Nicht vor 70, sondern vor 75 Jahren,

und auch nicht vor genau 75 Jahren, sondern vor 75 Jahren und ein paar Monaten wurde eine Stadt innerhalb ziemlich kurzer Zeit (Viertelstunde) fast völlig zerstört. Angesichts der Drohung, dass noch weitere Städte zerstört werden könnten, kapitulierte die Regierung des betreffenden Landes.

Im Gegensatz zur Zerstörung Hiroshimas ist die Zerstörung Rotterdams nicht Teil des kulturellen Gedächtnisses in Deutschland. Das liegt nicht daran, dass in Hiroshima eine neuartige Waffe eingesetzt wurde und in Rotterdam nicht – immerhin finden regelmäßig Gedenkstunden an die Zerstörung Dresdens oder den Feuersturm in Hamburg statt, und in der Stadt, in der ich lebe, Hannover, ist auch die Erinnerung an die Bombardierung noch lebendig und wird durch regelmäßige nächtliche Räumungen von Blindgängern am Leben erhalten. Außerdem wird jedes Jahr am 6. August an die Zerstörung Hiroshimas, einer Partnerstadt Hannovers erinnert,und ich besuche diese Veranstaltungen und achte darauf, ob in den Reden, die dort gehalten werden, erwähnt wird, dass Japan den Krieg begonnen hat.

An Rotterdam erinnert man sich nicht, weil Rotterdam von den Deutschen zerstört wurde. Auch andere Städte, etwa Coventry oder Warschau wurden zerstört, und im Prinzip gehört auch Guernica in diese Liste, obgleich die Zerstörung Guernicas nicht Teil des Zweiten Weltkriegs, sondern Teil des Spanischen Bürgerkriegs ist. Ich habe Rotterdam ausgewählt, weil eine Freundin von mir in der Nähe wohnt und weil ich daher die Stadt kenne. Man muss, wenn man Rotterdam besichtigt, auch kein Geschichtsbuch zur Hand nehmen, um zu merken, dass es während des Krieges zerstört wurde. Wenn man die Innenstadt mit der von Amsterdam oder Utrecht oder Groningen oder auch der von kleineren niederländischen Städten vergleicht, sieht man auf den ersten Blick, dass Rotterdam der historische Stadtkern fehlt und dass stattdessen moderne Architektur die Innenstadt prägt. Es handelt sich größtenteils um sehr gelungene Architektur im Vergleich zum Hauptsache-schnell-und-billig-Stil der Nachkriegszeit in Deutschland, aber die alten Gebäude werden eben doch vermisst. Und die Rotterdamer selbst erinnern sich noch selbstverständlich an die Zerstörung ihrer Stadt.

Als ich jüngst erzählte, dass Rotterdam während des Zweiten Weltkriegs zerstört worden sei, war die nächste Frage: In welcher Phase des Krieges – vielleicht waren es ja die Alliierten, die die Stadt um irgendwelcher taktischen oder strategischen Vorteile bombardierten. Ich war mir nicht mehr zu hundert Prozent sicher, hatte es aber doch korrekt im Kopf: Rotterdam wurde im Mai 1940 zerstört, also im Rahmen des „Westfeldzugs“, bei dem neben Frankreich auch die Beneluxländer erobert wurden. (Im Prinzip wurde der Schlieffenplan erfolgreich durchgeführt, also Frankreich wurde wieder von Norden angegriffen, aber eben doch nicht wirklich erfolgreich, weil es unmöglich war, Krieg und Besatzung über Jahre hinweg durchzuhalten und gegen die ganze Welt zu kämpfen.)

Rotterdam wurde nicht aus Rache zerstört, und es wurde auch keine Taktik der Alliierten übernommen, sondern die Stadt zu zerstören und die Zerstörung weiterer Städte anzudrohen war eine Taktik, die den Nazis und dem deutschen Militär ganz von allein eingefallen war, weil Holland mehr Widerstand leistete als erwartet. (Man konnte das Land nicht an einem einzigen Tag erobern.) Die holländische Regierung erwartete von ihren Bürgern nicht, trotz der Zerstörung ihrer Städte heldenhaften Widerstand zu leisten, sondern kapitulierte angesichts der unvermeidlichen Niederlage.


 


 

In der Mediathek von arte findet sich seit dem 4.8. eine Dokumentation über die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki: Countdown in ein neues Zeitalter: Hiroshima. Sie erzählt, wie die Bombe gebaut wurde, wie entschieden wurde, sie zu benutzen, wie welche Folgen die Bombe hatte: unmittelbar und auf längere Zeit.

