Opferschutz und Täterschutz

Nachdem ich geschrieben hatte, dass ich ungern über nichtdeutschen Antisemitismus schreibe, dachte ich daran, dass ich nicht so viel über deutschen Antisemitismus geschrieben habe. Im letzten Jahr habe ich sehr viel über Nationalismus und über den Ersten Weltkrieg geschrieben, wegen des Jubiläums natürlich, aber auch, weil ich erschrocken war über die große Anzahl der Menschen, die die „Schlafwandler“ von Christopher Clark kaufen. Mir schien dies deswegen interessant, weil die Schuldfrage für den Ersten Weltkrieg weniger tabuisiert ist als Zweiter Weltkrieg und Holocaust, so dass dies noch ein Thema ist, wo Menschen sagen dürfen, was sie meinen (von denken will ich nicht reden) und ihrem Nationalismus freien Lauf lassen.

Über Antisemitismus habe ich mehr gelesen als geschrieben, vor allem aus Scheu. Vor allem habe ich Psychologisches gelesen, aber ich bin eben keine Psychologin. Was ich über Projektionen und Paranoia lese, fasziniert mich, aber ich kann es nicht beurteilen. Ich habe mir jetzt aber vorgenommen, meine Scheu etwas abzulegen und auch zu schreiben, allerdings werde ich das Thema erweitern und nicht nur über Antisemitismus schreiben, sondern über Punkte, wo ich den Eindruck habe, dass sich Nationalsozialismus und die nicht aufgearbeitete Vergangenheit in der Gegenwart widerspiegeln. Ich habe verschiedene Ideen für Themen, und ich möchte mit einem Thema anfangen, das einigermaßen aktuell ist: Mit dem absichtlich herbeigeführten Flugzeugabsturz vor einer Woche.

Der Flugzeugabsturz hat zu mehreren heftigen Diskussionen im Internet geführt, eine davon die darüber, ob es richtig sei, die Namen von Täter und Opfern zu nennen. Ich bin der Diskussion nicht wirklich gefolgt, weil sie mich nicht brennend interessierte, aber dann bin ich auf einen extralangen Tweet von @AnkeJulieMartin gestoßen: Viele deutsche Twitterer trauern lieber um anonyme Opfer…

Sie präsentiert dort eine Position, die der typisch deutschen gerade entgegengesetzt ist: Nicht das Verschweigen, sondern das Nennen der Namen drückt Respekt vor den Opfern eines Verbrechens aus. Sie sollen eine Identität erhalten. (Das Buch „Rampage: The Social Roots of School Shootings“ von Katherine Newman et al. nennt die Namen der Kinder und Jugendlichen, die bei den School Shootings, die das Team untersuchte, ermordet wurden, und beschreibt auch deren Charakter und wie talentiert sie waren und was für eine glänzende Zukunft sie gehabt hätten, alles in so hohen Tönen, dass ich mich fragte, ob die Jugendlichen, die ich kenne und die ganz normale Jugendliche sind, auch so gepriesen worden wären.)

Wenn in Deutschland die Nennung der Namen der Opfer dazu führe, dass Opfer und Hinterbliebene respektlos behandelt werden, dann haben wir ein Problem. Und zwar, und das ist jetzt meine Ansicht, ein Problem, das schwerer wiegt als die Frage, ob man nun Namen nennen soll oder nicht. Die Diskussion um die Namen überdeckt das eigentliche Problem: Den Mangel an Respekt vor Personen, die Opfer eines Verbrechens wurden.

Das andere Problem ist die Nennung des Namens des Täters. In ausländischen Medien wurde er früher genannt als in Deutschland, und als die BILD-Zeitung ihn als erste deutsche Zeitung nannte, gab es heftige Kritik.

Durch meine Twitter-Timeline habe ich einen Link zum deutschen Pressekodex gefunden: Schutz der Persönlichkeit. Es gibt Argumente, die für eine „identifizierende Berichterstattung“ sprechen, etwa die Schwere der Tat (immerhin wurde Anders Breivik übertroffen) und dass es sich um eine sehr ungewöhnliche Tat handelt. Es gibt Argumente, die gegen eine Identifizierung sprechen, vor allem, dass der Täter anscheinend an einer Depression erkrankt war. Manchmal wird ein weiteres Argument genannt, das sich nicht im Pressekodex findet: Schutz der Familie des Opfers. Dieses Argument hat mich stutzig gemacht, insbesondere nachdem ich den vorhin verlinkten Texte von @AnkeJulieMartin gelesen hatte, die die Diskussion aus einer jüdischen und israelischen Perspektive kommentiert. (Ich folge auch sonst ihren Tweets, sie hat sich ziemlich stark in die Diskussion eingemischt.)

