Pot calls kettle black: keine Vergangenheitsaufarbeitungsweltmeister

Normalerweise werde ich sofort misstrauisch, wenn Deutsche („normale“ Deutsche oder PolitikerInnen) sich als Vergangenheitsaufarbeitungsweltmeister aufspielen und sich daraus dann einen Nationalstolz konstruieren. (Dann ziehe ich doch einen Nationalstolz, der auf den Leistungen der Fußballnationalmannschaft begründet ist, deutlich vor. Da weiß man wenigstens, dass es albern ist.) Aber in manchen Momenten merke ich, dass ich von diesem Nationalstolz eben doch selbst nicht frei bin, insbesondere wenn es um Japan geht. Ich vermute, dass Japan für viele Menschen das Lieblingsland ist, wenn es darum geht, ein Land zu finden, auf das man zeigen kann und sagen: „Warum immer wir? Wir haben doch schon so viel getan? Warum schaut niemand mal auf Japan?“ Japan ist in gewisser Weise tatsächlich vergleichbar, weil sie eben „unsere“ Verbündeten im Zweiten Weltkrieg waren und eben Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg und das Verbrechen eines Angriffskriegs diskutiert werden. Andererseits muss man sich auch klar machen, dass die jeweiligen Verbrechen sich in ihrer Größenordnung und auch in ihrer Qualität unterscheiden. Die deutschen Verbrechen, vor allem der Massenmord an den europäischen Juden mit dem Ziel, ein ganzes Volk auszurotten, war eben kein Kriegsverbrechen, sondern ein Verbrechen gegen die Menschheit, und es geschah unabhängig vom Krieg, wenn es auch ohne den Krieg nicht möglich gewesen wäre.

Andererseits haben sich manche Dinge seit 1945 eben doch verändert, etwa das Bemühen, Versöhnung mit den Nachbarn herzustellen. Es ist natürlich noch viel zu tun, und gerade diese Woche habe ich mich ziemlich über die Franzosenfeindschaft eines privaten Bekannten erschrocken, und dazu war ich auch überrascht, dass ein ansonsten sehr intelligenter junger Mensch noch nicht begriffen hat, dass es keinen Grund gibt, auf deutsche Anfangserfolge in den vergangenen beiden Weltkriegen stolz zu sein, sondern dass es einem peinlich sein muss (wenn man sich mit Deutschland identifiziert), dass Deutschland die beiden letzten Weltkriege angefangen hat, so dass sich alle anderen Länder gegen die deutsche Aggression zur Wehr setzten.

Jetzt ist Angela Merkel nach Japan gereist und hat Japan aufgefordert, sich um eine Versöhnung mit den Nachbarländern zu bemühen. Natürlich war dies nur ein ganz kleiner Teil ihrer Agenda.

Über meine Twitter-Timeline habe ich mehrere Artikel gefunden. Erst einmal diesen: German Chancellor Merkel’s three errors in Japan und später jenen: What Can Japan Really Learn From Germany?

Anschließend habe ich nach Informationen in deutschsprachigen Zeitungen gesucht:

Merkel in Japan: Die höfliche Mahnerin

Merkel in Japan: „Deutschstunde“ für Shinzo Abe

Merkel versucht es mit höflicher Kritik

Und dann habe ich den Wortlaut der Rede auf der Website der Bundesregierung gefunden. (Ich frage mich gerade, was mit mir passiert ist, dass ich die Verlautbarung der Bundesregierung für zuverlässiger halte als Informationen, die ich aus Zeitungsartikeln gewinne. Möglicherweise liegt es daran, dass die Zeitungsartikel immer schon Bewertungen und Interpretationen enthalten.)

Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Tageszeitung „Asahi Shinbun“ am 9. März 2015

Die Kanzerlin ist also nach Japan gereist, und ein Programmpunkt war eine Rede auf einer Veranstaltung, die von Asahi Shinbun, einer der großen liberalen Zeitungen des Landes, organisiert wurde. Diese Zeitung ist im vergangenen Jahr in die Kritik geraten wegen einer Artikelserie über sogenannte „Trostfrauen“, also Opfer von systematischer, von der japanischen Armee organisierter Vergewaltigung durch japanische Soldaten. Einige dieser Artikel bauten auf zweifelhaften Zeugenaussagen auf, was nun dazu dient, die ganze Serie und die historische Wahrheit (ja, es hat „Trostfrauen“ gegeben) in Frage zu stellen.

