JE SUIS CHARLIE? IT’S A BIT LATE

Pandaemonium

veilled

‘Je suis Charlie’. It’s a phrase in every newspaper, in every Twitter feed, on demonstrations in cities across Europe. The expressions of solidarity with those slain in the attack on the Charlie Hebdo offices are impressive. They are also too late. Had journalists and artists and political  activists taken a more robust view on free speech over the past 20 years then we may never have come to this.

Instead, they have helped create a new culture of self-censorship. Partly, it is a question of fear, an unwillingness to take the kind of risks that the editors of Charlie Hebdo courted, and for which they have paid such a heavy price. But fear is only part of the explanation. There has also developed over the past two decades a moral commitment to censorship, a belief that because we live in a plural society, so we must police public discourse about different…

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13 Antworten zu JE SUIS CHARLIE? IT’S A BIT LATE

  1. endolex schreibt:

    Der ganze Text liest sich für mich wie eine sehr in die Länge gezogene Verwechslung von Kritik mit Zensur. Wer jede Form von Rücksichtnahme als „fake liberalism“ abtut und der Meinung ist, politische Debatten hätten grundsätzlich so hart und laut wie möglich abzulaufen, weil alles andere eine eine Einschränkung der „freedom of speech“ sei, der hat meinem Empfinden nach außer „freedom of speech“ nicht viel im Programm. Und solche „echten“ Liberalen schaffen es dann meinem Empfinden nach, mit derartig geschliffenen Varianten von „wird man wohl noch sagen dürfen“ jede politische Debatte gründlicher zu töten und Hetze zu betreiben als jeder kleine rassismuskritische shitstorm. Woher der Beifall dann kommt, sieht man in den Kommentaren da.

    • susanna14 schreibt:

      Es gibt zwei Verwechslungen. Die erste ist die zwischen Kritik und Zensur, und die zweite ist die zwischen Selbstzensur und Rücksichtnahme. Wer sagt „Das, was du sagst, ist falsch aus den und jenen Gründen“, kritisiert. Wer denen, die etwas aus seiner Sicht falsches sagen mit Mord droht und die Drohung wahr macht, kritisiert nicht. Es mag Grenzbereiche geben, etwa die üblichen „Shitstorms“, die sehr beängstigend sein können, aus denen man sich aber auch zurückziehen kann, wenn man auf die entsprechende Community verzichten kann (ist nicht immer einfach), aber die Drohungen gegen Zeitschriften wie Charlie Hebdo und jetzt die Morde waren keine Kritik, sondern Zensur.

      Die andere Verwechslung ist die zwischen Rücksichtnahme und Selbstzensur. Es ist okay, aus Rücksicht auf die Gefühle der anderen gewisse Dinge nicht zu sagen, obwohl sie wahr sind oder man sie für wahr hält. Allerdings muss dies immer wieder abgewogen werden: manchmal ist die Wahrheit wichtiger als die Gefühle dieser anderen. Wer aber aus Angst vor Repressalien – sei es Ermordung oder sei es der Shitstorm – nicht sagt, was er oder sie eigentlich zu sagen nötig findet, übt Selbstzensur. Rücksichtnahme hat nichts mit Angst zu tun, sondern ist freiwillig. Ob sie etwas mit Respekt oder Achtung vor der anderen Person zu tun hat, ist aber nicht immer klar zu beantworten; manchmal sind auch Mitleid und Paternalismus die Ursache, selbst im Alltag, wenn man eine Person „schonen“ möchte. Man traut der Person dann nicht zu, mit der Wahrheit umzugehen oder mit anderen Positionen umzugehen ohne gleich wütend zu werden oder Satire als Satire zu verstehen.

      „Wird man doch wohl doch sagen dürfen“ heißt normalerweise „ich werde doch wohl noch meine Meinung sagen dürfen“. Das sagen die Leute, die keine Begründung für ihre Meinung haben. Das ist aber in dem von mir geposteten Artikel nicht der Fall.

      Ich habe gerade wenig Zeit, ich schreibe heute abend weiter.

