Gedanken zum dritten Hobbitfilm: Wie man die Welt rettet und wie nicht

Ich habe mir auch den dritten Hobbitfilm, „die Schlacht der fünf Heere“, angesehen. Um es gleich zu sagen: von allen drei Filmen hat mir dieser am wenigsten gefallen. Der Grund ist wahrscheinlich der, dass ich die Kapitel des Buches, die dieser letzte Teil abdeckt, sehr gern mag, und zwar deswegen, weil sie für ein Kinderbuch ungewöhnlich ernst und realistisch sind. Der Film hat nichts von diesem Ernst einfangen können. Bei den ersten beiden Filmen war es umgekehrt: hier war der Film ernster als das Buch; vor allem wurden Thorin und seine Zwerge ernster genommen, als das Buch es tut, und auch der kindliche Plauderton des Buches fehlt. Aber dieser Ton ist im am Ende des Buches weitgehend verschwunden, und wo er noch auftaucht, mildert er, was sonst für Kinder zu viel wäre – der Film dagegen gleitet an zu vielen Stellen ins Alberne ab, nicht nur dort, wo er es beabsichtigt, etwa in den Stellen mit Alfrid, sondern auch während der Schlacht selbst.

Mehr hinter dem Cut – und ab jetzt gilt die Spoilerwarnung.

Tauriel und Kili: Liebe und Tod

Nachdem ich den zweiten Hobbitfilm gesehen hatte, war mein erster Impuls, in die Bücherei zu gehen und Theweleits „Männerphantasien“ auszuleihen. So merkwürdig und aufgesetzt die Szenen zwischen Tauriel und Kili auch schienen, es war eben doch etwas dahinter, das mehr war als nur ein Versuch, dem männlichen heterosexuellen Publikum etwas fürs Auge und den weiblichen Zuschauerinnen eine starke Identifikationsfigur zu bieten. Rot und Weiß, Leben und Reinheit. Am Ende des dritten Teils siegt der Tod, nur dass die Geschlechterkonstellation gerade umgekehrt zu der bei Theweleit ist: Kili weiß, was er will, eine Frau, die ihm das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Tauriel dagegen kann zu ihrer Liebe erst stehen, als er tot ist – dann küsst sie ihn, aber am Ende flieht sie die Liebe, weil sie zu sehr weh tut.

Dementsprechend ist es ein Rätsel, warum sie ihm das Gefühl vermitteln soll, lebendig zu sein, und nicht umgekehrt. Während des ersten Films, bevor sie auftaucht, hatte man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass er eine Frau nötig hätte, um sich lebendig zu fühlen (was nicht heißt, dass ich ihm keine Frau gönnen würde, im Gegenteil), und nach der Trennung der beiden am Ufer des Sees, während der Szenen im Erebor, wirkt er auch ziemlich lebendig – er scheint sie nicht irgendwie zu vermissen, und seine Liebe beeinflusst in keiner Weise seine Haltung zu dem sich anbahnenden Konflikt zwischen Elben und Zwergen. Aber das ist wahrscheinlich wiederum der Vorgehensweise des Teams geschuldet: Da und dort etwas in den Film einbauen, um ihn interessanter zu gestalten, ohne zu bedenken, wie sich dies auf den Rest des Filmes auswirken wird.

Ich finde Kili im großen und ganzen viel sympathischer als Tauriel, und mein erster Gedanke, nachdem ich den dritten Teil der Trilogie gesehen und gelernt hatte, wie es mit der Liebesgeschichte weitergeht, war: „Schön dumm – erst als er tot ist, küsst sie ihn.“ Sie hätte mit ihm mitkommen sollen – sie hat Glück, dass solch ein attraktiver, lebenslustiger, freundlicher und mutiger Zwerg sie mag. Sie hätte viel lernen können, wenn sie ihm gefolgt wäre. Andererseits finde ich sein Verhältnis in der Szene, in der sie sich verabschieden, ziemlich problematisch, ihres aber auch, und wieder (weil es eben fiktionale Figuren sind) ist das Filmteam verantwortlich. Kili behauptet, er wisse besser als Tauriel, was sie fühlt, und das Ende des Films gibt ihm sogar Recht. Im realen Leben ist es inakzeptabel, jemanden auf diese Weise zu drängen. Wenn jemand unsicher ist, muss das akzeptiert werden. Andererseits finde ich Tauriel in diesen Szenen alles andere als ein role model. Ein echtes role model würde ihre eigenen Gefühle wahrnehmen können. Wenn sie sich noch unsicher ist, was sie für Kili empfindet, würde sie diese Unsicherheit wahrnehmen und sagen, dass ihr alles zu schnell geht und dass sie noch Zeit braucht und dass er sie nicht drängen soll. Stattdessen schiebt sie ihre und seine jeweilige Pflicht vor. Andererseits gibt es natürlich Menschen, die genau so sind, wenig Fähigkeit zur Introspektion und dafür umso starreres Festhalten an konventionellen Normen. Aber das sind dann eben keine role models.

Im Gegensatz zu Kili denkt Tauriel ziemlich intensiv an ihn, nachdem sie sich getrennt haben. Sie streitet sich mit Thranduil darüber, ob es wahre Liebe ist, was sie für Kili fühlt, und vor allem setzt sie sich dafür ein, ihm und seinen Gefährten (Thorin, Dwalin und Fili) zu Hilfe zu eilen, nachdem sie am Rabenberg in eine Falle geraten sind, zu einem Zeitpunkt als Thranduil bereit ist, sich mit seinen Elben aus der Schlacht herauszuziehen. Dass sie bereit ist, für ihn zu sterben, wird dann zum Prüfstein ihrer Liebe – nicht ob sie bereit ist, mit ihm zu leben.

Als er tot ist, kann sie ihn küssen – mit einem lebendigen Zwerg, der eine starke Persönlichkeit hat und auf dessen Begehren sie antworten müsste, kann sie keine Beziehung führen. (Wenn die Rollen umgekehrt wären, wenn es also der Mann wäre, der die Frau erst lieben kann, wenn sie tot ist, wäre offensichtlich, dass sich dahinter ein beunruhigendes Frauenbild verbirgt, eines, das Frauen in ihrer Menschlichkeit nicht ertragen kann. Genauso beunruhigend ist es aber, wenn die Frau den Mann erst lieben kann, wenn er tot ist. Außerdem muss man die Standesunterschiede zwischen Elbin und Zwerg berücksichtigen (die bei Theweleit auch eine große Rolle spielen.) Ein Mann aus einer niedrigeren Klasse kann erst geliebt werden, wenn er tot ist, und man sich mit seiner Herkunft nicht mehr auseinandersetzen müsste und die Frage, mit ihm bei seinen Leuten zu leben, nicht mehr im Raum steht. Höchst problematisch. )

Es stellt sich die Frage, ob Peter Jackson und seinem Team all diese Implikationen bewusst waren. Ich fürchte nicht. Vermutlich wollten sie eine Liebesgeschichte zwischen einem Zwerg und einer Elbin, aber sie wollten auch nicht zu viel verändern, und sie wollten die Liebesgeschichte zwischen Aragorn und Arwen nicht in den Schatten stellen, wohl aber darauf anspielen. (Arwen wagt, was Tauriel nicht gewagt hat, sie nimmt in Kauf, dass die Liebe am Ende weh tut – allerdings eben, nachdem sie mehrere Jahrzehnte verheiratet war.) Kili musste sterben – an diesem Punkt konnte die Buchvorlage nicht verändert werden, ohne sämtliche Fans des Buches zu verärgern.

