Über das Misstrauen gegenüber dem auf einmal erwachten Mitgefühl für Flüchtlinge

Und schon wieder Lesetipps zu Texten aus der Jungle World:

Alexander Nabert: Flüchtlingskrise – ich war dabei

Deutschland Demobilisieren: Kein Deutschland ohne Rassismus

Es geht also nicht nur mir, sondern auch anderen so, dass das plötzlich entdeckte Herz für Flüchtlinge sie nicht mit reiner Freude erfüllt. Das Misstrauen, dass es nicht wirklich um Flüchtlinge, sondern vor allem um das eigene Image (Selfies!) und um das Bild Deutschlands gehe, bleibt groß.

Andererseits frage ich mich, ob nur jemand, der aus perfekt selbstlosen Motiven handelt, Lob verdient. Irgendwie menschlich sind wir ja alle, und dass wir uns in unseren eigenen Augen und in denen unserer Mitmenschen gut fühlen wollen, ist nicht verdammenswert. Wo ist nun die Grenze zu einer reinen Imagekampagne, sei sie für einen selbst, für ein Unternehmen oder eben für Deutschland? Und ist der positive Bezug auf Deutschland in jedem Fall als Identifikation zu werten? Und selbst wenn – stellt jede Identifikation mit Deutschland ein Problem dar?

Ich weiß jetzt nicht, wo die Grenze liegt. Darf man sich freuen, wenn in ausländischen Zeitungen positiv berichtet wird? Ich denke schon. Erst wenn Menschen nur wegen des Bildes im Ausland für Flüchtlinge tätig werden (und untätig werden, sobald der Blick des Auslands nicht mehr auf Deutschland ruht, oder „hinter den Kulissen“ Maßnahmen trefen, die mit „Willkommenskultur“ nichts mehr zu tun haben, wie zum Beispiel der neue Gesetzentwurf) dann hat es mit Freundlichkeit und Menschenliebe nichts zu tun.

Vermutlich geht es auch nicht nur um das Bild gegenüber dem Ausland, sondern auch um das Bild, das nach innen hin gezeigt wird: Den Politikern, den Unentschiedenen und den Menschen, die nicht helfen, sondern gegen Flüchtlinge protestieren oder Unterkünfte anzünde. Ihnen soll gezeigt werden, dass diejenigen, die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen helfen, in der Mehrzahl sind.

Ein Beispiel dafür wäre der Aufruf bei Campact, der über das Blog von Hajo Funke (das ich insgesamt sehr schätze) in meinem Aufmerksamkeitsfeld gelandet ist: Schluss mit dem Hass!

Ich habe mich entschlossen, ihn nicht zu unterzeichnen. Es ging zu sehr um Deutschland, und der Vergleich mit den Flüchtlingen nach 1945 war das Tüpfelchen auf dem i. Eigentlich beginnt es schon mit dem ersten Satz: „Was ist los mit Euch, die Ihr dieses Land mit rechtem Terror und Rassismus überzieht?“ In erster Linie wird nicht das Land als ganzes, sondern werden jede Menschen, die von Rechten als nicht deutsch einsortiert werden, mit Terror überzogen. Man kann sich mit diesen Menschen solidarisch erklären und sagen: Jeder Angriff gegen euch ist ein Angriff gegen das ganze Land. Aber dabei muss klar bleiben, dass nicht alle Menschen gleichermaßen bedroht sind.

Was mich besonders misstrauisch stimmt, ist der Vergleich mit den Kriegsflüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht ist das ein Ersatz für die in diesem „Jubiläumsjahr“ ausgebliebene Debatte über das Leid der Vertriebenen. Warum kann man syrischen Flüchtlingen nicht einfach so helfen, ohne an die deutschen Flüchtlinge von damals zu erinnern? Ich glaube, dass man ihnen damit keinen Gefallen tut. Sie sind sie selbst, keine „Volksdeutschen“ aus verlorenen Ostgebieten. Wenn ihnen nur geholfen wird, weil man sich an die damaligen deutschen Vertriebenen erinnert, wird eines Tages das unsanfte Erwachen kommen.

