U.K.Le Guin schreibt, was es bedeutet, in eine Südstaatenfamilie einzuheiraten

Schon wieder ein Lesetipp: Ursula K. Le Guin rezensiert das neue alte Buch von Harper Lee, „Go Set a Watchman“. Harper Lee ist die Autorin von „To Kill a Mockingbird“, und so viel ich verstanden habe, ist das neue Buch die erste Version des alten Buchs. Heute mittag habe ich beide Bücher im Buchladen gesehen.

A Personal Take on Go Set a Watchman

Außerdem hier noch ein Lesetipp, eine der interessantesten (aber auch etwas moralistischen) Kurzgeschichten der Autorin: The Ones Who Walk Away from Omelas

Der Abschnitt, der mich am meisten zum Nachdenken brachte, war der folgende:

So, the daughter returning home on a visit finds her father, her model of clear thinking and courageous honesty, is siding with the bigots; her boyfriend, her model of brotherly kindness, is siding with the bigots. What’s she to do?

The answer from outside is quick and easy: of course she rebels. She rises in wrath, denounces, disowns, and departs.

That’s what Scout (now Jean Louise, 26, on a two-weeks visit home from New York) almost does. It’s what I would have imagined her doing, and believed it absolutely necessary for her to do, before I married into a white Southern family and lived with them some years.

If you love and respect people who live in and obey the rules of such a society, and I loved my father and mother in law, and they deserved all my love and respect — if they love and respect you, as they did me — if you have family feeling or rational sense of decency, you do not and cannot arise in a halo of self-righteousness at every instance of race prejudice, denounce, disown, and depart. Depart where? You live there. These are your people. You are a member of this kind, upright, affectionate family. You live in this society with its tremendous, ingrained prejudices — racial, religious, and other.

You find how to evade showing approval of injustice, and how to avoid practising it, as well as you can. You meet the endless overt bigotry with silent non-acceptance, perhaps with a brief word or two reminding the bigot that not everyone shares, or admires, his opinons. Now and then, when Cousin Roy gets to ranting on about the niggers, and you’re about to leave the room because you’re feeling sick, your mother-in-law says very quietly, I don’t like such talk, Roy. And Roy shuts up.

Aber ich frage mich, ob sie Recht hat.

Es fängt mit einem der allerersten Sätze über ihre Schwiegerfamilie an, dem, der vor den beiden Gedankenstrichen steht: „They deserved all my love and respect“. Begründung gibt es keine, außer dass auch die Schwiegertochter geliebt und respektiert wurde. Die Familie wird als „kind, upright and affectionate“ beschrieben. Die Tatsache, dass sie sich an den Regeln ihrer Gesellschaft, der rassistischen Gesellschaft der Südstaaten vor der Bürgerrechtsbewegung orientieren, ändert nichts daran. Oder eben doch?

Aufzustehen und zu gehen, wenn rassistische Äußerungen fallen, sei unmöglich, wenn man „familiy feeling or rational sense of decency“ besitze. Es zu tun, wäre selbstgerecht, weiter nichts. Aber stimmt das?

Sie beschreibt, was sie stattdessen getan hat: Still bleiben, nicht mitlachen, zeigen, dass sie die rassistischen Ansichten nicht teilt, hin und wieder ein Wort, das deutlich macht, dass nicht jeder die Ansichten des Rassisten teilt. Ist das wirklich die bessere Alternative, oder ist das nur einfach das, was die meisten tun, weil sie sich mehr nicht trauen? Weil aufzustehen und zu gehen einen Preis hat: Wohin soll man gehen?

Ich fange mit der ersten Frage an. Die Schwiegereltern sind freundlich und anständig, sie haben die Schwiegertochter liebevoll aufgenommen. Das einzige Problem besteht darin, dass sie sich entsprechend den Regeln ihrer rassistischen Gesellschaft verhalten und Vorurteile äußern. Reicht das schon, um zu sagen, dass sie Liebe und Respekt verdienen, nur weil sie zu ihr selbst, der Schwiegertochter, freundlich sind? Kann das moralische Urteil geteilt werden: Wie gehen sie mit mir und mit anderen Weißen um, und wie gehen sie mit Schwarzen um?

Zweitens: Ist es ein Zeichen von Selbstgerechtigkeit, wenn ich aufstehe und gehe? Bedeutet es zwangsläufig, dass ich mich für besser halte, nur weil ich nicht in der Gesellschaft rassistischer Menschen leben und mir ihre Sprüche nicht anhören will? Es kann ja sein, dass ich in vielen anderen Punkten den Schwiegereltern unterlegen bin, nicht so anständig und freundlich und respektwürdig. Aufzustehen und zu gehen heißt doch nur, zu zeigen, dass einem dieser eine Punkt so wichtig ist, dass er die anderen Punkte überwiegt. Man wird andere Menschen finden, die ebenfalls anständig und freundlich und respektwürdig, aber nicht rassistisch sind.

