Früher mochte ich Horrorfilme und Gothic Novels…

…heute lebe ich in Hannover und brauche das nicht mehr, um mich zu gruseln. Ein Blick auf die Straßenschilder oder ein Spaziergang durch die Eilenriede reichen aus, um mich zu gruseln, und besonders gruselig wurde es, als ich einen Blick auf die Online-Abstimmung  der Hannoverschen Allgemeinen warf : Die überwiegende Mehrzahl der Befragten stimmte gegen eine Umbenennung. Ich weiß natürlich, dass solche Abstimmungen mit Wissenschaft nichts zu tun haben; erschreckt war ich trotzdem. (Erschreckt hat mich auch die zweite Antwortmöglichkeit: „Ich finde die Umbenennung nach so vielen Jahrzehnten falsch“. Hätte man nicht stattdessen innerhalb der ersten Antwortmöglichkeit Bezug auf die vergangene Zeit nehmen können: „Siebzig Jahre nach Kriegsende ist es höchste Zeit, dass keine Straßen mehr nach Menschen benannt sind, die sich am Nationalsozialismus beteiligt haben.“)

Es findet sich auch ein ausführlicher Artikel mit einem Video mit einer Befragung von Passanten:  Diese zehn Straßen in Hannover sollen umbenannt werden. Interessant ist die Antwort der jungen Frau mit dem karierten Schal: Die Menschen heute können nichts mehr dafür. Mir kommt es vor, als sei das ein Satz, den sie schon oft gesagt hat, unabhängig davon, ob er passt oder nicht. Bis auf ein paar sehr alte Menschen können die heute lebenden Menschen nichts für den Nationalsozialismus, das ist wahr – aber was hat das mit den Umbenennungen von Straßen zu tun? Eine Straßenumbenennung ist keine Strafe für die Anwohner, auch wenn manche das so zu empfinden sollen, sondern ein symbolischer Akt, der aussagt, dass Menschen, die sich schuldig gemacht haben, nicht geehrt werden sollen.

Ein junger Mann, ebenfalls mit kariertem Schal und geringeltem Hemd, schlägt vor, nach anderen Massenmördern in der Geschichte zu suchen, etwa Karl dem Großen, der ebenfalls viele Menschen umgebracht hätte. Aber erstens zeigt ein solcher Vergleich, dass der junge Mann nicht begriffen hat, was die Shoah zu einem unfassbaren Verbrechen macht, nämlich dass Menschen die Wahnvorstellung entwickelten, dass Juden aus „biologischen“ Gründen anders und für alles Böse auf dieser Welt verantwortlich seien, während Karl der Große gewöhnliche Machtpolitik mit den damals üblichen Mitteln betrieb, nicht besonders lobenswert, aber eben doch auf einer anderen Ebene. Zweitens habe ich mittlerweile den Verdacht, dass der Hass auf Karl den Großen auch eine der Geschichtsklitterungen der völkisch gesinnten Deutschen darstellt: Die heidnischen Sachsen werden als die bedauernswerten Opfer des mit dem Schwert missionierenden Frankenherrschers dargestellt. (Andererseits gehört das frühe Mittelalter nicht zu den Themen, die mich besonders interessieren.)

Dafür lobt der junge Mann dann Hindenburg, der Reichspräsident und General im Weltkrieg gewesen sei. Was Hindenburg als General und Reichspräsident getan hat, dass er beispielsweise schon als Oberbefehlshaber gemeinsam mit Ludendorff Deutschland während der letzten Kriegsjahre diktatorisch reagiert hat, scheint der junge Mann nicht zu wissen. Aber auch der „wissenschaftliche Beirat“ hat sich nur um die NS-Geschichte gekümmert, als hätte der Nationalsozialismus keine Vorgeschichte gehabt.

(Es gibt im Video allerdings auch eine Reihe vernünftiger Menschen zu hören.)

Es gibt auch schon erste Reaktionen: Keine Chance für Hindenburg. Anscheinend sind doch eine große Anzahl von Menschen der Ansicht, dass Hindenburg kein Namensgeber für eine Straße mehr sein kann. Die Argumente der Gegenseite sind allerdings bezeichend: Mit der Volksseele, diesem zarten Pflänzchen, solle vorsichtig umgegangen werden. All die alten Leute, die in siebzig Jahren nichts gelernt haben, all die jungen Leute (wie im Video), die im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst haben. Die Deutschen stilisieren sich selbst zum Opfer, wenn auch nur zum Opfer einer Straßenumbenennung. Ich vermute allerdings, dass es um mehr geht: Die Umbenennungen stellen die Unschuld der „gewöhnlichen“ Deutschen in Frage: jener Deutschen, die irgendwie mitbekommen haben, dass Hitler als böse gilt, die aber nicht verstanden haben, warum das so ist, und die daher nicht imstande sind, einen Mann wie Hindenburg abzulehnen.

Die Befürworter der Beibehaltung des Namens bringen nun merkwürdige Einwände vor: Eine Umbenennung der Straße käme einer Entsorgung der Geschichte gleich, und man solle doch lieber Informationstäfelchen anbringen. Ich kann mir schon vorstellen, wie diese aussehen: Paul Hindenburg, deutscher Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, Quasidiktator unter Wilhelm II, Monarchist und Antidemokrat, Totengräber der Weimarer Republik, Steigbügelhalter Hitlers. Aber warum wurden diese Täfelchen nicht schon längst angebracht? Es ist seit längerem bekannt, dass ein wissenschaftlicher Beirat eine Liste mit umzubenennenden Straßen erstellt, und Hindenburg ist der berühmteste Mensch, nach dem eine Straße in Hannover benannt ist, 0hne dass er es verdient hätte. Die Menschen, die jetzt solche Vorschläge machen, hätten längst in Eigeninitiative solche Täfelchen an den Straßenschildern befestigen können.

Das merkwürdigste Argument ist aber das Ausland: Die ausländischen Gäste wären verwirrt, wenn die Straße umbenannt werden würde. Sie würden über Straßennamen nicht nachdenken. Wenn die Dame sich da nur einmal nicht irrt. Im Ausland erinnert man sich besser an den Ersten Weltkrieg als in Deutschland, und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Name Hindenburg dort nicht unbekannt ist, weder wegen seiner Rolle im Ersten Weltkrieg noch während seiner Rolle beim Niedergang der Weimarer Republik und beim Aufstieg Hitlers. Ich vermute, die ausländischen Gäste werden nicht verwirrt sein, sondern sie werden denken: „Endlich wird die Straße umbenannt – es war aber auch höchste Zeit.“

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