In ihrer Rede erwähnt die Kanzlerin auch das bevorstehende siebzigjährige Jubiläum des Kriegsendes. Sie wiederholt die Worte Richard von Weizsäckers, dass dieses Kriegsende auch für Deutschland eine Befreiung darstellte (und erwähnt natürlich nicht, dass die Mehrzahl aller Deutschen das damals anders empfunden hat) und spricht mit Dankbarkeit davon, dass andere Länder der jungen Bundesrepulik Vertrauen entgegenbrachten (der Kalte Krieg wird auch nicht erwähnt.) Dann redet sie von anderen Problemen.

Die Sätze, die für so viel Wirbel gesorgt haben, sind in der anschließenden Diskussion gefallen. Der Chefredakteur der Zeitung fragte sie, was Japan von Deutschland lernen können. Merkel blieb vorsichtig und sprach davon, Japan nicht belehren zu wollen, sagte aber auch, dass Deutschland sich seiner Geschichte gestellt habe. Auch die Äußerungen im Gespräch mit Premierminister Abe, die Ärger verursachten, fielen als Antwort auf die Frage eines Journalisten. (Ich entnehme dies vor allem dem Artikel der FAZ, Merkel in Japan: „Deutschstunde“ für Shinzo Abe.)

Angela Merkel hat also nicht ein ganzes Land kritisiert, sondern hat sich in eine gesellschaftliche Debatte, die in diesem Land zur Zeit stattfindet, eingemischt. (Und das gilt auch als Warnung an all jene, die gern mit dem Finger auf Japan zeigen und darauf hinweisen, dass es in Japan mit der Vergangenheitsaufarbeitung sehr langsam vorangeht: Es gibt in Japan wie in Deutschland Menschen die für und Menschen die gegen eine Aufarbeitung der Vergangenheit sind.) Ob es klug ist, sich als ausländische Regierungschefin in eine Debatte einzumischen, die in einem anderen Land stattfindet, weiß ich nicht – möglicherweise nicht. Andererseits mischt sie sich eben auch zugunsten Koreas und Chinas ein, und das geht. Ich weiß auch nicht, ob es klug von Asahi Shinbun ist, eine ausländische Regierungschefin als Gefährsfrau einzuladen, um auf diese Weise die eigene Regierung zu überzeugen, dass Vergangenheitsaufarbeitung notwendig ist. Man muss sich nicht von einer Ausländerin erzählen lassen, dass Wahrheit und Versöhnung mit den Nachbarn hohe Güter sind. Besser wäre es, sich durch Bücher zu informieren, vielleicht aber auch Wissenschaftler und Aktivisten, aber keine Regierungschefin einzuladen.

Ob es angemessen ist, sich als Deutsche einzumischen, ist noch einmal eine andere Frage. Inwiefern bedeutet dies, sich aufs hohe Ross zu setzen und so zu tun, als sei man moralisch unangreifbar? Andererseits – warum sollte man nicht imstande sein, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkennen und andere darauf hinzuweisen, nur weil das eigene Land viel Schuld auf sich geladen hat? Problematisch ist vor allem, dass Angela Merkel die in Deutschland geschehene Aufarbeitung in einem viel zu rosigen Licht darstellt, wenn sie behautet, es hätte eine große Bereitschaft gegeben, Dinge beim Namen zu nennen. Aber das Problem bei diesem Satz besteht darin, dass er faktisch falsch ist, nicht, wer ihn wann und wo zu wem sagen darf. (Weiter unten mehr dazu.)

Nun zu den beiden Artikeln. Der erste, German Chancellor Merkel’s three errors in Japan, hat mich ziemlich aufgeregt und ist der Anlass, dass ich zu schreiben angefangen habe, aber gleichzeitig war da eben auch die andere Stimme in mir, die mich vor meinem eigenen Nationalismus warnt: „Bist du etwa beleidigt, weil Angela Merkel von japanischer Seite kritisiert wird? Identifizierst du dich mit ihr, nur weil sie die deutsche Kanzlerin ist?“ Mittlerweile habe ich mich etwas beruhigt, ich habe nachgelesen, was tatsächlich passiert ist, und mir sind ein paar Punkte aufgefallen, die an dem Artikel wirklich ein Problem darstellen, und zwar unabhängig davon, ob ich mich als Deutsche jetzt beleidigt fühle oder nicht. Man kann in ihm Muster erkennen, die auch im deutschen Umgang mit der Vergangenheit häufig vorkommen, die aber leichter auffallen, wenn man sie an einem anderen Land feststellt.