Es wird nicht erzählt, dass Japan den Krieg begonnen hat, aber es wird beschrieben, wie selbst Kinder eingezogen wurden. Einer der Interviewten Zeitzeugen wurde zum Kamikaze-Zeugen ausgebildet.

Die militärische und politische Situation wird geschildert. Japan steht kurz vor der Niederlage und weiß es. Eine Kapitulation wird diskutiert, aber die Japaner stellen eine Bedingung, nämlich dass dem Kaiser und seiner Familie nichts geschieht, auch nicht, dass er vor Gericht gestellt wird. Eine Invasion Japans würde funktionieren, aber 50 000 GIs das Leben kosten.

Die Explosion kostet 100 000 Menschen sofort das Leben. Es spielen sich grauenhafte Szenen ab, vor allem leiden die Menschen unter furchtbaren Verbrennungen. Einige Wochen später stellt sich heraus, dass dies nicht alles war: Menschen sterben an einem Leiden, das man noch nicht kennt, und das später Strahlenkrankheit genannt wird.

(Zum ersten Mal höre ich in einem öffentlichen Text, was mir die Mutter von japanischen Freunden erzählt hatte, als ich ein Kind war: Die Menschen waren verbrannt und rannten zum Fluss um sich zu kühlen, aber ohne Haut.)

Nachdem auch Nagasaki bombardiert wurde, kapituliert Japan, wobei nicht klar ist, ob die Bombe auf Nagasaki oder die Kriegserklärung der Sowjetunion der entscheidende Grund ist. Man hatte versucht, die Bombe auf Hiroshima vor dem Rest der Bevölkerung geheim zu halten.


Die Botschaft des Filmes ist klar: Die Bombe hätte nicht genutzt werden dürfen. Und wahrscheinlich stimmt das auch, wenn man bedenkt, dass es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte, Japan zur Kapitulation zu bewegen, ohne dass eine Invasion notwendig geworden wäre. Und gleichzeitig bleibt ein Nachgeschmack: Die Atombomben haben es den Japanern erlaubt, sich als Opfer zu präsentieren und zu fühlen, und so schrecklich alles war, sie waren nicht einfach Opfer. Der Film stellt sie ebenfalls als Opfer dar. Nur hin und wieder gibt es Bilder oder Sätze, die dem widersprechen: Wenn einer der Männer erzählt, wie er als junger Soldat sich für einen Offizier (oder General) mit Pferd und Säbel begeisterte, oder wenn erzählt wird, dass die Menschen mit optimistischen Erwartungen der Rede des Kaisers entgegensahen.

Nun habe ich doch ein schlechtes Gewissen, ob ich die Opfer der Bombe nicht beleidige, das gleiche schlechte Gewissen, das ich habe, wenn ich Opfer (oder „Überlebende“) der Bombenangriffe auf deutsche Städte daran erinnere, dass Deutschland den Krieg begonnen und als erstes die Bombardierung von Städten als militärische Taktik eingesetzt hatte. Wenn jemand von schrecklichem Leiden erzählt, ist die Erwartung an alle Zuhörer erst einmal, dass sie zuhören und still sind, dass sie Mitgefühl und Respekt empfinden, aber nicht, dass sie kritische Fragen stellen oder verlangen, dass die Ereignisse in einen größeren Kontext eingeordnet werden. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal mehr, ob das wirklich eine Haltung ist, die den Opfern gut tut, oder ob dies bedeutet, dass man das Leiden als einen von allem anderen abgetrennten Teil ihres Lebens betrachtet.

Aber wir sind ja keine persönlichen Zuhörer. Der Film hat eine politische Botschaft. Die Bombe war schrecklich, und es ist zu hoffen, dass es niemals einen Atomkrieg geben wird. (Die Menschheit wird es schaffen, mit Hilfe des Klimawandels die Natur schwer zu schädigen; ein Atomkrieg ist dazu nicht nötig.) Die Bombe war kein notwendiges Übel, sondern sie hätte nicht benutzt werden dürfen. Die Amerikaner lassen aber keine Diskussion dieser Frage zu, und die Propaganda machte klar, dass es sich um eine Entscheidung zwischen dem Tod von 140 000 Japanern und 1 000 000 Amerikanern handelte (was nicht stimmte – man hätte die Anzahl der toten GIs auf 50 000 geschätzt.)