Und ist schweigen und nicht Mitlachen wirklich der bessere Weg gegenüber aufstehen und gehen? Im Prinzip sind beides Wege der Ohnmächtigen: der beste Weg wäre, rassistische Äußerungen offen anzusprechen und zu kritisieren. Aber es gibt Situationen, in denen dies schwierig ist, weil die andere Seite mächtiger ist und kein Interesse daran hat, sich selbst zu reflektieren. Dann kann man entweder gehen oder mit kleinen vorsichtigen Äußerungen versuchen, die Menschen doch zum Nachdenken zu bringen.

Ich vermute, dass der Umgang mit der Schwiegerfamilie die schwierigste soziale Situation ist. Man hat sie sich nicht ausgesucht, sondern man hat den Partner oder die Partnerin geheiratet, und die Schwiegerfamilie, die einen ebenfalls nicht ausgesucht hat, gehört nun dazu. Wenn man Glück hat, versucht sie, einen freundlich aufzunehmen, und von einem selbst wird ebenfalls Freundlichkeit erwartet. Grundsatzdiskussionen über Rassismus sind dann schwieri, vor allem, weil man den Partner oder die Partnerin dadurch in Schwierigkeiten bringt. Es müsste eigentlich die Aufgabe der eigenen Kinder, nicht der Schwiegerkinder sein, mit ihren Eltern über Rassismus zu streiten.

Einer meiner Exfreunde hatte eine Mutter, die noch der Überzeugung war, dass der Zweite Weltkrieg ein Präventivkrieg gewesen sei. Man hätte einem Angriff der Sowjetunion zuvorkommen sollen. Als ich das verstand, war ich erst einmal schockiert (ich kannte diese Ansicht aus meiner eigenen Familie nicht), sagte nichts und sprach meinen Freund darauf an, als wir zu zweit waren. Er bestätigte meinen Eindruck und sagte, daran würde man jetzt nichts mehr ändern. (Seine Mutter ging auf die Achtzig zu.) Ich habe dann auch keine Diskussion begonnen.

Vielleicht würde ich mich jetzt anders verhalten. Ich bin älter geworden und habe verschiedene Formen der Weigerung, sich historisches Wissen statt der NS-Propaganda anzueignen, kennengelernt. Vielleicht würde ich jetzt versuchen, der älteren Dame, die tatsächlich sehr freundlich und ziemlich krank war, zu erklären, dass der Zweite Weltkrieg kein Präventivkrieg war. Ich würde versuchen, freundlich zu bleiben, gerade, weil auch sie selbst freundlich war. Ich würde hoffen, dass sie mir freundlich zuhört und nicht ihrerseits aggressiv reagiert.

Das ist nämlich die andere Seite: Neben älteren Damen, die anfangen nachzudenken, habe ich auch solche kennengelernt, die sehr aggressiv reagieren, wenn ihr Bild der Zeit des Nationalsozialismus in Frage gestellt wird, nicht in Familie oder Schwiegerfamilie, sondern in Gruppen mit eher familiärem Charakter. Ich wünschte, ich könnte auf Anhieb erkennen, ob eine ältere Dame bereit ist, nachzudenken oder ob sie aggressiv reagiert, aber ich kann es noch nicht. Allerdings hatte ich beim letzten Mal, dass mir das passiert ist, eine Ahnung, welches Mitglied der Gruppe aggressiv reagieren würde.

Ich habe geschrieben, dass die beste Möglichkeit, besser als weggehen oder nicht mitlachen, darin bestehe, offen zu widersprechen und zu hoffen, dass die Menschen anfangen nachzudenken. Mir ist es geschehen, dass ich erst offen widerprach und dann merkte, dass die Machtverhältnisse ungünstig für mich waren, und daraufhin ging. Die passiven Strategien („nicht mitlachen“) waren nicht mehr möglich.

