Lesetipp: Schuldlos – Schuldig? von Birgit Rommelspacher

Anfang der Neunziger führen Birgit Rommelspacher und ihr Team einige qualitative Interviews mit jungen Frauen durch. Sie fragen, was sie in der Schule, über die Medien und in ihrern Familien über die NS-Zeit gelernt hätten, sie fragen sie nach den Verstrickungen ihrer Familien, nach Bekanntschaften mit jüdischen Menschen, nach ihrer Haltung zu Schuld und Verantwortung.

Teilweise hat der Text mittlerweile den Charakter eines Zeitdokuments, vor allem, weil die historische Forschung mittlerweile weiter ist als damals und deutlichere Worte über die Beteiligung und die Mitwisserschaft der deutschen Bevölkerung an der Shoah findet. Die Trennung zwischen der Ausgrenzung jüdischer Menschen, die praktisch von der gesamten Bevölkerung getragen wurde, und der systematischen Ermordung dieser Menschen, die nur von einer kleinen Elite getragen worden sei, wird heute wahrscheinlich als weniger eindeutig eingeschätzt als damals. Auch die Vorstellung, dass Frauen einfach als Frauen (also nicht als Angehörige einer der eigentlichen Opfergruppen des NS-Regimes) Opfer des NS-Regimes und seiner Familienideologie gewesen seien, welche sie zurück ins Haus gedrängt hätten, gilt nicht mehr als richtig: Für viele Frauen bot die NS-Zeit Gelegenheit zu Abenteuern einschließlich einer Tätigkeit im Ausland. Dass Frauen Hausfrauen sollten, war mehr Ideologie als Realität, und zwar schon vor dem Krieg – während des Krieges natürlich in verstärktem Maß.

Andererseits war der Text zum Zeitpunkt seines Erscheinens einer jener Texte, die sich gegen die Vorstellung wandten, dass der Nationalsozialismus eine rein männliche Ideologie gewesen sei, der sich Frauen, wenn überhaupt, aus Überlebensnotwendigkeit angeschlossen hätte oder weil sie dazu verführt waren. Er betont, dass Frauen genauso wie Männer dieser Ideologie angehangen hätten und dass ihre Unterdrückung als Frauen sie nicht daran gehindert hat, andere Menschen, etwa Jüdinnen, auszugrenzen und an ihrer Unterdrückung mitzuwirken. Heutzutage wirken solche Sätze wie ein alter Hut, aber als der Text erschien, waren dies notwendige Warnungen gegen feministische Theorien, die so taten, als sei jegliche Form von Unterdrückung eine Folge des Patriarchats und würde verschwinden, sobald das Patriarchat verschwunden sei, und als seien Frauen von Natur oder durch ihre Sozialisation grundsätzlich friedliebender und weniger an Macht und sozialem Prestige interessiert als Männer. Heute würde man sich wahrscheinlich eher für die Karrieren von Frauen im Nationalsozialismus interessieren, nicht nur die alltägliche Ausgrenzung, sondern eben auch die Mitarbeit von Frauen in der Mordmaschinerie.

(In einem anderen Buch habe ich eine Geschichte gelesen, die an Mobbing-Taktiken von Dreizehnjährigen erinnert: Eine nichtjüdische Frau fragt eine jüdische Frau, warum sie schon so lange nicht mehr beim Stammtisch im Café Soundso gewesen sei, sie sei vermisst worden. Genau heute sei wieder Stammtisch, sie solle kommen. Die jüdische Frau freut sich, dass sie vermisst wurde, geht abends zu jenem Café, und erfährt vom Kellner, dass der Stammtisch abbestellt worden sei. Im Vergleich zur Ermordung von Millionen jüdischer Menschen hört sich das banal und wirklich etwas kindisch an, aber ohne Tausende solcher Vorfälle wären die Morde nicht möglich gewesen.)

Jetzt kann ich einen Text natürlich nicht anpreisen, indem ich ihn vor allem als historisches Dokument darstelle. Für mich persönlich ist er als historisches Dokument interessant, weil ich jung war, als die Interviews mit den jungen Frauen geführt wurden und weil es für mich hilfreich ist, in einem Text, der Anfang der Neunziger erschienen ist, etwas von den Debatten zu lesen, an die ich mich selbst noch erinnern kann, allerdings mit den Verzerrungen, die Erinnerung nach mehreren Jahrzehnten erfährt, und die in den modernen Debatten um Feminismus noch deutlich verzerrter erscheinen, als sie mir in Erinnerung sind.