Ganz am Ende spricht ein Politikprofessor, der außerdem der Enkel des damaligen japanischen Außenministers ist. Er spricht nur davon, was die Amerikaner hätten anders machen können: Weder die Bombe noch die Invasion der Sowjetunion wären notwendig gewesen. Die Alliierten hätten Verständnis und Geduld zeigen sollen. Kein Wort von dem, was die Japaner hätten besser machen können, nämlich von sich aus begreifen, dass sie den Krieg verloren haben und akzeptieren, dass der Kaiser zurücktritt.

Und weil Deutsche sich in diese Haltung nur allzu gut einfühlen können, wird an Hiroshima erinnert, aber nicht an Rotterdam oder Coventry oder alle anderen von Deutschen zerstörten Städte.

(Es gibt jetzt eine Fortsetzung: Opferkonkurrenz: Hiroshima-Gedenken in Hannover)

 

 

 

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5 Antworten zu Nicht vor 70, sondern vor 75 Jahren,

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

  2. onlinemeier schreibt:

    Ich habe letztens in der Zeitung (weiß aber gerade nicht, welche, entweder Tagesspiegel oder Berliner Zeitung) einen Artikel gelesen über einen Historiker, der über den Einsatz der Atombomben in Japan schon lange forscht und der zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es nicht die Atombombe war, die das Kriegsende gebracht hat, sondern der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg. Weil die Japaner darauf gehofft hatten, das sich die Sowjetunion mit ihnen verbündet. Als sie erkennen mussten, dass das nicht der Fall war, haben sie dann schließlich aufgegeben.
    In dem Artikel stand auch, dass die erste Bombe (auf Hiroshima) allein noch kein Grund war für die Militärregierung, die bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren: weil schon die ganze Zeit Bomben auf Städte, sie zerstört und Menschen getötet hatten. Da war es für die Regierung kein Grund wegen „dieser Bombe“ nun die Kapitulation zu akzeptieren.

    Interessant an dem Artikel des Historikers fand ich, wie die amerikanische Propaganda damals funktioniert hatte: die den Atombombenabwurf als kriegsentscheidend verbreitet hatte.
    Interessant an deinem Artikel finde ich unter anderem diesen Aspekt von Geschichtsschreibung/Fälschung/Auslegungssache – wie man das auch immer nennen will oder muss – sich selbst als Opfer zu fühlen, obwohl man, wie im Fall Japans oder Deutschlands, den Krieg begonnen hatte. Ich wusste das nicht mit Rotterdam.
    Vielleicht ist es so, dass nach einem Krieg sich zwei Sichtweisen herausbilden: einmal die Sicht der Täter – aber hier wird dann meist, in der Geschichtsschreibung, ü b e r die Täter geschrieben und einmal die Sicht eines Opfers. Also als Bevölkerung eines Landes ist man das Opfer der eigenen Machthaber. Das ist sicherlich auch notwendig, nur wenn es als Abwehr eigener Schuld benutzt wird, ist es kontraproduktiv.

    • susanna14 schreibt:

      Vielen Dank für deinen freundlichen Kommentar!🙂

      Vor einigen Jahren habe ich von Gar Alperovitz The decision to use the Atomic Bomb gelesen gelesen. Vielleicht war das ja der Historiker, dessen Artikel du gelesen hast. Vielleicht aber auch ein anderer: Mein Eindruck ist der, dass die Bombenabwürfe zur Zeit in der angloamerikanischen Welt durchaus diskutiert werden. Ich folge Kjeld Duits, einem Holländer, der in Japan lebt, auf Twitter, das ist oft sehr interessant. Hier sind ein paar Links, die ich durch ihn gefunden habe: Magical thinking and the real power of hiroshima (aus Foreign Policy, einem eher konservativen und sehr leserunfreundlichen Journal, Hiroshima atomic bomb survivor speaks out, ein Bericht von der BBC, und Hiroshima von John Hersey.

      Gar Alperovitz hat ebenfalls geschrieben, dass die Kriegserklärung Stalins, vielleicht auch der Einmarsch in der Mandschurei, genau drei Monate nach dem Kriegsende in Deutschland, zur Kapitulation führte, und dass die Bombe dazu eher nicht notwendig war. Das Problem war auch, dass es eine Weile dauerte, bis man merkte, dass diese Bombe nicht nur einfach viel energiereicher war, sondern eben auch von einer ganz anderen Qualität. Hitze und Druckwelle kannte man – die Strahlung nicht, und die entfaltete ihre Wirkung erst später. Und vielleicht war es eben auch der Zynismus des Militärregimes, dem es mehr oder weniger egal war, wie viele Zivilisten starben, aber die sowjetische Kriegserklärung bedeutete, dass die militärische Situation aussichtslos war.

