Lesetipps: Ob das etwas mit dem Islam zu tun habe.

Ich möchte weiter die Linksammlung aufräumen, die sich bei mir nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und den Jüdischen Supermarkt angesammelt hat. Dieses Mal möchte ich ein zweiteiliges Essay empfehlen, das ich auf http://www.publikative.org gefunden habe:

“Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun”

“Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun”: Was man damit tut

Es handelt sich um die differenziertesten Gedanken, die ich bisher zu dieser Frage gefunden habe. Das Essay antwortet weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein, und vor allem vermeidet es die häufigsten Fallen, in die Menschen bei dieser Frage hineinfallen, vor allem verurteilt es nicht alle Muslime insgesamt, tut aber auch nicht so, als handele es sich bei den Attentätern um Einzelne, die mit anderen Muslimen nichts zu tun haben.

Mir ist beim Lesen und Nachdenken vor allem deutlich geworden, wie kontraproduktiv das Einfordern von Erklärungen, dass die Attentate nichts mit dem Islam zu tun hätten, eigentlich ist. Das erläutere ich hinter dem Cut – nach einer Zusammenfassung der Texte.

Spannend ist schon einmal die Trennung in zwei Teile: Einerseits sucht der Text eine Antwort auf die Frage, ob „das“ etwas mit dem Islam zu tun habe. Andererseits untersucht er, mit welchen politischen Intentionen gesagt wird, dass „das“ etwas oder nichts mit dem Islam zu tun hat. Die zweite Frage ist wichtig, aber sie kann nicht von der ersten getrennt werden: Wie Menschen die Frage, ob „das“ etwas mit dem Islam zu tun habe, beantworten, darf nicht nur danach beurteilt werden, mit welchen politischen Absichten sie das tun und welche Wirkungen ihre Äußerungen haben, sondern auch daran, ob ihre Antworten korrekt sind. Und daher muss die Frage, ob „das“ etwas mit dem Islam zu tun habe, beantwortet werden, bevor man die Antworten anderer Menschen beurteilt.

Der Autor weist zunächst vier typische Trugschlüsse zurück. Sie kommen in Gegensatzpaaren, wobei jeweils der eine behauptet, dass die Attentate alles, der andere, dass sie gar nichts mit dem Islam zu tun hätten. Beides ist falsch.

Der erste Trugschluss bestehe darin, dass die Ursachen der Attentate in der islamischen Tradition zu suchen seien. Der Autor weist dies als absurd zurück. Ich möchte das gern ergänzen (weil „absurd“ nicht wirklich eine Begründung darstellt): Wenn die islamische Tradition wirklich Terrorattentate verursachen würde, wären diese viel häufiger. Außerdem vernachlässigt diese Behauptung, dass es immer jemanden geben muss, der sich entschließt, das, was er für Botschaften hält, in die Tat umzusetzen.

Der entgegengesetzte Trugschluss bestehe darin, die Ursachen nur in der (autoritären) Persönlichkeit der Täter zu suchen. Eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur allein reiche nicht aus, eine solche Tat zu verursachen, es müsse als zweites immer auch eine Ideologie hinzukommen, die es den Tätern erlaube, die gewöhnlichen Normen des Zusammenlebens („du sollst nicht töten“) beiseite zu schieben und ihre Morde zu rechtfertigen. Eine solche Ideologie finde sich nicht automatisch, wenn die Täter eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur aufweisen, sondern sie müssen dieser Ideologie begegnen und sie erlernen. Dies geschehe nicht von einem Tag auf den anderen, und nicht alle Menschen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur begegnen einer solchen Ideologie.

Der dritte Trugschluss bestehe darin, die Ideologie, welche der Autor als Dschihadismus bezeichnet, mit dem Islam gleichzusetzen, welcher angeblich keine Religion, sondern eine mörderische Ideologie sei. Dabei werde übersehen, dass die überwiegende Anzahl aller Muslime die Attentat als unvereinbar mit dem Islam ablehnen. Wir würden diesen Muslimen dann unterstellen, dass sie weniger authentische Muslime seien als die Attentäter. Der vierte Trugschluss ist dem dritten entgegengesetzt: Die Attentäter seien keine authentischen Muslime.

Der Autor stellt klar, dass Nichtmuslime nicht beurteilen können, was der authentische Islam sei und wer die echten Muslime seien. Dies ist meiner Ansicht nach eine der wichtigsten Einsichten des Textes, eine, die sich all jene, die meinen, sie könnten ein wenig im Koran herumschmökern und wüssten dann, was der Islam wirklich ist, sich merken sollten: Zum Islam gehört nicht nur sein heiliges Buch, sondern auch eine Tradition der korrekten Auslegung dieses Buches, oder besser gesagt, mehrere konkurrierende Traditionen, die seit Jahrhunderten nicht nur nebeneinander her existieren, sondern auch miteinander diskutieren und wetteifern. Außenstehende können das beobachten und beschreiben, aber nicht beurteilen, welche dieser Traditionen die richtige sei.