Die Schlacht der Fünf Heere

Im Buch umfasst die Schlacht der fünf Heere wenige Seiten (in meiner Ausgabe vier). Auf diesen vier Seiten gelingt es Tolkien, die Schlacht auf eine Weise darzustellen, die kinderfrei ist und trotzdem die Schrecken und das Elend der Schlacht vermittelt (in erster Linie aus Bilbos Perspektive), ohne aber in graphischen Details zu schwelgen, die uns den Verlauf der Schlacht aus der Feldherrnperspektive berichtet und dabei ziemlich realistisch ist, allerdings eher Taktiken und Strategien einer Schlacht aus dem achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert verwendet, bei der immer neue Einheiten an unerwarteten Punkten in die Schlacht geworfen werden, um den Gegner in Bedrängnis zu bringen (okay, ich bin keine Militärhistorikerin, und ich lasse mich gern korrigieren), und wir erhalten eine Schilderung von Thorins heldenhaftem Eingreifen, wie sie in ein altes Heldenepos passen würde.

Diese vier Seiten stellen also eine hohe Herausforderung für Peter Jackson dar, und an einem Punkt stellt er sich ihr nicht einmal: Er gibt dieser Schlacht viel zu viel Raum, gefühlt die Hälfte des Filmes (nachdem ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte, sogar gefühlt zwei Drittel des Filmes) – ich werde, wenn ich die DVD habe, mal auf die Uhr sehen, ich vermute, dass es in Wirklichkeit nur ein Drittel des Filmes ist. Aber auch das ist viel zu viel.

Das Kino habe ich mit dem Gefühl verlassen, dass das alle ziemlich albern war. Es handelt sich um ein Problem, das alle Actionszenen des Films betrifft, sie sind in ihrer Weigerung, auch im mindesten realistisch zu sein, ziemlich albern und sorgen für Comic Relief. Bei den Szenen, die Peter Jackson der Handlung hinzugefügt hat, macht mir das nichts aus, bei dieser letzten Schlacht, die der Höhepunkt der Trilogie sein sollte, schon. Dain geht noch, es gehörte zur Taktik mancher Heerführer, ihre Gegner zu beschimpfen, aber dass die Elben beim ersten Angriff über die Zwerge springen, sieht zwar gut aus, ist aber in der Realität kompletter Unsinn. Es hätte dem Film gut getan, wenn sich Peter Jackson für eine historische Epoche entschieden hätte, die er sich zum Vorbild nimmt, stattdessen mischen sich Taktiken, Strategien und Ausrüstung aus verschiedenen Zeiten, ohne dass bedacht würde, dass die Angriffstaktiken einer Zeit die Verteidigungstaktiken einer früheren Zeit obsolet gemacht haben könnten, oder umgekehrt. Albern sind auch Legolas Siege über die Schwerkraft und albern ist leider auch Thorins Kampf mit Azog, der eigentlich den Höhepunkt darstellen sollte.

Ähnlich wie im zweiten Teil wird eine Vorgehensweise, die im Prinzip ziemlich intelligent ist, dadurch entwertet, dass sie am Ende erfolglos ist, weil der Gegner imstande ist, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen, die Thorin vorher geschickt ausgenutzt hat. Azog überlebt mehrere Minuten im Eiswasser ohne ohnmächtig zu werden (oder ist das wieder mein verändertes Zeitempfinden und es sind nur wenige Sekunden?) und es gelingt ihm, die Eisschicht von unten zu zerstoßen, was vor allem dann ziemlich schwierig ist, weil man sich nicht vom Grund abstoßen kann.

Statt eines Sieges durch geschickte Taktik erhalten wir einen heroischen Tod: Thorin merkt, dass er nicht auf Dauer Azogs Schwert aufhalten kann und entscheidet sich, im nicht länger entgegenzuhalten, sondern aufzugeben und seine letzte Chance zu nutzen, Azog mit sich in den Tod zu nehmen. Ein Ende, das nur solche beeindruckt, die von wirklichen Kämpfen keine Ahnung haben.

Thorins Abschied von Bilbo

Thorins Abschied von Bilbo gehört zu den bewegendsten Szenen des Buches. Beide versöhnen sich, beide zollen einander Respekt. Im Buch empfängt Thorin Bilbo nicht in seinem Zelt, sondern Bilbo ist während des Kampfes gegen Azog dabei (greift dieses Mal aber nicht ein), und er will erst einmal nicht begreifen, dass Thorin tödlich verwundet ist. Auf deutsch duzt er ihn (im Buch verwendet er, so weit ich mich erinnere, die altertümliche Höflichkeitsform „ihr“), er ist in Panik, und die Art, wie er redet, ist dem Ernst des Augenblicks nicht angemessen. Thorin dagegen versucht, realistisch zu sein,  und bringt seine Worte nur mit Mühe hervor – wahrscheinlich ist das für einen Schauspieler interessanter als die Feierlichkeit, die die Worte in meinem inneren Ohr haben, wenn ich das Buch lese. Mein einziger Gedanke war: Gibt es schon Thorin-Bilbo-Fanfiction? (Nachdem ich ein paar Monate auf tumblr verbracht habe, weiß ich, dass dies das wichtigste Pairing des Hobbit-Fandoms ist.)

Gandalfs Abschied von Bilbo

Gandalfs Abschiedsworte für Bilbo kamen mir am Ende etwas merkwürdig vor. Es scheint, als spiele Gandalf auf den Ring an: nicht nur seinem Glück, sondern vor allem dem Ring hat Bilbo es zu verdanken, dass er seine Abenteuer erfolgreich bestanden hat, und Gandalf wird jetzt auf ihn aufpassen, nicht weil er Bilbo so gern mag, sondern weil er den Ring im Auge behalten will. Schließlich geht es Gandalf um größeres: er kümmert sich nicht um einzelne Leute, weil er sie zufällig mag, sondern er will die ganze Welt retten. (Deswegen hat er Thorin und seine Leute zum Erebor geschickt: Er wollte, dass dieser für „die Guten“ zurückgewonnen wird, insbesondere dass der Drache besiegt wird (ohne einen realistischen Plan zu haben, wie das geschehen soll), und eine Entscheidungsschlacht gegen die Orks dort hat er ebenfalls in Kauf genommen (es war klar, dass die böse Seite sich den Erebor nicht einfach nehmen lassen würde), ohne zu überlegen, ob solch eine Schlacht gewonnen werden könnte. (Dass ich Gandalf nicht mehr mag, ist möglicherweise das deutlichste Anzeichen, dass ich Tolkien besser weglegen sollte. Den Herrn der Ringe habe ich schon lange nicht mehr ganz gelesen. Den Hobbit mag ich immer noch.)

