Am Kiosk: Diskussion über Berichterstattung beim Auschwitzprozess

Nicht alle meine Gespräche mit Unbekannten oder Gespräche, die ich belausche, sind unangenehmer Natur. Vorgestern, als ich beim Kioskbetreiber meines Vertrauens die Le Monde Diplomatique kaufen wollte, fiel mein Blick auf die Hannoversche Allgemeine, wo ich die Ankündigung eines Artikels zum bevorstehenden Urteil gegen Oskar Gröning angekündigt sah. Ich beschloss, die Zeitung zu kaufen. Der Kioskbesitzer fragte mich, ob ich das wirklich wolle – gerade heute hätte er sie nur durchgeblättert, und ein Artikel habe ihn sehr aufgeregt. Ich nannte ihm den Grund, nämlich den auf der Titelseite angekündigten Artikel zu Oskar Gröning, und er sagte mir, dass ihn dieser Artikel auch aufgeregt habe. Er meinte, nicht nur dieser Artikel, sondern die gesamte Berichterstattung erwecke bei ihm den Eindruck, dass sehr viel Sympathie für den Angeklagten herrsche.

Ich versprach, ihm hinterher zu sagen, was ich von jenem Artikel halte. Ich will es jetzt auch hier aufschreiben, zusammen mit ein paar eigenen Gedanken zum Urteil und zu den Kommentaren, die ich in den Zeitungen gefunden habe.

Ach, und hier noch ein paar Lesetipps: Das letzte Kapitel und der Epilog von „Eichmann in Jerusalem“ von Hannah Arendt, und der Aufsatz „Verantwortung in der Diktatur“, den sie als Antwort auf die Reaktionen zu ihrem Eichmann-Buch schrieb. In beiden behandelt sie die Frage der Kollektivschuld, den Unsinn, sich schuldig zu fühlen, obgleich man nichts getan hat, die Frage des „Rädchens“, das sich nun plötzlich als Mensch beziehungsweise als Person vor Gericht verantworten muss, und die Unangemessenheit jeder Strafe angesichts eines Verbrechens wie der Shoah, was aber Strafen nicht überflüssig macht.

Mein Eindruck zu dem Artikel vom 15.7. in der Hannoverschen Allgemeinen war, dass er nicht zu milde mit Gröning umgeht, aber dass er den Blick von Gröning weg auf die Nachkriegsjustiz der Sechziger und Siebziger gelenkt hat. Möglicherweise ist allein dies schon in den Augen mancher Menschen zu milde: dass das Verbrechen, an dem Gröning beteiligt war (konkret ist es laut Zeitungsberichten der Mord an den ungarischen Juden, als 500 000 Menschen innerhalb weniger Wochen ermordet wurden) nicht mehr selbst im Mittelpunkt steht, sondern eben das Versagen der Justiz. Aber während des Gerichtsprozesses wurden wieder Zeugen von damals gehört, und sie konnten von ihrem Leid berichten.

Es ist auch nicht nötig, Grönings Persönlichkeit irgendwie zu beurteilen. Beurteilt wird die Tat, und auch, dass er sich freiwillig entschieden hat, sich zu beteiligen. Es ist nicht nötig, ihn zum Monster zu stilisieren, auch wenn die Anklage, „Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen“ dies nahelegt. Es ist eine Tat, die jedes menschliche Maß übersteigt, und die mich daran erinnert, dass Hannah Arendt gemeint hat, dass die Ermordung der europäischen Juden ein Verbrechen sei, dem das Strafrecht nicht wirklich gewachsen sei, ein Verbrechen, das so unfassbar ist, dass man es nicht wirklich bestrafen kann, weil kein Strafmaß ihm entsprechen kann, aber trotzdem müsse man es natürlich bestrafen.

Und dann ist da eben der alte Mann mit Rollator, der bei manchen schon aufgrund seines Alters Mitleid zu erwecken scheint. Manche stellen dann die Frage, ob es denn nicht nach so langer Zeit endlich gut sein sollte und ob man einen so alten Mann wirklich ins Gefängnis stecken muss.

