Unter Wölfen: Wann victim-blaming angebracht ist

Die Bildzeitung lese ich nicht, aber wenn ich sie beim Bäcker oder bei rewe sehe, schaue ich mir das Titelblatt an beziehungsweise, ich schaffe es nicht, wegzusehen. Seit einigen Monaten habe ich nun den Eindruck, dass sich die Bildzeitung ein neues Feindbild gewählt hat: Wölfe. Angeblich sind sie schon bis ganz in die Nähe von Hannover vorgedrungen, sie belagern quasi schon die Vororte und die Neubausiedlungen am Rande der Stadt.

In Wirklichkeit leben einige von ihnen in der Lüneburger Heide. Aber wenn es ein Wolfsrudel in der Eilenriede gäbe, würde es mich nicht stören. So viel ich weiß, sind Wölfe vorsichtig. Wenn ich einem Wolf begegnete, der mich über eine Entfernung von vielleicht fünfzig Metern beobachtet und sich dann in den Wald zurückbegibt, sobald ich mich auf dem Weg nähere, würde ich den ganzen Tag wie verzaubert sein, so wie ich es jetzt manchmal bin, wenn ich dem Eilenriede-Bussard begegne (der mittlerweile allerdings eine viel kürzere Fluchtdistanz hat.)

Allerdings weiß ich nicht, wovon die Wölfe leben würde. Ich habe noch nie Rehe in der Eilenriede gesehen, mit Ausnahme der halbzahmen Rehe im Tiergarten. Wenn Wölfe sich über diese Rehe hermachen würden, wäre ich nicht erfreut, weil diese Rehe nämlich keine Chance haben: im Gegensatz zu frei lebenden Rehen können sie nicht fliehen. Menschen sind verantwortlich, sie zu schützen.

Menschen sind auch dafür verantwortlich, Schafe und Rinder zu schützen. Ich vermute, dass dies, nicht „Rotkäppchen“ und ähnliche Geschichten, der rationale Grund für die Angst vor Wölfen sind. Wölfe greifen Schafherden an, die nicht ausreichend geschützt sind, und die Schafe können sich nicht wehren. Wenn Schafe gerissen werden, bedeutet das für die Bauern einen Verlust, und daher gibt es in solchen Fällen Entschädigung, allerdings nur, wenn sie nachweisen können, dass sie ihre Schafe vorschriftsmäßig geschützt haben und die Wölfe trotzdem eines oder mehrere gerissen haben. (Eine ungeschützte Schafweide ist für Wölfe wie ein Kühlschrank, an den man geht und sich bedient.)

Wenn die Schafweide nicht vorschriftsmäßig geschützt war, gilt: selbst Schuld. Und dann kann die Schuld eben auch nicht auf die Wölfe geschoben werden. Wölfe haben keine Ahnung davon, das die Schafe einem Menschen gehören, und dass der Zaun dazu dient, dies anzuzeigen. Für Wölfe ist der Zaun nur ein physisches Hindernis, und als solches muss er die Wölfe abhalten, über die Schafe herzufallen. Von Menschen wird erwartet, dass sie Zäune respektieren, selbst wenn sie so niedrig wie Vorgartenzäune sind.

Ähnliches betrifft übrigens das Beispiel mit der Geldbörse, die man nicht offen herumliegen lassen soll und die oft von Maskus angeführt wird, wenn diese behaupten, dass Frauen, die sich leicht bekleidet in der Öffentlichkeit aufhalten, selbst schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden. Wer eine Geldbörse stiehlt, handelt moralisch verwerflich. Wer eine  Geldbörse offen liegen lässt, handelt allerhöchstens leichtsinnig, und dies auch nur, weil es leider zu viele Menschen gibt, die sich nicht darum scheren, dass es verwerflich ist, eine Geldbörse zu stehlen.

(Der weitaus überwiegende Teil der Menschheit weiß es allerdings. Trotzdem veranlassen uns die Ausnahmen, dass wir vorsichtig sind, was unsere Geldbörsen anbelangt. Aus diesem Grunde verstehe ich nicht, warum die gleichen Leute, die Frauen erklären, leichte Kleidung sei vergleichbar damit, dass man eine Geldbörse offen herumliegen lässt, sich beleidigt fühlen, wenn Frauen die Straßenseite wechseln, wenn sie im Dunkeln einem Mann begegnen. Natürlich sind nicht alle Männer Vergewaltiger – die große Mehrheit sind keine Vergewaltiger – aber die Ausnahmen, die es gibt, veranlassen zur Vorsicht.)