Ich habe Gandalfs Worte an Bilbo nun im Buch gefunden. Es sind fast die letzten Sätze des Buches überhaupt, und er sagt sie, nachdem er erzählt hat, dass die Seestadt nun einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen hat (was nach dem Sieg über den Drachen und der Wiedererrichtung des Königreichs unter dem Berg und dem Wiederaufbau Thals auch zu erwarten war), so dass der Fluss nun Gold mit sich trägt – bildlich gesprochen. Bilbo meint, dass die Prophezeiungen also eingetroffen seien, und Gandalf erwidert, dass die Prophezeiungen nicht deshalb unbedeutend seien, weil Bilbo mitgeholfen habe, dass sie sich erfüllen, was ja eigentlich ein sehr schönes Bild ist. Bei Tolkien denke ich natürlich an eine Welt, in die doch hin und wieder ein Gott eingreift, etwa indem er Bilbo den Ring finden lässt, aber man kann sich auch andere optimistische Geschichtsphilosophien denken: auch in ihnen (oder gerade in ihnen) erfüllen sich Prophezeiungen nur, weil Menschen daran mitwirken, sie wahr zu machen. Mittelerde stellt nun das Paradox einer Welt dar, in der es keine sichtbare Religion gibt, in der also keine Götter verehrt werden (mit Ausnahme von Galadriels Lied an Elbereth), in der aber Götter wirken. Am Ende des Dritten Zeitalters tun sie das nur noch sehr sparsam, und die Anwesenheit Gandalfs und der anderen Zauberer ist die wichtigste Form ihres Eingreifens, aber es gibt eben noch andere Formen, etwas dass Bilbo den Ring findet. In diesem Sinn haben Gandalfs Worte etwas Tröstliches: Du bist geschützt, aber auch die ganze Welt ist geschützt, und die Tatsache, dass du etwas beigetragen hast, die Prophezeiungen wahr zu machen, ändert nichts daran.


Abweichungen des Films vom Buch, die ich gut finde

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich es grundsätzlich schlecht finde, wenn ein Film von der Buchvorlage abweicht. Ein paar Veränderungen finde ich gut, etwa dass der Film sich Zeit nimmt, Bard einzuführen, und dass die Zwerge mehr Persönlichkeit erhalten und nicht nur Mitglieder einer Gruppe sind. Man muss dabei natürlich fragen, ob man diese Persönlichkeiten auch dann erkennen kann, wenn man nicht sämtliche Begleitbücher gelesen hat und den Film mindestens dreimal gesehen hat, aber bei einigen Zwergen ist es gelungen – das herausragendste Beispiel ist meiner Ansicht nach Dwalin, und dahinter dann Bofur. (Kili, Fili und Balin zählen nicht, da diese schon in der Buchvorlage ein wenig Persönlichkeit hatten. Das gleiche gilt natürlich für Thorin.)

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Jüdische Zwerge

In den letzten Wochen habe ich einige Texte gelesen, die sich aus jüdischer Perspektive mit dem Hobbit auseinandersetzen. (Ich habe sie dadurch gefunden, dass ich auf tumblr einem jüdischen Blog folge, http://returnofthejudai.tumblr.com/ . Mittlerweile folge ich zwei weiteren jüdischen Blogs, das eine vor allem ein Fanblog, das andere eines, das mindestens zur Hälfte Antisemitismus thematisiert.) Immer wieder las ich, dass die Zwerge jüdisch beziehungsweise antisemitisch kodiert seien. Ich habe beide Ausdrücke gefunden und bin mir nicht sicher, welcher der korrekte ist; ich selbst würde „antisemitisch kodiert“ vorziehen, weil es nicht um reale Juden, sondern um antisemitische Stereotype geht. Gemeint ist, dass die Zwerge mit Charakterzügen versehen werden, die antisemitischen Klischees von Juden entsprechen, ohne dass dies jemals klar ausgesprochen würde, nicht dass sie in irgendeiner Weise realen Juden ähnelten, außer dass es unter Juden einige Menschen mit diesen Charakterzügen gibt, wie unter anderen Menschen auch. (Es gibt auch einen deutschen Ausdruck dafür, der vor allem auf Wagners Bösewichte angewendet wurde: Judenkarikaturen.)

Ein ziemlich langer Text, der genau erklärt, inwiefern die Zwerge jüdisch kodiert sind und dies auch mit Zitaten aus Tolkiens Briefen belegt, findet sich hier: Dwarves are not heroes. Das wichtigste moderne antisemitische Klischee ist die Gier, für die Zwerge und Juden angeblich anfälliger sind als andere Leute, und das zweitwichtigste ist jenes, das dem Essay den Namen gibt: Zwerge und Juden sind keine Helden. (Während des Ersten Weltkriegs, als sie in den Armeen aller beteiligten Länder kämpften, gab es auf deutscher Seite eine Untersuchung, die belegen sollte, dass jüdische Soldaten feiger seien als deutsche, so dass man die Niederlage ihnen in die Schuhe schieben könnte, aber die Untersuchung konnte dies nicht bestätigen und verschwand in der Schublade. – Ich dachte, dieses Klischee sei seit spätestens seit der Gründung des Staates Israels obsolet, aber ich wurde eines besseren belehrt von Menschen, die mir erklärten, dass viele Menschen dieses Klischee weiter pflegen, indem sie behaupten, die Art und Weise, wie Israel sich verteidige, sei feige.) Das drittwichtigste Klischee, das von dem Essay genannt wird, ist jenes, dass jüdische Menschen irgendwie anders seien: Zwar älter, aber irgendwie nicht richtig, und am Ende werden sie ersetzt. So sind Zwerge zwar früher erschaffen worden als selbst die Elben, aber sie sind keine Kinder Iluvatars (wie Menschen und Zwerge), und nun werden sie durch Menschen ersetzt. Für ein viertes Klischee wird Tolkien selbst zitiert: gleichzeitig fremd und zuhause in ihrer Umgebung. Ein Klischee wird nicht erwähnt, nämlich dass Juden rachsüchtig seien; Rache wird sogar als ehrenwertes Motiv der Fahrt zum Erebor angesehen, jedenfalls ehrenwerter als der Wunsch, das gestohlene Gold wieder zu erlangen.