Das eigentliche Problem ist hier aber tatsächlich das Versagen der Justiz. Dass man es nach so langer Zeit doch endlich gut sein lassen sollte, wurde schon wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs behauptet. Sobald die sogenannte „Entnazifizierung“ deutschen Gerichten überlassen worden war, waren diese nur allzu bereit, es „gut sein zu lassen“. Wenn damals anders gehandelt worden wäre, wären Prozesse gegen Neunzigjährige heute nicht nötig. Die Forderung „es jetzt gut sein zu lassen“ ergäbe Sinn, wenn in den Jahrzehnten nach dem Krieg mit allem nötigen Eifer die Verbrecher verfolgt worden wären. Dies ist aber nicht der Fall gewesen. Wer sagt, man solle es jetzt gut sein lassen, meint in Wirklichkeit: „Wir haben doch jahrzehntelang so getan, als seien die NS-Verbrecher unter uns kein Problem – warum wollt ihr das jetzt auf einmal ändern?“

Für die Überlebenden und Angehörigen der Opfer, die ihr Leben lang an den Folgen ihrer Erlebnisse gelitten haben und sekundäre Traumatisierungen an ihre Kinder weitergegeben haben, ist nie etwas gut gewesen. Für sie bedeutete das Versagen der deutschen Justiz, dass ihnen Gerechtigkeit verweigert wurde, und zwar jahrzehntelang. Es wird hohe Zeit, dass ihnen jetzt, da sie selbst neunzig sind, wenigstens ein kleines bisschen Gerechtigkeit zuteil wird. (Es gibt eben Dinge, die man nicht gut machen kann, und dazu gehört mittlerweile nicht mehr nur die Shoah selbst, sondern auch das Versagen der Justiz. Aber das ist kein Grund, nichts zu tun.)

Ein Gedanke, der mir beim Lesen kam, war: Vielleicht sind wir mittlerweile an dem Punkt, an dem man anfangen muss, über das moralische Versagen der Nachfolgegenerationen zu sprechen: Darüber, dass nur wenige Menschen den Mut hatten, sich gegen diejenigen zu wenden, die nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wieder zu Amt und Würden gelangt waren, und dass die meisten die Ausflüchte ihrer Eltern und Großeltern akzeptierten und an ihre eigenen Kinder weiter gaben. Vielleicht ist es an der Zeit, über die eigene Feigheit zu sprechen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Männer wie Oskar Gröning erst als über Neunzigjährige, wenn sie allerhöchstens Mitleid erwecken, aber keine Angst mehr machen können, vor Gericht gestellt werden.

Vor zehn Jahren habe ich zum ersten Mal im Buch von Jürgen Müller-Hohagen, „Verleugnet, verdrängt, verschwiegen“ die Idee gelesen, dass es nach der ersten Schuld (den eigentlichen Verbrechen) und der zweiten Schuld (dem Schweigen der Tätergeneration gegenüber ihren Kindern und Enkelkindern) eine dritte Schuld geben könnte: Die Weigerung der nachgeborenen Generationen, hartnäckig nachzufragen und darauf zu bestehen, dass die Fragen wahrheitsgemäß beantwortet werden. Im Buch von Birgit Rommelspacher, „Schuldlos – Schuldig“, das ich dieses Jahr gelesen, findet sich ähnliches: Wir machen uns ebenfalls schuldig, wenn wir die Ausreden unserer Eltern und Großeltern akzeptieren und ihre Entschuldungsstrategien übernehmen.

Soll man Oskar Gröning nicht vor Gericht stellen, weil das eigentliche Problem die deutsche Justiz ist? Das wäre absurd, nach dem Motto: jetzt haben wir ihn so lange nicht vor Gericht gestellt, jetzt können wir es auch gleich ganz bleiben lassen. Die andere absurde Argumentation ist die, dass die Shoah mit ein paar Jahren Gefängnis gar nicht gesühnt werden könne und dass man es daher ganz bleiben lassen könne, Oskar Gröning ins Gefängnis zu stecken.

Eine weitere Frage, die sich mir stellt: Viele Kommentatoren sehen einen alten Mann mit Rollator und empfinden Mitleid. Aber ist dieses automatische Mitleid angebracht? Wir wissen nicht, wie sich Oskar Gröning den Menschen um sich herum gegenüber verhält, etwa seiner Familie oder seinen PflegerInnen. Nur weil jemand alt und schwach ist, ist er nicht unbedingt freundlich. Er kann immer noch ein Familientyrann sein. Auch Mitleid und schlechtes Gewissen können benutzt werden, um andere Menschen zu tyrannisieren: man braucht dazu nicht stark und potentiell gewalttätig zu sein.