Wer dem Opfer die Verantwortung für die Tat zuschiebt, obgleich es allerhöchstens leichtsinnig, aber nicht moralisch verwerflich gehandelt hat, behandelt die Täter, als seien sie wie Wölfe, nämlich nicht zu moralisch verantwortlichem Handeln fähig. Wer als Täter so tut, als sei das Opfer seiner Tat für die Tat verantwortlich, weil es leichtsinnig gehandelt habe, spricht von sich selbst, als sei er kein Mensch, sondern ein Wolf, der seinen Impulsen, nicht seinem Verstand oder seinem Gewissen folgt.

Dies bringt mich nun zum Wort „provozieren“. Es fällt verhältnismäßig häufig, wenn das Verhalten von Tätern entschuldigt wird, unabhängig vom Verbrechen, das gerade diskutiert wird. Ein besonders absurdes Beispiel habe ich in einem Kommentar von Marko zu Antje Schrupp gefunden: Unabgeschlossene Fahrräder provozieren Fahrraddiebe, reiche Touristen provozieren arme Einheimische, und leicht bekleidete Frauen provozieren Vergewaltiger. Jedes einzelne dieser Beispiele ist absurd. Nicht einmal Schafe provozieren Wölfe, sondern die Wölfe sehen Schafe als Nahrung an. Aber Menschen sind eben keine Wölfe.

Es ist möglich, sich Beispiele zu anderen Bereichen zu überlegen, in denen Verbrechen entschuldigt werden. So haben angeblich die Redakteure von Charlie Hebdo provoziert. In einigen der von Rommelspacher durchgeführten Interviews lassen die Interviewten Frauen aufscheinen, dass  angeblich jüdische Menschen durch ihren Reichtum provoziert hätten. Es gibt noch weitere Beispiele: Stets werden Verbrechen dadurch gerechtfertigt, dass die Opfer angeblich provoziert hätten. Auch Bullies sind sehr kreativ, wenn sie anfangen zu erklären, wie sie von ihren Opfern provoziert worden seien. Wenn ihnen gar nichts anderes mehr einfällt, behaupten sie, es sei die Schwäche der Opfer oder die Art, wie die Opfer sich so wunderbar aufregen, die sie provoziert.

(Ich habe jetzt übrigens herausgefunden, welche der Bahnhofsbuchhandlungen Charlie Hebdo führt und habe begonnen, es jede Woche zu lesen. Es ist nicht zu dick, so dass ich es schaffe, die Zeitung zu lesen, obgleich sie französisch ist. Ich bin war vor allem überrascht, dass sie aus sehr viel Text besteht – nach all den Diskussionen glaubte ich, es sei eine reine Cartoonsammlung – und dass die meisten dieser Texte durchaus ernst sind. Es handelt sich also nicht um die französische Version der Titanic.)

Im Internet habe ich auf diversen Wörterbuchseiten nun nach „provozieren“ gesucht:

http://synonyme.woxikon.de/synonyme/provozieren.php

http://www.duden.de/rechtschreibung/provozieren

https://www.openthesaurus.de/synonyme/provozieren

Ich beginne mit den Definitionen des Duden: Provozieren hat dort zwei Hauptbedeutungen, eine medizinische („Erbrechen provozieren“) und eine, bei der es um das Verhalten von Menschen geht:  „sich so äußern, verhalten, dass sich ein anderer angegriffen fühlt und entsprechend reagiert; herausfordern“

Bei der medizinischen Bedeutung geht es um Vorgänge, die mehr oder weniger automatisch oder mechanisch ablaufen: das Beispiel „Erbrechen provozieren“ wird genannt.“ Anders verhält es sich, wenn Menschen provoziert werden, was sich am schönsten anhand des Beispiels ohne Akkusativ-Objekts zeigen lässt. Die Theaterautorin gestaltet ihr Stück bewusst so, dass Menschen sich angegriffen fühlen, aber ihr Ziel ist nicht, dass es dabei bleibt, sondern ihr Ziel besteht darin, dass diese Menschen anfangen, nachzudenken und ihre bisherigen Einstellungen zu hinterfragen. Wenn jemand nicht anfängt nachzudenken, sondern stattdessen zum Gewehr greift, ist dieser Mensch, nicht die Theaterautorin dafür verantwortlich, und es ist das Verhalten dieses Menschen, nicht das der Autorin, das verändert werden muss.

Das „Woxikon“ erklärt „herausfordern“ zu zentralen Bedeutung des Wortes „provozieren“: ärgern, reizen, sticheln. Mir fallen dabei Schulkinder ein, die ein jüngeres Kind ärger, und weil dieses sich nicht auf der gleichen Ebene wehren kann, weil ihm noch die intellektuellen Fähigkeiten fehlen, wird es wütend und reagiert möglicherweise sogar mit Gewalt. Man kann auch ein Tier auf diese Weise ärgern: Einen Hund, eine Katze, oder im Zoo ein Raubtier hinter einer Glasscheibe. Das Tier ist mit der Situation überfordert und reagiert wütend und kann gefährlich werden, aber zum Glück kann es die Glasscheibe nicht durchbrechen. (Trotzdem sollte man Tiere nicht ärgern.)