Ich stimme nicht mit allem überein, was das Essay über den „Herrn der Ringe“ und den „Hobbit“ sagt, aber die Passagen, in denen erklärt wird, wie Antisemitismus funktioniert, wie eine Gruppe definiert und dann als Projektionsfläche für diejenigen Eigenschaften, die man an sich selbst nicht mag, genutzt wird, möchte ich allen ans Herz legen:

Before discussing Tolkien’s works, I should explain what I mean by antisemitism (1) and antisemitic beliefs for the purposes of this article. I do not limit the meaning of antisemitism to overt violence or discrimination against practitioners of Judaism or Jewish converts to Christianity. Rather, by antisemitism I chiefly mean the underlying assumption that makes such violence and discrimination possible–the claim that there is something about Jews, biologically and psychologically, that marks them as fundamentally different from the Christian cultures that have been dominant in Europe since the Middle Ages. This kind of thinking is necessary for persecution to happen, as it allows the persecutors to believe in „Jews“ as a stable category of identity that persisted regardless of religious conviction, in a way that became more about a supposed racial identity than a religious one (Maccoby 1-4). Indeed, the category of „Jews“ provided a way for the Christian culture to reject those qualities from which it wanted to separate itself, so that the constructed category of „the Jew“ became a figure „of Christian self-definition“ (Lampert 111). Perhaps the best-known example of this sort of thinking came about in Spain during the Inquisition, where any evidence of Jewish descent could make a person suspect, no matter how remote the ancestor or how devoutly Catholic the accused was. By the modern period, several negative traits had been assigned to „Jewish“ identity by the mainstream Christian culture in Europe and the United States, and the assumption that those traits are naturally linked, that they „go together“ to form a real, biological Jewishness and to rationalize the Jews‘ marginal status, is what I mean by antisemitism in this article. Antisemitism is therefore a set of beliefs, not just an action. http://www.thefreelibrary.com/%22Dwarves+are+not+heroes%22%3A+antisemitism+and+the+Dwarves+in+J.R.R….-a0227196960

Wenn ich nun an ein paar Punkten dem Text widerspreche, soll das nur eine Kritik an Details sein. Im großen und ganzen ist der Artikel sehr lesenswert.

(Außerdem hier noch einige weitere Lesetipps, die ich wirklich allen ans Herz lege, denn ich halte es für wichtig, offen für jüdische Perspektiven auf Film und Buch zu sein. Ich bin offen für weitere Hinweise.

Reclaiming the Dwarves: Judaism and Book-to-Movie Adaptations

http://khazadqueen.tumblr.com/tagged/antisemitism

V0r allem widerspreche ich dem Essay darin, dass ich den Hobbit doch für ein gutes Buch halte, sicherlich kindlicher im Ton als der Herr der Ringe, aber in mancher Hinsicht auch erwachsener. Allerdings brauche ich einen Trick, um das Buch zu genießen: Der Erzähler, der im Hobbit sehr präsent ist, stellt für mich keine moralische Autorität dar. Ich bin erwachsen, kein Kind, und es steht mir frei, den Konflikt um den Drachenschatz selbst zu beurteilen. Ebenso muss ich weder Elrond noch Beorn als Autoritäten anerkennen, wenn es um Zwerge geht: Wenn diese den Zwergen ihre Liebe zum Gold vorwerfen, so ist dies nur ihre Meinung, und ich muss sie nicht teilen. (Für mich stellen sie Beispiele von Menschen beziehungsweise Elben dar mit Vorurteilen dar.) Stattdessen kann ich den Verlauf der Geschichte beurteilen.

(Im Hobbit geht das bemerkenswert gut. Normalerweise ist es in einer erfundenen Geschichte schwierig, Figuren entgegen den Intentionen des Autors zu beurteilen: einen einzelnen Konflikt kann man anders einschätzen als der Autor und die Person, von der der Autor sagt, dass sie im Unrecht sei, für diejenige halten, die im Recht ist, aber da der Autor die Macht hat, das Verhalten seiner Figuren zu bestimmen, kann er die Figur, die seiner Meinung nach im Unrecht war, später ein paar eindeutig böse Taten verüben lassen, so dass klar ist: diese Figur ist böse. Im Hobbit geschieht dies kaum – Thorin begeht kein eindeutiges Verbrechen. Der schlimmste Moment ist jener, in dem er Bilbo im Zorn den Felsen hinunter stürzen will, aber er lässt sich beruhigen, bevor er es tut.)

Man kann die Urteile des Erzählers auf mehreren Ebenen beurteilen. Einerseits kann man betrachten, wie er Zwerge und andere Figuren der Geschichte an seinen Maßstäben misst und feststellen, ob er sie gerecht beurteilt. Zum Beispiel schien es mir immer, dass nicht nur die Zwerge gierig sind, sondern auch die Menschen der Seestadt (nicht nur deren Meister) und die Elben aus dem Düsterwald/Grünwald. Aber nur die Zwerge werden explizit als gierig bezeichnet, und nur bei Zwergen ist Gier ein Charakterzug ihrer „Rasse“. (Funktioniert auch sehr gut im realen Leben: Die meisten sind gierig, aber nur wenigen Menschen wird ihre Gier vorgeworfen („gierigen Bankern“), und nur von Juden wird behauptet, dass sie mehr oder weniger von Natur aus gierig seien.) Das gleiche gilt für die Behauptung des Erzählers, dass Zwerge keine Helden seien: nur wenige Zeilen vor diesem Satz erinnert er daran, wie die Zwerge versucht hatten, Bilbo aus der Patsche zu helfen, nachdem er nicht von den Trollen zurückgekehrt war, und nur wenige Seiten später erzählt er, wie die Zwerge Bombur und Bofur auf ihre Felsplatte ziehen, obgleich der Drache bereits um den Berg fliegt und droht, sie alle im Feuer zu vernichten. Es ist kein draufgängerischer Mut, sondern Entschlossenheit, die Freunde nicht im Stich zu lassen, obwohl es gefährlich ist. Der Erzähler gibt zwar hin und wieder seine Vorurteile zum besten, aber diese stehen im Widerspruch zu Einstellungen, die er anderswo äußert, oder auch einfach im Widerspruch zur Geschichte, die er erzählt, und wie den meisten Menschen mit Vorurteilen fallen ihm diese Widersprüche nicht auf.

Andererseits kann man die Maßstäbe des Erzählers kritisieren. Natürlich wird niemand Gier oder Feigheit zu Tugenden erklären, aber es stellt sich die Frage, ob man es wirklich als Gier bezeichnen kann, wenn die Zwerge ihr Eigentum zurückfordern. Und drittens stellt sich die Frage, ob das Wertesystem des Buches wirklich von heroischen Kriegertugenden geprägt ist – tatsächlich, so scheint mir, ist das Buch durch verschiedene Wertesysteme geprägt, welche teilweise aufeinanderprallen, teilweise koexistieren und teilweise sich einfach im Laufe der Geschichte verändern.

