Blockstöckchen: 5 Bücher 2015,

zugeworfen von @cloudette_. (Ihre eigenen fünf Bücher lassen sich hier finden: Fünf Bücher für 2015) Ich fühle mich erst einmal geehrt, dass mir dieses Blogstöckchen zugeworfen wurde, obgleich klar ist, dass keine Liste von fünf Romanen folgen wird. Ich werde mich ähnlich wie Cloudette auf die Bücher konzentrieren, die seit nicht allzu langer Zeit ungelesen in meinem Regal stehen, auf die, die ich zur Zeit lese, und auf zwei Bücher, die ich bestellen möchte, die ich aber noch nicht bestellt habe. Es sind mehr als fünf Bücher.

1. Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Die belletristische Ausnahme in meiner Sammlung von non-fiction. Ich lese das Buch allerdings nicht, sondern höre mir die Fassung des Bayrischen Rundfunks an: Peter Weiss, die Ästhetik des Widerstands, Hörspiel in zwölf Teilen Zur Zeit bin ich bei Teil 8. (Ich höre mir jeden Teil mehrere Male an.)

2. Les carnets de guerre de Louis Barthas, tonnelier. Im vergangenen Jahr habe ich auf arte die Dokumentation „14 Tagebücher“ gesehen und auch dazu gebloggt. („Vierzehn Tagebücher„). Louis Barthas empfand ich von allen vierzehn portraitierten Menschen am reflektiertesten, und als ich im vergangenen Urlaub in Frankreich sah, dass seine Tagebücher „in print“ sind, beschloss ich, sie zu kaufen. Allerdings habe ich sie nicht sofort gekauft – ich schleppte ohnehin genügend Papier mit mir herum. Jetzt habe ich sie mir online bestellt, und das Buch ist auch schon angekommen. Ich muss nur anfangen, es zu lesen.

3. Eike Geisel: Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen. Eine Sammlung von Essays aus der konkret aus der Zeit um 1990 herum. Heute nachmittag habe ich angefangen, das Buch zu lesen, weil ich das andere Buch, das ich zur Zeit lese, zuhause vergessen hatte. Die Essays behandeln den deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit und insbesondere mit der Shoah und lassen kein gutes Haar an den Deutschen, auch nicht an der zweiten Generation (die dritte war damals noch sehr jung), sondern greifen deren Versuche, sich mit oder als Juden zu identifizieren, heftig an. Bei manchen bedeutet diese Identifizierung, dass sie sich für die eigentlichen Opfer ihrer Nazi-Eltern halten, und sich beklagen, dass sie wie Juden verfolgt oder zu Außenseitern gemacht worden wären (was angesichts der tödlichen Verfolgung der Juden gar nicht stimmen kann.) Andere gehen weiter, konvertieren oder halten sich für Juden ohne offiziell konvertiert zu sein. Die zweite Variante ist ziemlich abstoßend, da sie sich ermächtigt fühlt, zu entscheiden, dass sie nun Juden seien, ohne Rücksprache mit irgendeiner jüdischen Gemeinde zu halten. Die erste Variante ist im Prinzip akzeptabel, aber problematisch, wenn grundlegende Einstellungen der NS-Ideologie erhalten werden und nur ein Seitenwechsel stattfindet. (Dass solch ein Seitenwechsel gar nicht so merkwürdig ist, erklärt sich aus den Spezifika von Antisemitismus als einer Form von Wahnsinn, die eine ganze Menge in Juden hineinprojiziert, und zwar Bewunderung und Faszination genauso wie all das, was man an sich selbst verachtet, vor allem aber das Streben nach Macht.

Die Texte sind beißend und verletzend und lassen eine an den Bemühungen, durch intensive Beschäftigung mit der NS-Zeit (als einer Art Buße) einen gewissen inneren Frieden zu finden, verzweifeln, aber nach einem Wochenende Care Revolution, an dem es vor allem darum ging, dass es allen gut geht, und nach der Lektüre des Artikels von Elke Horn im Buch Unbewusste Erbschaften des Nationalsozialismus (der lange Essay von Hannes Heer war sehr gut), welcher beklagt, dass Menschen der zweiten Generation sich häufig schuldig fühlen und nicht glauben, dass sie das Recht haben, dass es ihnen gut geht, war dies genau das, was ich brauchte. Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit geht es nicht darum, dass es einem selbst gut geht, dass man ein gutes Gewissen hat, dass man sich wieder mag und sich etwas gönnt. Es geht darum, dass man jüdischen Menschen zuhört, ihre Perspektive ernst nimmt und anerkennt, dass das, was sie erlitten haben und noch erleiden, etwa durch transgenerationelle Weitergabe von Traumata, alles überschattet, was man selbst erlitten hat, und dass man mit der Nabelschau aufhört.

4. Die Bestimmung des Menschen nach Kant von Reinhard Brandt. Im Moment ist das Buch für ca. 60 Euro bei amazon gebraucht erhältlich, und ich überlege mir, es zu kaufen. Zur Zeit habe ich ein Exemplar per Fernleihe ausgeliehen, aber das muss ich am Dienstag zurückgeben, und ich habe keine Chance, es bis dahin zu lesen. Nach einem Jahr Beschäftigung mit der Kritik der Praktischen Vernunft war das ein Buch, das mir noch einmal eine neue Perspektive auf das Original gegeben hat.

