Gefühle respektieren – Irrationalität respektieren. Teil Zwei

Vorgestern schrieb ich über Situationen, in denen eine dritte Person den Kritiker oder die Kritiker bittet, die Kritik sein zu lassen, weil sie die Gefühle eines anderen Menschen verletze, ohne Rücksicht darauf, ob der Schmerz, den dieser andere Mensch fühlt, nicht in erster Linie daher rührt, dass er oder sie ein paar Ansichten oder Loyalitäten, die er oder sie längst hätte kritisch überprüfen müssen, immer noch für einen Teil der eigenen Loyalität hält. So ging es mir damals mit der Gruppenleiterin.

Noch abstruser wird es aber, wenn Menschen die Kritik eines anderen Menschen zurückweisen mit der Begründung, er habe ihre Gefühle verletzt. (Es geht hier nicht um grobe Unhöflichkeit oder um haltlose Vorwürfe, sondern um fundierte wohlbegründete Kritik, die dennoch zurückgeworfen wird.)

Übersetzt heißt das doch: Du hast zwar Recht, aber du hättest es freundlicher oder diplomatischer oder in Salamitaktik oder schön eingepackt zwischen ein paar Komplimenten sagen können. Wer Kritik effektiv zurückweisen will, muss dem Kritiker sagen, dass er entweder mit seinen sachlichen Behauptungen oder mit seinem Urteil falsch liegt, also, dass man entweder nicht getan oder gesagt hat, was der Kritiker behauptet, dass man getan oder gesagt hätte, oder dass man es zwar gesagt oder getan hat, dass man aber, im Gegensatz zum Kritiker, kein Problem darin sieht.

Ein schönes Beispiel für diese Haltung ist Martin Walsers Friedenspreisrede. (Ich glaube,  ich habe sie vor kurzem schon einmal verlinkt.) Sie findet sich ab Seite 9. Die entscheidenden Stellen finden sich auf Seite 11. Martin Walser kann Berichte über Würstchenbuden während der Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen nicht bestreiten, er wehrt sich aber auch dagegen, sie für wahr zu halten. Grund: Der, der sie sagt, will ihm, beziehungsweise allen Deutschen, weh tun. Am Ende siegen die Schmerzen über den Wunsch nach Wahrheit.

Die Argumentation ist abstrus: In seiner Abwehr gegen die Schmerzen, die es sich mit bringen würde, wenn er der Wahrheit ins Gesicht sähe, verabschiedet sich Walser selbst von der primitivsten Logik. Aber er erhielt viel Applaus und Zuspruch für seine Rede, was zeigt, dass es vielen trotz aller Unlogik einleuchtend schien, dass es angemessen ist, wenn man vor lauter Schmerzen lieber weghört. Die Verrücktheit der Situation besteht auch darin, dass man nur, wenn man Macht hat, verlangen kann, dass andere mit der Wahrheit zurückhaltend sind, um einen selbst zu schonen, aber gleichzeitig muss man sich schwach und verletzbar zeigen. So kommt Walsers wehleidiger Ton zustande, obgleich er während seiner Rede vom Publikum getragen wird.

Es geht aber um mehr als um Wehleidigkeit. Es geht auch darum, dass man sich nicht mehr als erwachsenen, zurechnungsfähigen Menschen betrachtet, der imstande ist, mit Kritik umzugehen und rational auf diese zu antworten – und gegebenenfalls auch sich selbst in Frage zu stellen. Wie ein Kind, dem man tatsächlich vorsichtig sagen muss, dass es dieses oder jenes noch nicht so gut kann, um es nicht zu frustrieren, erwartet man von der anderen Person, dass sie einen wie ein Kind behandelt. Aber durchsetzen kann man es nur, wenn man Macht hat.

Vor kurzem habe ich „Schuld und Abwehr“ von Adorno gelesen, und einer der interessantesten Abschnitte behandelte die Frage, wie sich die Deutschen selbst sehen (oder sahen – die Interviews wurden 1950 geführt.) Sie pathologisierten und infantilisierten sich selbst, hielten sich also nicht wirklich für zurechnungsfähige Erwachsene. Aber das hieß nicht, dass sie, nachdem sie ihre Unzulänglichkeit erkannt hatten, sich nun bemühten, diese zu beheben und reifer zu werden, sondern sie verlangten von denen um sie herum, dass sie Rücksicht auf diese Unzugänglichkeit nähmen, und, zum Beispiel, nur ganz langsam und vorsichtig und ohne irgendwelche Schuldgefühle zu vermitteln, von den gerade erst vergangenen Verbrechen sprächen. „Die um sie herum“ waren in erster Linie die amerikanischen Besatzer: Von ihnen wurde verlangt, dass sie sich wie geduldige Eltern benähmen, und ansonsten wurde ein Maßstab an Perfektion angelegt, dem sich diejenigen, die ihn anlegten, nie unterworfen hätten. Aber sie waren eben auch wie Kinder.

 

 

 

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