Zeitungsberichte und Kommentare:

(Ich habe versucht, für jede Zeitung den Bericht über die Urteilsverkündung und einen Kommentar zu finden. Es ist mir nicht ganz gelungen.)

ZEIT: Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt

Der wichtigste Satz erscheint mir ein Zitat Josef Schusters, des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland:

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, wertet die Haftstrafe als wichtiges Signal. „Die Versäumnisse der deutschen Justiz, die solche Verfahren jahrzehntelang verschleppt oder verhindert hat, lassen sich damit zwar nicht mehr gutmachen“, teilte Josef Schuster mit. Dennoch habe die Verurteilung für die Opfer und ihre Angehörigen hohe Bedeutung. „Und wenigstens hat er eine moralische Mitschuld eingeräumt.“

Die Versäumnisse früherer Jahrzehnte haben sich also zu einem Problem ausgewachsen, das sich nicht mehr gut machen lässt, indem man die letzten überlebenden Täter noch vor Gericht stellt, bevor sie sterben oder an Demenz erkranken, aber das heißt nicht, dass man es nicht tun sollte.

ZEIT: Strafzumessung in Grauzonen

Der Kommentar ist leider von Mitleid mit Oskar Gröning geprägt. Die Justiz solle auch den Menschen sehen, und der sei ein 94 Jahre alter Mann. Dabei hat die Justiz dies doch berücksichtigt: Vier Jahre sind doch verschwindend gering für Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen. Insgesamt zeichnet sich der Kommentar durch Unlogik aus: Weil das Verbrechen so unermesslich ist, kann es gar nicht wirklich bestraft werden, und darum solle man dem alten Mann die Strafe erlassen.

Aber welch einen Sinn macht ein Urteil ohne Strafe? Und was ist Reue wert, wenn sie nicht einschließt, dass eine Strafe angemessen sei?

Und seit wann ist Milde das Kennzeichen des Rechtsstaats? Gerechtigkeit und formal korrekte Verfahren sind Kennzeichen des Rechtsstaats, Milde ist Kennzeichen absolutistischer Herrscher, und diese waren nicht immer weise, wenn sie Milde walten ließen. Die bundesrepublikanische Justiz ist viel zu lange viel zu großzügig gegenüber den NS-Tätern gewesen, und hat dadurch nicht Milde gezeigt, sondern sich in Komplizenschaft geübt und den Überlebenden und Nachfahren der Opfer ihre Verachtung gezeigt.

Besonders perfide sind die folgenden Sätze:

Am Ende aber, wenn es um die Zumessung der Strafe geht, steht immer ein Individuum vor den Richtern, ein Mensch, welch ungeheuerliche Taten er auch begangen haben mag. In Lüneburg stand der Mann Oskar Gröning vor Gericht. Nicht die NS-Gewaltherrschaft an sich. Nicht das System Auschwitz als solches.

Der Autor bezieht sich auf einen Satz aus Hannah Arendts Aufsatz „Verantwortung in der Diktatur“. (Vielleicht findet sich ein ähnlicher Satz auch im letzten Kapitel oder im Epilogg von „Eichmann in Jerusalem“, aber dort habe ich ihn auf die Schnelle nicht gefunden.)

Denn in einem Gerichtssaal, so versuchten die Richter es klarzustellen, wird keinem System, nicht der Geschichte, keiner historischen Tendenz, keinem „Ismus“ wie zum Beispiel dem Antisemitismus, sondern einer Person der Prozess gemacht.

Vielleicht liegt der entscheidende Unterschied hier wirklich zwischen dem Wort „Mensch“, das der Autor der ZEIT wählt, und dem Wort „Person“, das Hannah Arendt wählt. Ein Mensch erweckt Mitleid, so wie eben der alte Mann mit Rollator Oskar Gröning Mitleid erweckt. Eine Person ist für ihre Taten rechtlich und moralisch verantwortlich.

Taz: Vier Jahre Haft für Gröning

Der Artikel aus der taz zitiert einige interessante Sätze des Urteils, vor allem, dass das, was Oskar Gröning als „moralische Schuld“ bewertet, im juristischen Sinn „Beihilfe zum Mord heißt. Auch die deutsche Rechtsprechung wird kritisiert, die jahrzehntelang aufgrund der Arbeitsteilung niemanden verantwortlich machte.