Aber das ist persönlich. Wirklich wertvoll wird der Text, weil er Gedanken enthält, die immer noch wichtig sind und die teilweise in Vergessenheit geraten sind.

Immer noch wichtig sind die Ergebnisse zur Grundfrage des Textes: Wie Geschichte in der Schule und in der Familie vermittelt oder eben auch verschwiegen wird und welche Auswirkungen dies auf die Einstellungen der Nachgeborenen hat. Ich vermute, weder die Geschichtsvermittlung in der Schule noch die in der Familie hat sich seit dem Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie wesentlich verändert, auch wenn es mittlerweile die befragten jungen Frauen der zweiten Nachkriegsgeneration (die ich als dritte Generation bezeichnen würde) ihren eigenen Kindern die Geschichte der NS-Zeit vermitteln, oder auch nicht.

Die Geschichtsvermittlung in der Schule sei laut Rommelspacher geprägt durch ein Nebeneinander von reinen Informationen mit vielen Zahlen, die ohne Emotionen vermittelt werden, und den Bildern des Grauens aus den Konzentrationslagern. Diese Bilder können die jungen Frauen nicht in einen Zusammenhang mit den Geschichten bringen, die ihre eigenen Eltern und Großeltern erzählen – sie können mit diesen monströsen Verbrechen nichts zu tun haben (denken die jungen Frauen.) Nach dem, was die Eltern und Großeltern tatsächlich wissen konnten und woran viele von ihnen wahrscheinlich auch mitgewirkt haben, nämlich die Ausgrenzung im Alltag, fragen die jungen Frauen nicht.

Tatsächlich wird eher wenig in den Familien erzählt, vor allem nichts zu Holocaust oder Antisemitismus. Auf ihre Fragen erhalten die jungen Frauen ausweichende Antworten, dafür aber werden ihnen Geschichten erzählt, die jungen Frauen gar nicht hören wollten, vor allem Geschichten vom Krieg. Tatsächlich ist die Angst der „Erlebnisgeneration“ vor den Fragen der jüngeren Generationen nicht wirklich begründet: Diese kritisieren ihre Eltern und Großeltern in aller Regel nicht, sondern haben Verständnis für deren Verhalten, konkret: Sie akzeptieren deren Erklärungen oder Rationalisierungen, warum sie damals nichts getan oder nichts gewusst haben, sie haken nicht nach, wenn Details sich widersprechen oder auf nicht Erzähltes hinweisen, und auch Erklärungen für den damaligen Antisemitismus („die waren reich, da wird man eben neidisch“) werden als Aussagen über die „menschliche Natur“ akzeptiert und nicht als absurd zurückgewiesen.

Dass die Achtundsechziger ihre Eltern rücksichtslos nach ihrer Vergangenheit befragt und sie anschließend angegriffen und kritisiert hätten, erweist sich als Mythos. Die meisten der befragten Frauen haben es nicht getan, und diejenigen, die von sich sagen, es getan zu haben, behaupten auch, dass sie mit den Jahren mehr Verständnis entwickelt hätten. Insgesamt aber besteht eine große Scheu, die Eltern zu belasten, und ein Bedürfnis, sie als weitgehend unschuldig zu sehen. Der kindliche Wunsch nach vorbildhaften Eltern überwiegt die jugendliche Freude an der radikalen Kritik. Die eigenen Eltern oder Großeltern ernsthaft zu belasten würde die eigene Identität gefährden.

