Leider gehört das Pack zu uns.

Seit einigen Wochen wundere ich mich über das, was in diesem Land los ist. Irgendwie scheint die Stimmung gekippt zu sein, aber ich bin mir noch nicht so sicher. Vielleicht war sie schon lange auf der Kippe, und jetzt ist sie eben in die bessere Richtung gekippt, und zwar in der Hinsicht, dass viele, die vorher schwankten, jetzt zu helfen bereit sind, so dass helfen jetzt als normal gilt, während es früher etwas war, was nur Linke taten. Jedenfalls wundere ich mich, was los ist, wenn selbst die Bildzeitung angesichts von Menschen, die in dieses Land einreisen, nicht mehr von „Flut“ spricht, sondern von Familien, die verzweifelt und verängstigt sind und Hilfe brauchen:

http://www.bild.de/news/inland/fluechtlingshilfe/wir-helfen-42364620.bild.html

Es ist natürlich ein wenig kitschig, aber viel viel besser als vorher.

Ich poste erst einmal alle interessanten Links, die ich finde, und unten dann meine Gedanken dazu.

Aufgefallen ist mir das Bedürfnis nach Abgrenzung. Am deutlichsten wurde Sigmar Gabriel – das berühmte Video mit dem „Pack“.

Angela Merkel fand auch klare Worte:

Bei erzählmirnix habe ich auch ein paar interessante Comics gefunden, deren wichtigste Botschaft ist: mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun, nur weil sie zufällig die gleiche Staatsangehörigkeit haben:

https://erzaehlmirnix.wordpress.com/2015/08/25/drueckeberger/

https://erzaehlmirnix.wordpress.com/2015/08/22/scheiss-gutmensch/

(Ich lese regelmäßig die Comics von erzählmirnix, aber die Kommentare lese ich normalerweise nicht. Dieses Mal habe ich doch einen Blick hineingeworfen – es scheint so, als wären müssten sich einige der Kommentatoren angesprochen fühlen. Aber vielleicht sind das auch nur Zufallsgäste.)

Außerdem gibt es verschiedene Comedy-Stars, die sich für Flüchtlinge und gegen Nazis einsetzen:

Joko und Klaas: https://www.youtube.com/watch?v=tBHMzCOn2Sk

Oliver Kalkofe: https://www.youtube.com/watch?v=l6VSr3l_v-Q

Oliver Pocher: https://www.youtube.com/watch?v=LW8nLKvBxTU#t=81

Die ersten beiden kritisieren in erster Linie die Dummheit der Nazis.

Das schrecklichste Video stammt von der ARD. Triggerwarnung: Für eine Flucht aus dem Osten nach Ende des Krieges wird das Wort Todesmarsch verwendet. Dieses Wort sollte aber für das reserviert bleiben, was die SS „Evakuierung“ der Konzentrationslager nannte. Konkret bedeutete es, dass kurz bevor die Allierten kamen, die Lager geräumt wurden. Die Häftlinge mussten mit unzureichenden Vorräten an Lebensmitteln und Wasser, unzureichender Kleidung und unzureichendem Schuhwerk sich auf den Weg in noch von Deutschen gehaltene Gebiet machen. Wer nicht mehr das Tempo halten konnte, wurde erschossen. Das waren ziemlich viele (ich glaube, ungefähr 90 Prozent), da die meisten von der Lagerhaft geschwächt waren (Unterernährung, Krankheiten), und selbst Häftlinge, die mehrere Jahre Konzentrationslager überlebt hatten und dachten, sie wüssten, wie sie noch mehrere weitere Jahre überleben können, starben dabei.

