Satire kennzeichnen, aber richtig.

Ich habe eine Reihe interessanter Artikel als Lesezeichen abgespeichert, alle mit dem Plan, eines Tages einmal etwas dazu zu schreiben, und jetzt werde ich diesen Plan in die Tat umsetzen und diese Lesezeichen nach und nach aufräumen. Also erst einmal ein Artikel, der vor zehn Tagen auf meiner Twitter-Timeline diskutiert wurde: „Demogeld für Antifa„.

Ich hoffe, ihr habt den Artikel alle gelesen, bevor ihr auf „mehr lesen“ geklickt habt. Es handelt sich um Satire. Vielleicht hat es sich mittlerweile auch herumgesprochen. Manche Menschen haben es nicht auf den ersten Blick erkannt, und als die Satire „enttarnt“ war, stellte sich die Frage, ob es andere, weniger politisch gebildete Menschen gibt, die nicht imstande sind, selbst zu erkennen, ob es sich um Satire handelt oder nicht. Für diese sollte man den Artikel vielleicht kennzeichnen.

Ich gestehe: Mir ist es auch schon passiert, dass ich auf Satire hereingefallen bin oder nicht gemerkt habe, dass etwas ironisch gemeint ist. Als ich zum Beispiel, noch bevor der obige Artikel veröffentlicht wurde, durch meine Twitter-Timeline auf das im Text dargestellte „Organigramm“ ohne den Rest des Artikels gestoßen war, hielt ich es für Propaganda von Pegida, wobei mich mir vorstellen konnte, dass diese selbst an das glaubte, was sie behauptete. Für wahr hielt ich es nicht, denn dafür waren die Behauptungen zu absurd, aber ich hielt es auch nicht unbedingt für Satire.

In meiner alltäglichen Umgebung (außerhalb des Internets) ist es peinlich, Satire nicht zu erkennen. Man war zu naiv, zu leichtgläubig und hat zu wenig Ahnung von der Realität um zu erkennen, dass etwas einfach nicht sein kann. Man gibt nicht dem Autor der Satire die Schuld, weil dieser die Satire nicht deutlich genug gekennzeichnet hat. Man war selbst nicht schlau genug, aber das nächste Mal wird man schlauer sein.

(Hin und wieder ist mir auch schon folgendes passiert: Leute tun so, als nähmen sie einen völlig abstrusen Text ernst, ich versuche ihnen freundlich zu erklären, dass der Text abstrus ist, und nach einer Weile sehen sie mich an und sagen (nicht unbedingt in Worten): Wie kannst du so doof sein zu glauben, ich wäre doof genug, diesen Text zu glauben? und dann stehe ich als die Dumme da. Im Moment überlege ich, ob einige von denen, die den Artikel „Demogeld für Antifa“ ernst zu nehmen schienen, es nicht genauso gemacht haben: Mal sehen, wer ihnen abnimmt, dass sie diesem Artikel Glauben schenken könnten.)

Manchmal gelingt es einer guten Satire auch, eine ganze Gruppe bloßzustellen, etwa wenn niemand in dieser Gruppe merkt, dass es sich um Satire handelt, so dass dies nach einer Weile öffentlich klargestellt werden muss. Zum Beispiel gab es vor ein paar Jahren einen Text, der den modernen akademischen Jargon so perfekt nachmachte, dass selbst diejenigen, die diesen Jargon selbst in ihren Artikeln pflegten, den Artikel lobten und nicht merkten, dass der Autor nur den Jargon nachgeahmt und ansonsten absichtlich Unsinn geschrieben hatte. (Große Auswirkungen hatte diese Aktion aber nicht.)

Beim Artikel „Demogeld für Antifa“ (also nicht nur das Organigramm) habe ich sofort gewusst, dass es nicht wahr sein kann, einfach weil mir klar ist, dass die Antifa nicht vom Staat bezahlt wird. Bei anderen Texten brauche ich länger, da merke ich erst nach und nach, dass etwas komisch ist, und irgendwann bin ich sicher: das ist Satire. Und manchmal merke ich es eben auch nicht, und jemand muss es mir sagen.

Soll man aber jetzt Satire kennzeichnen, damit niemand auf die Idee kommt, etwas zu glauben, was in Wirklichkeit nicht stimmt? Dann wird genau dieses Vergnügen zerstört, das eine gute Satire ausmacht: Erst hält man es für wahr, und nach und nach merkt man beim Lesen dass etwas nicht stimmen kann. Dann würde auch niemand nach ein paar Tagen merken, dass er auf eine Satire hereingefallen ist und dass er etwas klüger werden muss, was Politik anbelangt.

