Lebenswert behindert sein

Schon seit einer Weile folge ich schon „Ein Blog von Vielen“, dem Blog von jemandem mit dissoziativer Identitätsstruktur. Ich habe bis jetzt noch nicht „rebloggt“, weil mir das Blog sehr verletzlich vorkommt, aber jetzt ist dort ein Text erschienen, der mich zum Nachdenken über ein Thema gebracht hat, das allgemeiner Natur ist, nämlich dem Druck, positiv zu sein, das Leben als gut darzustellen und keine Verzweiflung zuzulassen. In dem Text, den ich reblogge (ich bin mir noch nicht sicher, wie ich dieses Wort der deutschen Grammatik anpassen soll) geht es vor allem um behinderte Menschen, konkret um zwei Texte von zwei Frauen, von denen die eine schreibt, dass jetzt im Nachhinein möglicherweise nicht mehr ihre Einwilligung zur lebensrettenden Operation geben würde, während die andere die erste dafür kritisiert: Sie habe den Behinderten, die intensiv dafür eintreten, dass Menschen das Leben von Behinderten als lebenswert ansehen, einen Bärendienst erwiesen.

Hier erst einmal der Link zum Text, den ich reblogge:

Lebenswert behindert sein

Und zu den beiden Texten, die dort verlinkt sind:

Samuel Koch nimmt Monica Lierhaus in Schutz

Der Bärendienst von Monica Lierhaus

Als Nichtbehinderter geht es mir so, dass ich denke: Warum sollen Behinderte nicht auch hin und wieder verzweifelt sein, so wie alle anderen Menschen? Und warum sollen sie nicht hin und wieder auch über ihre Behinderung verzweifelt sein? Und warum soll sich für manche Behinderte nicht auch ihre Behinderung zur Quelle einer andauernden Verzweiflung anwachsen, mit der sie nicht mehr klar kommen? Warum sollen ausgerechnet Behinderte immer glücklich und positiv sein und jederzeit in der Lage, Interviews zu geben, die Nichtbehinderten Menschen ein positives Bild vom Leben mit Behinderung geben?

Ich vermute, ich bin nicht die einzige Nichtbehinderte, die beim Lesen des Interviews mit Lierhaus nicht denkt: „Aha, da ist mal eine, die ehrlich sagt, dass manche Behinderungen schlimmer sind als der Tod“, sondern „okay, das ist die Meinung von Lierhaus, aber nicht die von allen Behinderten, und möglicherweise denkt auch Lierhaus in zwei Jahren ganz anders über ihr Leben mit Behinderung.“ Ich habe im Laufe meines Lebens genügend Menschen kennengelernt, die ihr Leben mit Behinderung als lebenswert empfanden.

(Und was völlig klar sein sollte: Niemand darf über das Leben eines anderen sagen, dass es nicht lebenswert sei. Es ist immer die Person selbst, die das sagt.)

Mich hat das auch an die Diskussionen über positives Denken erinnert. Es ist jetzt einige Jahre her, dass ich in der Stadtbücherei ein Buch „Positives Denken macht krank“ von Günter Scheich gefunden hatte, indem er die Schmalspurpsychologie und die Lügen der Propheten des positiven Denkens kritisiert. Im Prinzip handelt es sich um magisches Denken und um Immunisierung gegen Kritik: Wenn ich immer positiv denke, werde ich erfolgreich und glücklich sein, und wenn meine Hoffnungen sich nicht erfüllen, liegt es daran, dass sich ein paar negative Gedanken eingeschlichen haben.

Barbara Ehrenreich hat positives Denken auf ähnliche Weise kritisiert. Ihr Buch habe ich nicht gelesen, aber ich habe ein Interview mit ihr gefunden: http://mondediplo.com/2010/02/11wpodcast Auch sie kritisiert den Zwang zum positiven Denken und fordert, dass wir nicht positiv, sondern wieder kritisch denken. Am perversesten ist es, wenn todkranke Menschen dazu aufgefordert werden, positiv zu denken. Sie hat die Methode kennengelernt, als sie an Brustkrebs erkrankt ist.
(Im Prinzip handelt es sich beim Positiven Denken nur um eine Variante der Botschaft „wenn es dir schlecht geht, bist du selbst schuld“.)

Also, als Fazit: Menschen dürfen „negativ“ sein, sie dürfen wütend und verzweifelt sein, sie dürfen der Ansicht sein, dass sie ihr Leben nicht lebenswert sei – und sie sind auch dann genauso wertvoll wie andere Menschen auch.

Jetzt noch ein paar Worte zu dem Beitrag, den ich reblogge. Am besten, ihr lest ihn ganz. Aber hier erst einmal ein Zitat, das, glaube ich, eine typische Haltung unserer Zeit in Worte fasst:

„Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin.
Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe.
Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!“

Wenn es jemandem nicht gut geht und er oder sie unglücklich ist, ist die Frage ganz schnell: Was mache ich falsch, dass ich unglücklich bin und mich nicht in meine Situation einfinden und das beste aus ihr machen und optimistisch in die Zukunft blicken kann?

Und die Antwort ist: Nichts machst du falsch. Manche Situationen sind eben so, dass man nicht mit ihnen glücklich sein kann. Manche Situationen sind so, dass jeder Mensch, der seine Sinne und sein Urteilsvermögen bei sich hat, wütend werden sollte. Der Zwang zum Positiven Denken kann im schlimmsten Fall zu einer Form des Victim-Blaming werden: Nicht diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben, sondern die, die Gewalt erfahren haben, aber nicht damit klar kommen, machen etwas falsch.

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