Opferkonkurrenz: Hiroshima-Gedenken in Hannover

Da Hannover Partnerstadt von Hiroshima ist, findet hier jedes Jahr zum Jahrestag des Abwurfs der Atombombe eine Gedenkveranstaltung statt. Der Ablauf ist immer der gleiche, und auch dieses Jahr war trotz des „runden“ Jubiläums“ alles wie in anderen Jahren. Anders war nur, dass es vorher und hinterher ein Begleitprogramm gab.

Ich werde die drei Veranstaltungen vorstellen, an denen ich teilnahm: Die Veranstaltung in der Aegidienkirche am Morgen, eine Ausstellung im Neuen Rathaus, und das „Aussetzen“ von Laternen im Maschteich zum Gedenken der Toten. Im Abschluss an jeden Abschnitt werde ich meine Gedanken dazu aufschreiben.

 

Gedenkveranstaltung in der Aegidienkirche von 8.00 bis 8.15:

Die Neue Presse von Hannover berichtet über diese Veranstaltung in einer Bildergalerie, so dass ihr euch eine Vorstellung machen könnt:

Gedenken an den Schrecken

(Zur Aegidienkirche selbst gibt es auch etwas zu sagen: Ähnlich wie die Frauenkirche in Dresden wurde sie nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut, sondern als Ruine stehengelassen, so dass sie als Mahnmal dienen konnte: gegen die Schrecken des Krieges. Vermutlich aus diesem Grund ercheint es passend, auch das Gedenken an Hiroshima in dieser Kirche abzuhalten.)

Ich habe es geschafft, rechtzeitig aufzustehen, und bin vor um acht in der Aegidienkirche. Menschen stehen herum und reden, darunter viele Jugendliche. Um acht beginnen die beiden Ansprachen, eine von einem Herrn von der Kirche, die andere von einem der Hannoveraner Bürgermeister. (Der Oberbürgermeister ist in Hiroshima.)

Der Herr von der Kirche erzählt davon, wie an einem schönen Morgen vor 70 Jahren, als die Menschen in Hiroshima auf dem Weg zur Arbeit waren, sich ein Flugzeug, die Enola Gay, auf den Weg machte, mit einer Bombe an Bord, die zynischerweise „Little Boy“ hieß. Diese Bombe mit dem niedlichen Namen brachte hunderttausend Menschen auf grausame Weise um und hinterließ ein Grauen, das dem der Apokalypse glich. Besonders beklemmend gerade für ihn als Protestanten, sei, dass ein lutheranischer Geistlicher ein Gebet für die Piloten sprach, bevor sie sich auf den Weg machten. Er fragte, ob Gott nur mit den einen und nicht mit den anderen sei, so wie es früher auf den Koppelschlössern zu lesen war. Er mahnt, dass wir uns an die Atombomben erinnern, damit es nicht mehr geschieht.

Der Hannoveraner Bürgermeister erinnert an die Jahrestage, die wir dieses Jahr bereits hinter uns haben: Jahrestage der Befreiungen der verschiedenen Konzentrationslager, Jahrestag der Befreiung vom Faschismus (also des Kriegsendes), und jetzt eben Jahrestag der Bombe auf Hiroshima. In jenen Abschnitten der Rede, die von dem erzählen, was in Hiroshima geschah, knüpft er im wesentlichen an das an, was man in der Dokumentation bei arte sehen konnte (über die ich vorgestern geschrieben habe): Dass die amerikanische Regierung auch andere Möglichkeiten gehabt hätte, dass die japanische Regierung die Bombenabwürfe geheim gehalten hat, dass die Waisenkinder, die nach Hiroshima zurückkehrten, in die Hände der Yakuza gerieten oder in die Prostitution verkauft wurden. Interessant ist einer der letzten Sätze: Man möge sich auch daran erinnern, wie es zu Hiroshima und Nagasaki kam. Aber er führt dies nicht aus, und so ist nicht klar, was er meint: ob er die Initiative von Wissenschaftlern meint, die Roosevelt aufforderten, das Projekt zu starten, das zur Entwicklung der Atombombe führte, um sie gegen Deutschland einzusetzen, oder ob er den Krieg selbst meinte, der von Deutschland und Japan (weitgehend unabhängig trotz eines Militärbündnisses) begonnen worden war.

