die beiden letzten Teile (Europa und Amerika) sind noch online:

http://www.arte.tv/guide/de/050567-004/einer-von-uns-der-homo-sapiens-4-5

http://www.arte.tv/guide/de/050567-005/einer-von-uns-der-homo-sapiens-5-5

Ich hatte jedoch vergessen, dass die Erforschung der Entstehung des Menschen mittlerweile eine Geschichte hat, die bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht und entsprechend mit Rassismus durchtränkt ist. In dem Maß, wie Spekulation durch konkrete Forschungsergebnisse ersetzt worden ist, nahm der Rassismus in den allgemein bekannten Narrativen über die Entstehung der Menschen zwar ab (unter anderem wurde deutlich, dass man nicht von menschlichen Rassen sprechen kann, sondern dass es immer Vermischung gegeben hat, und außerdem, dass die modernen Menschen aus Afrika stammen und Europa keinesfalls die Wiege der Kultur ist), aber ganz verschwunden ist er nicht. Die Vorstellung, dass unterschiedliche Gruppen von Menschen (in diesem Fall Menschenarten) gegeneinander kämpften und die jeweils fortgeschrittenere die andere verdrängte und besiegte, weil dies eben dem Lauf der Geschichte entspreche, ist noch immer virulent.

Die Dokumentation zeigt nun aber, dass etwas anderes geschah. Nur Australien und Amerika waren unbewohnt, als die ersten Menschen diese Kontinente betraten. Bei der Besiedlung Afrikas, Asiens und Europas vermischte sich die neu entstandene Menschenart mit anderen Menschenarten, die sie antraf: In Afrika mit dem Homo Ergaster, in Asien mit Neandertalern, Denisova-Menschen und sogar mit dem Homo Erectus, und in Europa mit Neandertalern. Während die Geschichten über die Vermischung mit anderen Arten in Afrika und Asien neutral erzählt wurden (Menschengruppen trafen aufeinander und es kam zur Vermischung, was gerade in Asien dazu führte, dass die neu angekommen Menschen ihre genetische Diversität erhöhen und überleben konnten), wird die der Besiedlung Europas durch den Homo Sapiens weitaus dramatischer dargestellt. Zwar ist mittlerweile klar, dass kein Ausrottungskrieg zwischen Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis stattfand, sondern dass es auch hier zu genetischem und kulturellem Austausch kam; trotzdem sprechen die Forscher, die in der Dokumentation zu Wort kommen, davon, dass die modernen Menschen, die nach Europa kamen, irgendwie fortgeschrittener waren (zur Zeit ist in Mode, die „Fortschrittlichkeit“ vor allem auf dem Gebiet der Kommunikation“ zu sehen) und auf diese Weise die Neanderthaler verdrängten: Die modernen Menschen begannen einzuwandern, und nach ein tausend Jahren gab es keine Neandertaler mehr und ihre Kultur war untergegangen. Bei manchen Forschern hat man den Eindruck, sie identifizierten sich mit den überlegenen Homo Sapiens, bei anderen, sie identifizierten sich mit den Neandertalern.

Tausend Jahre scheinen lang, wenn wir unsere Zeit mit dem Mittelalter vergleichen. Sie erscheinen nicht ganz so lang, wenn wir die Zeit des Alten Ägyptens betrachten. Im Hinblick auf die Steinzeit, während der der technische Fortschritt viel langsamer vonstatten ging, scheinen tausend Jahre wie ein Wimpernschlag. Aber für die damals lebenden Menschen müssen tausend Jahre eben doch tausend Jahre gewesen sein.

Vielleicht kann man sich die Geschichte der Besiedlung Europas durch moderne Menschen auch anders vorstellen: Die Neandertaler sahen sich keineswegs als Teil einer eigenständigen Kultur oder eigenständigen Art, die gegenüber den Neuankömmlingen bewahrt werden musste. Sie sahen sich in erster Linie als Mitglieder ihrer Familie, die zwar etwas mehr Personen als die moderne Kleinfamilie umfasste, aber auch nicht viel mehr: Vielleicht noch Cousins und Cousinen ersten und zweiten Grades und noch ein paar Menschen, die irgendwie hinzugekommen waren, ohne verwandt zu sein, aber das waren dann auch schon alle Menschen, die zur Gruppe gehörten. Vielleicht freuten sie sich, wenn neue Menschen in die Gegend zogen, so dass sie sich nicht immer nur mit den selben zwanzig Menschen unterhalten und dieselben Geschichten hören mussten. Dass die Neuankömmlinge einer anderen Art angehörten, nahmen sie vielleicht gar nicht wahr – es waren einfach andere Menschen, mit denen man sich austauschen konnte und die man möglicherweise sogar heiraten konnte. (Ich weiß jetzt nicht, ob die Menschen damals schon heirateten oder ob sie andere Familienmodelle bevorzugten.) Vielleicht reagierten sie wie die Protagonistinnen eines Romans von Jane Austen: Endlich neue Leute! Lasst sie uns besuchen (ohne aufdringlich zu wirken)! Lasst uns nachsehen, ob der eine oder die andere eine gute Partie abgibt!

