Erfahrungen meines früheren Ichs: Ratschläge, die das Wort „einfach“ enthalten und die Furcht, verrückt zu sein

Am Wochenende bin ich einer Feministin begegnet, die an die alte Tradition der Frauenbewegung erinnerte, von den eigenen Erfahrungen auszugehen. Jede soll dabei dort akzeptiert werden, wo sie gerade ist, in der Vorschule oder kurz vor dem Abitur, mit dem Anspruch natürlich, dass sie weiterlernt.

Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr Abstand von diesem Konzept gewonnen. Es war ein gradueller Prozess, und die eine Hälfte dieses Prozesses ist eher traurig: Ich habe die Hoffnung verloren, dass mir jemand zuhören würde, wenn ich von den Erfahrungen berichte, die mein Leben vor ungefähr zehn Jahren umgeworfen haben. Sie antworten mit Allgemeinplätzen oder Ratschlägen, die das Wort „einfach“ enthalten, tun so, als wüssten sie Bescheid, machen unerbetene Komplimente, die zeigen, dass sie überhaupt nichts verstanden haben, und alles, was ich spüre, ist, dass sie auf Abstand gehen.

Die andere Seite besteht darin, dass ich Erfahrung nicht mehr für das zentrale Element der Erkenntnis halte. Reflektierte Erfahrung, das ist etwas anderes, aber darum geht es in aller Regel ja nicht, wenn Menschen von ihren Erfahrungen erzählen. Es geht einfach ums Erzählen, ums Mitteilen der eigenen Gefühle, und darum, Zustimmung zu finden. Die Schwierigkeiten zeigen sich dann, wenn andere Menschen andere Erfahrungen haben, die die eigenen Gefühle und die Schlussfolgerungen aus den eigenen Erfahrungen in Frage stellen. Dann stellt sich die Frage, wessen Erfahrungen die wichtigeren sind, und wenn es keine anderen Kriterien gibt, wird sich derjenige oder diejenige, die in dieser spezielleren Situation die mächtigere ist, durchsetzen. (Ob jemand in einer speziellen Situation mächtiger ist, hängt von vielen Faktoren ab, von denen die mehr oder weniger privilegierte allgemeine gesellschaftliche Situation nur einer ist.)

Gefühle, Erfahrungen und auch Wahrnehmungen lassen sich schlecht kritisieren. Da steht dann (etwa bei der Einrichtung einer Wohnung) dem „also ich finde rot schöner“ das „aber ich finde blau schöner“ gegenüber. Gedanken lassen sich kritisieren: wie sind sie begründet, sind die Argumente schlüssig, welche empirischen Fakten liegen ihnen zugrunde, wie sind sie belegt? Bei Gefühlen, Wahrnehmungen und Erfahrungen geht das schlecht, sie kommen aus einem Bereich, der sich nur schlecht kontrollieren oder gar verändern lässt, und daher fühlt sich Kritik an Gefühlen, Wahrnehmungen oder auch an Erfahrungen sehr schnell wie Kritik an der ganzen Person an.

Manchmal fühlt man sich auch an, als werde man für verrückt erklärt. Wir alle sind darauf angewiesen, dass wir uns bis zu einem gewissen Maß auf unsere Sinne verlassen können. Bei einem Photo wie jenem von dem blau-schwarzen beziehungsweise weiß-goldenen Kleid, welches vor ein paar Wochen im Internet die Runde die machte, können wir noch akzeptieren, dass es Sinnestäuschungen gibt, und hin und wieder können wir sie auch in der Realität akzeptieren, insbesondere wenn sie aufgeklärt werden, und wir können uns auch damit anfreunden, dass in extremen Bereichen (etwa bei der Nutzung von GPS-Systemen) Raum und Zeit nicht das sind, als was wir sie im Alltag wahrnehmen – aber wenn wir uns ständig fragen müssen: habe ich das jetzt richtig wahrgenommen? Erinnere ich mich richtig? dann wird das Leben schwierig.

Andererseits gibt es natürlich Beispiele, in denen die eigene Wahrnehmung falsch ist. Zum Beispiel war das Bedrohungsgefühl eines Großteils der Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg falsch. Wenn sich Heterosexuelle von Homosexuellen bedroht fühlen, so ist diese Wahrnehmung falsch. Man kann die Schraube aber auch eine halbe Drehung weiterspinnen: Es gibt Situationen, wo sich jemand zu Recht bedroht fühlt, wo ihm aber die Außenwelt einredet, die Bedrohung existiere nicht. Dann müsste man eigentlich genau hinsehen und eine empirische Untersuchung starten, die die Behauptungen überprüft, aber das geschieht in aller Regel nicht, sondern die Position, die stärker ist, setzt sich durch.