Identifikation mit den Eltern wird zur wichtigsten Strategie im Umgang mit der NS-Vergangenheit der Eltern. Die Abwehrmuster der Eltern werden übernommen, die Schuld der Eltern wird auf die eigenen Schultern geladen (während man sich nicht zutraut, über die Eltern zu urteilen), so dass am Ende das Ich kapituliert, wie Rommelspacher schreibt: „Das Vertrauen in die eigene Kompetenz der Realitätsprüfung und Selbsteinschätzung wird unterminiert. Die Konsequenz ist eine Ich-Einschränkung und -Verarmung“ (S. 95). Die entgegengesetzte Strategie ist ein rigider Moralismus: Die Eltern werden von vornherein verurteilt, ohne sich deren Geschichte im Detail anzusehen. Dabei geht es nicht wirklich um die Vergangenheit, sondern im Prinzip um jugendliche Provokation. Häufig werde dieser rigide Moralismus als typisch für die zweite Generation dargestellt, tatsächlich ist er aber viel seltener als die Identifikation. Manchmal findet auch eine zeitliche Abfolge ab: Auf den jugendlichen Moralismus folgt die Identifikation, wenn die Jugendlichen erwachsen werden. Echte Reife sieht anders aus. Vor allem würde diese die Fähigkeit beinhalten, die Realität zu prüfen und auf dieser Grundlage ein Urteil zu fällen. Die NS-Vergangenheit wäre nicht nur ein Thema, um sich von den Eltern abzugrenzen oder um Verbundenheit mit ihnen zu verspüren, sondern man hätte ein genuines Interesse an dieser Zeit, insbesondere auch, um die Beziehung zu den Opfern und deren Nachkommen wieder herzustellen.

„Sicherlich ist das Interesse an innerfamiliärer Offenheit und Lebendigkeit ein wichitiges Ziel. Aber das kann nicht der einzige Orientierungspunkt sein.  Denn es geht gleichzeitig um die Beziehung zu den anderen, vor allem zu den Opfern und ihren Nachkommen, und um die Wiederherstellung des „Humanum“ (Giordano 1987) in unserer Gesellschaft, das durch die NS-Verbrechen aufgekündigt wurde.“ (S. 105)

In einem weiteren Kapitel geht es um die Frage nach Schuld und Verantwortung. Viele der interviewten jungen Frauen lehnen den Schuldbegriff ganz ab und bevorzugen stattdessen den Begriff Verantwortung. Aber der Begriff der Schuld lässt sich nicht durch den Begriff der Verantwortung ersetzen: Menschen sind für ihr Tun und Lassen verantwortlich; Schuld aber bedeutet, dass sie dieser Verantwortung nicht gerecht geworden sind.

(Der Begriff „Pflicht“ taucht im Text nicht auf, vielleicht, weil er zu angestaubt ist und autoritär wirkt.)

Zunächst wird das christliche Verständnis von Schuld untersucht, welches vielen Vorstellungen von Schuld im Zusammenhabg mit dem Holocaust zugrunde liegt. Dem christlichen Verständnis zufolge bedeutet Schuld, dass man vor Gott schuldig geworden ist. Schuld kann erstens durch einen einmaligen Akt vergeben werden, zweitens kann sie gebüßt werden (etwa während der Nachkriegsjahre) oder sie kann vererbt werden. Dabei löst sie sich immer mehr von der ursprünglichen Tat.

Statt des Begriffs der Schuld ist nun der Begriff der Verantwortung populär geworden. Wir, die Nachgeborenen, seien nicht schuldig, aber verantwortlich. Mir erschien das ganze wie Wortklauberei: Genausowenig, wie ich für die Verbrechen der NS-Zeit schuldig war, konnte ich für sie verantwortlich sein. (Mir geht es anders als vielen, von denen ich höre oder in der psychoanalytischen Literatur lese: Erst als ich bei Hannah Arendt gelesen hatte, dass es absurd ist, sich für etwas schuldig zu fühlen, was man nicht getan hat und was man nicht hätte verhindern können, zum Beispiel, weil man zu der Zeit noch gar nicht auf der Welt war, wandte ich mich verstärkt der Geschichte der NS-Zeit zu und las zum Beispiel mehrere Berichte von Überlebenden, nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus Neugier und Interesse, und daraus entsprang Empathie.)

Rommelspacher konkretisiert den Begriff der Verantwortung, indem sie genau benennt, wofür die Nachgeborenen verantwortlich sind: Erstens sind wir verantwortlich für das „spirituelle“ Erbe unserer Eltern, im guten wie im schlechten, welches uns geprägt hat, und müssen uns diesem Erbe kritisch stellen – die einzige, nicht wünschenswerte Alternative dazu ist die Übernahme dieser Art des Denkens. Zweitens sind wir dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass die Überlebenden und deren Nachkommen und die Nachkommen der Opfer sich bei uns wohlfühlen und sicher fühlen. Es geht nicht darum, dass „das“ nicht wieder passiert – es geht um die Möglichkeit des Zusammenlebens, und das schließt die Erinnerung an die Verbrechen ein, denn die Opfer und ihre Nachkommen können nicht vergessen. Es geht darum, das eigene Denken zu hinterfragen und gesellschaftlich verbreitete Denkweisen zu verändern.