Die Rede des Herrn von der Kirche hat mich wütend gemacht. Ich war kurz davor, ihn zu unterbrechen und zu rufen: „Vielleicht ist Gott mit jenen, die sich verteidigen, und nicht mit jenen, die andere Länder überfallen.“ Aber im Prinzip bin ich mittlerweile Atheistin (auch wenn ich noch nicht ganz Abschied genommen habe), und schon als ich noch an Gott glaubte, dachte ich nicht, dass er die eine Seite gegen die andere unterstützt. (Eine muslimische Freundin hat mir übrigens erzählt, dass es das gleiche Phänomen auch im Islam gibt: Vor einem wichtigen Länderspiel (Qualifikation zur WM) erzählten die Imame von Ägypten und Algerien ihren jeweiligen Gläubigen, dass Gott mit dem eigenen Land sei. Aber ein Fußballspiel ist kein Krieg.)

Es sind Überlegenheit an Waffen, Soldaten und Material, die einen Krieg entscheiden, vielleicht auch die Entschlossenheit der Menschen, und letztere ist meistens höher bei denen, die sich verteidigen. Aber auf welcher Seite Gott steht, ist nicht unbedingt die Seite, die gewinnt. Wer an Gott glaubt und glaubt, dass Gott gut ist, wird der Ansicht sein, dass Gott auf Seiten der gerechten Sache ist, gleichgültig, ob diese gewinnt oder nicht. Im Prinzip hätte man auf die Koppelschlösser auch schreiben können: Unser Kampf ist gerecht (und deswegen ist Gott mit uns und wird uns gewinnen lassen.) Und was den Ersten Weltkrieg anbelangt, auf den sich der Geistliche bezog, ohne ihn explizit zu nennen (ich weiß nicht, ob Gürtel noch mit Koppelschlössern geschlossen werden), so glaubten zwar beide Seiten, für die gerechte Sache zu kämpfen, aber eine Seite hatte Recht, und die andere Seite irrte sich.

Ansonsten erschreckte mich vor allem die Wahl der Worte. An das Wort „Apokalypse“ erinnere ich mich mit Sicherheit, aber ich glaube, dass auch das Wort „Inferno“ fiel, und auch wenn davon gesprochen wird, dass Menschen grausam umgebracht wurden, bekomme ich Bauchschmerzen. Wer so redet, tut so, als sei das moralische Urteil klar: Die Atombomben waren ein schreckliches Verbrechen. Ein moralisches Urteil über die Atombomben zu fällen, ist aber nur dann einfach, wenn man den Kontext auslässt: Den Krieg, an dessen Ende die Bomben standen, an dessen Anfang aber die Überfälle auf China und Polen, und in deren Mitte die nicht nur aus moralischer, sondern auch aus militärischer Sicht wahnwitzigen Angriffe gegen die Sowjetunion und gegen Pearl Harbour. Ohne diesen Kontext sind die amerikanischen Soldaten Mörder, die mit einer Waffe, die schrecklicher war als alles, was man bis dahin gesehen hatte, 100 000 Menschen innerhalb weniger Sekunden grausam ums Leben brachten. Wenn man den Kontext mit hinzu nimmt, wird alles schwieriger.

Worte wie „Apokalypse“ und „Inferno“ erschrecken besonders, weil wenige Monaten vor den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki die alliierten Soldaten eine andere Art von Inferno entdeckt hatten: Die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis. Was war nun die schrecklichere Hölle – Auschwitz oder Hiroshima? Ich werde nicht versuchen, die Frage zu beantworten – ich halte es für besser, Hiroshima, so schrecklich es war, nicht als Hölle zu bezeichnen, denn damit liegt der Vergleich mit Auschwitz schon in der Luft. Oder vielleicht sollte man sagen, dass Hiroshima, aber nicht Auschwitz die Hölle war, denn nach christlicher Vorstellung (und der Vorstellung verschiedener anderer Religionen, aber damit kenne ich mich nicht genügend genau aus) landen die Menschen in der Hölle, weil sie schuldig sind. In Auschwitz aber wurden Unschuldige ermordet. Aus diesem Grund zeigt man wohl auch so gerne Bilder von Kindern, die in Hiroshima ums Leben kamen, denn Kinder sind immer unschuldig. Aber wie viele der Erwachsenen unterstützten das Militärregime?

Der dritte Punkt, der mich an den Diskurs über die Shoah erinnerte, war die Vorstellung, dass regelmäßiges Gedenken verhindern könne, dass „es“ wieder geschieht, wobei nie so ganz klar ist, was „es“ eigentlich ist, denn dass „es“ sich genauso wiederholen wird, ist praktisch unmöglich. Aber wie ähnlich muss ein Ereignis sein, damit wir sagen, „es“ hat sich wiederholt?