Aber die Machtverhältnisse waren, wie sie waren, weil zu viele Menschen im Raum waren, die der Person, die seit dem Ende des Krieges nichts gelernt hatte, nicht widersprachen, sondern der Ansicht waren, ich hätte den Fehler gemacht, weil ich mich nicht so verhielt, wie U. K. Le Guin es empfiehlt („Mund halten, nicht mitlachen“), sondern eben deutlich etwas sagte. Die empfanden mein Benehmen als extrem ungehörig und gaben mir die Schuld an den Reaktionen der Person, die aggressiv reagierte. Sie hatten mit ihrem Verhalten noch nie solche aggressiven Reaktionen provoziert, also musste ihr Verhalten angemessener sein. (Sie hatten natürlich mit ihrem Verhalten auch nicht erreicht, dass die entsprechende Person anfing nachzudenken.)

Insofern: Die Empfehlungen von U. K. Le Guin sind problematisch. Ich habe nichts gegen Menschen, deren einziger Protest gegen Rassismus innerhalb ihrer Bezugsgruppe darin besteht, nicht mitzulachen. Ich bin auch nicht immer mutig, und je nach sozialer Situation ist das auch meine Strategie. Aber diejenigen, die bleiben und nicht mitlachen, sind nicht in moralischer Hinsicht jenen überlegen (etwa weil sie weniger selbstgerecht wären oder über Familiengefühl und „sense of decency“ verfügen) als jene, die aufstehen und gehen.

Und deswegen hier auch noch einmal der Lesetipp zu einer älteren Kurzgeschichte von U. K. Le Guin: The Ones Who Walk Away from Omelas, über junge Menschen, die eben doch gehen.

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3 Antworten zu U.K.Le Guin schreibt, was es bedeutet, in eine Südstaatenfamilie einzuheiraten

  1. Trippmadam schreibt:

    Manchmal wird man es auch müde, wenn sich die Situationen wiederholen. Am Arbeitsplatz kann man nicht einmal ausweichen.

    • susanna14 schreibt:

      Ja, klar, es gibt viele Gründe, und gerade heute bin ich auch mal wieder in einer Situation gewesen, in der ich etwas sagen musste, und es auch nur leise getan habe, vor allem, weil der mit den Vorurteilen der Freund meiner Bekannten ist, und sie weiß das eigentlich auch, und im Prinzip kennt sie auch meine Position und steckt dazwischen. Und gerade am Arbeitsplatz kann man eben nicht ohne weiteres sich in Heldinnenpose werfen und gehen. Ich mache niemandem einen Vorwurf.

      Von U. K. Le Guin habe ich vor ca. zehn Jahren mehrere Sammlungen von Essays gelesen, auch über das Schreiben, und ihr ist es wichtig, dass gerade auch in Geschichten nicht nur der große, heldenhafte Widerstand mit der großen Pose gewürdigt wird, der gerade im Theater und im Film viel hermacht und fast immer von Männern verkörpert wird, sondern eben auch der kleine Widerstand: hier mal nicht mitlachen, dort mal ein Wort sagen und versuchen, jemanden zum Nachdenken zu bringen. Es ist wichtig, dass auch dieser kleine Widerstand gewürdigt wird, denn auch dieser trägt bei, dass sich Dinge verändern. Und sich in die Pose des Revolutionärs werfen und den Familientisch verlassen führt auch zu Problemen: Eventuell blockiert die Familie hinterher umso mehr, und auf jeden Fall wird es schwierig, nach diesem einmaligen Akt noch einmal Änderungen hervorzurufen.

      Aber gehen ist eben auch nicht wirklich der heldenhafteste Akt. Es ist auch ein Akt der Ohnmacht: Dann, wenn man es nicht mehr aushält, geht man. Und dieser Punkt ist (zum Glück) für unterschiedliche Menschen an unterschiedlichen Punkten erreicht. (Wobei es auch fraglich ist, ob man im Fall von Weißen, die sich nicht für rassistisch halten, tatsächlich besonders viel zu ertragen gibt, wenn sie sich rassistische Sprüche anhören müssen.)

      Unangenehm am Originalartikel fand ich vor allem dass bleiben und nicht mitlachen als moralisch überlegen gegenüber dem Gehen gewertet wird. Das fällt dann denen, die es nicht mehr aushalten, in den Rücken.

  2. Beat Company schreibt:

    „Helden werden nicht geboren, sondern erwachsen in dem Moment zu Helden, wo sie handeln, statt tatenlos danebenzustehen. Zu einem Teil ist es die Intuition, in einem besonderen Moment die Notwendigkeit einer Handlung höher einzuschätzen als die eigene Sicherheit. Jemand, der diesen höheren Wert klar sieht und sich gar nicht erst die Frage stellt, ob er handeln sollte oder nicht, sondern sofort handelt, so eine Person handelt meiner Meinung nach heldenhaft.“ – Aber von wem kann ich – habe ich das Recht (?) – das (zu) erwarten? …

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