Von Kant bin ich fasziniert, seit ich vor über zehn Jahren die Grundlegung der Metaphysik der Sitten gelesen habe. Dass Kant die Moral ohne Verweis auf Gott oder sonst eine Autorität begründet, war neu für mich. Allerdings hatte ich damals noch Schwierigkeiten mit der klassischen Formulierungen des Kategorischen Imperativs, „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ und orientierte mich eher an der sogenannten Zweckformel, derzufolge man die Menschheit in Gestalt jedes einzelnen Menschen (auch der eigenen Person) immer auch als  Zweck, nie nur als Mittel sehen muss. Ich habe jetzt aber gelernt, dass ich dies damals falsch verstanden habe, denn es geht nicht einfach um den Menschen an und für sich, etwa sein Glück oder sein inneres Wesen (wie ich damals glaubte, so dass ich dachte, dass die Entfaltung meiner künstlerischen Talente das Wichtigste sei), sondern um die Fähigkeit des Menschen zur Autonomie, welche die Grundlage seiner Würde ist.

Jetzt schreibe ich mehr über das Kant selbst als über das Buch von Reinhard Brandt. Aber letzteres hat mir geholfen, Kant zu verstehen.

5. Im kommenden Jahr wird die Reihe der Seminare zu Kant mit der Metaphysik der Sitten (nicht der Grundlegung) fortgesetzt. Außerdem habe ich mit der Schrift über die Religion in den Grenzen der reinen Vernunft angefangen und will das noch zuende lesen. Aber beides ist in einem Band, also zählt das nur als ein Buch.

6. „Schuld und Abwehr“ von Theodor W. Adorno. Auch dieses Buch steht seit einer Weile in meinem Bücherschrank. Ich bin darauf gestoßen, weil ich in einem Buch von Lars Rensmann „Demokratie und Judenbild“ davon gelesen hatte, in welchem dieser darüber schreibt, dass der Antisemitismus nach 1945 dadurch fortleben kann, dass viele der Täter (und der Nachkommen) ein externalisiertes Überich besitzen, so dass Vorwürfe, die sich gegen die Nation richten (welche als idealisiertes Objekt geschützt werden muss) nicht begriffen werden können, sondern nur als Vorwürfe von außen gesehen werden, so dass sie aggressiv abgewehrt werden. Der Autor zitiert in erster Linie Adorno, und zwar gerade den Text „Schuld und Abwehr“, so dass ich mir dachte, dass es nützlich sein könnte, das Original zu lesen.

(Von Adorno kenne ich bisher nur die „Elemente des Antisemitismus“ aus der Dialektiv der Aufklärung. Ich bin mit den Inhalten einverstanden und halte vor allem die Theorie der „pathischen Projektion“ (das, was normalerweise einfach so unter „Projektion“ ohne Attribut verstanden wird) für sehr schlüssig, auch die Verknüpfung von Kapitalismus und Antisemitismus, aber ich habe Schwierigkeiten mit dem, was ich als „hohen Ton“ empfinde, schöne Sätze, die man gut zitieren kann, aber nur wenig Versuche einer Begründung. Aus diesem Grund freue ich mich jetzt auf einen Text, in dem er über die eigene empirische Forschung berichtet.

7. Die Junius-Broschüre von Rosa Luxemburg. Ich habe es noch nicht einmal gekauft. Ich bin im letzten Herbst schon auf diesen Tipp gestoßen, und jetzt noch einmal durch einen Vortrag von Olaf Kistenmacher, bei audioarchiv.blogsport.de unter Das Gegenteil von Kritik: Zum Antiamerikanismus in Deutschland nachzuhören. Dort bezieht er sich auf die Ursprünge der Imperialismustheorie von Lenin und auf Rosa Luxemburgs Widerspruch gegen diese Theorie.

8. Ebenfalls noch nicht gekauft, noch nicht einmal bestellt, ist das Buch „Juli 1914“ von Gerd Krumeich. Ich habe im letzten Sommer das Buch „la grande guerre“ gelesen, das er gemeinsam mit Jean-Jacques Becker, einem französischen Historiker geschrieben hat, und fand es sehr gut, so dass ich jetzt noch ein weiteres Buch lesen möchte.

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3 Antworten zu Blockstöckchen: 5 Bücher 2015,

  1. cloudette schreibt:

    Vielen Dank fürs Mitmachen und vor allem für die ausführliche und tolle Beschreibung der Bücher. Sehr spannende Auswahl! (Ich merke daran auch, wie wenig ich zum Lesen interessanter Bücher jenseits von Romanen komme … oder besser: wie wenig Zeit ich mir dafür nehme)

    • susanna14 schreibt:

      Vielen Dank! Dadurch, dass ich noch einmal zu studieren angefangen habe, bin ich natürlich gezwungen, solche Bücher zu lesen. Aber es macht mir auch großen Spaß – ich habe nur die aufgeschrieben, die ich auch mag. Und wie gesagt, es sind nicht diejenigen, die ich gelesen habe, sondern diejenigen, die ich lesen will…

  2. Pingback: Kleiner Nachtrag zum gestern verlinkten Text | susanna14

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