Taz: Ein Vorbild in Rechtsstaatlichkeit

Ein sehr lesenswerter Kommentar, der detailliert das Versagen der Justiz in den vergangenen Jahrzehnten beschreibt. Fazit:

Ein Prozess wie in Lüneburg hätte vor 50 Jahren nicht nur Rechtsgeschichte geschrieben, er wäre Beginn einer Flut weiterer Verfahren gegen NS-Täter in Vernichtungslagern geworden. Das ist heute, 70 Jahre nach Ende des NS-Regimes nicht mehr möglich. Nahezu alle mutmaßlichen Täter sind längst verstorben, unbestraft versteht sich.

(Bitte nicht nur das Fazit lesen – wichtiger ist, wie der Autor zu seinem Fazit gelangt.)

FAZ: Früherer SS-Mann Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt

Der wichtigste Satz findet sich ganz am Ende: Es wird begründet, warum Männer wie Gröning so lange unbehelligt blieben: Eine direkte Beteiligung an der Tat musste nachgewiesen werden.

FAZ: Es ging nicht nur um einen Greis

Es findet sich eine ähnlich absurde Argumentation wie im ZEIT-Kommentar: Weil ein Verbrechen wie die Shoah nicht mit ein paar Jahren Haft gebüßt werden kann, kann man es auch gleich bleiben lassen, Oskar Gröning ins Gefängnis zu stecken. Der Kommentator wünscht sich, das Gericht wäre dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt.

Hamburger Abendblatt: Auschwitz-Urteil: Opfervertreter heben Kurswechsel hervor

Bemerkenswert ist wieder der Hinweis auf die veränderte Haltung der Justiz: Auch „kleine Rädchen“ können jetzt vor Gericht belangt werden. Dies ist natürlich wieder eine Anspielung auf Adolf Eichmann, der freilich ein ziemlich großes Rad war. (Außerdem war er von der Notwendigkeit der Ermordung der europäischen Juden überzeugt. Bei Oskar Gröning wird nur sehr selten gefragt, ob er überzeugt war.)

Ansonsten liegt der Fokus auf Eva Kor, jener Zeugin, die Oskar Gröning öffentlich verziehen hatte und dafür heftig kritisiert wurde.

ARD: Warum nicht schon früher?

Der Kommentator behauptet, dass eine veränderte Haltung der Justiz es ermöglicht habe, Oskar Gröning zu verurteilen. Es müsse nun nämlich nicht mehr die konkrete Beteiligung an einem einzelnen Mord nachgewiesen werden. (Eigentlich ist auch dies eine absurde Position: In Auschwitz wurden mehrere Millionen Menschen ermordert, aber nur wenn man einen einzelnen ermordet hat oder geholfen hat, ihn zu ermorden, soll man verurteilt werden können. Es ist genauso absurd wie die Vorstellung, Oskar Gröning solle nicht ins Gefängnis, weil vier Jahre Gefängnis die Ermordung von Hunderttausenden nicht sühnen können.)

Außerdem wird Cornelious Nestler, der Anwalt der Nebenkläger, zitiert. Dieser kritisiert die bisherige Auffassung der Justiz als irrig.

SZ: Früherer SS-Mann Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt

Es wird zitiert, wer zufrieden ist: Die Nebenkläger, also die Vertreter der Überlebenden. Nicht so zufrieden sind Verteidigung (was normal ist) und Strafanwaltschaft (was zu denken geben sollte.)

SZ: Das letzte Gericht

Ich merke, wie ich allmählich beim Kommentieren der Kommentare zynisch werde. Im Grunde genommen ist dies ein ganz anständiger Kommentar, der kein Mitleid für Gröning zeigt, sondern befürwortet, dass er jetzt bestraft wird, und der auch nicht mit Kritik an der deutschen Justiz spart. Es war nicht so, dass sich die Gesetzeslage auf einmal geändert hätte, sondern die Justiz hat sich jahrzehntelang nicht an die üblichen Regeln gehalten und hat sich jetzt endlich an diese Regeln erinnert:

Tausende von NS-Verbrechern blieben deshalb unbehelligt, weil die Justiz, wenn es um die NS-Untaten ging, auf einmal die selbstverständlichen rechtlichen Regeln vergaß. Der juristische Paradigmenwechsel in den Strafprozessen gegen Demjanjuk und Gröning kam spät, ungeheuer spät. Es wäre noch furchtbarer, wenn er gar nicht gekommen wäre.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt übrig: Beim Lesen des Textes bekam ich den Eindruck, dass der Prozess vor allem für die Erinnerungskultur und als Anschauungsmaterial wichtig sei, nicht weil Täter bestraft werden müssen, damit Gerechtigkeit wieder hergestellt wird und die Opfer ein Stück Genugtuung erfahren können.

