Gefühle respektieren – Irrationalität respektieren

Die Frage, ob es moralisch Geboten sei, die Gefühle anderer Menschen zu respektieren, treibt mich ungefähr seit Januar um, also seit den Morden an der Redaktion von Charlie Hebdo und an den Menschen im jüdischen Supermarkt. Um die Debatte nicht noch einmal aufzurollen, hier ein Link zu einem Text von Alex Feuerherdt in der Jungle World: Bedroht von der Meinungsfreiheit.

Bei der damaligen Debatte ging es um religiöse Gefühle, wobei ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob es wirklich um Religion geht. Religion stört ja niemanden, so lange niemand im Namen der Religion andere zu etwas zwingt, was sie nicht für richtig halten (oder von etwas abhält, was mit dem weltlichen Gesetz vereinbar ist.) Religion wird kritisiert, wenn sie diese Grenze überschreitet – und Kritik schließt lächerlich machen mit ein. Manche Dinge kann man nur in ihrer Absurdität vorführen, man muss sie nicht sorgfältig auseinandernehmen. Aber mein Eindruck ist, dass es in den Debatten um religiöse Gefühle nicht wirklich um Religion geht, sondern um Identität, dass also Menschen einen Teil ihrer Identität (und ihres Selbstwertgefühls) an die Zugehörigkeit zu einer Religion koppeln und sich anschließend verletzt fühlen, wenn man diese Religion kritisiert oder verspottet.

Aber eigentlich will ich nicht über Religion sprechen, sondern über andere Verletztheiten. „Verletze seine oder ihre Gefühle nicht!“ ist ein Gebot, das mir nämlich nicht zuerst im Umgang mit religiösen Menschen, sondern im Umgang mit Altnazis auffiel, etwa im Umgang mit der Enkelin eines SS-Manns, die sich noch nie im Leben kritisch mit der Geschichte ihres Großvaters auseinandergesetzt hatte. „Verletze ihre Gefühle nicht!“ wurde mir gesagt, und damit war gemeint: „Sie liebt ihren Großvater und hat positive Erinnerungen an ihn – stell das bitte nicht in Frage, indem du darauf beharrst, seine SS-Mitgliedschaft zu diskutieren.“

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen es angemessen ist, die Gefühle anderer Menschen zu respektieren und nicht gerade heraus zu sagen, was man denkt. Wenn mir das Kleid einer Freundin und Kollegin nicht gefällt, dann muss ich ihr das nicht sagen. Wenn ein Bekannter einem riskanten Hobby nachgeht, ohne die notwendige Sorgfalt walten zu lassen, und ihm dann tatsächlich etwas passiert, muss man nicht sagen: „Das konnte ja nicht ewig gut gehen.“ Aber zumindest im ersten Fall geht es eben nicht um Rationalität oder Irrationalität, sondern um Geschmack (und vielleicht ist mein eigener Geschmack ja das Problem), und im zweiten Fall braucht man nichts zu sagen, weil das Gegenüber wahrscheinlich schon selbst gemerkt hat, dass es etwas zu leichtsinnig war.

Es gibt aber auch Situationen, in denen Schweigen und „keine Gefühle verletzen“ bedeutet, dass man die Solidarität mit dem, was gut und richtig ist, aufgibt. Das klingt jetzt ein wenig pathetisch, aber ich glaube, kleiner geht es tatsächlich nicht. Kleiner heißt in diesem Fall: irgendwie zielorientiert, also instrumentell.

Das eine Ziel könnte darin bestehen, dass man die Person, der man widerspricht, auffordern will, ihre Ansichten zu ändern. Aber das funktioniert nicht oft, und zwar gerade dann nicht, wenn tiefverwurzelte Identitäten oder Loyalitäten dem im Wege stehen. So etwas geben Menschen nicht gerne auf, und entweder werden sie aggressiv, oder sie werden sehr kreativ im Umdeuten der Realität.

Das andere Ziel… in Zeiten, als ich noch stärker an mir selbst zweifelte (und häufig zweifle ich immer noch) und nicht glaubte, dass Abstraktes wie das, was wahr und richtig ist, es wert wäre, verteidigt zu werden, habe ich mir eine Hilfskonstruktion zurecht gelegt: Wie würde es einem Opfer der NS-Herrschaft gehen, wenn er oder sie sich anhören müsste, wie jene Nazi-Enkelin ihren Großvater preist, und niemand ihr widersprechen darf, um sie nicht zu verletzen? Ich habe also abgewogen: die Gefühle jenes potentiellen NS-Opfers gegen die der Nazi-Enkelin. Aber in Wahrheit war diese Abwägung keine Abwägung von Gefühlen, sondern wenn ich den Gefühlen des NS-Opfers, das möglicherweise unerkannt in der Runde sitzt, den Vorzug gebe, so deswegen, weil ich ein Urteil treffe: ein moralisches Urteil über die NS-Zeit, und ein Urteil darüber, ob das, was die Nazi-Enkelin erzählt, wahr ist (auch wenn ich es nicht im einzelnen überprüfen kann.)

