Lese- und Hörtipp: Gegenaufklärung

Dieses Mal ein Tipp zu einem Buch, das ich in den letzten Wochen gelesen habe, „Gegenaufklärung“, herausgegeben von Alex Gruber und Philipp Lenhard, und zu einer Veranschlagung mit Alex Gruber, Tjark Kunstreich und Stefan Grigat, die ich witzigerweise gefunden habe, als ich meine Timeline „aufräumte“, also vor allem nach Leuten, denen ich folge, die mir aber nicht folgen, und bei denen ich keinen Grund sehe, ihnen trotz fehlender Gegenseitigkeit zu folgen. Dabei stieß ich auf einen Tweet „Gruber und Grigat schimpfen auf Queertheorie“ und auf einen Link zu einem Mitschnitt einer Veranstaltung, von der ich schon in der Jungle World gelesen hatte: „Der unheimliche Erfolg der Judith Butler“.

Zu dem Buch habe ich jetzt einen Verriss gefunden: http://www.kritisch-lesen.de/rezension/es-sieht-duster-aus. Ehrlich gesagt, wenn ich das Buch nicht schon hätte, würde mich dieser Verriss neugierig machen. Jetzt kenne ich das Buch aber schon und kann stattdessen den Verriss beurteilen, wobei ich allerdings vor dem Problem stehe, dass ich zwar Verriss und Buch kenne, aber nur wenig von jener Theorie verstehe, welche im Buch kritisiert wird, nämlich der, die der Klappentext Postmoderne nennt. Andererseits kann ich mehrere Stellen finden, anhand derer es möglich wäre, den Verriss zu kritisieren, ohne das Buch selbst zu kennen.

Eine dieser Stellen ist die folgende: „Elf unleserliche Seiten später sind wir der Wahrheit zwar keinen Deut nähergekommen, aber die Geste imponiert trotzdem.“ Die Unleserlichkeit eines Textes von Tjark Kunstreich wird lächerlich gemacht, und es ist klar, dass dies im Bezug auf ein Zitat geschieht, in welchem dieser anscheinend die Unleserlichkeit der Texte Lacans wegen ihrer Unleserlichkeit kritisiert. Wer sich das Zitat jedoch genauer ansieht, wird feststellen, dass dies nicht ist, was Kunstreich meint: Er kritisiert jene, die Lacan wegen seiner angeblichen Unleserlichkeit kritisieren, und kündigt an, dass er sich die Mühe machen wird, Lacan zu verstehen, bevor er entscheidet, ob und  inwiefern er ihn kritisieren wird.

Mir ging es nun so, dass ich die Texte des Bandes „Gegenaufklärung“ keineswegs unleserlich fand. Sie sind nicht unbedingt das, was man liest, um mal eine Weile abzuschalten, sondern erfordern durchaus eine gewisse Konzentration, aber unleserlich waren sie nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass ich, seit ich mich das erste Mal an Judith Butler gewagt und kurz darauf zum ersten Mal einen Text von Alex Gruber gefunden habe, einige Übung im Lesen von Texten aus dem Kontext der Kritischen Theorie gewonnen habe – aber nur wenig aus dem Umfeld der Postmoderne gelesen habe. Es war einfach so, dass ich beim Lesen von Texten der Kritischen Theorie den Eindruck hatte, dass sie, wenn ich mir Mühe gäbe und die Texte langsam läse und mich informierte, mir einiges zu bieten haben würden, was mir bei den Texten von Judith Butler jedoch nicht der Fall schien, so dass ich auf ihre Texte nicht die gleiche Mühe verwandte. Ich habe mir mittlerweile (einmal wieder) vorgenommen, doch das eine oder andere Buch von ihr zu lesen (ich denke zur Zeit an „Kritik der ethischen Gewalt“), aber andererseits habe ich noch viele Bücher zuhause stehen, aus denen ich etwas zu lernen hoffe, die ich also nicht in erster Linie mit der Motivation lesen würde, dass ich gerne selbst kennenlernen will, was andere kritisieren, so dass ich mir ein fundiertes Urteil bilden kann.

(Antje Schrupp schrieb einmal, dass eine gewisse Liebe notwendig ist, um die erste Formulierung von Ideen eines Autors zu verstehen. Vielleicht ist Liebe ein zu großes Wort, aber Neugier ist gewiss notwendig, und meine Neugier gilt mehr der Kritischen Theorie als der Postmoderne.)

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, für den Vortrag von Alex Gruber in der verlinkten Veranstaltung die Erklärbärin zu spielen. (Die Beiträge von Tjark Kunstreich und Stephan Grigat sind ohne weiteres verständlich.)