Welt: Vier Jahre Haft für früheren SS-Mann Oskar Gröning

Ein sehr nüchterner Bericht über das Urteil. Eine Frage bleibt: War es wirklich die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, die ihre Beurteilung änderte, oder die Justiz insgesamt? War es nicht eher so, dass die Zentralstelle sich nach dem richtete, was an deutschen Gerichten üblich war, weil sie niemanden ohne Aussicht auf Erfolg anklagen wollte? (Oder ist das mein Vorurteil, das die Zentralstelle zu den „Guten“ zählt?)

Welt: Hatten SS-Mitglieder damals wirklich keine Wahl?

Die Welt greift außerdem den berühmten Mythos vom sogenannten Befehlsnotstand auf und erklärt, dass es sich um einen Mythos handelt.

Welt: Dieser Schuldspruch markiert ein neues Zeitalter

Der erste Kommentar vergleicht Oskar Gröning mit Adolf Eichmann und lässt Gröning dabei gut wegkommen: er hätte seine Schuld bekannt und sich nicht als kleines Rädchen ausgegeben. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen kann – Oskar Gröning hat doch arg lange gebraucht, sich seiner Schuld zu stellen, und freiwillig hat er es nicht getan.

Welt: SS-Mann Gröning hätte früher vor Gericht gehört

Wieder ein sehr mitleidiger Kommentar, der hofft, dass Gröning nicht ins Gefängnis muss: Die Ärzte sollen Milde zeigen (anstatt dass sie den Gesundheitszustand Grönings angemessen beurteilen.) Wem scheint es unangemessen hart, einen 94-jährigen ins Gefängnis zu schicken? Es ist ein Gefühlsurteil, das ein Nachfahre des Kollektivs der Täter, Mitläufer und Zuschauer fällt – hat er auch die Überlebenden gefragt, die siebzig Jahre lang auf das Urteil gewartet haben und selbst hochbetagt sind?

Ansonsten lässt sich der Kommentar über die Nachgeborenen aus, die allzu eifrig Urteile fällten (was faktisch falsch ist – das Problem besteht darin, dass sie genau dies lange  Zeit nicht taten), aber sich möglicherweise nicht anders verhalten hätten, wenn sie selbst in jener Zeit gelebt hätten – ein typischer Satz, mit dem die Tätergeneration sich gegen Urteile der Nachgeborenen zu schützen versuchte (ich habe ihn auch gehört), und oft genug hat er funktioniert.

Haz: Ein gutes Urteil – 
aber viel zu spät

Da alles damit begonnen hat, dass ich einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen gelesen habe, füge ich auch den Kommentar dieser Zeitung hinzu. Er ist mindestens so gut wie die Kommentare in den großen Zeitungen, und er zeigt kein unangemessenes Mitleid. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie weit die Reue Oskar Grönings reicht. Sie scheint nicht so weit zu reichen, dass er es selbst als angemessen erachtet hätte, seine Taten mit einer Freiheitsstrafe zu büßen. Warum hat sein Verteidiger für Freispruch plädiert? Er hätte – in Absprache mit Gröning  – darauf verzichten können.

Der Artikel erwähnt auch Fritz Bauer:

Doch die alten Fehler sind kein Grund, es auch heute falsch zu machen. Das Landgericht Lüneburg hat im Grunde etwas ganz Selbstverständliches getan: Es hat sich einen unbefangenen Blick erlaubt. Auschwitz ist in seinem Urteil endlich das, was Historiker schon lange wissen: Ein monströses, arbeitsteilig organisiertes Verbrechen. Die Justiz wusste das schon mal. Fritz Bauer, der legendäre Staatsanwalt aus den Sechzigerjahren, hat so argumentiert. Man kann sich mal wieder daran erinnern.