Aus jenem Grunde war es mir angenehm zu hören, dass der Bürgermeister zu Beginn seiner Rede die Jahrestage erwähnte, die wir bereits hinter uns haben und zu denen die Rollen von Täter und Opfer anders verteilt waren als beim Gedenken an Hiroshima. Erst als er nicht nennt, was zu Hiroshima und Nagasaki führte, nämlich der von Japan und Deutschland begonnene Krieg, bin ich enttäuscht.

(Im Nachhinein denke ich anders: Die Lücke in seiner Rede, nämlich dass er nicht erwähnt, wer den Krieg begonnen hat, ist offensichtlich, aber die Lücke findet sich auch in der Rede des Herrn von der Kirche und in den Reden, die am Abend gehalten werden. In der Rede des Bürgermeisters ist jedoch auch für Menschen, die, anders als ich, nicht darauf warten, dass irgendwann einmal diese Tatsache erwähnt wird, die Lücke erkennbar: Wenn der Bürgermeister sagt, wir müssten uns daran erinnern, was zu Hiroshima und Nagasaki geführt hat, dann erwarten die Zuhörer, dass er jetzt sagt, was es war: Aber er sagt es nicht. Vielleicht ist ihm da ein Satz aus seinem Redeentwurf gestrichen worden: „Unsere japanischen Gäste hören das nicht so gern.“ Als Kompromiss wurde jener Satz in der Rede stehen gelassen, der die Erwartungen weckt: Was hat denn nun dazu geführt? In der Rede des Herrn von der Kirche erscheint die Atombombe als ein Verbrechen, das keine Ursache hat.

Ich fliehe die Veranstaltung, bevor die Teezeremonie beginnt. Mein Plan ist, mir einen Becher Tee und eine Zeitung zu kaufen (Jungle World – es ist Donnerstag) und anschließend die Zeitung zu lesen und den Tee zu trinken, bis die Geschäfte öffnen und ich kaufen kann, was ich kaufen will. Ich komme am Hannoveraner Holocaustdenkmal vorbei, das wie das Berliner Holocaustdenkmal einlädt, es zu begehen und darauf zu verweilen. Ich überlege, dies zu tun, um mich nach dieser Viertelstunde, die ich als ziemlich schrecklich empfand, zu erholen und zu beruhigen, aber andererseits sehne ich mich nach Zeitung und Tee, und ich sage mir, dass es zwar in Ordnung sein mag, auf dem Hannoveraner Holocaustdenkmal zu sitzen, aber nicht mit Zeitung und Tee, und so setze ich mich mit Zeitung und Tee neben das Denkmal und beobachte die Menschen, die es sich ansehen. Ich frage mich, ob ich verrückt bin, das Denkmal als Ort der Beruhigung zu empfinden, aber vielleicht ist es gerade nicht verrückt: Die Aegidienkirche ist ein Ort der Verrücktheit, in welchem wesentliche Teile der Wahrheit nicht erwähnt werden dürfen, weil dies die Gefühle der Anwesenden verletzen könnte. Das Hannoveraner Holocaustdenkmal ist ein Ort des klaren Verstandes.

Ausstellung zu Hiroshima im Neuen Rathaus

Am Abend sehe ich mir die Ausstellung zu Hiroshima an. Sie befindet sich im Bürgersaal des Neuen Rathauses. Ich besuche sie wieder mit einer einzigen Fragestellung: Was wird über die Ursachen der Atombombenabwürfe erzählt?

Die Ausstellung erzählt viel von den Auswirkungen der Atombombe. Ihre Energie wird in dreierlei Form freigesetzt: Hitze, Druckwelle und Strahlung. Die Hitze erreichte mehrere Tausend Grad, so dass Menschen nahe dem Zentrum des Abwurfs einfach verglühten. Menschen weiter draußen waren schrecklich verbrannt, häufig ohne Haut, häufig schwarz vor verkohltem Fleisch, mit Brandblasen übersät, aber immer noch am Leben. Sie suchten Kühlung im Fluss, der bald voller Leichen war, und in den Zisternen der Stadt. Hinterher musste man die Leichen zu Hunderten aus dem Fluss ziehen. Die Ausstellung zeigte auch ein paar der berühmten Bilder, in denen ein Geländer oder ein Mensch einen bleibenden Schatten auf einer Straße, einer Hauswand oder Treppenstufen hinterlassen hatte. Manche Schatten sind heller, andere dunkler als die Umgebung, und ich frage mich, warum das so ist.