Die Täter lieber nicht nennen, um die Familien zu schonen: Dies ist ein Argument, das ich gerade im Zusammenhang mit NS-Tätern mehr als einmal gehört habe (in einem Geschichtsseminar), zwar nicht im Zusammenhang mit den großen, berühmten Tätern, sondern mit den kleinen, die es in jedem Dorf gab, wo sie Zwangsarbeiter beschäftigten. Genauere Nachforschungen sind lieber erst einmal unerwünscht, es könnten noch Nachfahren der Betreffenden leben, und deren Ruf könnte es schaden, wenn die Namen der Täter öffentlich gemacht werden. Dabei ist letzteres eher unwahrscheinlich, da sich doch schon vor der Veröffentlichung der Namen die Dorfgemeinschaft zusammenschließt, um die Veröffentlichung der Namen zu verhindern. Wahrscheinlicher ist es, dass das Dorf als ganzes um seinen Ruf besorgt ist, und dass die Nachfahren gar nicht so genau wissen wollen, was ihre Vorfahren getan haben. So entsteht Täterschutz.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Reflexe, die vor der Nennung des Namens des Täters zurückschrecken lassen, zu überdenken. Warum wollen wir ihn schonen? Warum meinen wir, es sei nötig, die Familie zu schonen? Warum fühlen wir uns in irgendeiner Weise solidarisch mit ihm? (Was die Familie anbelangt, so besteht das eigentliche Problem darin, dass zu Recht oder Unrecht davon ausgegangen wird, dass sie in „Sippenhaft“ genommen werden wird.)

Als einziges stichhaltiges Argument, den Täter zu schützen, bleibt die Tatsache, dass er an einer psychischen Krankheit litt, nämlich Depression, sodass er möglicherweise schuldunfähig war. Aber Depression heißt nicht, dass man nicht weiß, was man tut. (Etwas anderes ist es, wenn jemand einen Menschen erschlägt, weil er ihn plötzlich für ein Monster hält.) Nicht jede Krankheit führt zu Schuldunfähigkeit.

Ich fühle mich an das School Shooting von Sandy Hook erinnert, bei der der Bruder des Täters die „Diagnose“ Autismus ausgestellt hatte, was prompt zu einem Protest der Interessenvertretungen von Autisten führte (in meinen Augen völlig berechtigt): Solche Verbrechen seien eher untypisch für Autisten, und insgesamt zeigten Autisten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine geringere Neigung zu Gewaltverbrechen. Ähnliches sagen nun Menschen, die Depressive vor Stigmatisierung schützen wollen, und obgleich ich keine offiziellen Statistiken kenne, vermute ich, dass diese Leute Recht haben, einfach wegen der Definition der Krankheit Depression. Eine psychische Krankheit als Ursache zu nennen, ohne zu fragen, ob diese zu einer höheren Wahrscheinlichkeit von Gewaltverbrechen führt, hat nur den Zweck, eine einfache Erklärung für ein Verbrechen zu finden, das den Täter uns möglichst unähnlich erscheinen lässt. Das Problem ist nur: Depression ist dafür die falsche Krankheit, sie ist nämlich weit verbreitet und lässt den Täter uns nicht unähnlich, sondern uns ähnlich erscheinen.

Problematisch erscheint mir auch die Deutung der Tat als Suizid, so dass die anderen Menschen, die gestorben sind, als Nebenfolge erscheinen, die der Täter nicht bedacht hat. Die Tat wird behandelt, als habe sich der Täter vor einen Zug geworfen, ohne zu bedenken, dass dann Hunderte von Menschen auf ihrer Reise aufgehalten werden. Aber Menschen zu töten ist nicht das gleiche wie Menschen auf ihrer Reise aufhalten.

Jetzt habe ich mir doch noch einmal das „Dossier“ in der Mediathek der ARD angesehen, und dort nur ein Interview mit einer Psychologin gefunden: Was ist ein Mitnahmesuizid? Sie spricht von einem Tunnelblick und von einem Verlust der Empathie, der bei Depressionen und geplanten Selbstmorden auftauchen können. Ich höre zum ersten Mal, dass dies Teil des Krankheitsbilds der Depression sei.

(Natürlich gibt es die immer gleiche Klage, dass jemand, der sich umbringt, nicht darüber nachdenkt, wie traurig die anderen sein werden, und dass es daher egoistisch sei, sich umzubringen. Ich denke, ehrlich gesagt, dass die Jammerei egoistisch ist. Ich denke, dass diejenigen, die wirklich um den Toten trauern, in erster Linie daran denken, wie verzweifelt er oder sie gewesen sein muss, sich umzubringen. Diejenigen, die in erster Linie an sich selbst denken und daran, wie der Tote ihnen das antun konnte, sind nicht traurig.)

Mittlerweile ist offiziell, was ich gestern, als ich den Text zu schreiben begann, nur vermutete: Der Copilot hat das Flugzeug nicht spontan gegen den Felsen geflogen, als sich ihm plötzlich die Gelegenheit gab, sondern er hat Pläne gemacht und sich informiert. Er hat entschieden, nicht mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren, sondern ein Flugzeug gegen einen Felsen zu fliegen. Warum er das tat und wie er dies vor sich selbst rechtfertigte, wissen wir nicht.

Nachtrag: Ich habe einen Artikel in der Jungle World und einen anderen in der ZEIT gefunden, die klarstellen, dass Depression nicht dazu führen, dass man Flugzeuge gegen einen Berg fliegt. Hier mein Nachtrag.

 

 

 

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Eine Antwort zu Opferschutz und Täterschutz

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