Gruber kritisiert nicht das, wofür Judith Butler gerne kritisiert wird, nämlich ihre Aussprüche über Hamas oder Hisbolla oder ihr Engagement gegen Israel, sondern er wendet sich direkt der Theorie zu, die Butler berühmt gemacht hat, nämlich ihrer Auffassung des Geschlechtsunterschieds. Dazu muss er sich auf philosophisches Gebiet, das der Erkenntnistheorie begeben. Er konstatiert, dass seit der Moderne allgemein anerkannt ist, dass wir die Welt nicht unmittelbar erfahren, wie sie ist, sondern dass wir unsere Begriffe aus den Erscheinungen der Natur, wie sie sich uns subjektiv darbietet, gebildet haben und dass diese Begriffe gesellschaftlich geprägt sind.

Judith Butler geht allerdings noch einen Schritt weiter: Ihr zufolge sind unsere Begriffe nicht aus den Erscheinungen der Natur gebildet, sondern durch unsere Begriffe und durch den Diskurs, zu welchem diese Begriffe gehören, erzeugen wir, wovon wir reden. Es sind also nicht die Begriffe in den Sachen gegründet (wie problematisch und zweifelhaft diese Begründung auch immer sein mag), sondern die Sachen sind in den Begriffen gegründet. Unser Sprechen ist daher grundsätzlich performativ, das heißt, es stellt stets eine Handlung dar, in diesem Fall eine Handlung, mit der wir etwas erzeugen. Rein beschreibendes Sprechen, also Sprechen, das versucht, die Wirklichkeit zu erfassen, so gut es eben geht, ist innerhalb dieser Theorie undenkbar. Weil unser gesamtes Denken von der Sprache geprägt ist, ist es auch unmöglich, Wahrnehmen und Interpretieren voneinander zu trennen, beides falle zusammen.

(Ich bekomme dabei den Eindruck, dass Butler die grundlegenden Probleme im Handstreich löst, indem sie ins umgekehrte Extrem des naiven Realismus verfällt: Wenn es keine vom Diskurs unabhängige Realität gibt, die man wahrnehmen kann und interpretieren muss, und wenn Wahrnehmung und Interpretation in eins fallen, nur dass es sich nicht um Wahrnehmung der Welt handelt, so wie sie ist, sondern um Erzeugung der Welt, dann hat man sich natürlich aller Probleme entledigt, die sich daraus ergeben, dass Wahrnehmung und Interpretation (und Realität) nicht übereinstimmen.)

Gruber kritisiert daran, dass es gerade die Differenz zwischen Wahrnehmung und Interpretation sei, an der kritisches Denken ansetzen könne. Das heißt, es ist gerade die Tatsache, dass die Welt nicht so ist, wie sie uns unmittelbar erscheint, die uns zwingt und erlaubt, nachzudenken, wie unsere Wahrnehmungen korrekt zu interpretieren sind, und die uns dann auch erlaubt, die Welt zu verändern.

Performativität bedeutet auch, dass Körper, die sich nach Geschlecht unterscheiden lassen, innerhalb dieser Theorie nicht von vornherein da sind, sondern dass sie ebenfalls durch den Diskurs hergestellt werden. Gruber zitiert eine Aussage von Butler, der zufolge Körper die Materialisierung von Normen darstellen. (Ich muss dabei an physikalische Felder denken, innerhalb derer sich Teilchen materialisieren können.)

Begriffe seien also nicht in den Sachen begründet, sondern erzeugen die Sache. Das führt nach Butler jedoch nicht zu Beliebigkeit, sondern sie stellt die Einheit durch den Diskurs her, in den jeder und jede von uns hineingeboren werde (oder besser gesagt: der die einzelnen Subjekte erzeugt). Wir müssten uns diesem anpassen, und nur dieser verleihe uns unseren Subjektstatus, und so können wir nicht nach Belieben Begriffe bilden. Dies gelte insbesondere für die Heteronormativität. Ohne Beziehung zu einer Realität außerhalb ihrer selbst müsse sie sich dadurch definieren, dass sie ein „Außerhalb“, die Homosexualität und die Homosexuellen, hervorbringe. Die Homosexuellen, die nicht von der Heteronormativität repräsentiert werden, könnten nun Widerstand leisten und ihre Identitäten resignifizieren. Dabei müssten sie jedoch wieder das, was außerhalb liegt, ausschließen. Jede Position sei ständig in Gefahr, identitär zu werden, und jeder Allgemeinbegriff könne sich nur durch Selektion und Vernichtung des Ausgegrenzten definieren (Ich frage mich, ob die mit den Vernichtungslagern assoziierten Begriffe von Gruber oder von Butler stammen.)  „Queer“ bestehe nun in der ständigen Auflösung von Normen und Ordnungen, der Dekonstruktion. Nach dem Inhalt von Ordnungen werde nicht gefragt, jede sei gleichermaßen dekonstruierenswert, da nach Butler jede gleichermaßen gewaltförmig sei.