Die Druckwelle zerstörte in erster Linie Häuser. Die meisten Häuser Hiroshimas waren aus Holz und konnten dem Druck nicht standhalten, aber auch Gebäude aus Eisen, etwa eine Brücke, wurden zerstört. Menschen kamen vor allem um, wenn sie von herabstürzenden Gebäudeteilen erschlagen wurden.

Das dritte war die Strahlung, und sie war am tückischsten, weil sie den meisten unbekannt war. Menschen, von denen man glaubte, sie hätten das Schlimmste (also ihre Verbrennungen und Verletzungen) überstanden, wurden auf einmal krank und bekamen Haarausfall, und viele starben. Aber die Strahlung fordert auch jetzt noch ihre Toten in Form von Krebstoten.

Die Ausstellung ist informativ und erschreckend, aber über eines informiert sie nicht: Über den Krieg. Die Atombombe fällt sozusagen aus heiterem Himmel. Das einzige Photo von vor dem Krieg zeigt die Testexplosion einer Bombe in der amerikanischen Wüste von Nevada. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Es wird gesagt, dass es in Hiroshima eine hohe Konzentration militärischer Einrichtungen gab. Ich überlege mir, etwas ins Gästebuch zu schreiben: Sie sollten auch darüber informieren, wie es zum Krieg kam, aber ich lasse es. Ich will keinen Ärger.

Laternen Aussetzen am Maschteich: 

In Hiroshima ist es Sitte, dass abends Papierlaternen zum Andenken an die Toten in den Fluss gesetzt werden, so dass sie vom Fluss ins Meer getragen werden. (Die Dokumentation bei arte erzählt ganz am Ende davon.) In Hannover werden Laternen in den Maschteich gesetzt. Sie bestehen aus einem Holzrahmen, der unten offen ist, nur mit einem Lattenkreuz zwischen den Stangen, die den Außenrahmen bilden, so dass in die Mitte ein Teelicht gesetzt werden kann, und aus Pergamentpapier, das um die Laterne herum gespannt wird. Die Laternen kosten fünf Euro, und ich suche mir eine in violett und gelb aus.

Gegen viertel vor zehn beginnt es, dunkel zu werden, und die Menschen zünden ihre Laternen an und machen sich bereit. Aber bevor die Laternen in den Teich gesetzt werden können (alle sprechen von „Aussetzen“, als handele es sich um Haustiere) werden noch ein paar Reden gehalten. Zunächst spricht ein Herr von einem der drei hannoveranischen Vereine, die sich der Pflege der Städtepartnerschaft mit Hiroshima widmen. Ich weiß nicht mehr, welcher es ist, und ich bin ganz froh darum, denn auch diese Rede stellt in meinen Augen ein großes Problem dar.

Ich verpasse den Anfang der Rede, weil ich mit meiner Papierlaterne beschäftigt bin. Als ich zuhöre, erzählt der Redner gerade, dass sich die Einwohner Hiroshimas bemühen, dass einmal ein amerikanischer Präsident ihre Stadt besucht und sich ansieht, wie schwer sie zerstört wurde. Es war schon ein großes Ereignis, als einmal der amerikanische Botschafter den Gedenkveranstaltungen für die Atombombenopfer beiwohnte. Sie hoffen außerdem immer noch, dass die Atommächte dieser Erde (ich weiß nicht, ob er nur von den fünf „klassischen“ oder von allen sprach) einmal eine Abordnung aus Hiroshima empfangen werden, damit sie ihnen erzählen können, wie schrecklich Atomwaffen sind. Es bleibt nicht viel Zeit, denn nur noch wenige Hibakusha sind am Leben  und können erzählen. Es stelle sich die Frage, was sei, wenn niemand mehr am Leben ist. Was wird dann aus dem Gedenken? Immer wieder werde die Frage gestellt: warum wird ihrer noch gedacht, siebzig Jahre nach dem Krieg? Aber wenn die Opfer vergessen würden, sei dies das schlimmste, was passieren könne. Wer kann dann noch berichten, wie schrecklich Atomwaffen sind?

Anschließend sprach wieder der Bürgermeister. Er sagte nicht viel, nur dass der Tag für ihn sehr bewegend gewesen sei. Dann wurde noch gemeinsam ein Lied gesungen (Notenblätter wurden schnell verteilt).