Verschiedene Wertesysteme

Der Essay Dwarves are not heroes behauptet, dass die Moral des Buches eine heroische Kriegermoral sei. Meiner Ansicht nach ist dies zu einfach – es lassen sich noch verschiedene andere Typen von Moral identifizieren. Wenn ich die Augenblicke nennen sollte, in denen die Kriegermoral zum Tragen kommt, so ist es vor allem Thorins Eingreifen in die Schlacht der Fünf Heere an der Spitze seiner Zwerge, ohne Plan oder Strategie, nur von ihrem Kampfgeist getragen, so dass sie durch ihren Mut, besser gesagt durch ihre Todesverachtung, ihre Gegner zunächst einmal beeindrucken und verwirren (normale Strategen und Taktiker rechnen mit einem vernünftigen Gegner, der nicht leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzt), anschließend dann der Ring, den sie bilden, als die Lage verzweifelt wird, Kilis und Filis Heldentod für Thorin, und schließlich Thorins Tod selbst. Bei all diesem handelt es sich um typisches Verhalten von Kriegern, deren Ehre in ihrer Loyalität zu ihrem Anführer besteht, und die Taktik selbst erinnert an die von Berserkern. Ein zweiter Moment wäre Bards Einsatz gegen den Drachen, ebenfalls todesmutig, aber schon nicht mehr reine Kriegerkultur: Er kämpft für seine Stadt, nicht für seinen Anführer (und selbst hat er keine Gefolgsleute), er kämpft überlegt (trotz des hohen Risikos) und ohne Todesverachtung, sondern sein Risiko einschätzend. Ein weiterer Moment wäre Bilbos Kampf gegen die Spinnen: Dadurch, dass es ihm gelingt, einige von ihnen zu töten, wird er zu einem anderen Hobbit. Erst der Kampf macht ihn zum Mann.

Andererseits ist Bilbo während der Schlacht der Fünf Heere und auch während der Auseinandersetzungen vor der Schlacht der wichtigste Vertreter eines anderen Wertesystems, das nicht von heroischen Kriegertugenden, sondern vom Christentum geprägt ist. Die Schlacht scheint ihm kein Ort des Heldentums, sondern des Gemetzels. Er erinnert sich an Gedichte, in denen Niederlagen als glorreich beschrieben werden, aber die Niederlage, die nun ihm und seinen Freunden bevorzustehen scheint, hat für ihn nichts Glorreiches, sondern ist nur schrecklich. Thorins Tod scheint ihm nicht das würdige Ende eines Helden, sondern erfüllt ihn ebenfalls nur mit Trauer und Bedauern. Und während des Konflikts, der der Schlacht der Fünf Heere vorausging, war er es, der versuchte, ein Blutvergießen zu vermeiden und bereit war, seinen Anteil am Schatz dafür zu opfern. Christliche Opferbereitschaft und Ablehnung von Gewalt stehen praktisch direkt neben Thorins Heldenmut, aber auch neben dessen Halsstarrigkeit (die ebenfalls unter den Helden der germanischen Sagen weit verbreitet war.) Beide Wertesysteme sind vereint in ihrer Hochschätzung von Opfer und Selbstopfer. (Und dies muss man auch bedenken, wenn man den Konflikt um den Arkenstein und Thorins redemption beurteilt.)

Wertesysteme ohne Verherrlichung von Opfer und Selbstopfer finden wir am Anfang des Buches. Die Zwerge möchten zurück, was ihnen gehört und vom Drachen geraubt worden ist. Weder der Erzähler noch eine der handelnden Figuren findet das irgendwie problematisch, und niemand würde auf die Idee kommen, Thorin und seine Leute deswegen gierig zu nennen. Gandalf hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Vorstellung, dass die Rückeroberung des Erebor Teil eines großen Kampfes gegen das Böse sein sollte. Er unterstützt sie, weil er Abenteuer mag und weil die Zwerge ein Anrecht auf ihr Gold haben. Wir haben es im Prinzip mit der bürgerlichen Moral zu tun, in deren Zentrum das Privateigentum steht und nach der wir im Alltag meistens handeln. Wenn jemandem etwas gestohlen wurde, hat er ein Anrecht darauf, es zurück zu erhalten, gleichgültig, wie viel Geld er sonst besitzt. (Und für die, die das nicht wissen, hier noch ein Bericht über jüdischen Menschen geraubte Kunstschätze: Kläger fordern Welfenschatz zurück)

Ich habe verschiedene Essays und blogposts gelesen, die auch das erste Kapitel und damit die ganze Fahrt zum Erebor als problematisch beurteilen, da es „nur“ um einen Schatz geht und nicht um moralisch hochstehende Ziele wie die Rettung der Welt. Thorin wird als gierig bezeichnet, weil er seinen Schatz zurück möchte, obgleich es ihm und seinen Leuten in den Ered Luin mittlerweile ziemlich gut geht. Er ist reich und möchte mehr, also ist er nach dieser Argumentation gierig.  Es ist eine sehr schlichte Argumentation, die außer Acht lässt, dass Thorin und seinen Zwergen durch den Drachen Unrecht geschehen ist.

Das vierte Moralsystem ist die Moral oder Unmoral des Schelmenromans. Bilbo wird von den Zwergen als burglar engagiert. Die deutsche Übersetzung greift auf eine wichtige Figur aus Volkserzählungen zurück, den Meisterdieb. Ich habe im Internet versucht, eine Version zu finden und habe nur die aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gefunden, die möglicherweise schon gezähmt ist: Der Meisterdieb. Der Held ist ein Mensch aus dem einfachen Volk, der einem sehr reichen und adligen Menschen vorführt, wie leicht er zu bestehlen ist. Natürlich ist der Held intelligent, einfallsreich und listig, aber sein Opfer lässt sich auch von seiner eigenen Eitelkeit blenden.

Ob man von Moral sprechen kann, ist zweifelhaft, denn schließlich ist Stehlen ein Verstoß gegen die gewöhnliche Moral. Andererseits kann auch die extreme soziale Ungleichheit, die wir in der Geschichte antreffen, nicht als Ausdruck von Moral angesehen werden, zumal sie in aller Regel ursprünglich durch Gewalt zustande gekommen ist. Der Meisterdieb findet durch seine Intelligenz einen individuellen Ausweg aus dieser Situation, und der Reiche wird als dumm bloßgestellt.