Möglicherweise lassen sich mit der Erinnerung an damals (die verfälscht ist – die damaligen Flüchtlinge wurden nicht mit Freuden aufgenommen) auch manche Dinge erklären, die mich wundern. Ein Punkt ist der Aufruf zu Sachspenden: Selbst Hygieneartikel, die niemand (hoffentlich) gebraucht im Schrank findet, und die die Spender kaufen müssen, werden als Sachspenden gespendet, anstatt dass Geld gesammelt und jemand zum Großmarkt geschickt wird. (Abgesehen davon, dass die Flüchtlinge wahrscheinlich am liebsten selbst einkaufen und nur in bestimmten Situationen, etwa direkt nach der Ankunft oer während des Wartens vor dem Amt, aus anderen Gründen als Geldmangel nicht einkaufen können.) Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Sachspenden sinnvoll, weil nicht Geldmangel, sondern der Mangel an Waren, die man kaufen konnte, das Problem war. Das ist jetzt aber anders.

Das größte Problem stellt natürlich unpolitische Hilfe dar. Diese ist nicht einfach „humanitär“ wie der zweite Artikel aus der Jungle World behauptet, sondern weitaus gruseliger: Gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt, aber nur für diejenigen, die als Kriegsflüchtlinge bereits als Quasideutsche anerkannt sind, nicht für Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan, auch wenn sie nicht aus einer der wichtigsten Verfolgtengruppen des NS-Regimes stammen. Damit haben wir nichts mehr zu tun. Vor allem aber finde ich die Vorstellung einer Gemeinschaft, die großzügig hilft und zusammenhält, ohne aber einzelnen verbindliche, einklagbare Rechte zuzugestehen, eher gruselig. Hilfe muss immer mit Politik verbunden sein. Private Hilfe für Flüchtlinge muss ein Zeichen an den Staat sein: Wir springen kurzfristig ein, um dir zu zeigen: Du musst etwas tun.

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4 Antworten zu Über das Misstrauen gegenüber dem auf einmal erwachten Mitgefühl für Flüchtlinge

  1. Anita schreibt:

    Zitat: “ Private Hilfe für Flüchtlinge muss ein Zeichen an den Staat sein: Wir springen kurzfristig ein, um dir zu zeigen: Du musst etwas tun. “

    Private Hilfe sollte aber erhalten bleiben. Denn durch Hilfe kann sich Nachbarschaft einstellen. Und Nachbarschaft bedeutet für beide Seiten, dass sich etwas Gemeinsames schaffen lässt. Man sich mit Namen anspricht, die Kinder zusammen in die Schule gehen.

    • susanna14 schreibt:

      Im Idealfall ist es tatsächlich so, wie du sagst. Meine persönliche Erfahrung ist die, dass es nicht immer so einfach ist, eine Beziehung, die als Hilfebeziehung begann, in eine gleichberechtigte Beziehung zu verwandeln. Vielleicht gelingt es anderen Menschen besser. Es kommt wahrscheinlich auch darauf an, wie die Hilfe gestaltet wird. Vermutlich gibt es Formen von Hilfe, die erstens unproblematisch sind und die zweitens auch der Staat nicht ersetzen kann, etwa wenn die Flüchtlinge zum Training im Fußballclub eingeladen werden, während andere Formen von Hilfe, wie Kleider oder Hygieneartikel verteilen, nicht so einfach sind.

      • Anita schreibt:

        Es kommt ganz entscheiden auf die Form von Hilfe an!
        Die Hilfe ist nicht dazu da, dem Helfenden eine „Ehrennadel“ zu verschaffen, sondern um dem zu Helfenden zu ermöglichen sein Leben in die eigene Hand zu nehmen!

        Das derzeit mehr Sachspenden gegeben werden, hängt mE auch immens damit zusammen, dass die Menschen tatsächlich fühlen, dass die Hilfe ankommt.
        Was bei Geldspenden in der Vergangenheit leider oft ins Leere ging!💡

        Ich zB, mit meinen vier Kindern konnte leichter gebrauchte Schulranzen spenden, als 50€, die ich derzeit nicht übrig habe. Die Ranzen waren auf dem Dachboden, weil noch iO!!

  2. Trippmadam schreibt:

    Eben. Rechte sind einklagbar, Almosen von der Gunst der Stunde oder des Spenders abhängig. (wobei ich hier mit „einklagbar“ nicht notwendigerweise den Gang zum Gericht meine, sondern vielmehr, dass es für Hilfe Richtlinien geben muss, die ohne Ansehen der Person für alle gleichermaßen umgesetzt werden müssen.)

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