Die richtigen Argumente finden

Über meine Twitter-Timeline ist heute ein Tweet von Elquee bei mir gelandet: Reem, die wegen Merkel weinte, möchte, dass Israel von der Landkarte verschwindet. Zum Tweet gehörte auch ein Link zu einem Artikel aus der WELT: Reem und wie sie die Welt sieht.

Damit es keine Missverständnisse gibt, möchte ich ein paar Punkte gleich von Anfang an klarstellen: Ich möchte, dass Reem in Deutschland bleiben darf: Weil es ihr hier besser geht als im Libanon und weil sie hier etwas lernen und ihre Ansichten ändern kann. Und selbstverständlich bin ich der Ansicht, dass der Staat Israel bestehen bleiben soll. Aber ich glaube, dass es nicht viel bringt, wenn einem palästinensischen Mädchen gegenüber mit dem Holocaust und mit der besonderen deutschen Beziehung zu Israel argumentiert wird, und dass es bessere Argumente gibt.

Reem, das sympathische, kluge Mädchen, das so gerne in Deutschland leben möchte, sagt Dinge, die so nicht stehen bleiben können. Weißt du, dass Deutschland und Israel eine besondere Geschichte haben? Dass wir zu dem Land stehen, dass wir Judenhass nicht zulassen?

Natürlich hat der Autor Recht:  Was Reem sagt, kann so nicht stehen bleiben. Aber seine Argumente sind problematisch, und sie habe keine Wirkung auf ein palästinensisches Mädchen, und das liegt nicht am Mädchen, sondern an den Argumenten. Der Autor argumentiert nämlich im Prinzip mit dem Deutschsein, nämlich unserer Schuld, um deretwillen wir jetzt zu einer bestimmten Haltung gegenüber Israel verpflichtet seien. „Wir“ und „uns“ beziehen sich dabei immer auf „alle Deutschen“, einschließlich der Deutschen, die früher hier gelebt haben (und häufig ausschließlich der Deutschen mit sogenanntem Migrationshintergrund). Wie soll sich Reem von einer Forderung angesprochen fühlen, die nur die Deutschen betrifft? (Schwieriger ist die Frage, ob Deutsche wegen der Shoah eine besondere Pflicht haben, sich für Israel einzusetzen, also eine Pflicht, die über die Pflicht anderer Menschen hinausgeht, auf die Spitze getrieben: ob es für Menschen aus anderen Ländern okay ist, sich für die  BDS-Bewegung einzusetzen, für Deutsche aber nicht. Wichtiger ist, glaube ich, die Pflicht, dafür zu sorgen, dass jüdische Menschen sich in Deutschland sicher und wohl fühlen können.)

Der Autor schreibt, „wir“ würden zu dem Land Israel stehen. Mit „wir“ kann er nur Deutschland als Nation meinen, aber gewiss nicht alle Deutschen, dann wäre seine Behauptung nämlich faktisch falsch. Aber er stellt die Norm auf, dass „wir“ zu Israel stehen, und Reem soll sich an diese Norm anpassen, weil sie schließlich in Deutschland lebt.

Es gibt noch eine andere, versteckte Botschaft: „Vielleicht, wenn diese ‚besondere Beziehung‘ nicht wäre, wäre ich auch deiner Ansicht.“ Oft wird dies dann übersetzt zu: Wenn die Deutschen nicht dieses schlechte Gewissen hätten, wären sie auch gegen Israel.

Vielleicht kann ich es auch so formulieren: Sich für Israel einzusetzen, stellt keine Buße für die Shoah dar. Es gibt viele andere gute Gründe, dies zu tun.

Es gibt wahrscheinlich kein komplexeres politisch-historisches Thema als den Nahost-Konflikt, und es gibt keinen Stoff, in dem so viele Erzählungen, Geschichten und Fakten miteinander verwoben sind wie in der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern.