Der auffälligste Punkt an dem Artikel ist der Ton des Beleidigtseins, verbunden mit einer Weigerung, die Vorwürfe zu überprüfen. Merkel hat nicht genügend Zeichen von Freundschaft gezeigt (die Hände eines Roboters zu schütteln zu versuchen reicht eben nicht, sie hätte auch Fukushima besuchen und für die Opfer der Katastrophe beten sollen), sie hätte zu viel mit der Opposition gesprochen, sie hätte Japan nicht kritisieren sollen, weil die deutsch-japanischen Beziehungen zur Zeit nicht genügend gut sind, um das zu erlauben, und sie hätte wissen müssen, dass sie, indem sie die Vergangenheit erwähnt, sich in einen Konflikt zwischen den verschiedenen Ländern Ostasiens, aber auch zwischen verschiedenen Gruppen der japanischen Gesellschaft hineinbegibt. (Ob der Artikel selbst mit seiner massiven Kritik an einer ausländischen Regierungschefin irgendwelche Gefühle verletzen könnte, fragt sich der Autor nicht.) Außerdem tut der Artikel so, als hätte sie nicht aus eigener Überzeugung gehandelt, sondern hätte sich einer immer japanfeindlicheren deutschen Bevölkerung angepasst.

Es handelt sich um ein bekanntes Muster, das mir durch den deutschen Umgang mit der Vergangenheit nur allzu vertraut ist. Es wird nicht überprüft, ob die Vorwürfe, die man hört, möglicherweise berechtigt sind, sondern es wird nur demjenigen, der sie äußert, vorgeworfen, dass er einem Schmerzen bereitet. Nicht man selbst hat möglicherweise ein Problem, sondern derjenige, der einem sagt, was man (oder das eigene Land) falsch gemacht hat. Wenn er dafür gesorgt hat, dass man sich schlecht fühlt, dann ist der andere dafür verantwortlich, nicht man selbst. („Du hast meine Gefühle verletzt.“)

Der zweite Artikel, What Can Japan Really Learn From Germany?, stellt alles etwas neutraler dar. (Ich hatte ihn gefunden, als ich nach Information suchte, was eigentlich passiert ist.) Länder und Regierungschef werden nicht als moralische, sondern als eigennützige Akteure angesehen. Deutschland und Japan möchten sich zum Jahrestag des Kriegsendes in einem vorteilhaften Licht darstellen, und es liegt im Interesse Deutschlands und anderer europäischer Länder, dass die Beziehungen zwischen Japan, China und Korea einigermaßen friedlich bleiben.

Der Artikel geht vor allem auf jenen Satz in Merkels Rede ein, in dem sie Dankbarkeit für den Vertrauensvorschuss seitens der europäischen Nachbarn äußerte. Er kann als Aufforderung an China und Korea gesehen werden, Japan mit mehr Offenheit zu begegnen. Er kann im schlimmsten Fall auch als Ausrede verwendet werden, warum sich Japan nicht um Versöhnung bemüht hat: „Wir hatten ja keine toleranten, offenen Nachbarn, also wie hätten wir etwas tun können?“

Der Artikel schlägt vor, dass vielleicht nicht die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland, sondern eher die zwischen Polen und Deutschland als Analogie für die Beziehung zwischen Japan und Korea gelten könnte, und die Beziehung zwischen Russland und Deutschland als Analogie für die Beziehung zwischen Japan und China. In gewisser Weise hat er Recht:: Japan hat Korea nie als Partner auf Augenhöhe angesehen, so wie Deutschland Polen nie als Partner auf Augenhöhe angesehen hat, während das Verhältnis zu Frankreich immer kompliziert war: eine Mischung aus Bewunderung und Ressentiment gegenüber der kultivierteren, rationaleren Nation. Und wenn man nach solchen exakten Entsprechungen sucht, hat der Autor des Artikels sicherlich Recht, wenn er sagt, dass die Verhältnisse in Ostasien sich zu sehr von denen in Europa unterscheiden, um sinnvoll vergleichen zu können.

Andererseits ist die Frage, ob solche exakten Analogien überhaupt nötig sind. Dass die Bereitschaft, die Wahrheit über die Vergangenheit anzuerkennen, eine wichtige Vorbedingung für Versöhnung ist, stimmt unabhängig davon, wie nun genau die Verhältnisse zwischen den beteiligten Ländern sind. Die Alternative dazu ist Macht: Die anderen Länder sind bereit, sich mit Japan zu arrangieren, weil dieses mächtiger ist und sie nicht durchsetzen können, dass es endlich zu seiner Vergangenheit steht. Aber solch ein Arrangement besteht immer nur unter dem Vorbehalt, dass Japan mächtiger bleibt (und in diesem Fall, dass die USA sie dazu nötigen.)