Diskurs, Sprache, „Gesetz“, Allgemeinbegriffe und Ordnung seien nach Butler grundsätzlich gewaltförmig. Der Diskurs sei daher „unhintergehbar“ (es wird nicht gefragt, welcher Diskurs) – wenn ein Diskurs verändert wird, entsteht ein neuer Damit wird die erste Natur (die Natur im eigentlichen Sinn) für bedeutungslos erklärt, während die zweite Natur (die Gesellschaft beziehungsweise der Diskurs) praktisch allmächtig wird. Vor allem aber kann nicht mehr Qualität unterschiedlicher Diskurse, Begriffe oder Ordnungen diskutiert werden.

Gruber kritisiert Butlers Kritik an Vertragstheorien: Butler wende gegen diese ein, dass es vor dem Vertrag immer schon andere Beziehungen gibt, Beziehungen mit Menschen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit Regeln, die wir nicht mit diesen Menschen im Sinne eines Vertrags ausgehandelt haben. Sie vergleiche dies mit dem Gedränge in der U-Bahn während der Stoßzeiten. Gruber meint, auf dieser Situation könne man keine Gesellschaftstheorie aufbauen. Thomas Hobbes‘ Vertragstheorie sei bestimmt kritikwürdig, aber hinter diesen Versuch, eine vernünftige Art des Zusammenlebens mit anderen Menschen, die wir uns nicht unbedingt ausgesucht haben, sollten wir nicht mehr zurückfallen. Die Ordnungen, in die wir hineingeboren werden. müssen eben gerade nicht schicksalhaft angenommen werden, sie können (nach Gruber) durchdacht, kritisiert und durch weniger gewaltförmige und vernuntgemäßere Ordnungen ersetzt werden. Nach Butler würde dies sinnlos sein, weil jede Ordnung gleich unvernünftig und gewalttätig ist. Sie fällt daher in die Vorstellung einer ursprünglichen Gemeinschaft zurück, beziehungsweise, der Diskurs an und für sich wird zu einer ursprünglichen, unabänderlichen Gemeinschaft, aus der wir nicht aussteigen können und die nicht weiter kritisiert oder verändert werden kann.

Zusammenfassend lässt sich also die Kritik an Judith Butler an zwei Punkten festmachen:

1. Auf der erkenntnistheoretischen Ebene: Indem Butler davon ausgeht, dass den Begriffen keine Realität entspricht, die diese zu erfassen zu versuchen, sondern behauptet, dass die Begriffe die Realität erzeugen, schließt sie die Lücken zwischen  Realität, Wahrnehmung und Interpretation, welche im Prinzip den Ansatzpunkt für Denken überhaupt, aber insbesondere den Ansatzpunkt für kritisches Denken und für Veränderung von Gesellschaft ausmachen. Die Welt ist, wie sie uns erscheint, etwas anderes gibt es nicht. (Im naiven Realismus dagegen erscheint uns die Welt, wie sie ist.)

2. auf der Ebene der Gesellschaftstheorie: Jede Ordnung und jeder Diskurs ist gewaltförmig, da er die Subjekte herstellt und formt. Jeder Allgemeinbegriff ist gewaltförmig, da er etwas erzeugen muss, was nicht dazugehört. Es ist daher nicht möglich, Ordnungen oder Begriffe zu unterscheiden und zu sagen, dass die eine vernunftgemäßer oder der andere weniger gewaltförmig sei. Dann bleiben nur zwei Alternativen: Immer gegen die Ordnung ankämpfen, oder sie akzeptieren.

(Ich überlege gerade, warum mir Judith Butlers Texte als eine sehr schwierige Lektüre erscheinen. Ich glaube, es liegt nicht in erster Linie an komplexen Satzkonstruktionen oder schwierigen Sätzen, sondern daran, dass sie innerhalb von Theorien argumentiert, denen ich mich nur langsam und „von außen“ (also etwa durch die Kritik, die ich in dem Buch „Gegenaufklärung“ gefunden habe) nähere und dass sie diese Theorien nicht erklärt oder zusammenfasst, sondern bei Lesern und Leserinnen voraussetzt, und dass daher der entscheidende Punkt ihrer Theorie nicht begründet oder plausibel gemacht wird. In diesem Fall wäre das der Punkt, dass Subjekte durch den Diskurs erzeugt werden. Entweder erscheint das unmittelbar einleuchtend oder nicht, und für jemanden wie mich, der dieser Punkt nicht unmittelbar einleuchtet, vielleicht weil ich ein bisschen über Bindungsforschung weiß, bleibt die ganze Theorie fraglich.)

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Anti Oppression Culture, Kritik antirealistischer und antirationalistischer Theorien abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s