Hier offenbart sich jetzt die Schwäche des Reporters, der Reem besucht: Der Nahostkonflikt ist für ihn ein Gewebe aus Erzählungen, Geschichten und Fakten. Natürlich. Aber wenn man mit Reem erfolgreich diskutieren will, muss man ihr nicht mit Geschichten oder Erzählungen, sondern mit Fakten kommen, oder Reem nach Fakten fragen, etwa zur Nakba: Ist deine Familie vor den Israels geflohen oder wurde sie vertrieben? Was wäre passiert, wenn sie nicht geflohen wären? Wären sie dann jetzt arabische Israelis mit allen entsprechenden Rechten?

Man könnte erzählen, dass schon immer (und zwar ohne Unterbrechung) Juden in dem Gebiet gelebt haben, das heute Israel ist, dass jüdische Einwanderer nicht Land erobert, sondern gekauft haben, dass das Land bis zum Ersten Weltkrieg Teil des Osmanischen Reiches und dann britisches Mandatsgebiet gewesen ist und dass es einen palästinensischen Staat nie gegeben hat, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Kompromissvorschlag der UNO gab und dass die arabischen Länder nicht mit diesem Kompromiss einverstanden gewesen waren, sondern Israel angegriffen haben, und dass ohne diesen Angriff die Nakba nicht stattgefunden hätte.

Man könnte Reem erklären, dass es für jüdische Menschen nach der Shoah wichtig war, einen eigenen Staat zu haben, weil sie gelernt hatten, dass nur ein eigener Staat sie schützen könnte. Und wo sonst hätten sie diesen Staat gründen sollen als in ihrer historischen Heimat (die damals, wie gesagt, kein Staat, sondern britisches Mandatsgebiet war)?

Man könnte Reem fragen, was ihrer Meinung nach mit den Menschen passieren soll, die jetzt in Israel leben. Wo sollten die hin? Man könnte ihr erklären, dass sie außer Israel keine Heimat haben.

Wer sich auf eine solche Diskussion einlässt, geht ein Risiko ein: Es könnte sein, dass Reem Details kennt, von denen man selbst noch nie gehört hat. Ziemlich sicher kennt sie solche Details – denn ehrlich, wer ist ein solcher Experte, dass er oder sie alles wüsste? Und Reems Familie stammt aus der Gegend und kennt natürlich die Details der Geschichte ihres Dorfes oder ihrer Stadt, und wer könnte da mithalten?

In Diskussionen über deutsche Geschichte ist mir das passiert: die Leute, mit denen ich diskutiere, kennen irgendein Detail, das ich gerade nicht auf dem Schirm habe, und dann meinen sie, sie könnten triumphieren. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Lange Zeit habe ich versucht, möglichst viele Details zu lernen, so dass ich standhalten kann, aber im Moment überlege ich, ob das wirklich die beste Taktik war oder ist: Vielleicht sollte ich lieber lernen, dem Menschen. mit dem ich diskutiere, zu erklären, dass sein eines Detail nicht die vielen Details übertrifft, die ich kannte, aber er nicht. Vielleicht müsste ich lernen, auf die normative Ebene zu wechseln: Änderungen der Grenzen sollten nur noch am Verhandlungstisch erfolgen, und Israel wird nie seiner eigenen Auflösung zustimmen.

Wenn man sich auf ein Diskussion mit Reem einlässt, darf man nicht davon ausgehen, dass man „gewinnt“. Wenn man Glück hat, fängt sie an, nachzudenken. Und ich bin froh, dass ich nicht der Reporter bin, der mit Reem reden musste.

Aber hier, in dieser Wohnung, ist alles ganz einfach, ganz klar. Eine Diskussion ist gar nicht möglich, denn wer ihre Sicht der Dinge anzweifelt, wer gar Partei für das hier unaussprechliche Land Israel ergriffe, der würde die Familien-Saga, die kollektive Identität einer auseinandergerissenen Familie angreifen. Unwillkürlich denkt man: Waren unsere Ostpreußen und Schlesier auch so? Und wann hörten diese Geschichten eigentlich auf?