Jetzt wollte ich eigentlich eine Geschichte erzählen, die mir vor ungefähr fünfzehn Jahren passiert ist, aber erst einmal möchte ich die Einleitung beschließen und erklären, warum ich jetzt doch von Erfahrungen berichte: Mein Eindruck ist, dass Erfahrungsberichte sich einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Allerdings werde ich nicht von meinem gegenwärtigen Alltag berichten (auch, weil Erzählungen über Menschen, die ich jetzt kenne und die sich wiedererkennen könnten, für mich hier ein Tabu darstellen), sondern von jener Zeit, bevor mein Leben umgeworfen wurde. Wenn ich an den Menschen denke, die ich ungefähr bis zu meinem 33. Lebensjahr war, dann erscheint sie mir als eine ganz andere Person, obgleich ich natürlich weiß, dass ich das war und dass ihre Erfahrungen dazu beigetragen haben, wie ich heute bin – aber entscheidend ist, wie ich diese Erfahrungen heute deute.

Die Erfahrungen, von denen ich erzählen will, sind jene, die ich im magischen Dreieck von Sozialpädagogik, „Beratung“ und Psychotherapie (von Leuten mit „kleinem Heilpraktikerschein“) und Esoterik gemacht habe. Ich halte von diesem Dreieck mittlerweile Abstand, allerdings nicht perfekt – davon werde ich ein andermal erzählen. Es hat seine Faszination allerdings mittlerweile vollkommen verloren. Es sind im Prinzip Erfahrungen in Kreisen, in denen Gefühle, Erfahrungen, Wahrnehmungen, kurz gesagt Subjektivität sehr hoch geschätzt wird, aber eben nicht meine Subjektivität. Ich muss noch ein bisschen darüber nachdenken, was das bedeutet – es wird dadurch Macht ausgeübt, das weiß ich jetzt, aber ich möchte auch wissen, gegen was – ich glaube ja nicht, dass es unbedingt gegen mich als Person ging, die Leute waren alle nett und versuchten, mir zu helfen, sondern gegen einen bestimmten Aspekt meiner Erfahrung, und möglicherweise sagt das etwas aus. Aber ich bin noch nicht an dem Punkt, wo ich benennen könnte, welcher Aspekt es ist – ich hebe das auf für das Ende meiner geplanten Serie.

Also jetzt die Geschichte: Sie geschah in der Phase, in der ich mich von meinem Freund trennte, genauer gesagt, kurz nach der Trennung. Wir hatten während der Trennung Beratung bei einer Beraterin der evangelischen Kirche gesucht, mit dem Erfolg, dass er mir drei Tage nach dem ersten Termin bei dieser Beraterin klar sagen konnte, dass er eigentlich keine Lust hatte, sich mehr Mühe zu geben, mich zu sehen. (Dies war meine damalige Sehnsucht – jemanden zu finden, der mich besser sehen würde und mich unterstützen würde, meine künstlerischen Talente zu entfalten. Ich habe diese Sehnsucht nicht mehr, und vor allem wäre eine Freund nicht mehr die Person, von der ich mir das erhoffen würde – aber damals war ich eben so. Allerdings hatte ich zum Zeitpunkt der Trennung schon die Hoffnung aufgegeben und wünschte mir nur noch, dass er mir mehr Freiraum gäbe, mich um mich selbst zu kümmern, anstatt immer, wenn wir gleichzeitig zuhause waren, von mir zu verlangen, dass ich mich mit ihm unterhalte.)

Wir trennten uns also, aber ich nahm noch ein paar weitere Termine bei der Beraterin wahr. Mein Freund deutete das Ende unserer Beziehung als „wir passten eben nicht zusammen“, so dass ich mit der Entwertung, die ich in dieser Beziehung erfahren hatte, allein blieb. Ich wollte mit der Beraterin noch darüber sprechen und versuchen, das in Worte zu fassen. (Später gelang es mir.)

Ich sprach mit mir über die wesentlichen Konflikte mit diesem Freund, und einer bestand darin, dass ich mit seinen Freunden nicht klar kam. Ich weiß immer noch nicht, warum das so war, mit späteren Freunden ging es mir jedenfalls nicht so. Manche mochte ich nicht, manche gingen zu schnell auf mich zu, vielleicht lag es auch an mir – jedenfalls ging immer etwas schief. Er war ganz frustiert, dass ganz normale Aktivitäten wie ein Treffen zu viert mit seinem besten Freund und dessen neuer Freundin für mich in erster Linie anstrengend waren und ich ihn dies auch wissen ließ. Mit dem Freund kam ich noch klar, aber mit der Freundin des Freundes hatte ich echte Schwierigkeiten.

(Einmal ärgerte ich sie auch. Sie versuchte, sich mit mir über Bücher zu unterhalten: Sie: „Milan Kundera finde ich gut.“  Ich: „Ich habe nur ein Buch von ihm gelesen, das fand ich nicht so gut, und deswegen war ich nicht wirklich motiviert, noch anderen Büchern von ihm eine Chance zu geben.“ Sie: „Vielleicht war es das falsche Buch. Du musst ‚Unsterblichkeit‘ lesen.“ Ich: „Das war genau das Buch, das ich gelesen hatte.“ Ihr seht, wie vorsichtig ich damals war: Ich meinte, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich kein zweites Buch von einem Autor ausprobieren wollte, wenn mir das erste, das ich gelesen hatte, nicht gefiel – dabei gibt es so viele Bücher und Autoren auf der Welt.)