Jüdische Allgemeine: Vier Jahre Haft für Oskar Gröning

Nicht alle finden das Urteil entweder angemessen oder zu hart: Das Internationale Auschwitz Komitee findet es zu milde. Die Jüdische Allgemeine nimmt auch Bezug auf aktuelle Probleme, nicht nur Antisemitismus, sondern auch Islamfeindlichkeit. Und es weist ebenfalls auf Fritz Bauer hin:

Die deutsche Justiz sei mit diesem Urteil »endlich (…) den Grundsätzen gefolgt, die der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer vergeblich schon im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 etablieren wollte«. Nach Jahrzehnten, in denen die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main immer wieder das Strafverfahren gegen Gröning habe einstellen wollen oder sich gegen eine Wiederaufnahme gesperrt habe, stehe nun fest: »Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte.«

Jüdische Allgemeine: Das Urteil ist kein Schlussstrich

Der Kommentar der Jüdischen Allgemeinen stellt etwas heraus, was die meisten anderen Zeitungen verschweigen: Es wird (hoffentlich) nicht der letzte Prozess gegen einen NS-Täter gewesen sein. Zwei konkrete Fälle werden derzeit geprüft. Das Gerede vom „letzten Prozess“ sei Teil des Geredes vom Schlussstrich.

Der Kommentar lobt Grönings Verhalten, der nicht wie andere Täter schwieg oder lamentierte. Außerdem stellt es die Frage nach den vielen netten Rentnern, denen wir tagtäglich begegnen – was haben sie früher getan? (Ich habe vor allem mit Rentnerinnen sehr schlechte Erfahrungen gemacht.)

Insofern liegt im Prozess und im Urteil gegen Oskar Gröning doch etwas Positives: Zum einen, weil sich Gröning noch in seinem Schlusswort ausdrücklich zu seiner Schuld bekannte und nicht schwieg, bestritt oder lamentierte wie die meisten Täter vor ihm. Zum anderen, weil wir einen SS-Mann erlebten, der aussieht wie der nette Rentner von nebenan, der die Blumen gießt, wenn man in Urlaub fährt. Grönings Erscheinung drängt der Gesellschaft also die Frage auf, die viele Überlebende immer stellen: Was ist mit den vielen anderen netten, älteren Herren, die einem täglich begegnen?

Deutschlandfunk Von Auschwitz gibt es keine Befreiung

Der Kommentar des Deutschlandfunks macht klar, dass es keine geänderte Rechtslage und keine veränderte juristische Situation gibt, sondern dass das Landgericht Lüneburg nur getan hat, was im Prinzip auch alle Gerichte in den Jahrzehnten davor hätten tun können:

Das Urteil macht deutlich, wie wenig es eigentlich bedurft hätte, um Beihilfetäter wie Gröning schon vor Jahrzehnten anzuklagen: Es genügt ein engagierter Staatsanwalt, der den Beihilfeparagrafen konsequent anwendet. Und eine Kammer, die einfach nur ihrer Pflicht nachkommt, statt wieder nur einen Winkelzug zu finden, mit dem sich ein kompliziertes Großverfahren vermeiden ließe.

Deutschlandfunk: Presseschau

Für die, denen meine Sammlung an Links nicht reicht, habe ich hier noch die Presseschau des Deutschlandfunks hinzugefügt – mit ihr begann meine Recherche.

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5 Antworten zu Am Kiosk: Diskussion über Berichterstattung beim Auschwitzprozess

  1. Trippmadam schreibt:

    Meine Sicht auf diesen Prozess ist sehr zwiespältig. Wurde hier Gerechtigkeit erreicht oder blieb der Prozess nur ein Symbol? In meinen Augen ist er auch als Symbol äußerst wichtig, trotzdem bleibt ein schlechter Beigeschmack, über den ich mir noch nicht im Klaren bin. (Ich meine nicht, dass der Prozess nicht hätte geführt werden sollen, eher ist mein – nicht so spontaner – Gedanke: zu wenig, zu spät.)