Weder die Zwerge noch Bilbo entstammen dem Milieu, in welchem Gauner- und Meisterdiebe als Helden gelten. Bilbo entstammt dem landed gentry; er besitzt genügend Land und Geld, um nicht arbeiten zu müssen, und hin und wieder kann er sogar Geld verleihen. Die Zwerge sind ehrbare Handwerker, aber das Land, aus dem sie stammen, steht nun unter der Herrschaft eines Drachen, und sie haben keine Chance, ihr Eigentum auf rechtlich einwandfreiem Weg wieder zurück zu erlangen, so dass sie bereit sind, auf die Hilfe eines Diebes zurückzugreifen, mit dem sie unter normalen Umständen kein Wort gewechselt hätten. (Dies ist auch etwas, was in der realen Welt Menschen in ähnlichen Situationen passiert.) Sie treffen auf Gandalf, der Bescheid zu wissen scheint, aber Gandalf betrügt sie: Statt eines gewieften, ideenreichen Meisterdiebes vermittelt er ihnen einen Hobbit, der seine Tage mit kochen, essen, Briefe lesen und hin und wieder mit Besuch verbringt. Dies ist natürlich der Witz der Geschichte: Bilbo soll in diesem Abenteuer über sich selbst hinaus wachsen. Aber von Gandalfs Seite aus ist es Betrug, den er mit Worten wie „ich hatte eine Ahnung“ zu verschleiern versucht, als er zum Boten der Götter geworden ist.

Ein Punkt ist vielleicht noch erwähnenswert, um zu zeigen, dass Thorin nicht von Anfang an gierig ist: Bilbo wird der vierzehnte Teil des Schatzes als Belohnung zugesichert. Anscheinend sollen alle Teilnehmer der Fahrt den Gewinn gleichmäßig untereinander aufteilen. Bilbo ist also nicht irgendwie nur bezahlter Angestellter der Zwerge, sondern gleichberechtigter Teilhaber am Abenteuer – eine Regelung, wie sie für Piraten oder Räuber typisch ist, die die Beute gleichmäßig aufteilten, aber nicht für bürgerliche Arbeitnehmer. Aber der Vertrag selbst ist nur eine Parodie (im Buch, nicht im Film), und die Zwerge haben kein schönes Pergament verwendet, sondern ein paar Worte auf Bilbos eigenes Notizpapier gekritzelt (vielleicht auf die Rückseite von etwas anderem.) Sie haben den Vertrag aufgesetzt, weil Bilbo sich selbst als „calculating folk“ erwiesen hat: „Also I should like to know about risks, out-of-pocket expenses, time required and remuneration and so forth.“ Es ist alles nicht so einfach.

Um Heldentum geht es im ersten Kapitel nicht, im Gegenteil, es wird zurückgewiesen. Auch um Verzicht geht es nicht, sondern es geht darum, wieder zu erlangen, was einem gehört. Unmoralisch ist dies aber nicht – unmoralisch ist es nur im Licht der Moral der Selbstlosigkeit, die die letzten Kapitel prägt.

Der Konflikt um den Drachenschatz und den Arkenstein

Während des Konflikts um den Drachenschatz besteht Thorin darauf, dass der Schatz ihm und seinen Leuten gehört. Bilbo ist bereit zum Verzicht, um Blutvergießen zu vermeiden, und der Erzähler (und Gandalf!) geben Bilbo Recht. Bard dagegen – von den meisten wird er für den eigentlichen Helden des Hobbits gehalten, aber ich weiß nicht, ob sein Verhalten im Konflikt um den Drachenschatz überhaupt in irgendeiner Weise für gut gehalten werden kann. (Ich spreche vom Buch, nicht vom Film.) Er sorgt für seine Leute, aber das tut Thorin auch. Ansonsten macht sich Bard an der Spitze der Stadtbewohner auf, den Drachenschatz an sich zu nehmen, nachdem der Drache tot ist, ohne daran zu denken, dass er den Zwergen gehört (sie nehmen an, dass diese ohnehin tot sind.) Besonders dreist ist der erste Satz, den er an Thorin richtet: „Why do you fence yourself like a robber in his hold?“ wenn sein und seiner Leute Plan darin bestanden hat, Thorin zu berauben.

Thorin zieht sich auf formale Argumente zurück: Entschädigung kann nur von dem bezahlt werden, was dem Drachen gehörte, aber da der Schatz den Zwergen, nicht dem Drachen gehört, kann er nicht zur Entschädigung herangezogen werden. Auf eine Diskussion, ob die Zwerge für den Angriff des Drachen verantwortlich sein könnten, lässt er sich gar nicht erst ein. Eine Diskussion, welche Teile des Schatzes den Bewohnern der Stadt Dale (Thal) geraubt wurden und daher ihnen, nicht den Zwergen gehören, kommt ebenfalls nicht zustande (dies wäre ein Anspruch, den Thorin akzeptieren müsste), weil er sich weigert, mit einem bewaffneten Heer zu verhandeln. Allerdings erklärt er sich bereit, die Stadtbewohner für die Unterstützung zu bezahlen, die sie ihm und seinen Leuten gewährt haben, womit er wieder dem Vorurteil des Erzählers entspricht: Dwarves are calculating folk. Sie belohnen nicht Großzügigkeit mit Großzügigkeit, sondern sprechen von Bezahlung und von Preisen. (Allerdings verhielten sie sich den Adlern und Beorn gegenüber anders.) Die Moral des ersten Kapitels, derzufolge es völlig korrekt ist, wenn Zwerge, denen ein Schatz geraubt wurde, das Recht haben, diesen Schatz zurück zu erhalten, ist ersetzt durch eine Moral, deren höchste Tugenden Verzicht und Opfer, schließlich auch Opfertod sind.

Hätte Thorin die Pflicht, die Bewohner der Seestadt in ihrer Not zu unterstützen? Im Prinzip ja, allerdings ist auch verständlich, dass er nicht gerne gibt, wenn er bedroht wird, und das zweite Problem besteht darin, dass Gold nicht das ist, was die Menschen im Augenblick am dringendsten brauchen. (Im Prinzip wollen sie den Drachenschatz plündern, um sich von ihrem Unglück abzulenken.)

Der Erzähler und Gandalf verurteilen Thorin und preisen Bilbo, weil er versucht, ein Blutvergießen zu vermeiden, aber so lobenswert es ist, ein Blutvergießen zu vermeiden, so sind die Mittel, die Bilbo verwendet, doch problematisch: Er setzt den Arkenstein ein, der nicht ihm, sondern Thorin gehört. Was wem gehört, scheint also wieder irrelevant zu sein, aber in dieser Situation ist die Problematik so offensichtlich, dass sogar die anderen Figuren (in diesem Fall Bard) merken, dass sie den Arkenstein nicht ohne weiteres von Bilbo annehmen können. Bilbo behauptet also, der Arkenstein sei der vierzehnte Teil des Schatzes, der ihm gehört (und verlässt sich nun ebenfalls auf formale Rechte.) Thorin weigert sich, zurückzukaufen, was ohnehin ihm gehört (völlig verständlich), und nun holt Bilbo den Vertrag aus der Tasche, beruft sich also wieder auf die bürgerliche Moral mit vertraglich zugesicherten Eigentumsrechten. Erst durch Thorins Opfertod erlangt die Moral von Verzicht und Selbstopfer ihren letzten Sieg. (Allerdings nicht den allerletzten: Bilbo tut alles, um die Versteigerung seines Hab und Guts aufzuhalten, obgleich er mittlerweile selbst extrem reich ist und es nicht nötig hat, seinen silbernen Löffeln hinterher zu trauern.)