Einmal saßen wir zusammen, und sie erzählte von ihrer Promotion, wie toll alles lief und dass sie sogar eine ganze Stelle hatte, weil sie so toll war. Ich hatte zur selben Zeit ziemliche Schwierigkeiten mit meiner eigenen Promotion und war nicht sicher, ob ich sie überhaupt erfolgreich abschließen würde. Ich hatte keine Lust, ihr zuzuhören, wie toll sie war. Ich dachte daran, dass es für mich eigentlich viel wichtiger sei, mich um mein eigenes Leben zu kümmern und dass es Zeitverschwendung sei, noch in der Kneipe zu sitzen. Ich wäre am liebsten gegangen, aber das wäre unhöflich gewesen, und ich hätte Ärger mit meinem Freund bekommen.

Ich erzählte die Geschichte der Beraterin, und sie reagierte, indem sie mir eine andere Handlungsmöglichkeit vorschlug. Sie meinte, ich hätte ja auch sagen können: „Ist ja schön, dass es dir so gut geht, ich freue mich mit dir“ und anschließend von meiner eigenen Dissertation erzählen können, mir der es in jenem Moment schlecht lief. Ob sie das Wort „einfach“ tatsächlich verwendete, erinnere ich mich nicht mehr. Ich glaube, ich habe die Beraterin nur verständnislos angesehen, und auf dem Heimweg habe ich gedacht, dass das wirklich ein absurder Rat war. (Ich glaube, das war mein letzter Besuch bei der Beraterin, vielleicht auch mein vorletzter. Ich bin nicht oft bei ihr gewesen.) Meine Einschätzung der sozialen Situation war ganz anders gewesen: Ich hätte mir von der Freundin des besten Freundes meines Freundes kein Verständnis erhofft. Ich kannte sie kaum, sie war nicht meine Freundin, und außerdem erzählte sie nur von sich. Warum hätte ich ihr von Schwierigkeiten erzählen sollen? Warum hätte ich mich freuen sollen, dass es ihr so gut ging? Sie war nicht meine Freundin.

Meine Einschätzung unterschied sich also an zwei Punkten von der der Beraterin: Erstens, wie ich die Freundin des besten Freundes meines Freundes als Mensch einschätzte, und zweitens, welches Verhalten ich in dieser Situation für angemessen hielt. Der absurde Aspekt dieser Geschichte besteht darin, dass sie die andere Frau überhaupt nicht kannte. Sie wusste nicht, ob es ratsam gewesen wäre, dieser Frau, die so viel davon geredet hat, wie toll sie sei, zu erzählen, dass man gerade enorme Schwierigkeiten hat. In solch ein Urteil spielt sehr viel hinein, nicht nur dass sie sehr viel davon erzählt hat, wie toll sie sei, sondern auch, wie sie davon gesprochen hat und was ihre Körpersprache war und wie die beiden anwesenden Männer auf sie reagierten.

Wenn sie also nicht wusste, was mein Gegenüber für ein Mensch war, warum machte sie mir den Vorschlag, dass ich offen über meine Misserfolge hätte reden sollen? Lebte sie in einer Welt, in der es normal ist, mit Menschen, die man fast nicht kennt, über Misserfolge zu reden? In einer Welt, in der niemand es ausnutzt, wenn er von Schwierigkeiten und Misserfolgen eines anderen hört? Oder war sie ein Mensch, dem es gelingt, von eigenen Schwierigkeiten und Misserfolgen auf eine Weise zu reden, die sie nicht verletzlich macht? Meinte sie, dass alle Menschen so seien, oder so sein sollten? Und selbst wenn sie meinte, dass alle so sein sollten, warum konnte sie nicht akzeptieren, dass ich nicht so war und erst lernen musste, so zu sein?

Es ist eine kleine Episode, nur ein Beispiel aus meinen Erfahrungen mit Menschen, mit denen ich als Beraterinnen zu tun hatte. Ich konnte es damals verhältnismäßig gut wegstecken, indem ich mir sagte, dass sie Unsinn redete, und nicht mehr hinging. Aber wenn ich jetzt zurückdenke, so spüre ich, dass ein Stachel geblieben ist: dass sie mich mit ihrem unsinnigen Rat auf Distanz hielt, dass sie mich spüren ließ, dass ich feige, schwach, voller Misstrauen sei, unfähig mit einer solchen Situation umzugehen. Möglicherweise spürte sie, dass ich Schwierigkeiten hatte, mit denen sie überfordert war.

Wenn ich zurückdenke, so glaube ich, dass ich in jener Zeit viel vertrauensseliger war als heute und mich manchmal unnötig klein machte, indem ich zu viel von Problemen erzählte. Ich war damals vertrauensseliger als die meisten anderen Menschen. Der Vorschlag, den die Beraterin mir machte, war unsinnig. Aber Stachel und Kälte lassen doch Spuren zurück: Ich war es, die inadäquat war.

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Psychotherapie mit kleinem Heilpraktierschein und Esoterik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Erfahrungen meines früheren Ichs: Ratschläge, die das Wort „einfach“ enthalten und die Furcht, verrückt zu sein

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s