Schließlich wurden die Laternen im Maschteich ausgesetzt. Es ist immer ein bisschen ein Spiel: Gelingt es, dass die Laternen sich von der Treppe, von der aus sie ausgesetzt werden, weg bewegen und ein wenig in den Teich hineintreiben? In Hiroshima selbst ist das alles kein Problem, da die Laternen dort im Fluss ausgesetzt werden und vom Fluss ins Meer getragen werden, aber auf dem Maschteich weht normalerweise kein Wind, und die Laternen bleiben am Ufer hängen. Dieses Mal wurden sie wenigstens ein bisschen in den Teich hinein getragen. Ich hatte meiner eigenen Laterne ein paar gute Wünsche mitgegeben und sah ihr zu, wie sie Teil einer Gruppe von Laternen wurde. Irgendwann wusste ich nicht mehr, welches meine war (es gab mehrere in violett und gelb), und dann ging ich nach Hause. Sie würde mit den anderen Laternen leuchten.

Den Laternen zuzusehen hatte mich friedlich gestimmt, aber die Rede des Herrn vom deutsch-japanischen Verein hatte mich entsetzt: Nicht nur das Vokabular („Opfer“, „Überlebende“), sondern auch die Grundideen seines Vortrags schienen dem Diskurs über das Gedenken an den Holocaust entnommen zu sein: Die Klage darüber, dass die Überlebenden ausstürben, die Frage, was dann mit der Erinnerung geschehe, die Warnung vor dem „Schlussstrich“ (warum noch gedenken, siebzig Jahre später?), nur dass der Schlussstrich in diesem Fall keinen Sinn macht, jedenfalls nicht hier in Deutschland, da wir ja, was Hiroshima anbelangt, keinen Anlass zur Schuldabwehr haben.

Fazit:

Ich fürchte, es ist schwierig, den japanischen Gästen und Mitbürgern zu erklären, dass sie auf andere Weise des Atombombenabwurfs gedenken sollten: Dass sie nicht so tun sollten, als wären die Bomben aus dem Nichts gekommen und aus reiner Bösartigkeit von den Amerikanern abgeworfen worden. Sie sollten erzählen, dass Japan im Jahr 1937 China und im Jahr 1941 Pearl Harbour angegriffen hat. Sie sollten erzählen, dass Japan China und Korea und große Teile Südostasiens besetzt hatte. Sie sollten erzählen, dass die Japaner als Befreier von den westlichen Kolonialherren auftraten, sich dann aber wie neue Kolonialherren verhielten. Sie sollten vom ultranationalistischen Regime erzählen, das japanische Jugendliche in  den Tod schickte und sie als Kirschblüten verklärte. Sie sollten erzählen, dass man die Niederlage letztlich als Befreiung auch der Japaner werten muss. Ich fürchte, all das ist schwierig, wenn man die japanischen Gäste nicht verärgern will, wobei das Problem bei den japanischen Gästen läge, nicht bei dem, der solche Punkte anspricht.

An einem Punkt aber sollte eine Grenze gezogen werden: Die Opferkonkurrenz zur Shoah sollte vermieden werden. Alles, was irgendwie an den Diskurs über den Holocaust erinnert und den Eindruck erweckt, es würden Parallelen zwischen den beiden Ereignissen gezogen, sollte aus den Reden über Hiroshima gestrichen werden. Das sollten die deutschen Gastgeber um ihrer selbst willen verlangen – beziehungsweise, wenn sie selbst Reden halten (gestern habe ich keine Rede von einem Japaner gehört), sollten sie  daran denken, dass es sich um zwei sehr unterschiedliche Ereignisse handelt und diesen Unterschied herausarbeiten, nicht verwischen. Es gab Gründe, Hiroshima zu bombardieren. Es gab auch Gründe, es bleiben zu lassen, und alle Faktoren bedenkend würde ich sagen, man hätte es bleiben lassen sollen. Aber die Amerikaner waren nicht vollkommen irrational, als sie Hiroshima bombardierten, sondern sie wollten dadurch den Tod der eigenen GIs vermeiden (was sich ja verstehen lässt), und während die Juden an ihrer Verfolgung unschuldig waren, gilt dies nicht für die Japaner, zumindest nicht als Kollektivsubjekt – und ich gehe mal davon aus, dass in Japan wie in Deutschland viele Menschen das Regime unterstützt und sich an Verbrechen beteiligt haben. Der Hass der Amerikaner war nicht ohne Ursache.

 

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Eine Antwort zu Opferkonkurrenz: Hiroshima-Gedenken in Hannover

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