Warum das Gerede vom Schlussstrich Unsinn ist

 

Wahrscheinlich gibt es viele gute Begründungen, warum das Gerede vom Schlussstrich Unsinn ist, aber hier ist jetzt meine: Hinter der Idee vom Schlussstrich steckt die Vorstellung einer Strafe, die irgendwann abgebüßt sein müsse.

Solch ein Denken ergibt Sinn, wenn es um individuelle Schuld geht: Wenn jemand sich schuldig gemacht hat und für eine bestimmte Anzahl von Jahren ins Gefängnis muss. Irgendwann ist die Zeit vorbei, und er sollte eine neue Chance haben. Aber selbst dann wird insbesondere im Fall eines schweren Gewaltverbrechens das Opfer immer noch unter den Folgen des Verbrechens leiden. Die Strafe mag zwar abgebüßt sein, aber die Schuld ist immer noch da, und das Leiden und die Erinnerung eben auch. Wenn der Täter die Schuld eingesehen und bereut hat, kann ein Neuanfang zwischen Täter und Opfer möglich sein – aber nicht immer ist das der Fall, und das Opfer ist nicht zu einem Neuanfang verpflichtet – aber dann muss er Täter oder die Täterin damit leben, dass er oder sie durch das Leiden des Opfers immer wieder an die eigene Schuld erinnert wird. Wenn er oder sie das aushält ist es gut. Dem Opfer zu verbieten, sein Leiden zu erwähnen oder es zu zeigen, „weil doch irgendwann Schluss sein müsse“, geht nicht – es würde bedeuten, dass das Opfer erneut zum Opfer gemacht wird. Das Leiden des Opfers hält an, so lange es eben andauert. (Wenn es um irgendwelcher Gratifikationen willen, die der Opferstatus mit sich bringt, in die Länge gezogen wird, spürt man das in aller Regel. Allerdings sind es nur in den seltensten Fällen die echten Opfer, die das tun. Sie wären normalerweise froh, wenn das Leiden ein Ende hätte.)

Das heißt erst einmal: „Wir“ als Deutsche müssen akzeptieren, dass Menschen in anderen Ländern immer noch unter der Gewalt leiden, die durch Deutsche ausgeübt wurde und sich noch daran erinnern. Das gilt für den Zweiten Weltkrieg, es gilt aber auch für den Ersten Weltkrieg, und es gilt auch für die unter Bismarck geführten Kriege. Mir selbst war vor allem immer der sogenannte deutsch-französische Krieg von 1870/71 im Bewusstsein, vor allem weil er im Geschichtsunterricht zwar als deutscher Angriffskrieg, aber eben auch als der Krieg, der zu einem geeinten Deutschland geführt hat, gelehrt wurde. (In Hannover, wo ich wohne, gibt es nicht nur eine Sedanstraße wie in vielen deutschen Städten, sondern sogar eine Mars-la-Tour-Straße. Letztes Jahr bin ich durch Mars-la-Tour durchgefahren, weil es an der Voie de la Liberté liegt, und habe dadurch gelernt, dass dort eine bedeutende Schlacht jenes Krieges geschlagen wurde. In Hildesheim gibt es eine Gravelottestraße – auch Gravelotte liegt an der Voie de la Liberté, und auch dort wurde eine Schlacht des 1870/71er Krieges geschlagen. Es gibt dort sogar ein Museum dieses Krieges (welches ich nicht besucht habe. All diese Straßen müssten dringends umbenannt werden.) Vor ein paar Monaten habe ich auf Arte eine dänische Fernsehserie über den Krieg von 1864 gesehen – auch daran erinnern sich noch Menschen. Nur in Deutschland jammern die Menschen, dass der Zweite Weltkrieg und seine Verbrechen, aber auch der Holocaust, der auf etwas kompliziertere Weise durch den Krieg bedingt war, nicht längst vergessen sind.