Man heiratete also untereinander, aus ehemaligen Fremden wurden Verwandte, nach einigen Generationen hatten alle sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen unter ihren Vorfahren, und das störte niemanden, da niemandem wichtig gewesen war, zu welcher Art er gehörte. Es genügte, die eigene Familie zu kennen, und zu der gehörten jetzt Neandertaler und moderne Menschen. Auch dass die Neandertaler als Art in den modernen Menschen aufgingen, störte niemanden, denn die Neandertaler hatten sich vorher nicht als zusammengehörig betrachtet, sie mussten sich nicht von den Neuankömmlingen abgrenzen und auf ihre Reinheit achten. Dass die Familie fortgesetzt wurde, war wichtig, und das ging auch durch Heirat mit Neuankömmlingen, aber die Art der Neandertaler erschien niemandem bewahrenswert – niemand dachte in solchen Kategorien. Auch dass sich die Kultur innerhalb der vergangenen tausend Jahren verändert hatte, störte niemanden – immerhin hatte es große Fortschritte gegeben, die wichtiger waren als die Bewahrung der ursprünglichen Kultur. Da viel mehr moderne Menschen eingewandert waren, als Neandertaler in Europa gelebt hatten, sahen die Nachfahren mehr wie moderne Menschen als Neandertaler aus, und auch in den Erbanlagen lässt sich dieses Ungleichgewicht nachweisen. Aber das heißt nicht, dass die Neandertaler ausgestorben wären (so wie verschiedene indigene Völker im Zuge der Kolonisation ausgelöscht wurden), sondern dass sie sich erfolgreich fortgepflanzt haben – mit modernen Menschen.

Meine Geschichte ist genauso spekulativ wie das gängige Narrativ über die Verdrängung und das allmähliche Aussterben der Neandertaler trotz einiger weniger Vermischungen mit Homo Sapiens. Aber gerade wenn ich sie mit dem vergleiche, was die arte Dokumentation über Afrika und Asien erzählt, frage ich mich, warum die Immigration nach Europa nicht ähnlich verlaufen sein soll: Kein Kampf, keine Verdrängung, einfach nur Vermischung. Vielleicht liegt es daran, dass in Europa das Denken in Kategorien von Art und Rasse und Überlebenskampf zwischen Arten oder Rassen zuhause ist, wobei sich Europäer wahlweise der durch ihre überlegene Technik, Kultur und Rationalität überlegene Rasse sehen, die zu Recht erfolgreich ist, oder als durch eine fremde scheinbar überlegene Zivilisation bedrohte Kultur, die dann bewahrt werden muss.

P.S. Ich habe, bevor ich diesen Text beendet habe, nochmal bei Wikipedia nachgelesen. Dort wird behauptet, dass Wissenschaftler von einer einstelligen Zahl von Ehen oder zumindest One-Night-Stands zwischen Neandertalern und modernen Menschen ausgingen. In einem ZEIT-Artikel habe ich jetzt aber auch die Ansicht eines Autors gefunden, der eine ähnliche Geschichte erzählt wie ich: http://www.zeit.de/news/2015-06/22/wissenschaft-sex-mit-dem-neandertaler—vermischung-auch-in-europa-22232607 Wie gesagt: ich bin keine Paläontologin. Ich kann nicht selbst an einer Ausgrabung teilnehmen oder DNA analysieren. Aber ich erkenne Denkkategorien aus dem 19. und 20. und leider auch aus dem 21. Jahrhundert und merke, wenn sie nicht wirklich zur Altsteinzeit passen. Ich warte also ab, was ich in den nächsten Jahren in Spektrum der Wissenschaft und ähnlichen Zeitschriften lesen werde.

 

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