      Aber so weit ich das beurteilen kann, war die Atombombe überflüssig – man hätte auch ohne sie Japan zur Kapitulation bringen können, ohne das Blut weitere GIs zu vergießen. Sie war kein „notwendiges Übel“. Trotzdem ist ärgerlich, wenn die Verantwortung nur bei den Amerikanern gesucht wird – auch die japanische Regierung hätte sich anders verhalten und dadurch die Bombe verhindern können, etwa indem sie die Abdankung des Kaisers akzeptiert und rechtzeitig bedingungslos kapituliert hätte – der Krieg war ohnehin schon verloren.

      Das Problem mit Rotterdam ist ja nicht, dass irgendetwas geheim gehalten würde: Ich habe zwar durch meinen Besuch in der Stadt und später durch den Besuch eines holländischen Kriegsmuseums diese Geschichte kennengelernt, aber man kann auch alles bei Wikipedia nachlesen, wenn man „Rotterdam“ nachschlägt. (Interessant sind die Unterschiede in den Versionen in verschiedenen Sprachen.) Das Problem besteht darin, dass diese Geschichte nicht verbreitet wird: Man hört von ihr nicht im Schulunterricht, die Zeitungen schreiben nicht darüber, es gibt keine Dokumentationen im Fernsehen. Stattdessen lebt das deutsche Opfernarrativ weiter: Wir als Opfer der alliierten Luftangriffe. Eine Geschichte wie die von Rotterdam würde das Bild korrigieren.

      Andererseits denke ich auch nicht, dass ein kompletter Relativismus herrscht, nach dem Motto: jedes Land hat seine Geschichte, und eine objektive Wahrheit gibt es nicht. In aller Regel werden wohlbekannte Fakten nicht geleugnet oder verfälscht, sondern nur verschwiegen, wie eben die Geschichte von Rotterdam. Aber dass der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, wird nicht geleugnet. Okay, es gibt ein paar sehr Rechte, die das versuchen. Und in Japan tun dies sogar Politiker: Shrine that venerates Japan’s undigested militarism becomes focus for revisionist patriots who want to bring back pre-war constitution.

      Es gibt übrigens noch einen sehr eigenartigen Effekt bei all diesen Formen von nationaler Geschichtsschreibung: Was auf der einen Seite links und kritisch ist, etwa wenn amerikanische Forscher den Mythos vom „notwendigen Übel“ hinterfragen, kann das auf der Seite der ehemaligen Gegner dazu führen, dass sich dort die Ewiggestrigen, die ihren Opfermythos pflegen, bestärkt fühlen. (Und bei allen beteiligten Ländern handelt es sich um solche, die „eigentlich“ mittlerweile verbündet sind. Aber was die kriegerische Vergangenheit anbelangt, gibt es noch keine Verständigung, nur „hinter sich lassen“.)

  3. onlinemeier schreibt:

    Danke dir auch für die ausführliche Antwort🙂

    hatte gleich mal in der Altpapiertüte nachgeschaut: der Artikel heißt „Die Bombe“ und ist im Tagesspiegel vom 26. Juli 2015. „Der Text ist ein Vorabdruck aus Klaus Scherers …erscheinendem Buch ‚Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe‘, Hanser Verlag“. Bei dem Artikel steht dann auch noch eine Info zu einer TV-Dokumentation der ARD (vermutlich inzwischen in der Mediathek) „Nagasaki: Warum fiel die zweite Bombe?“

    • susanna14 schreibt:

      Von Klaus Scherer besitze ich das Buch „Kamikaze“, in welchem er eine Reihe von Männern interviewt, die als Jugendliche zu Kamikaze-Piloten ausgebildet wurden, aber überlebten, etwa weil der Motor defekt war oder das Benzin nicht reichte, oder einfach weil der Krieg zuende war, bevor sie eingesetzt werden konnten. Ich müsste nachsehen, ob einer von ihnen tatsächlich desertiert ist – ich glaube, sie hatten alle einfach Glück.

      Ich habe jetzt noch einen weiteren Artikel gefunden, der genau dasselbe behauptet, nämlich dass der Einmarsch der Sowjets in der Mandschurei entscheidend gewesen sei: http://www.nytimes.com/2015/08/08/opinion/nagasaki-the-forgotten-city.html

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