Selbst wenn Schuld abgebüßt ist, selbst wenn die Verantwortlichen längst gestorben sind, erinnern sich die Opfer und ihre Nachkommen. Damit müssen „wir“ leben. Wir können ihnen nicht befehlen, zu vergessen.

Andererseits ist auch völlig offensichtlich, dass Schuld nicht weiter vererbt werden kann. So etwas glauben nur jene Menschen, die Juden und Jüdinnen immer noch den Mord an Jesus vorhalten.

Die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist trotzdem nötig, weil es sich eben nicht um Buße handelt, sondern weil es darum geht, etwas über die Vergangenheit zu lernen. Das heißt, es kann nicht darum gehen, immer wieder auf Dinge hinzuweisen, die offensichtlich sind (etwa dass der Holocaust ein Verbrechen war), mit dem einzigen Ziel, dass diejenigen, die das hören, sich schlecht fühlen. Andererseits ist dies auch nicht das, was ich als Erwachsene, die nicht mehr zur Schule geht und die sich aussuchen kann, welche Bücher sie liest und welche Filme sie sieht, erlebe. Möglicherweise ist das in der Schule anders, aber das liegt dann daran, dass die betreffenden Lehrer und Lehrerinnen schlechten Unterricht machen (oder es liegt daran, dass die Schüler und Schülerinnen Unterricht, der im Prinzip gut ist, nur als Anschuldigung erleben – woran das liegt, erkläre ich weiter unten.) Als Erwachsene suche ich mir Bücher und Filme aus, von denen ich etwas lerne, was ich noch nicht weiß – und immer wieder stelle ich fest, dass es erschreckend viele Dinge gibt, die ich nicht weiß. Vor ein paar Wochen habe ich beispielsweise eine Dokumentation über Klaus Barbie gesehen, der nach Kriegsende in Bolivien unter dem Namen Klaus Altmann seine Tätigkeit fortsetzte, jetzt eben für die dortige Militärdiktatur.

„Aus der Vergangenheit lernen“ halte ich für schwierig. Das größte Missverständnis besteht meines Erachtens nach darin, dass Menschen glauben, aus der Vergangenheit moralische Lehren ziehen zu können, etwa dass der Holocaust ein Verbrechen war oder auch dass Alltagsantisemitismus ein Problem darstellt. Aber das hätte man eigentlich auch schon vorher wissen können, und wenn man sich das klar gemacht hätte, hätte man das Verbrechen gar nicht erst begangen. Die eigentliche Frage ist: Warum haben die Menschen, die das doch eigentlich hätten wissen können, trotzdem das Verbrechen begangen? Das ist dann aber keine moralische, sondern eine psychologische Frage. „Nie wieder Auschwitz“ ist ein technisches, kein moralisches Problem. Moralisch ist die Angelegenheit klar.

(Ganz gruselig wird es, wenn es um Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg geht, etwa „Krieg ist schlecht, deshalb werden wir keine anderen Länder mehr angreifen.“ Auch das hätte man bereits vor dem Krieg wissen können. Ich fürchte, die Menschen, die so etwas sagen (in Hannover am schlimmsten bei den Gedenkveranstaltungen für die Atombombenabwürfe) haben nur durch die Niederlagen gelernt, dass Krieg schlecht ist – sie waren nicht imstande, sich das schon vorher klar zu machen, obwohl eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass es ein Verbrechen ist, ein anderes Dorf, eine andere Stadt oder ein anderes Land mit Waffen zu überfallen und in die eigene Gewalt zu bringen, auch ohne die Belege, welch schreckliche Folgen dies hat, die sich in mehreren Jahrtausenden Menschheitsgeschichte mittlerweile angesammelt haben. Menschen, die so etwas sagen, denken nicht an diejenigen, die von der eigenen Gewalt betroffen sind, sie denken nur an die Gewalt, die sie selbst möglicherweise erfahren könnten, sei es in Form von Verteidigung (gerade wenn es um den Ersten Weltkrieg geht, gibt es absurde Geschichten, wie die Deutschen es als völlig unzulässige Gewaltausübung ansahen, wenn die Belgier sich dagegen wehrten, überfallen zu werden) sei es in Form von Vergeltung, die als viel schlimmer angesehen wird als die ursprüngliche anlasslose Gewalt.)