Und so würde auch eine realistischer Geschichte der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung miteinschließen, dass (West-)Deutschland als Bündnispartner im Kalten Krieg benötigt wurde und dass daher die Regierungen der westlichen Nachbarn genötigt wurden, sich mit Deutschland zu arrangieren, bevor es angefangen hatte, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. In den folgenden Jahrzehnten blieb die Aufarbeitung der Vergangenheit ein Prozess, der von vielen gesellschaftlichen Konflikten zwischen jenen, die sich mit der deutschen Schuld auseinandersetzen wollten (zunächst vor allem zurückgekehrte Emigranten, dann auch mehr und mehr Nachgeborene) und jenen, die diese beschönigen wollten, begleitet war. In regelmäßigen Abständen wurden die Feuilletons und Leserbriefspalten und jetzt auch das Internet von Debatten über die Vergangenheit gefüllt. Die erste, die ich bewusst mitbekommen habe, ist der Historikerstreit zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas, dann erinnere ich mich an Debatten um das Holocaustdenkmal, um die erste Wehrmachtsausstellung, um Daniel Goldhagen, um Martin Walser und zuletzt um Günter Grass und Jakob Augstein. Sie enden damit, dass ein Stückchen mehr der historischen Wahrheit anerkannt wird: Niemand wird mehr den Zweiten Weltkrieg als Präventivkrieg gegen den Kommunismus darstellen. (Okay, „niemand“ ist ein großes Wort. Es ist mir einfach schon zu oft passiert, dass ich dachte, etwas sei doch mittlerweile Allgemeinwissen, und dann in privaten Gesprächen feststelle, dass Menschen es immer noch nicht verstanden haben.)

Noch schwieriger als die Anerkennung der historischen Wahrheit ist die Bereitschaft, finanzielle Kompensation zu leisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Alliierten großzügiger als nach dem Ersten Weltkrieg und wollten Deutschland nicht mit finanziellen Forderungen belasten, die es nicht hätte tragen können. Aber nun sieht die Sache anders aus, Deutschland ist zu einem der reichsten Länder der Welt geworden. Trotzdem wird noch geknausert, wenn es um Entschädigungen geht – wenn man sich überlegt, auf was für einen Stundenlohn die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter hinausläuft, so ist dies einfach beschämend.

Und jetzt ist dieses Thema wieder tagesaktuell geworden. Ich vermute, dass ich nicht die einzige bin, die in der Schule nie von einer griechischen Zwangsanleihe an Deutschland gehört hat (und die Verbrechen in Griechenland kamen im Schulunterricht auch nicht vor.) Vor einigen Jahren habe ich zum ersten Mal in einer Broschüre, die der taz beilag, davon gehört. Mittlerweile ist es zum Allgemeinwissen geworden. Und anscheinend mehren sich jetzt auch die Stimmen, die für eine Rückzahlung dieses Kredites sprechen, während auf der anderen Seite diejenigen stehen, denen es schwer fällt, zu verstehen, dass Deutschland sich schuldig gemacht hat und dafür geradestehen muss. (Hier noch ein Link zu einem Artikel aus der jungle world: Zwei plus vier macht null.)

Was hätte Merkel also idealerweise tun sollen? In ihrer Rede auf der Veranstaltung von Asahi Shinbun hätte sie darauf hinweisen sollen, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit ein Jahrzehnte dauernder und mit vielen Auseinandersetzungen verbundener Vorgang ist, dass er aber tatsächlich die Voraussetzung zu echter Versöhnung darstellt. Sie hätte sagen sollen, dass sie, wenn sie wirklich etwas lernen wollten, nach Büchern und Artikeln suchen sollten, die die Geschichte der Vergangenheitsaufarbeitung darstellen – von denen gibt es mittlerweile einige. (Andererseits hat auch die Vergangenheitsaufarbeitung in Japan mittlerweile eine lange Geschichte mit ähnlichen Auseinandersetzungen wie in Deutschland. Sie brauchen in dieser Hinsicht nichts von uns zu lernen.) Und dann hätte sie zurückkommen und darüber nachdenken sollen, was ihre eigenen Worte für die Rückzahlung des Zwangskredits an Griechenland bedeuten.

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