Kleiner Nachtrag zum gestern verlinkten Text

Vor ein paar Monaten habe ich ein Buch von Eike Geisel gelesen: „Die Banalität der Guten“. Ich habe auch ein bisschen darüber geschrieben: Blockstöckchen.

Mir war Eike Geisel zwar als nicht besonders freundlich, aber nicht unbedingt als polemisch aufgefallen. Er spießte die Absurditäten des damaligen Umgangs mit dem Holocaust auf, aber dazu ist keine besondere Polemik nötig (worunter ich die Angriffslust gegen den Gegner verstehe, die auch manchmal unfair sein kann), sondern nur ein klarer Blick, der für diejenigen selbstverständlich ist, die nicht permanent mit Schuldabwehr beschäftigt sind. Schuldabwehr verhindert ein klares moralisches Urteil. Außenstehende wundern sich dann nur nocht. Die Lektüre der Essays von Eike Geisel kann zu solch einem klaren Blick verhelfen. Besonders polemisch sind sie nicht – so wirken sie nur auf diejenigen, die sich angegriffen fühlen, wenn die Absurdität ihrer Gedankengänge vorgeführt wird, und auf diejenigen, die täglich mit Menschen leben, deren Gedanken so absurd sind, so dass sie diese Absurdität schließlich für normal halten.

Zweiter Nachtrag:

Die Irrationalität der Menschen, von denen berichtet wird, kann ich aus eigener Erfahrung nur zu gut bestätigen. Ich diskutiere eher nicht so oft über Israel oder den Nahostkonflikt, weil ich mich nicht gut genug auskenne, sondern lieber über die NS.Vergangenheit, mit der ich mich besser auskenne, und da stoße ich auf das gleiche Phänomen: Menschen sind resistent gegenüber klaren Argumenten. Mittlerweile bin ich es müde und habe keine Freude mehr an dialogischen Situationen, in denen ich Menschen zuhöre, die noch die Rechtfertigungsstrategien der Ersten Generation verwenden. Ich sage mir dann: Wer in siebzig Jahren nichts gelernt hat, wird sich auch von mir nichts sagen lassen.

(Vor einigen Monaten bin ich auch in eine Diskussion mit einer Frau geraten, die unbedingt ihren Kindern das Hermannsdenkmal und die Externsteine zeigen wollte. Ich schlug stattdessen Kalkriese vor, was ein seriöses Museum ist, aber das wollte sie nicht. Ich warnte vor der NS-Propaganda, welcher sie ihre Kinder aussetze, aber sie behauptete, ihre Kinder (8 und 5) seien schlau genug. Irgendwann brach ich die Diskussion ab. Ich fragte mich nur noch, wie die Frau auf meine Twitter-Timeline geraten ist.)

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3 Antworten zu Kleiner Nachtrag zum gestern verlinkten Text

  1. Trippmadam schreibt:

    Bei den Achtzigjährigen sage ich schon nichts mehr, die muss ich auf den letzten Metern nicht mehr überzeugen. Manchmal kann man bei den ganz jungen Emotionen ansprechen, aber da frage ich mich, wie lange das anhält. Aber ich gehe auch zu oft einfach weg, weil ich sehe, dass ich gegen eine Wand spreche.

    • susanna14 schreibt:

      Bei mir hängt es eher von der Beziehung als vom Alter ab. Wenn ich denke, dass die Beziehung das trägt, sage ich etwas, zum Beispiel bei meinen Eltern. Sie denken auch deutlich mehr nach als vorher, und außerdem lerne ich dabei etwas über die Familiengeschichte. Wenn ich denke, dass die Beziehung das nicht trägt, dann breche ich eher ab – aber manchmal eben auch die Beziehung. Ich wäge dann eben ab. Eine Freundschaft um der Freundschaft ist dann nicht mehr möglich, nur noch Bekanntschaften. Die Menschen interessieren mich dann nicht mehr.

  2. Pingback: Hörempfehlung: Interview mit Eike Geisel | susanna14

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