Es geht also nicht darum, etwas aus der Vergangenheit, sondern etwas über die Vergangenheit zu lernen. Dies fängt bei den Fakten an: Was ist eigentlich geschehen? Zum Beispiel habe ich im Geschichtsunterricht (und noch mehr im Religionsunterricht) einiges über Auschwitz, aber nichts über Babi Yar gehört. Ich weiß ganz wenig über die Kriege auf dem Balkan oder in Nordeuropa. Mittlerweile weiß ich immerhin, wer Quisling war. Auch die Kämpfe in Nordafrika kamen im Geschichtsunterricht nicht vor, und über den Krieg im Pazifik lernt man mit Ausnahme der Atombombenabwürfe fast gar nichts. Aber auch über die Situation der nicht verfolgten Deutschen gibt es noch einiges zu lernen. Vor allem scheint sich noch nicht herumgesproche zu haben, dass es sich beim „Befehlsnotstand“ um einen Mythos handelt.

Bei den Fakten fängt es an, bei der Durchdringung der Ideologie geht es weiter. Die meisten Menschen kennen nur die negative Seite: Rassismus und vor allem Antisemitismus, und dann vielleicht noch Diktatur, Krieg, Verfolgung politischer Gegner. Was fehlt, ist die (angeblich) positive Seite: Was den Nationalsozialismus attraktiv machte. Damit mich jetzt niemand missversteht: Ich gehöre nicht zu denjenigen, die meinen, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte. Aber viele Deutsche, die damals lebten, fanden ihn unterstützenswert oder zumindest akzeptabel. Wie war ihr Weltbild beschaffen, dass dies möglich war? Wenn wir uns das deutlich machen, kommen wir an die Punkte, die weh tun (wenn das nicht schon vorher der Fall war): Haben wir Verständnis für jene Deutschen, die den Nationalsozialismus akzeptabel fanden? Gibt es Aspekte in unserem eigenen Weltbild, die bewirken, dass wir Verständnis haben oder dass auch wir einige Seiten des Nationalsozialismus als positiv bewerten? Und wie sieht es mit jenen Ideologien aus, die bereits seit dem neunzehnten Jahrhundert dem Nationalsozialismus den Boden bereiteten?

Es gibt noch einiges zu lernen, und manches davon tut weh. Die Schmerzen, die diese Einsichten bereiten, werden leicht mit Buße verwechselt, aber Lernen hat mit Buße nichts zu tun, so sehr es sich manchmal danach anfühlen mag. Hinterher ist man nicht unschuldiger (was im Fall der Nachgeborenen ohnehin absurd ist, weil sie eben keine Schuld an den Verbrechen tragen), sondern klüger.

Ja, jetzt noch die oben gestellte Frage: Warum es nicht immer an den Lehrern oder Lehrerinnen, sondern manchmal auch an den Jugendlichen liegt, wenn sich Unterricht über den NS wie „Buße“ anfühlt: Wer sich eben nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen will, wer sich nicht mit den Verbrechen befassen und sie verstehen will, vor allem aber, wer nicht akzeptieren will, dass mit dem Namen Deutschland für viele Menschen in Europa, aber auch in der ganzen Welt, unsagbares Grauen verbunden ist und dass das (hoffentlich, denn nur schlimmere Verbrechen können das ändern) noch ein paar Generationen lang so bleiben wird, weil er oder sie sich von Vorwürfen gegen das Kollektiv „Deutschland“ angegriffen fühlt – für den wird sich jedes Lernen wie Buße anfühlen.

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