Es hätte natürlich einen einfacheren Weg für Bilbo gegeben, durch Großzügigkeit ein Blutvergießen zu vermeiden. Er hätte direkt seinen vierzehnten Teil des Schatzes den Stadtbewohnern anbieten können, ohne den Arkenstein ins Spiel zu bringen (diesen hätte er Thorin übergeben müssen.) Dieser Weg wäre moralisch unproblematisch gewesen, vielleicht hätte er die Zwerge ermuntert, ebenfalls großzügig zu sein, und er hätte Thorin nicht verärgert. Aber die Geschichte wäre schneller und auf langweiligere Weise zuende gegangen.

(Ich habe schon vor etwas mehr als zwei Jahren, nachdem der erste Teil der Trilogie in den Kinos erschienen war, ausführlicher über dieses Thema geschrieben. Im Prinzip ist meine Position noch wie damals: Regression in den Weihnachtsferien: Der Hobbit, gelesen als frischgebackene Atheistin)

Vereindeutigung der moralischen Situation im Film

Während sich im Buch alle Beteiligten, Bilbo, Bard und Thorin, problematisch verhalten (und dies die Qualität des Buches ausmacht), vereindeutigt der Film die Situation: Bard und Bilbo sind selbstlos und denken immer nur an andere, Thranduil und Thorin denken in erster Linie an sich selbst und an ihren eigenen Gewinn. Dies erreicht derFilm, indem er mehrere Punkte verändert: Einerseits müssen Bard und Bilbo besser, andererseits Thorin und Thranduil schlechter dargestellt werden als im Buch (moralisch natürlich, nicht schauspielerisch.)

Bei Bilbo erreicht dies der Film dadurch, dass Thorin für wahnsinnig erklärt wird. Bilbo erhält so eine Rechtfertigung, den Arkenstein nicht zurückgeben, was er unter normalen Umständen tun müsste. Wenn die Rückgabe des Steines Thorin wahnsinniger machen müsste, als er ohnehin schon ist, dann ist es richtig, ihn nicht zurückzugeben.

Ich habe vor kurzem Teile aus Platons Politeia gelesen. Dort wird Wahnsinn ebenfalls als Grund angesehen, etwas nicht zurückzugeben, was einem geliehen oder zur Aufbewahrung gegeben wurde. Allerdings handelt es sich dort um ein Schwert, mit dem der Betroffene tatsächlich Unheil anrichten könnte. Wie das Problem in der modernen Psychiatrie oder Psychotherapie angesehen wird, weiß ich nicht, ich gehe davon aus, dass bei Selbstmordgefahr den betroffenen Personen nichts Gefährliches in die Hand gegeben werden darf und dass möglicherweise Suchtkranke von ihren Suchtmitteln ferngehalten werden. Aber in beiden Fällen handelt es sich um Eingriffe in Grundrechte, die gut begründet werden müssen und auch nicht von jedem Beliebigen angeordnet werden können, und in beiden Fällen darf dies nicht die endgültige Lösung sein, und zweitens handelt es sich in allen Beispielen darum, dass der Betroffene von etwas ferngehalten werden muss, was eine sehr konkrete Gefahr darstellt.

Der Arkenstein stellt keine solch konkrete Gefahr da. Ich weiß nicht, ob es überhaupt Möglichkeiten gibt, den Arkenstein oder die Drachenkrankheit mit irgendetwas in Verbindung zu setzen, was Ähnlichkeiten mit irgendeiner vom DSM-IV oder dem ICD-10 definierten Krankheit hat. Gier ist nach katholischem Verständnis eine Todsünde, und natürlich bedeuten die Verfallenheit an eine Todsünde, dass mit der Seele etwas nicht in Ordnung ist, aber diese Krankheit, die auch eine „moralische“ Krankheit ist, hat nichts mit dem modernen Verständnis von psychischer Krankheit zu tun, welches bedeutet, dass der Betroffene nicht für das verantwortlich ist, was er tut. Ich stehe also allen Versuchen, die Drachenkrankheit als echte psychische Krankheit im modernen Sinn zu deuten, ziemlich skeptisch gegenüber. (Interessiert wäre ich allerdings an einem Essay von jemandem, der sich mit der Konzeption von Todsünden und mit der modernen Konzeption von psychischen Krankheiten auskennt und beides vergleicht.)

In jedem Fall sind Balin und Bilbo nicht qualifiziert, Thorins „Krankheit“ zu diagnostizieren, und sie sind nicht berechtigt, ihm den Arkenstein vorzuenthalten. Dazu kommt, dass die Evidenz seiner Krankheit auch für die Zuschauer etwas dürftig ist. Sie macht sich anfangs vor allem daran fest, dass er an allen möglichen und unmöglichen Orten nach dem Arkenstein sucht. Aber das tun wir alle, wenn wir etwas vermissen: Gerade während ich zum ersten Mal den dritten Teil der Trilogie sah (während eines Triples in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch) war einer meiner Handschuhe verloren gegangen. Ich hatte es bemerkt, noch bevor der Film anfing, ich fragte noch einmal an der Bar nach, ich sah auf der Toilette nach, ich suchte auf dem Sitz und unter dem Sitz und auf der Balustrade und in meinem Rucksack – ich konnte gut mit Thorin mitfühlen, als er den Arkenstein suchte. (Nach dem Film bat ich einen der Security-Leute um Hilfe, und mit seiner Taschenlampe fanden wir dann den Handschuh.) Ich kann auch mit Thorin mitfühlen, dass er schließlich seine Leute verdächtigt: Als meine Mütze verschwunden war und ich schon alles abgeklappert hatte, fing ich auch an, zu überlegen, ob jemand sie eingesteckt haben könnte. Natürlich aus Versehen – eine Mütze ist eben kein Arkenstein.

Thorin ist zu anfangs auch noch nicht von Gier zerfressen. Ungefähr eine Minute, nachdem er erklärt hat, er werde keine Münze des Schatzes den Elben und Menschen geben, schenkt er Bilbo ein Kettenhemd aus Mithril, das viel wertvoller ist als eine solche Münze. „Starrsinn“ und „Habgier“ beziehen sich nur auf diejenigen, die ihn berauben wollen, nicht auf Bilbo, den er mag. (Aber Konsistenz ist nicht nötig, wenn man Vorurteile pflegt.)

Besonders dreist ist Bilbo, wenn er Thorin vorwirft, dass er seine Zwerge verdächtigt, dass einer von ihnen ihm den Arkenstein vorenthalten könnte. Bilbo weiß besser als jeder andere, dass Thorin Recht hat, nur täuscht er sich, dass er seine Mitzwerge, nicht Bilbo verdächtigt. Eine Vermutung, die nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar korrekt ist, ist kein Zeichen von Verrücktheit.

