Manchmal ist es gar nicht so schlecht, eine europäische Ordnung zu zerstören.

Heute morgen fand ich folgenden Tweet in meiner Timeline: „Greece destroyed European order in 1827 says man from a country that started two of the most destructive wars ever http://www.welt.de/geschichte/article142305296/Griechenland-zerstoerte-schon-einmal-Europas-Ordnung.html …“

Die Frage, ob ein Deutscher solche Dinge behaupten darf, werde ich nicht diskutieren, und ich habe heute morgen, als ich den Tweet fand, auch gar nicht darüber nachgedacht. Allerdings habe ich heute nachmittag über ähnliche Themen nachgedacht und kann jetzt auch zu dieser Frage etwas sagen. Aber zunächst werde ich darüber nachdenken, ob das, was er sagt, wahr ist.

Ich habe also den Original-Artikel nachgelesen: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung

Mein erster Gedanke: Mein Weltbild ist wieder in Ordnung. Die „Welt“ ist eine ultrakonservative Zeitung, so wie schon vor dreißig Jahren, als ich sie im Unterricht meines ziemlich rechten Geschichtslehrers kennenlernte. Zwischendurch war ich ins Zweifeln geraten angesichts der Tatsache, dass Journalisten, die ich als links und alternativ einschätzte, anfingen, für diese Zeitung zu schreiben.

Und, ja, eigentlich geht es schon beim Untertitel los, dass ich mir die Augen reibe. Der „Wiener Kongress, der dem Kontinent 1815 die Zukunft wies“. War das nicht der Kongress, in welchem die Monarchen der alten Großmächte und ihre Minister und Chefdiplomaten versuchten, das Rad der Zeit zurückzudrehen? Was hatte der Wiener Kongress mit Zukunft zu tun? Die Zukunft hieß Demokratie – der Wiener Kongress versuchte, den Zug in die entgegengesetzte Richtung zu lenken. Manche merkten früher, andere später, dass es die falsche Richtung war und dass sich die Ideen der Revolution nicht mehr rückgängig machen ließen.

Die Feinde, die sich gegen die von Preußen  und Österreich-Ungarn unterstützte Ordnung wenden, sind die gleichen wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg: Russland, Frankreich und Großbritannien. Sie wenden sich gegen die legitime Ordnung, während Preußen und Österreich diese bewahren wollen. Legitim hieß: Herrscher waren nicht durch Revolution, sondern durch königliche Geburt an die Macht gekommen. Eine solche Ordnung konnte im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr legitimiert werden – niemand glaubte mehr ans Gottesgnadentum. Das Mittelalter war längst vorbei.

Die Feinde Preußens und Österreichts sind nicht idealistisch, sondern handeln entsprechend ihrer Staatsräson, was ja sonst unter Staaten nicht so üblich sein soll. Außerdem tritt eine weitere Macht auf den Plan: nicht demokratisch gesonnene Bürger, die den griechischen Aufstand unterstützen wollen, sondern die „öffentliche Meinung“ – ich weiß jetzt nicht, wie ich erklären soll, warum dieser Ausdruck abwertend ist, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er es ist. „Öffentliche Meinung“ klingt nicht nach rational denkenden Menschen, die sich vom Freiheitskampf der Griechen fasziniert sind, sondern nach einer Menge, die sich von Zeitungen und dubiosen Autoren wie Lord Byron faszinieren lassen.

(Einer jener Dichter, deren Gedichte (Winterreise, schöne Müllerin) bekannter sind als sein Name, war übrigens auch vom Aufstand der Griechen fasziniert. Und Hölderlins Hyperion spielt auch in Griechenland.)

Griechenland diente als Projektionsfläche für Sehnsüchte nach Freiheit und Demokratie, aber auch für die Vorstellung, dass jedes noch so kleine Volk das Recht auf Souveränität habe. Innerhalb ihrer eigenen Grenzen unterdrückten die Großmächte solche Sehnsüchte, so dass diese Projektionsfläche benötigt wurde. Aber nur wenig Jahre später brach auch in „Kerneuropa“, also in Frankreich (und Belgien übrigens) wieder die Revolution aus.

Der letzte Abschnitt ist der furchtbarste. Es wird behauptet, dass Griechenland nur unterstützt worden sei, weil es sich um Nachfahren von Sokrates oder Perikles handeln würde, während es in Wirklichkeit Nachfahren von Byzantinern, Slawen und Albanern gewesen seien. So what? Wie soll ein Volk nach zweieinhalb Jahrtausenden seine genetische Reinheit bewahren, falls es eine solche je gehabt hat? Und wozu soll es sie bewahren?

Was für eine Vorstellung von „Volk“ hat dieser Mensch? Soll ein Volk wirklich eine Gruppe von Menschen sein, die seit Urzeiten in ein und demselben Gebiet lebt, dieselbe Sprache spricht und seine philosophischen Ideale pflegt? Wichtig ist doch nur, ob diese Ideale aufgegriffen werden, egal von wem. Und warum sollte es gegen die Aufnahme der Griechen in die EU sprechen, dass sie die Abkömmlinge von Byzantinern, Slawen und Albanern sind. Griechenland, insbesondere Athen steht für einen Traum, für ein Symbol – ob eine gerade Abstammungslinie von den damaligen Griechen zu den heutigen Griechen führt, ist da unerheblich.

(Und die Frage lässt sich klar beantworten: Natürlich sind die damaligen Griechen Vorfahren der heutigen Griechen. Aber viele andere Menschen sind auch Vorfahren der heutigen Griechen.)

Ist es nun schlimmer, wenn ein Deutscher solchen Unsinn redet, als wenn jemand anders solchen Unsinn redet? Der Autor des Tweets kritisiert in erster Linie nicht den Unsinn, sondern das mangelnde historische Gedächtnis und Schamgefühl des Autors – vielleicht auch das mangelnde Urteilsvermögen eines Menschen, der sich nicht daran erinnert, dass Deutschland in viel schlimmerem Maße die Ordnung Europas zerstört hat. Und bei einem Menschen, der ein völkisches Denken zur Schau trägt, ist eine solche Erinnerung durchaus angebracht.

Jedenfalls fühle ich mich durch Kritik wie die des Tweets kaum noch berührt, weil ich nicht auf die Idee käme, solchen Unsinn zu schreiben wie der Autor des Textes. Andere vielleicht schon – sie werden denken: alle dürfen so etwas sagen, nur wir nicht, weil wir noch immer an der Schuld des Nationalsozialismus tragen müssen. Aber andere werden auch kritisiert, wenn sie Unsinn schreiben. Und das entscheidende besteht darin, dass man merkt, dass das, was man schreibt Unsinn ist – dann kommt man raus aus der Falle, dass man immer überlegt, ob man sagen darf, was man sagen will, obwohl man deutsch ist.

Dieser Beitrag wurde unter Nationalismus, Tagespolitik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s