(Als ich mich noch als Christin verstand, habe ich mich einmal ziemlich über jemanden geärgert, der als Atheist oder auch als „Neuheide“ (genau erinnere ich mich nicht mehr) meinte mir erklären zu können, was das Christentum über Homosexualität zu sagen hat. Die Tradition, in der ich stand, die eben nicht evangelikal ist, sondern evangelische Landeskirche mit kritisch-historischer Exegese und Interpretation der Bibel vom Zentrum aus, das heißt, von einem liebenden Gott aus, kannte er nicht. Ich fand ihn ziemlich dreist.)

Der Islam sei also eine Tradition mit verschiedenen Traditionslinien, von denen der Dschihadismus nur eine sei, und zwar eine, die vom Mainstream ziemlich weit entfernt ist – allerdings nur, was die Rechtfertigung von Gewalt anbelangt. Es gebe auch Anknüpfungspunkte, und der Autor vergleicht das Verhalten vieler gemäßigter Muslime mit den Biedermännern von Max Frisch: Sie verurteilten zwar die Taten der Attentäter, aber auch sie wünschen sich, dass Blasphemie verboten sei, und sie geben den Attentätern das Gefühl, Agenten einer schweigenden Mehrheit zu sein. Ähnliches gelte für Antisemitismus, der auch kein Alleinstellungsmerkmal der Attentäter ist (und natürlich auch kein Alleinstellungsmerkmal von Muslimen.)

Im zweiten Teil geht es um das, was politisch bewirkt werden soll, wenn jemand sagt, die Attentate hätten etwas mit dem Islam oder hätten nichts mit dem Islam zu tun. Diese Frage könne nur sinnvoll diskutiert werden, wenn vorher geklärt wurde, inwiefern diese Behauptungen der Wahrheit entsprechen oder nicht. (Meine Ergänzung: ob wir jemanden für das, was er oder sie sagt, loben oder verurteilen, muss immer auch davon abhängen, ob das, was er oder sie sagt, stimmt.) Insbesondere weist der Autor darauf hin, dass man nicht mit dem Hinweis auf das, was der Satz „Das hat etwas mit dem Islam zu tun“ an Schaden anrichten kann (meine Ergänzung: PEGIDA), darauf verzichten dürfe, zu untersuchen, ob das nicht doch etwas mit dem Islam zu tun haben könnte. (Meine Ergänzung: wer antisemitische Gewalt verhindern will, muss bei der Ursachensuche ehrlich sein.)

Andererseits ist die Gefahr, dass die Behauptung, dass die Attentate in Paris und Kopenhagen auf den Islam zurückzuführen seien, Schaden anrichten, sehr real: „Es geht hier nicht nur um die mehr oder weniger angemessene Beschreibung der Realität – Was ist schon ‚Deutschland‘? Was ist schon ‚der Islam‘? Was heißt hier ‚dazugehören‘? –, sondern auch um politische Aushandlungen, um Fragen von Zugehörigkeit, Schuldzuweisung, Stigmatisierung, Verantwortung, um Ein- und um Ausgrenzung – oder anders gesagt: um so ziemlich alles, was schon mal unter dem Label „Integration“ verhandelt oder beschwiegen wurde.“

Weil Angehörige der Mehrheitsgesellschaft mit der Behauptung, „das“ habe etwas mit dem Islam zu tun, Muslime stigmatisieren und Debatten, die sich um eine große Vielfalt von Themen drehen sollten, auf ein einziges, die Religion reduzieren können, sei es zu begrüßen, wenn diese sagen, dass die Attentate nichts mit dem Islam zu tun haben – oder eben die großen Unterschiede zwischen dem Mainstream-Islam und dem Islam der Attentäter hervorheben.

Auf der anderen Seite betonen Muslime, dass die Attentate nichts mit dem Islam zu tun hätten. Dabei kann es einerseits darum gehen, in einem innerreligiösen Streit Position zu beziehen. Muslime können und müssen sich streiten, was denn nun der richtige Islam sei (beziehungsweise, was noch dazugehört und was nicht). Außenstehende können nur beobachten und beschreiben.) Andererseits kann diese Aussage auch nach außen gerichtet sein, also nicht an andere Muslime, denen deutlich gemacht werden soll, dass sie ihre Religion gründlich missverstanden haben, wenn sie meinen, dass diese Attentate rechtfertige, sondern an Nichtmuslime. Dann gehe es hauptsächlich darum, die Attentate von Paris und Kopenhagen und die Frage, ob sie nicht vielleicht doch etwas mit einem selbst zu tun haben könnten, von sich wegzuschieben.

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Jetzt noch ein paar Gedanken zum Abschluss: Es ist vielleicht kontraproduktiv, Muslime zu drängen, dass sie sich von den Attentaten distanzieren. Diese fühlen dann, dass Vorwürfe von außen kommen, meinen, sie müssen sich dagegen verteidigen, warnen im Gegenzug vor Islamophobie, und am Ende beschuldigen sich zwei Gruppen, Mehrheitsgesellschaft und Muslime, gegenseitig, für die Attentate verantwortlich zu sein, anstatt sich zu fragen, was sie selbst zu den Attentaten beigetragen haben können, und das zu verhindern, was verhindert werden muss: Antisemitische Gewalt.

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