Openthesaurus schlägt Synonyme zu „provozieren“ vor, die sofort klar machen, wer im Recht und wer im Unrecht ist: Wer provoziert, lässt es am nötigen Respekt fehlen, ist frech und unverschämt, beleidigt andere und sucht Streit. Eine Theaterautorin, die bewusst provoziert, damit Menschen gerade das, was sie für selbstverständlich respekteinflößend halten, in Frage stellen, kommt bei ihnen nicht vor.

Wenn man diese Definitionen mit den Beispielen vergleicht, die im Kommentar von Marko genannt werden, so wird schnell deutlich, dass keines der Beispiele zu den Definitionen passt: Wer sein Fahrrad nicht abschließt, will niemanden ärgern oder reizen und ist nicht frech oder unverschämt. Das gleiche gilt für eine Frau, die ein kurzes Kleid trägt, etwa, weil sie unterwegs zu einer Party ist oder weil es draußen warm ist. Ihre Wirkung auf die Männer um sie herum (vielleicht mit Ausnahme einiger Partygäste) interessiert sie nicht. Reiche Touristen denken nicht darüber nach, wie sie auf Einheimische wirken. Das ist ein echtes Problem, aber es heißt nicht, dass sie die Einheimischen ärgern würden: Wie sollen sie jemanden ärgern, den sie nicht beachten?

Die Provokation geschieht einzig und allein im Kopf desjenigen, der angeblich geärgert wird. Er hat das Gefühl, dass es jemand am nötigen Respekt fehlen lässt, aber er behält sich das Recht vor, zu definieren, wie viel Respekt ihm zukommt und wie eine respektvolle Behandlung aussehen müsste. Derjenige, der das Gefühl hat, geärgert zu werden, nimmt eine Kommunikation wahr, die der andere überhaupt nicht beabsichtigt hat.

Es ist natürlich fraglich, ob das im Beispiel des Fahrraddiebs der Fall ist. Vermutlich sieht der Fahrraddieb ein unabgeschlossenes Fahrrad, ohne das Gefühl zu haben, dass jemand ihn ärgern will oder es am notwendigen Respekt fehlen lässt. Er weiß genau, was los ist: Jemand hat vergessen, es abzuschließen. Hier passt allerhöchstens die „mechanische“ Erklärung des Duden: provozieren heißt hervorrufen. Aber Menschen sind eben keine Roboter, die automatisch ein Fahrrad mitnehmen, nur weil jemand vergessen hat, es abzuschließen. Nur derjenige, der eine leicht bekleidete Frau als „aufreizend“ wahrnimmt und sich angesprochen fühlt, ohne dass die betreffende Frau dies je beabsichtigt hätte.

Wenn das Wort „provozieren“ auf eines der Beispiele passt, dann auf Charlie Hebdo. Allerdings kommt es auf den Standpunkt an, wie man dies interpretiert: Vom Standpunkt derer, die die Zeitung machen und unterstützen, handelt es sich um eine Provokation wie die der Theaterautorin aus dem Beispiel, das der Duden anführt. Das Ziel der Provokation besteht darin, dass Menschen nachdenken und liebgewonnene Überzeugungen in Frage stellen, gerade weil sie sich erst einmal verletzt fühlen. Dazu gehört natürlich eine gewisse Reife: Nicht gleich entsprechend dem Gefühl von Verletztheit handeln, sondern erst einmal nachdenken.

Vom Standpunkt derer, die sich verletzt fühlen, gilt natürlich, dass etwas Respektwürdiges nicht mit dem nötigen Respekt behandelt wurde und dass die Zeichner frech und unverschämt waren. Aus ihrer Sicht rechtfertigt dies die Gewalt. Aber das heißt nicht, dass irgendjemand sonst ihr Urteil akzeptieren müsste, und zwar weder die erste Hälfte (dass die Zeichner unverschämt waren) noch die zweite (dass Gewalt gerechtfertigt sei.)

Wer behauptet, dass die Zeichner von Charlie Hebdo provoziert hätten und so versucht, ihnen einen Teil der Verantwortung für die Attentate zuzuschieben, behandelt die Attentäter entweder als eine Art Automaten, die quasi automatisch mit Mord auf die Zeichnungen reagiert hätten, oder als Kinder, die noch nicht anders als mit Gewalt auf Provokationen reagieren können, die also nicht nachdenken und Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, wenn sie provoziert werden. Aber vielleicht ist es auch so, dass das Wort „provozieren“ generell nur mit Vorsicht verwendet werden sollte. Bevor man es verwendet, sollte man darüber nachdenken, ob man es nicht verwendet, um Victim-Blaming zu betreiben. (Hin und wieder gibt es tatsächlich Verwendungen von „provozieren“, die kein Victim-Blaming bedeuten.)

 

 

 

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