Manchmal ist Satire aber doch gekennzeichnet, nur eben nicht mit einem großen Stempel „Satire“, der quer über das Blatt gestempelt ist, sondern durch kleine Zeichen, die man erst einmal finden muss. Im Artikel „Demogeld für Antifa“ gibt es ein solches, allerdings erst im „Update“. (Möglicherweise hat die taz gemerkt, dass sie die Satire kennzeichnen muss, weil sonst zu viele Menschen glauben, dass die Antifa wirklich vom Staat bezahlt wird.) Spätestens wenn ein Herr P. Flasterstein auftaucht, sollte niemand mehr glauben, dass das, was im Artikel steht, genau so stimmt. Die taz hätte auch „April April!“ rufen können.

Dieser Beitrag wurde unter Diskussionskultur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Satire kennzeichnen, aber richtig.

  1. stbst schreibt:

    Die Sache ist noch deutlich problematischer: Die TAZ ist beim Thema Antifa kein neutraler Nachrichten-/Satireliferant. Genau wie die SPD große Probleme mit der Linken hat, steht die Taz-Redaktion allem, was linker ist als sie selbst, höchst feindlich gegenüber. D.h. es handelt sich nicht um als Journalismus getarnte Satire, sondern noch eher um als Satire getarnte Verunglimpfung, denn dass die Nachricht abgeschrieben und andernorts tatsächlich geglaubt wird, steht voll im Interesse der Redaktions-Agenda.
    Erkennbar ist dies spätestens beim Foto, auf dem Demonstranten persönlich identifizierbar sind, was..schwer am Rande der Legalität von Demo-Berichterstattung überhaupt liegt. Neutrale Berichterstattung über demonstrierende Gruppierungen erkennst du daran, dass Teilnehmer verpixelt werden. Das „Recht am eigenen Bild“ weist die Grauzone auf, dass auf Demonstrationen der Einzelne von Fotografen nicht als Motiv verwendet werden darf. Er könnte dann mit guter Erfolgsaussicht auf Schadensersatz und Unterlassung klagen, nicht jedoch wenn das Foto eine quasi anonyme Gruppe, also eine Menschenmasse zeigt. Das stammt noch aus der Zeit, als solch ein Foto nur in gedruckten Zeitungen verwendet worden wäre, und da hätte man noch Mühe gehabt, Einzelpersonen zu identifizieren..

    • susanna14 schreibt:

      Ich lese die taz zur Zeit nur selten, und wenn, dann fast nur die Kolumnen von Deniz Yücel. Von daher kann ich nicht beurteilen, ob deine Behauptung, sie stünde allem, was weiter links ist als sie selbst, feindlich gegenüber, wahr ist.
      Ob es sich um „als Satire getarnte Verunglimpfung handelt“, finde ich ebenfalls schwierig. Meiner Ansicht nach richtete sich die Satire gegen Pegida und gegen Leute, die bereit sind, die Behauptungen des Artikels zu glauben, weil von ihrem Standpunkt aus die gesamte Bundesregierung (vielleicht abgesehen von ein paar Hardlinern in der Union) mittlerweile nach ganz weit links abgerutscht ist. Von daher müsste man sagen, dass die Bundesregierung in den Augen dieser Menschen verunglimpft wurde – die Antifa kann gar nicht mehr verunglimpft werden, weil sie für diese Leute ohnehin böse ist.
      Ich versuche mir gerade vorzustellen, was für Linke auf die Idee kommen könnten, die Antifa sei vom Staat bezahlt. Eigentlich nur Leute, die noch weiter links als die Antifa sind. Vielleicht bin ich da tatsächlich nicht auf dem neuesten Stand.

    • susanna14 schreibt:

      Ich bin auch, ehrlich gesagt, am überlegen, ob dein Kommentar nicht ironisch gemeint ist.

  2. Antje Schrupp schreibt:

    Was auch noch hinzu kommt: Im Internet liest man Dinge oft nur flüchtig, weil angesichts der Unmenge von Informationen es notwendig ist, schnell zu entscheiden, ob man einen Text ganz und gründlich lesen möchte oder nicht. Dieser Text in der taz sah auf den ersten Blick „echt“ aus, sodass es leicht möglich war, es zu „glauben“, zumal bei Leuten, die sich für das Thema nicht interessieren. Und deshalb eben nur kurz anlesen und wegklicken, aber die Botschaft „Antifa ist irgendwie böse“ bleibt hängen.

    Allerdings fand ich diese Art von Satire auch noch nie richtig witzig, weil ich ein sehr vertrauensseliger Mensch bin. Ich glaube erstmal alles, zum Beispiel hab ich mit 16 mal geglaubt, als mir einer erzählte, vor der Disko sei grade ein Ufo gelandet. Diese naive „auch unglaubliche Nachrichten für möglich zu halten“ finde ich wichtig, damit man sich nicht immer nur im Rahmen der eigenen Gewissheiten herumdreht. Mich nervt es, dass ich heute dauern misstrauisch und skeptisch sein muss, sobald mir jemand was erzählt, um herauszufinden, ob das jetzt eine neue und auf den ersten Blick „unglaubliche“ Information ist, oder eine Satire.