Ihr seht: Die Warnung gibt es nicht für die Schilderung des echten Todesmarsches, sondern für die unerträgliche Verwendung dieses Worts an einer Stelle, wo es unangebracht ist. Es gibt noch mehr Unerträglichkeiten, aber dies ist meiner Meinung nach die Schlimmste.

http://www.ardmediathek.de/tv/report-M%25C3%259CNCHEN/70-Jahre-nach-Flucht-und-Vertreibung-Au/Das-Erste/Video?documentId=30360148&bcastId=431936

Dann ist da wieder einmal Anke Julie Martin und schwimmt gegen den Strom:

Und mittlerweile ist die Welt auch wieder normal (aber nicht besser): De Maizière spricht von Grundgesetzänderung. Was genau geändert werden soll, ist nicht klar. Außerdem reden alle Politiker jetzt davon, dass es eine Quotenregelung für Europa geben soll. Und auch im Deutschlandtrend sind anscheinend die Menschen nicht so flüchtlingsfreundlich, wie es erst schien.

Und hier noch ein Text vom Lindwurm, der ebenfalls misstrauisch ist:

https://lindwurm.wordpress.com/2015/09/03/etwas-stimmt-nicht/

Okay, jetzt meine Gedanken:

Sich abgrenzen

Sowohl bei Herrn Gabriel als auch bei erzählmirnix ist mir das Bedürfnis nach Abgrenzung aufgefallen, wobei erzählmirnix antinationalistisch argumentiert, während Sigmar Gabriel den Nazis abspricht, zu Deutschland zu gehören. Ich weiß allerdings noch nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Meine eigenen Konflikte habe ich nicht mit Nazis in Springerstiefeln gehabt, sondern mit Kleinbürgern, die sagen „nach siebzig Jahren muss man doch wohl dürfen…“ (wahlweise auch nach sechzig oder fünfzig oder vierzig oder dreißig Jahren – im Prinzip ging dieses Gerede direkt nach dem Krieg los.) In beiden Fällen, in denen ich das erlebte, tat die Trennung weh, war aber unumgänglich, nachdem sowohl die Kleinbürger als auch ich unser wahres Gesicht gezeigt hatten. Ein Kompromiss ist unmöglich, wenn es um den Nationalsozialismus geht und eine Seite an irgendetwas festhält, was aus jener Zeit stammt, während dies für die andere Seite mit guten Gründen unerträglich ist. Trotzdem tat die Trennung weh, und ich muss mir überlegen, was ich mit diesen Leuten gemeinsam hatte.

Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht wie mir. Ich weiß nicht, ob die Menschen, die sich jetzt mit voller Wucht abgrenzen, sich auch von Menschen abgrenzen, die sie einmal mochten, und zu ihnen sagen: mit euch habe ich nichts gemeinsam.

Das andere, was mir in den Sinn kommt, ist folgendes: Häufig sind es die Menschen, die teilweise sogar Sympathien haben, die sich besonders heftig abgrenzen, etwa nach dem Motto: Ich bin konservativ oder patriotisch (mehr fällt mir gerade nicht ein), aber nicht rechts. Rechts sind immer die anderen, die noch weiter rechts sind als man selbst. Mit ganz wenigen Ausnahmen finden die meisten Menschen andere, die noch weiter rechts sind als sie selbst.

Trotzdem ist es erst einmal gut, sich abzugrenzen und sich von denen abzuwenden, die so weit rechts sind, wie man wirklich nicht sein möchte. Es heißt, das Gespräch mit diesen Leuten abzubrechen und kein Verständnis mehr aufzubringen. Möglicherweise heißt es, nach neuen Leuten zu suchen. Ich vermute, selbst die Suche nach dem, was man doch mit diesen Leuten gemeinsam hatte, ist erst möglich, nachdem man sich abgegrenzt hat.

Ja, und dann: Wie gesagt, ich habe mich von Kleinbürgern abgegrenzt, die sagen „nach siebzig Jahren wird man doch wohl dürfen…“ Die Kleinbürger halten sich nicht für rechts. Ich vermute, sie grenzen sich jetzt auch ab: Wir sind nicht rechts, denn wir zünden keine künftigen Asylbewerber an. Am besten, die Leute, die Asylbewerberheime anzünden, wären weg, dann könnten wir nämlich (nach siebzig Jahren) ganz ungehemmt dürfen, ohne mit diesen Nazis in Verbindung gebracht zu werden.“ (Ich weiß nicht, ob sie wirklich so denken, da ich keinen Kontakt mehr habe.)