    • susanna14 schreibt:

      Ich glaube außerdem, dass du den zentralen Punkt des Textes nicht richtig identifiziert hast: Der Autor weist darauf hin, dass die wichtigsten Konflikte die innerhalb der Community sind. Wenn gesagt wird, dies oder jenes verletze die Gefühle „der Muslime“, so haben die, die das sagen, meistens eine bestimmte Art von Muslim im Kopf, und zwar in aller Regel die eher konservativen Muslims. Dass es moderate Muslime gibt, die sich über Karikaturen amüsieren könnten, passt nicht in das Bild. Dass es Ex-Muslime geben könnte, die für Religionskritik dankbar sein könnten, auch nicht. Ich denke daran, dass ein Film wie „Leben des Brian“ anfangs auch heftig kritisiert wurde. Aber schon in den Achtzigern konnte es niemanden mehr verschrecken. Mein jüngerer Bruder, damals dreizehn, hat meine Mutter, damals aktives Kirchenmitglied, mit ins Kino genommen, um sie zu erschrecken, aber sie hat sich köstlich amüsiert. Möglicherweise gibt es Muslime, die ähnlich denken. Vielleicht gibt es sie auch erst in zwanzig Jahren.

      Es geht nicht darum, ob wir „die“ Muslime provozieren, sondern darum, welche Muslime oder welche Menschen aus muslimischen Ländern wir unterstützen. Wenn wir alles vermeiden, was konservative Muslime irgendwie erschrecken könnte, verraten wir laut Ansicht des Autors die moderaten Muslime und die Ex-Muslime. Diese brauchen unsere Unterstützung.

      Das andere Problem ist die kulturalistische Sichtweise des Islam. „Die Muslime“ werden als homogene Gruppe wahrgenommen, deren Mitglieder immer der entsprechenden Kultur verhaftet wären und keine Möglichkeit hätten, sich selbst zu reflektieren, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln und hin und wieder auch über sich zu lachen. „Der Islam“ wird als unveränderlich wahrgenommen. Ironischerweise gleicht diese Sicht der der PEGIDA-Leute, wird aber nun positiv gewendet: Der Islam als andere Kultur soll nicht bekämpft, sondern freudig begrüßt werden. Dass die hier lebenden Muslime in erster Linie Individuen mit ihren jeweiligen Hoffnungen, Gedanken und auch Macken sind, geht dabei verloren.

      • endolex schreibt:

        Ich stimme zwar so ziemlich allem zu, was du geschrieben hast, halte das aber eben nicht für den zentralen Punkt des Textes – oder zumindest nicht für den problematischen Teil. Für mich wiederholt sich darin einfach etwas zu oft der Tenor, es sei feige und ohne Interesse für das eigene Anliegen, seinen Einsatz für Freiheit und Menschenrechte eben *nicht* unbedingt auf eine Weise gestalten zu wollen, die für viele um die sich da angeblich bekümmert wird, nicht anders als beleidigend sein kann (und die eben durchaus anschlussfähig ist für wiederum viele, welche ganz klar weniger ein Interesse daran haben, Minderheiten zu ‚befreien‘ als vielmehr sich selbst von diesen Minderheiten zu befreien). Als ob radikale Kritik zu vermitteln nur so ginge, und nur auf diese Weise zielführend wäre!

        Ein wesentliches Merkmal vom ‚Leben des Brian‘ ist übrigens aus meiner Sicht, dass sich hier britische, christlich aufgewachsene Menschen über Vorstellungen des Christentums lustig machten. Wenn sich allerdings eine ‚westlich-weiße‘ AutorInnenschaft über die Religion eines anderen ‚Kulturkreises‘ mokiert, hängt einfach sehr viel mehr dran, was da auf beiden Seiten an Rezeption ablaufen kann. Und da ist meiner Ansicht nach die Möglichkeit, dass es auch von progressiven Menschen des anderen Kulturkreises als beleidigend weil eben pauschalisierend aufgefasst wird, nicht wegzudiskutieren. Lachen kann da glaube ich immer nur drüber, wer eben in den Räumen solcher Veröffentlichungen nicht eben in Gefahr gerät, aufgrund seines Aussehens, seiner Herkunft oder seines Glaubens Gewalt (ob in Form von ‚lustig gemeinten‘ Kommentaren oder ganz dumpfen und ganz körperlichen Schlägen) zu erfahren. Die Frage nach diesem Machtverhältnis bei der Beurteilung von Satire und wie sie zu welchen Themen stattfindet, auszublenden, halte ich für leichtsinnig.