    Dasselbe gilt übrigens für Ironie, die finde ich auch im Internet inflationär. Leider finde ich diesen schönen Tweet nicht mehr, aber der ging so: Erstmal was posten und dann anhand der Reaktionen entscheiden, ob es ironisch gemeint war oder nicht…

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe vor zwei oder drei Jahren an einem Seminar zum Thema „Politische Kommunikation“ teilgenommen und müsste jetzt nachlesen, wie Menschen normalerweise Zeitung lesen. Wahrscheinlich hast du Recht: das meiste lesen sie nur flüchtig. Ich glaube aber, dass sie vor allem das flüchtig lesen, was ohnehin schon in ihr Weltbild passt. (Müsste ich noch einmal nachlesen.)

      Ich halte Naivität nicht für eine Tugend. Für eine Tugend halte ich es dagegen, Behauptungen zu überprüfen – einschließlich der eigenen liebgewonnenen Überzeugungen. Dafür muss man dann aber doch den ganzen Artikel lesen und nach Argumenten und Belegen suchen. Ich müsste jetzt also nachlesen, wie Menschen typischerweise mit Texten umgehen, die nicht in ihr Weltbild passen. Ich vermute, es gibt zwei Varianten: Titelzeile lesen und Text weglegen, weil ohnehin Unsinn, oder Text lesen und darüber nachdenken.

      Ob eine Satire gelungen ist, müsste sich daran messen lassen, ob Menschen, die den Text anfangen zu lesen, weil er in ihr Weltbild passt, nach einer Weile merken, dass er übertrieben ist (etwa indem sich die Satire immer weiter steigert), und dann anfangen, darüber nachzudenken, ob der Rest stimmen könnte und dadurch auch ihre eigenen Weltbilder hinterfragen. Ich habe mich gestern an eine Serie von Glossen zur Europa-Wahl von Deniz Yücel erinnert, auf die ich erst einmal reinfiel („Belgien gehört nicht zur EU, weil es dieses Land gar nicht gibt. Nur der König und seine Familie (aus Deutschland importiert) und die eingewanderten Marokkaner verstehen sich als Belgier, der Rest sind Flamen und Wallonen“), weil ich ein bisschen über die Probleme von Belgien Bescheid weiß, aber dann wurde es immer übertriebener, ich begann mich zu fragen, wen er jetzt auf die Schippe nimmt, die jeweiligen Länder oder die Deutschen, die ihre Vorurteile pflegen, aber nach der Glosse „Slovakien“ war es klar. Ich finde es gut, wenn Menschen auf diese Weise dazu gebracht werden, sich selbst zu hinterfragen („War ich wirklich bereit, das zu glauben?“), und ich weiß nicht, ob gewöhnliche Zeitungsartikel, die einfach informieren wollen, das leisten können.

      Du schreibst jetzt, das Weltbild „Antifa ist böse“ werde durch diesen Artikel bestätigt. Ich glaube, es ist komplizierter: Wenn behauptet wird, die Antifa werde eigentlich durch den Staat bezahlt, heißt das entweder, dass die Antifa doch nicht so böse ist (sind schließlich Staatsangestellte) oder dass der Staat böse ist. Für die Pegida-Anhänger, gegen die sich die Satire richtet, wahrscheinlich eher letzteres: Der Staat ist mittlerweile links unterwandert und „normale Deutsche“ wie sie, die angebliche schweigende Mehrheit, werden staatlicherseits unterdrückt mit Unterstützung der Antifa, damit es nicht so auffällt. Die Antifa halten sie ohnehin für böse, aber nicht, weil sie vom Staat bezahlt würde.

      Die Satire müsste sich also daran messen lassen können, ob solche Pegida-Anhänger – oder vielleicht eher Pegida-Sympathisanten, die nicht auf Demonstrationen mitlaufen, aber denken, dass an den Forderungen von Pegida schon etwas dran ist – von ihr zum Nachdenken gebracht werden. Ich weiß es nicht.

      Dass auch Leute, die sich als links identifizieren würden, auf diese Satire hereingefallen sind, gibt mir zu denken. Ich glaube zwar, dass ich in den letzten Jahren einiges über die Konflikte innerhalb der Linken gelernt habe, aber dass Linke, selbst solche, die nicht Teil der Antifa sind, es für möglich halten, dass die Antifa vom Staat bezahlt wird, wundert mich und passt nicht in mein bisheriges Weltbild.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s