Jetzt fängt die Geschichte an, interessant zu werden. Ich beginne mit dem Ende: Nicht nur die Ostpreußen und Schlesier, sondern auch viele Menschen, die nicht geflohen waren, waren ganz genauso. Es geht nicht nur um das Leid von Flüchtlingen – es geht allgemein um Familiengeschichten, in denen deutsches Leid im Mittelpunkt steht (etwa der Bombenkrieg), während andere Fragen, etwa wer den Krieg angefangen hat, nicht gestellt werden. Die Familienoberhäupter, häufig solche, die während der Zeit des Nationalsozialismus aktiv waren, unterbanden alle kritischen Fragen, und die jüngeren Generationen akzeptierten dies.

Ich kenne dieses Verhalten aus meiner eigenen Familie, aber auch aus der Literatur, und verrückterweise habe ich es auch in privaten Gruppen kennengelernt, in denen sich Menschen zwecks Freizeitgestaltung trafen: Die Ansichten wichtiger Mitglieder zum Thema Nationalsozialismus durften keinesfalls in Frage gestellt werden.

Wer gelernt hat, dass man Familien-Sagas nicht in Frage stellen und kollektive Identitäten nicht angreifen darf, der spürt natürlich auch die entsprechende Atmosphäre in einer palästinensischen Familie und reagiert darauf – vielleicht auch mehr als nötig wäre. (Und da ich diese Art von Atmosphäre selbst kenne und weiß, wie die Reaktionen sind, wenn man die Mythen nicht respektiert, könnte es mir auch passieren, dass ich die richtigen Fragen nicht stelle.)

Es bleibt zu hoffen, dass Reem außerhalb ihrer Familie auf Menschen trifft, die die richtigen Fragen stellen.

Dieser Beitrag wurde unter "Israelkritik" abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Die richtigen Argumente finden

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

  2. Trippmadam schreibt:

    Ich glaube, man darf von so einem jungen Menschen nicht die Reife verlangen, diesen Konflikt aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Das ist, glaube ich, mehr, als sie in ihrem Alter leisten kann. Ich hoffe, dass sie es irgendwann einmal können wird, aber das ist natürlich leicht gesagt von meinem ruhigen Schreibtisch an einem sicheren Ort in Europa.

    • susanna14 schreibt:

      Sie wohnt ja hier in Deutschland, also auch in einer verhältnismäßig sicheren Situation, außer dass ihre Familie alle sechs Monate die Duldung verlängern lassen muss. Und du hast natürlich recht, man kann noch nicht verlangen, dass sie alles aus mehreren Perspektiven betrachtet – aber sie kann schon anfangen, es zu lernen. (Das Problem dabei ist ihre Familie.) Mit vierzehn ist sie kein kleines Kind mehr.

      • Trippmadam schreibt:

        Ja, die Prägung durch die Haltung der Familie ist vermutlich sehr stark. Und auch wenn sie inzwischen hier in Deutschland lebt, die Erinnnerung an das Leben in der Heimat steckt ihr wahrscheinlich in den Knochen, selbst wenn sie die Heimat nur aus Erzählungen kennt. Vierzehn ist nicht mehr klein, aber immer noch das Alter der Suche und eventuell auch der Unvernunft.

        • susanna14 schreibt:

          Das Alter der Unvernunft dauert bei vielen Menschen deutlich länger als bis vierzehn😉 Das Alter der Suche sollte allerdings ungefähr mit vierzehn beginnen, und daher ist es wichtig, dass man Reem Fragen stellt oder ihr Informationen gibt, die sie in ihrer Familie nicht erhält.

          Aber ich wollte eigentlich nicht Reem, sondern den Reporter kritsieren… Ganz unten im Artikel hat er übrigens tatsächlich eine Frage gestellt, die Reem möglicherweise zum Nachdenken bringt: Ob sie sich vorstellen kann, in der Heimatstadt ihrer Großeltern zu leben, aber nicht in einem großpalästinenschen Staat, sondern in Israel.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s