        • susanna14 schreibt:

          Ehrlich gesagt lese ich in keiner Stelle des Textes, dass es darum ginge, so laut und hart wie möglich zu diskutieren (wie du in deinem ersten Kommentar gesagt hast) oder auf eine Weise zu kritisieren, die für viele „nur beleidigend sein kann“ – es sei denn ich setze ein Zwischenglied ein, nämlich dass Charlie Hebdo so laut und hart wie möglich kritisiert hätte. Wogegen er sich wirklich ausspricht „[to] constrain speech so as not to give offence“ und gegen die Idee, dass wir die fundamentalen „beliefs“ unseres Gegenüber nicht kritisieren dürften. (Ich finde es gerade schwierig, die englischen Ausdrücke zu übersetzen.) Und in beiden Punkten hat er Recht. Es gibt fundamentale „beliefs“ die sehr kritikwürdig sind, und wenn man das Beleidigtsein des Gegenübers zum Maßstab macht, hat man schnell ein Problem – viele Menschen sind auch dann beleidigt, wenn man sie sehr sachlich kritisiert (hat mit Islam nichts zu tun.) Und die Charlie-Hebdo-Karikatur dieser Woche ist nicht laut und hart und aggressiv und hasserfüllt, außer dass sie eben wieder den Propheten zeigt, aber das reicht, um Menschen in aller Welt zum Hass aufzustacheln. Die Gefühle der Menschen, die jetzt in Nigeria die französische Botschaft angegriffen haben, können nicht der Maßstab sein für das, was okay oder nicht okay ist.

          Ich habe verhältnismäßig viele Blogs in den letzten Tagen gelesen. Französische Blogs zeigen kein Verständnis dafür, wenn Charlie Hebdo Rassismus unterstellt wird. Sie kennen mehr als nur ein paar einzelne Karikaturen, nämlich eben auch die Geschichte der Zeitschrift, die auch viele klare Positionierungen gegen Rassismus und den Front National enthält. Ich weiß nicht, wer hier kommentiert – ich will mir die Kommentare erst durchlesen, wenn wir hier zuende diskutiert haben – aber normalerweise wird man die unerwünschten Unterstützer schnell wieder los, wenn man deutlich sagt, wogegen man alles noch ist (so habe ich vor ca. einem Jahr Evolution-Christian abgeschüttelt.) Auch der Autor des von mir geposteten Textes spricht sich deutlich gegen Rassismus aus.

          Okay, jetzt habe ich mir doch die ersten Kommentare durchgelesen. Einer von ihnen lautet: „What kind of psychopath would want to nurture pro-muslim sentiment, when islam, made manifest in allah, its “torturer in chief”, has made it quite clear to muslims that non-muslims must be subjugated and/or eliminated?“ Der Kommentator widerspricht allerdings dem Autor. Dieser beklagt antimuslimische Gefühle, die seiner Ansicht nach dadurch genährt werden, dass unter „den“ Muslimen nur die konservativen und reaktionären Muslime vorgestellt werden, deren Gefühle allzu leicht verletzt werden. Der Autor kann nichts dafür, wenn Leute bei ihm kommentieren, die seine Ansichten nicht teilen. In den Kommentaren findet eine Diskussion statt.

          Viele Leute sind der Ansicht, dass Kritik nur von innerhalb ihrer Gruppe kommen darf und dass sie sich gegen jeden wehren, der die Gruppe von innen diskutiert. Im Prinzip ist dies irrational – Kritik sollte unabhängig von der Person des Sprechers bewertet werden. (Ich bin mir nicht sicher, ob das auch für Satire gilt.) Sehr viel Kritik von außen ist allerdings tatsächlich pauschalisierend (ich denke gerade an Israelis, die ihre Regierung heftiger kritisieren als sonst jemand, aber die sehr scharf hinhören, ob jemand, der von außen kritisiert, nicht gleich dem gesamten Staat Israel die Legitimation abspricht.) Aber das hängt dann von der Kritik ab, nicht davon, wer kritisiert.