Rommelspacher diskutiert auch die „Ethik der Fürsorge“, der in vielen der Interviews aufscheint. Diese war durch das Buch von Carol Gillican In a Different Voice („die andere Stimme“) populär geworden.  Das Problem dieser Form von Ethik besteht darin, dass Fürsorge immer nur einem kleinen Kreis von Menschen gilt, so dass eine Linie zwischen den Nahestehenden und dem Rest der Welt gezogen wird. Während der NS-Zeit wurde diese Linie in erster Linie ethnisch gezogen, so dass jüdische Menschen draußen blieben. Ihnen galt keine Fürsorge.

Rommelspacher schließt daraus, dass die sogenannte „Ethik der Fürsorge“ unzureichend ist und der Ergänzung durch eine Ethik der Gerechtigkeit bedarf, gerade wegen der Menschen, die einem nicht nahestehen. Fürsorge, die sich nur auf die Nahestehenden bezieht, kann ein Regime wie den Nationalsozialismus stärken.

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Ich habe während des Lesens auch über meinen eigenen Schulunterricht nachgedacht. Wir hatten einen Religionslehrer, der sehr rigoros urteilte: Warum haben die Menschen nichts getan? Sie haben doch miterlebt, wie ihre jüdischen Nachbarn verschwanden. Warum haben sie nicht geholfen.

Die Geschichtslehrerin, die ich in der Mittelstufe hatte, war eher unschlüssig. Der Geschichtsunterricht endete mehr oder weniger mit dem Ende der Weimarer Republik. Es war nicht so, dass wir über die NS-Zeit nichts lernten, aber sie erschien mir als eine Art Block. Diskutiert wurde die Weimarer Republik, was der Position entsprach, dass die wesentlichen Fehler damals geschahen und dass man nach der Machtergreifung nichts mehr machen konnte. Sie wirkte unschlüssig, was die NS-Zeit anbelangt, und manchmal fragte sie uns, als erhoffe sie sich von uns Rat. Einmal meinte sie, dass wohl jede Generation der vorangegangenen Generation schwere Vorwürfe mache und dass man ihrer Generation wohl die Umweltzerstörung vorwerfen werde. Mittlerweile halte ich das für eine schwere Verharmlosung der NS-Verbrechen.

Unser Geschichtslehrer in der Oberstufe war rechts. Meistens lasen wir Artikel aus der WELT bei ihm. Ich erinnere mich an einen, der die Demonstranten der Umweltbewegung mit der SA verglich.

Am klarsten in seinem moralischen Urteil war also der Religionslehrer, und gleichzeitig war er auch jener, der der Position des „rigiden Moralismus“ am nächsten kam. Aber im Nachhinein sehe ich seine Fragen „Warum haben sie nichts getan, als die Nachbarn abgeholt werden?“ kritisch. Als Schülerin dachte ich, dass dies möglicherweise eine Überforderung an den Heldenmut und die Opferbereitschaft der nichtjüdischen Nachbarn darstellte. Mit meinen jetzigen historischen Kenntnissen würde ich sagen, dass es interessanter wäre, die Fälle zu betrachten, in denen es nicht um Heldenmut ging, also die Fälle, in denen Menschen die Gelegenheit zum Helfen hatte, ohne sich in allzu große Gefahr zu begeben – und die Fälle, in denen Menschen gemäß der Ideologie der Nazis handelten, ohne gezwungen zu sein, etwa indem sie jüdische Menschen ausschlossen, aber eben auch die Täterschaft bei den eigentlichen Verbrechen, der man sich auch gefahrlos entziehen konnte, etwa indem man behauptete, kein Blut sehen zu können. Widerstand ist das noch nicht, aber wenn viele Menschen so gehandelt hätten, wäre eben doch etwas passiert.

 

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