In der Begrüßung seiner beiden Neffen und später während seiner Konfrontation mit Dwalin setzt Thorin noch eines drauf. Jetzt ist er tatsächlich verrückt und vom Reichtum besessen. Aber die „Diagnose“, dass Drachengold und der Verlust des Arkensteins dies bewirkt haben sollten, ist reichlich gewagt. Thorins Ausgang aus der Drachenkrankheit ist für meinen Geschmack zu melodramatisch. Ich bevorzuge die Version des Buches, in der wir nichts von den Auseinandersetzungen im Berg sehen, so dass ich mir vorstellen kann, dass Thorin und seine Zwerge etwas Zeit brauchen, um Rüstungen anzulegen und das Tor zu öffnen und aus keinem anderen Grund verspätet in den Kampf eingreifen.

Außer Bilbo wird auch Bard als selbstlos dargestellt. Dies geschieht erstens durch die Szenen mit seinen Kindern und zweitens durch den Kontrast mit Alfrid. Außerdem wird so getan, als sei im Recht, als er von Thorin einen Teil des Schatzes verlangt, und zwar wegen des Versprechens, das Thorin auf der Rathaustreppe gegeben hat. (Natürlich sprach Thorin nicht von direkten Geschenken, sondern davon, dass die Rückeroberung des Einsamen Berges Seestadt aus seiner periphären Lage befreien und zu einem Handelszentrum machen würde.) Dadurch dass es ein Versprechen gegeben hat, ist Bard jetzt eindeutig im Recht und Thorin eindeutig im Unrecht.

Der Konflikt um den Schatz, in welchem es laut Buch keine wirklich gute Seite, sondern nur jede Menge habgierige Menschen, Zwerge und Elben und auch einen habgierigen Hobbit gibt, ist jetzt geklärt: Bard und Bilbo sind gut, Thorin und Thranduil sind böse. Die Welt ist wieder schön einfach.

Kapitalismuskritik von rechts

Ich habe den Film zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt gesehen. Am Dienstag hatte ich tagsüber eine Zusammenfassung eines Textes über Antisemitismus in der Occupy-Bewegung und der amerikanischen Linken geschrieben, in der Nacht sah ich den Hobbit, und am nächsten Morgen hörte ich einen Vortrag der Frau, die den von mir zusammengefassten Text geschrieben hatte. Sie sprach von moralisierender und personalisierender Kapitalismuskritik innerhalb der Occupy-Bewegung, und ich nutzte die Gelegenheit, sie zu fragen, ob diese Form der Kritik wirklich links und nicht rechts sei, und ob man auch von strukturellem Antisemitismus sprechen könne. Sie entgegnete, dass sie es vorziehe, nur dann von Antisemitismus zu sprechen, wenn es wirklich gegen Juden ginge (und ich habe seither meinen eigenen Sprachgebrauch überdacht), und dass es tatsächlich originär linken Nationalismus und linke personalisierende Kapitalismuskritik gebe, etwa Lenins Imperialismustheorie.

Ich dachte an den letzten Teil der Hobbittrilogie, welchen ich in der Nacht gesehen hatte, und dachte: Das ist aber wirklich Kapitalismuskritik von rechts. Nichts spricht dafür, dass Tolkien oder Jackson sich wirklich für eine gerechte Welt einsetzen oder emanzipatorische Inhalte verbreiten. Die Verherrlichung von Verzicht und Selbstopfer ist wirklich reaktionär (und bei Jackson ist dies ausgeprägter als bei Tolkien). In Extremsituationen ist beides notwendig, aber in gewöhnlichen Situation ist es wichtiger, andere Fragen zu stellen: Was gehört wem? Was heißt Gerechtigkeit?

Während des Films gab es einen Punkt an dem ich kurz davor war, den Kinosaal zu verlassen. Ich dachte daran, dass im Internet zur gleichen Zeit die Verhandlungen zur Weltklimakonferenz in Lima übertragen wurden und dass diese deutlich interessanter waren als der dritte Teil des Hobbits. Natürlich ist es deutlich spannender, wenn die reale Welt gerettet werden soll und nicht irgendeine Fantasywelt, insbesondere weil man selbst zu den unmittelbar Betroffenen gehört. Wir sollten uns nichts vormachen – bei Klimawandel geht es um nichts weniger als darum, die Welt und die Menschheit mit ihrer gegenwärtigen Kultur zu retten – und wer die gegenwärtige Kultur nicht mag, soll sich überlegen, welche Alternative wir in einer vom Klimawandel radikal veränderten Welt erwarten können. Man kann sich bessere Systeme vorstellen als das gegenwärtige, aber diese entstehen durch Nachdenken und Handeln, nicht dadurch, dass weltweite Verteilungskämpfe einsetzen.

Vor allem aber sind während der Verhandlungen auf Klimagipfeln alle Parteien egoistisch, und alle Unterhändler versuchen für die Länder, die sie vertreten, das beste herauszuholen: Man selbst will möglichst wenig verzichten, andere Nationen sollen ebenfalls zum Stopp des Klimawandels beitragen, und falls man fossile Rohstoffe besitzt, will man diese ausbeuten und verbrennen oder verkaufen dürfen, bevor strikte Regeln zur CO2-Erzeugung dies verhindern. Die Verhandlungspartner sind egoistisch und vertreten ihre eigenen Interessen, und das ist völlig legitim. Verhandeln bedeutet, dass egoistische Vertragspartner trotzdem zu einem Ergebnis kommen, das ihnen einigermaßen fair erscheint, weil sie wissen, dass das die einzige Chance ist. (Leider dauert dies beim Klimawandel ziemlich lange. Es ist zu hoffen, dass es dieses Jahr einen neuen Vertrag geben wird, weil der Klimawandel keine in weiter Ferne liegende Drohung, sondern Realität ist.) Man kann die gleichen Konflikte auf nationaler Ebene beobachten: Die Wärmedämmung von Altbauten ist der wichtigste „große Brocken“ bei der Reduktion der CO2-Emissionen, aber der Konflikt darüber, wer das bezahlen soll, Mieter oder Vermieter, ist noch nicht entschieden, und man kann ihn nicht durch einen Appell an Selbstlosigkeit entscheiden.

Welt retten ist gut, aber es ist nicht nötig, darüber die eigenen Interessen zu vergessen, so lange man nicht vergisst, auch die der anderen, die von jenen eingebracht werden, miteinzubeziehen und hin und wieder einzusehen, dass die Ansprüche der anderen besser begründet sind als die eigenen. Selbstopfer und Verzicht können weder den Klimawandel stoppen (da man als Normalbürger allerhöchsten nachts die Stecker ziehen und ansonsten einen sparsameren Kühlschrank kaufen kann) noch eine gerechtere Welt schaffen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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