Außerdem darf mein Handeln nicht davon abhängen, ob tatsächlich ein NS-Opfer in der Runde sitzt. Ich muss nach Möglichkeit dafür sorgen, dass es in meiner Runde so zugeht, dass es sich wohlfühlen würde. Ich kann auch ein anderes Beispiel nehmen: Ob ich homophoben Sprüchen in meiner Umgebung widerspreche oder nicht, darf nicht davon abhängen, ob Homosexuelle dabei sind, die sich möglicherweise verletzt fühlen könnten, so dass ich, wenn ich sicher bin, dass alle Zuhörer hetero sind, die Sprüche „durchgehen“ lasse, weil ich den Sprücheklopfer nicht unnötig verstören, irritieren, verärgern oder verletzen will.

Es geht darum, dass diejenigen, die durch solche Sprüche verletzt werden, nicht vom Kommen abgehalten werden. Aber manchmal gibt es Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeit, dass sie kommen, tatsächlich sehr gering ist, und dann geht es eben um das, was wahr und richtig ist.

Es geht natürlich auch um Macht. Ich lese gerade „The Shepherd’s Crown“, Terry Pratchetts letztes Buch, und in einer Szene sagt eine Mutter zu ihrem Sohn „Don’t Upset your Father“. Der Sohn ist im Recht und der Vater im Unrecht, aber der Vater ist mächtiger als der Sohn, und die Mutter unterwirft sich ihm und fordert auch den Sohn zur Unterwerfung auf, aber der Sohn unterwirft sich nicht, sondern geht. Unterwerfung mag manchmal eine sinnvolle Option sein, um zu überleben, aber mit Moral hat das nichts zu tun.

In jenem Streit mit der Nazi-Enkelin war ich nicht die Gruppenleiterin. Ich wäre auf Solidarität entweder aus der Gruppe oder von der Gruppenleiterin angewiesen gewesen. Letztere stellte sich aber gegen mich, obwohl sie tatsächlich die Macht gehabt hätte, die andere Frau rauszuwerfen: „In meiner Gruppe sollen sich auch die Nachkommen von Opfern wohlfühlen, und deswegen kann ich es nicht dulden, wenn von guten SS-Großvätern erzählt wird, insbesondere, weil solche Geschichten in aller Regel Lügen sind. Ich kann jetzt für deinen Fall nicht im einzelnen nachweisen, dass das eine Lüge ist, aber das ist hier jetzt egal.“

(Vielleicht wundert ihr euch, warum mir diese Geschichte wieder so durch den Kopf geht, obgleich sie mittlerweile zwölf Jahre her ist. Sie geht mir durch den Kopf, weil mir vor kurzem etwas ähnliches passiert ist, über das ich hier aber aus Anonymitätsgründen nicht schreiben will.)

Warum widersprechen Menschen, die Macht haben, in solchen Situationen nicht? Mir fallen zwei Möglichkeiten ein, und ich vermute, dass in aller Regel beide zusammen auftreten: Erstens haben diese Menschen (wie die meisten „Herkunftsdeutschen“) Eltern oder Großeltern, die die NS-Zeit noch nicht aufgearbeitet haben. Vielleicht ist es nicht ganz so krass wie bei der SS-Enkelin, aber eben doch noch ausgeprägt genug, um für diese Enkelin Verständnis zu haben: Man selbst hat schließlich auch die Liebe zu den eigenen Eltern oder Großeltern und deren Begeisterung für Hitler irgendwie in Einklang bringen müssen. Dies ist immer ein Problem, es wird aber leichter, wenn sich die Eltern oder Großeltern kritische Fragen gefallen lassen und schwieriger, wenn sie diese Fragen abblocken oder Lügen erzählen oder durch manipulative Tricks deutlich machen, dass sie diese Fragen für unangemessen halten. Es gibt eine ganze Reihe von klassischen Methoden, etwa dass man den Nachkommen das Recht zum Urteil abstreitet, weil sie nicht dabei waren, oder dass man darauf verweist, wie viel man für Kinder und Enkel getan hat, so dass sie kein Recht zu Kritik hätten. Es ist aber eine endliche Anzahl von Methoden. Eine davon ist, dass man aufbraust und gleichzeitig sich tief verletzt und betrübt zeigt (häufig in Kombination), und das sind dann eben die verletzten Gefühle. In Wirklichkeit aber wird den Kindern Angst gemacht.

Ich überlege mir gerade, wie alt ich mir diese Kinder vorstelle. Kinder lernen schon sehr früh, dass sie die Gefühle ihrer Eltern nicht verletzen dürfen, weil diese sonst sehr wütend werden. Andererseits werden sie erst ab einem bestimmten Alter kritische Fragen nach dem Nationalsozialismus stellen. Aber ein Kind, das mit drei gelernt hat, dass es die Eltern auf keinen Fall erzürnen darf, wird mit zwölf keine kritischen Fragen stellen. Wenn es Glück hat, stellt es diese Fragen später – vielleicht auch erst, wenn sich die Machtverhältnisse umkehren, also kurz bevor die Eltern dement werden.