Nazis sind nicht dumm. Nicht einmal alle Nazis sind gewalttätig.

Die Comedians spotten vor allem über die Rechtschreibschwäche der Nazis, außerdem schimpfen sie auf die Gewalt. Es sind aber weder Gewalt noch Dummheit, die Nazis kennzeichnen, sondern bestimmtes „Gedankengut“, wobei nicht gemeint ist, dass jeder der Nazis das selbst gedacht haben muss – in den meisten Fällen wird es nur nachgeplappert, und in den meisten Fällen würde man merken, wie unsinnig es ist, wenn man nachdenken würde. Aber es sind eben doch Ideen, nicht die schlechte Rechtschreibung und auch nicht die Gewaltbereitschaft, die Nazis ausmachen.

Vielleicht kann ich es auch so sagen: Wer sich über schlechte Rechtschreibung, selbst die schlechte Rechtschreibung von Nazis lustig macht, der hat nicht wirklich verstanden, was an den Nazis so schlimm ist. Aber vielleicht kann man auch in diesem Fall froh sein, dass sich die Leute überhaupt abgrenzen.

Europa

Ich hatte mir überlegt, auf den Tweet über arbeitslose Jugendliche aus Südeuropa zu antworten: Vermutlich kennen diese Leute Deutschland schon, aus dem Fernsehen, aus dem Urlaub oder aus den Erzählungen älterer Menschen, die als „GastarbeiterInnen“ hier gearbeitet haben, und wollen daher nicht nach Deutschland, außer es geht ihnen richtig schlecht – aber so schlecht geht es ihnen eben nicht.

Dann ist da die schlechte Absprache in Europa, und die fehlende Aufnahmebereitschaft gegenüber europäischen Flüchtlingen. (Und auch, wie es plötzlich Teil der deutschen Ehre wird, Flüchtlingen zu helfen, und vor allem, wie plötzlich Parallelen zu deutschen Flüchtlingen am Ende des Zweiten Weltkriegs gezogen werden. Da werden schon auch mal die Syrer in ein „Wir“ eingeschlossen, besonders nachdem sie so euphorisch Angela Merkel und Deutschland gelobt haben.)

Aber vielleicht ist helfen auch einfach nur ein erster Schritt.

 

 

 

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2 Antworten zu Leider gehört das Pack zu uns.

  1. Herr Mueller schreibt:

    Ihnen ist da ein kleines Detail entgangen, da sie offensichtlich „nur nachplappern“, was ihnen andere vorgekaut haben:
    „Rechts“ bedeutet, sich für die Unterdrückung durch die herrschenden Klasse einzusetzen.
    „Links“ bedeutet, sich für die Belange der arbeitenden Bevölkerung einzusetzen.
    Es ist schon sehr deprimierend für mich, dass sie sich als bewusste, aufgeklärte und emanzipierte Frau so leichtfertig von der herrschenden Klasse, inszeniert durch die Mainstreammedien, von ihrer EIGENEN Klasse abspalten lassen. Aber eventuell haben sie diesen Übergang ja schon innerlich nachvollzogen und wollen gar nicht mehr dazugehören?

  2. susanna14 schreibt:

    Ich habe Ihren Kommentar mal genehmigt, obgleich er hart an der Grenze zur Beleidigung war.

    Zwar habe ich eine Reihe von Mainstreammedien verlinkt, aber diese durchaus kritisch kommentiert. Insofern ist Ihre Kritik schwer nachvollziehbar. Wie Sie darauf kommen, dass ich mich von meiner eigenen Klasse hätte abspalten lassen (und warum Sie zu wissen meinen, welche das ist), ist ebenfalls schwer verständlich.

    Ansonsten möchte ich darauf hinweisen, dass es keine allgemein akzeptierten Definitionen von „rechts“ und „links“ gibt, auch wenn jeder zu wissen meint, was das ist. Zu der Definition, die ich verwende, gehört auch das sogenannte „völkische Denken“.

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