          Bei den Karikaturen von Charlie Hebdo muss man hinsehen, ob sie tatsächlich den gesamten Islam und alle Muslime oder nur die radikalen Muslime kritisieren, die dann auch mal zur Waffe greifen. Außerdem sollte man genau hinsehen, ob es sich tatsächlich um eine „westlich-weiße“ Gruppe handelt. Unter den ermordeten Redaktionsmitgliedern war auch ein Mann, der aus Algerien nach Frankreich eingewandert war und laut Wikipedia erst vor wenigen Wochen die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Er war Lektor/correcteur. Und „anderer Kulturkreis“ ist der Islam eben nicht. So etwas zu sagen, heißt zu behaupten, die Muslime gehörten nicht zu Europa. Aber sie leben hier und sind Teil unserer Kultur und werden als Teil unserer Kultur kritisiert.

          Der Autor diskutiert Machtverhältnisse, aber er verweigert sich der Weiß-Schwarz-Dichotomie, die ich vor allem bei den Social-Justice-Warriors auf tumblr (die in ruhigen Zeiten in erster Linie damit beschäftigt sind, pornographische Fanfiction zu schreiben) finde. Machtverhältnis heißt nicht einfach: Weiße Westler sind stark und mächtig, alle anderen sind unterdrückt. Es gibt auch Machtverhältnisse innerhalb der Communities. In den Beziehungen zwischen Staaten kann man auch nicht einfach sagen, dass der Westen mächtig und der Rest der Welt ohnmächtig sei: zum Beispiel besteht doch eine gewisse Abhängigkeit von Saudi-Arabien, die verhindert, dass die Zensur in diesem Land offen kritisiert wird. Und wenn Terroristen Menschen ermordern, üben sie nicht nur Gewalt, sondern auch Macht aus: Sie schaffen ein Klima der Angst, in dem die Karikaturisten sich selbst zensieren.

          • endolex schreibt:

            Ich halte doch auch nichts von einem Verbot radikaler Kritik um bloß niemanden zu verletzen, besonders wenn die grundlegenden Glaubensvorstellungen eben derart kritikabel sind. Wenn aber dem Autor die Überlegungen, diese radikale Kritik vielleicht nicht unbedingt auf so eine Weise zu äußern die eben unabhängig was du denkst wie die Karikaturen verstanden werden SOLLTEN (welche Menschen sind denn bitte so rational wie du es dir wünschst und befassen sich erst mal mit der Geschichte einer Zeitschrift bevor sie in entspannter Überlegung entscheiden ob sie sich diffamiert sehen?) eher als rassistisch und pauschalisierend rezipiert werden, bereits als ein ernstes „constrainment“ sieht dann muss ich dem nun mal entnehmen dass er glaubt, radikale Kritik ließe sich nur so gestalten.

            Mir ist auch wiederholtermaßen klar dass es nicht nur „die“ (konservativen und / oder islamistischen) Muslime gibt, aber genau das war ja mein Argument: Es gibt diese Art Satire bereits, und dort wo sie eben nicht als rassistisch und pauschal verurteilend verstanden werden KANN (weil sie eben vor Ort nicht von Weißen kommt) ist sie wesentlich wirksamer, wie ich glaube. Denn natürlich gibt es keine pauschal global gültigen Machtverhältnisse entlang von Hautfarben, aber Frankreich ist nun mal ein „weiß“ dominiertes Land, und wenn dort Weiße Satire über einen Glauben betreiben welchen dort eine anders aussehende Minderheit hat, dann ist das eben eine völlig andere Geschichte in den Augen derer, die dieser Minderheit vor Ort angehören – und denen, die diese Minderheit am liebsten entfernt sehen.
            Es kann mehrere Kukturkreise am gleichen Ort geben, und natürlich verlaufen die nicht entlang von scharf ziehbaren Grenzen, aber es gibt immer ein grundsätzliches Gefühl von „denen“ und „uns“, je nach Art des Konflikts auf verschiedenen Ebenen, ob zwischen Klassen, politischen Überzeugungen oder eben verschiedenen deutschregionalen Gebräuchen, verschiedenen europäischen Ländern, verschiedenen Kontinenten – es gibt je nach diskutiertem Verhalten ein “ wir“ und „die“. Das ändert sich durch keine Idealformel für Rationalität, und das Gefühl eines Angriffs auf alles, was diese Minderheit (wenn es vor Ort eine ist) repräsentiert, ist unter solchen Bedingungen sehr viel schwerer mit Vernunft aus der Welt zu schaffen. Und wer diesen Effekt ignoriert, ist später halt mehr damit beschäftigt, sich von diesem und jenem zu distanzieren und den Beifall aus der falschen Ecke zu bekämpfen als sonst irgendetwas zu erreichen außer der puren Provokation. Und ich sehe in einer solchen Einsicht keine Selbstzensur und kein Denkverbot, sondern eine bewusste Entscheidung, etwas zu unterlassen was allen Beteiligten mehr Schaden als Nutzen bringt und das eigentlich beabsichtigte Erkennen bei denen, an die sich die Satire richtet, eher behindert als fördert.