    • susanna14 schreibt:

      Was heißt hier Gerechtigkeit? Was geschehen ist, kann nicht wieder gut gemacht werden, und das gilt nicht nur für die Shoah selbst, sondern mittlerweile auch für die jahrzehntelangen Versäumnisse der Justiz. Die Überlebenden sagen, dass es ihnen gut tut, dass es ein Urteil gegeben hat, und das kann ich nachvollziehen – aber noch besser wäre es gewesen, es hätte dieses Urteil schon vor fünfzig Jahren gegeben. Und im Prinzip gilt dies für jedes nicht wieder gut zu machende Verbrechen: Mord, schwere Körperverletzung, schwere psychische Traumatisierungen: Sie können nicht wieder gut gemacht werden. Ich glaube, dass ein Gerichtsurteil einschließlich der dazugehörigen Strafe, etwas anderes tut: Es stellt symbolisch Gerechtigkeit wieder her, indem es klar stellt, was ein Verbrechen ist und was nicht, indem es den Opfern gegenüber anerkennt, dass ihnen Unrecht getan wurde, und indem es dem Täter klar macht, dass er Unrecht getan hat. Dazu gehört auch die Strafe: Wenn die Strafe lächerlich gering ist, wird deutlich gemacht: Das, was du getan hast, war eigentlich gar nicht so schlimm.

      (Ich habe gerade eine verrückte Idee: Vielleicht müsste man mal Richter und Staatsanwälte aus früheren Jahrzehnten wegen Rechtsbeugung zur Verantwortung ziehen. Aus diversen Kommentaren habe ich gelernt, dass die Rechtslage sich nicht geändert hat, sondern dass nur die Justiz sich geweigert hat, den Beihilfeparagraphen konsequent anzuwenden. (Es kann ja nicht sein, dass es um individuelle Morde gehen soll, wenn Menschen zu Tausenden und Hunderttausenden vergast werden.)

      Hier noch einmal ein Zitat aus „Eichmann in Jerusalem“:

      Der Straffällige wird vor Gericht gestellt, weil seine Tat die Gemeinschaft als Ganzes schwer bedroht und aus den Fugen gebracht hat, nicht aber, weil wie in Zivilprozessen bestimmte Personen geschädigt worden sind, die nun auf Wiedergutmachung Anspruch haben. Die Wiedergutmachung, die durch strafrechtliche Verfolgung erzielt wird, ist prinzipiell anderer Natur: es ist der politische Körper, an dem etwas wiedergutgemacht werden muss, und es ist die allgemeine öffentliche Ordnung, die außer Betrieb geraten und wiederhergestellt werden muß. Mit anderen Worten: Es geht um das Gesetz selbst und nicht um den Kläger. (S. 382 in der neuen hellbeigen Ausgabe).

      Hannah Arendt hat ja von Psychologie eher Abstand gehalten, aber ich selbst habe mich in den letzten Jahren mit Psychologie beschäftigt, und ich habe in Hannover schon diverse unangenehme Erlebnisse gehabt, und ich denke, dass sie Recht hat: Wenn Altnazis nicht belangt werden und man sich nicht einmal traut, sie zu kritisieren und zu korrigieren, wenn sie ihre Ansichten äußern, dann bleiben die Strukturen bestehen und Abwehrstrategien werden weiter gegeben.

  2. Trippmadam schreibt:

    Zu früh auf „Senden“ gedrückt, hier geht es weiter: Ich glaube, es war Heribert Prantl, der in der Süddeutschen sinngemäß sagte, der Strafprozess hänge nicht von der Reue des Täters ab, sondern beschränke sich auf die Gewichtung von Fakten und Aussagen. Natürlich wollen wir alle, dass ein Täter bereut, erzwingen können wir es aber nicht. Wir haben vielleicht zu oft die Illusion, dass Strafe etwas wieder gut macht, aber da verlangen wir zu viel, das kann Strafe nicht leisten.

    • susanna14 schreibt:

      Ich glaube, das christliche Verständnis von Reue spielt uns hier einen Streich. Im protestantischen Christentum bereut man, und schon ist verziehen. (Und wenn der andere sich weigert zu verzeihen, dann ist er böse.) So etwas lädt natürlich zu falscher Reue ein. Deswegen haben auch viele den Eindruck, Oskar Gröning müsse verziehen werden, weil er ja bereut. Aber echte Reue müsste doch eigentlich bedeuten, dass man einsieht, dass eine Strafe angemessen ist. (Ich weiß, es fällt schwer, auch mir, und es handelt sich nur um kleine Strafen.) Dass Reue einen gewissen Einfluss auf das Strafmaß hat, finde ich in Ordnung, aber sie sollte nicht dazu führen, dass jemand straflos ausgeht.

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