Erstens haben Menschen wie meine damalige Gruppenleiterin also gelernt, dass sie vor den damaligen Tätern und Menschen, die noch nichts aufgearbeitet haben, besser den Mund haben und Rücksicht auf ihre Gefühle nehmen, weil diese eben sehr wütend werden können, wenn man keine Rücksicht nimmt. Und in Wirklichkeit nimmt man nicht Rücksicht auf Gefühle, sondern Rücksicht darauf, dass sich Menschen der Realität der NS-Zeit, ihrer eigenen Täterschaft oder der ihrer Eltern und Großeltern und der des eigenen nationalen Kollektivs noch nie gestellt haben. Die Frage ist nur, ob diese Weigerung, sich zu stellen, in irgendeiner Weise schützenswert ist.

Zweitens aber hat die Unmöglichkeit, den Eltern oder Großeltern kritische Fragen zu stellen, oft zur Folge, dass die eigenen Einstellungen denen der Vorfahren auf fatale Weise ähneln. (Gerade gestern habe ich einen Artikel gefunden, der mit erschreckenden Ergebnissen einer empirischen Untersuchung aufweist: Auch heutige Jugendliche, die ihre während des Nationalsozialismus erwachsenen Urgroßeltern nie gekannt haben, argumentieren ähnlich wie die damaligen Täter und Mitläufer: Weil das ebend die Befehle sind.)

Meine Gruppenleiterin hat sich also nicht nur aus Angst hinter die Nazi-Enkelin gestellt, sondern auch, weil sie dies für richtig hielt: Gefühle, auch wenn es die von Nazi-Enkeln sind, dürfen nicht verletzt werden. Das, was abstrakt wahr und richtig ist, hat demgegenüber zurückzustehen: es ist nicht von eigenständigem Wert, jedenfalls nicht von höherem als die Gefühle jener Nazi-Enkelin. Die Möglichkeit, dass auch Menschen im Raum sein könnten, die Opfer der NS-Herrschaft oder Nachfahren solcher Opfer sind, wird nicht in Betracht gezogen.

Und das ist jetzt der dritte Punkt: es hat sich eine Art deutscher Moral gebildet: Wie gehen wir Deutschen miteinander um, wenn wir unter uns sind – und solange es nicht offensichtlich ist, dass wir nicht unter uns sind, tun wir so, als wären wir es: Wir nehmen Rücksicht auf unsere Gefühle und die unserer Landsleute, auch wenn es sich bei diesen Gefühlen um die nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit handelt. Es fällt nicht schwer, Rücksicht zu nehmen, weil wir selbst auch nicht alles aufgearbeitet haben (und da schließe ich mich mit ein – es ist work in progress.) Und auf Grund dieser „Moral“ werden diejenigen verurteilt, die nicht mitspielen – wenn es hart auf hart kommt (ich habe mich vor kurzem einmal wieder mit der Walser-Bubis-Kontroverse beschäftigt) auch diejenigen, die Überlebende oder Nachfahren von Opfern der NS-Verfolgung sind.

Jetzt muss ich noch die Kurve kriegen zu ein paar „Internetfunden“, die in den letzten Tagen in meinem WordPress-Reader gelandet sind (beide wieder über das Blog von Hajo Funke): In beiden geht es um die Frage, ob man Rücksicht nehmen solle auf die Gefühle von Menschen, die keine Flüchtlinge bei sich aufnehmen wollen. Der erste ist über einen Minister, der öffentlich über die Aufhebung der Schulpflicht für Flüchtlingskinder nachdachte: Andreas Bausewein fordert Aufhebung von Schulpflicht für Asylbewerber

Vielleicht gibt es ein paar vernünftige Gründe für die Aussetzung der Schulpflicht (zum Beispiel kann man darüber diskutieren, dass sie erst dann einsetzt, wenn sich die Kinder drei Monate in Deutschland aufhalten), und vielleicht auch ein paar, die zwar nicht vernünftig, aber in gewisser Weise verständlich sind (organisatorische Überforderung, die man allerdings beheben sollte), aber wo es bei mir ausgehakt hat, war jene Stelle, wo der Minister mit der Möglichkeit eines zweiten Heidenaus argumentiert. Er argumentiert  im Prinzip mit den irrationalen Gefühlen der Menschen und tut so, als sei es selbstverständlich, dass man auf solche irrationalen Gefühle Rücksicht nehmen müsse. Ähnlich wie bei jener Gruppenleiterin stellt sich die Frage, woran das liegt: Hat er Angst, weil jene irrationalen Menschen einen Machtfaktor darstellen, oder hat er im Prinzip Verständnis für diese Menschen und findet sie gar nicht so irrational, oder ist es eben diese in Deutschland übliche Moral, dass man auf die Gefühle der Mitmenschen Rücksicht nehmen müsse, gleichgültig wie irrational diese sind.

Aber anscheinend ist das nicht nur eine in Deutschland verbreitete Moral: Mein zweiter Link führt zu einer Sendung der BBC: Germany’s open door policy? Auch der englische Interviewer hält es für selbstverständlich, dass Menschen angesichts zu vieler Flüchtlinge feindselige Gefühle entwickeln, und meint, man müsse darauf Rücksicht nehmen.

 

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