            Ich glaub mehr als das mag ich zu dem Thema nicht mehr schreiben, aber ich lese sehr gern wenn du noch was erwidern magst.🙂

            • susanna14 schreibt:

              Wenn aber dem Autor die Überlegungen, diese radikale Kritik vielleicht nicht unbedingt auf so eine Weise zu äußern die eben unabhängig was du denkst wie die Karikaturen verstanden werden SOLLTEN (welche Menschen sind denn bitte so rational wie du es dir wünschst und befassen sich erst mal mit der Geschichte einer Zeitschrift bevor sie in entspannter Überlegung entscheiden ob sie sich diffamiert sehen?) eher als rassistisch und pauschalisierend rezipiert werden, bereits als ein ernstes “constrainment” sieht dann muss ich dem nun mal entnehmen dass er glaubt, radikale Kritik ließe sich nur so gestalten.

              Ja, dieses Verhalten sollte normal sein: erst denken und sich möglicherweise informieren und dann reden (oder den Mund halten, wenn man keine Zeit zum Nachdenken und sich Informieren hat). Die meisten Menschen verhalten sich so, sei es aus Einsicht, sei es, weil sie wissen, dass es ungünstige Folgen hat, wenn sie gleich rausplatzen. Die einzige Ausnahme sind Situationen, in denen man sich von Menschen umgeben weiß, die alle ungefähr die gleiche Meinung haben wie man selbst, so dass man mit dieser Meinung sofort herausplatzen und Zustimmung ernten kann.

              Daher kommen eben auch der Vorwurf, den ich schon von verschiedenen Seiten gehört habe: Diejenigen, die glauben, jetzt die Muslime in Schutz nehmen zu müssen, verhalten sich rassistisch: Sie trauen Muslimen nicht zu, Satire zu verstehen. Ich weiß nicht, ob dieser Vorwurf berechtigt ist: Menschen, die keine Satire verstehen, können nicht nachvollziehen, wie überhaupt jemand, egal ob Muslim oder nicht, Satire verstehen kann.

              Da ich gerade dabei bin: Hast du dir einmal die Mühe gemacht, ein wenig über den Autor des Textes herauszufinden, etwa seinen Namen, der nicht so typisch europäisch klingt? Der Autor stammt aus Indien, ist also kein „white straight guy“. Ich finde allerdings, dass dies schon am Text deutlich wird: Wenn er von den Communities spricht, geschieht dies aus einer Innenperspektive.

              Es gibt diese Art Satire bereits, und dort wo sie eben nicht als rassistisch und pauschal verurteilend verstanden werden KANN (weil sie eben vor Ort nicht von Weißen kommt) ist sie wesentlich wirksamer, wie ich glaube. Denn natürlich gibt es keine pauschal global gültigen Machtverhältnisse entlang von Hautfarben, aber Frankreich ist nun mal ein “weiß” dominiertes Land, und wenn dort Weiße Satire über einen Glauben betreiben welchen dort eine anders aussehende Minderheit hat, dann ist das eben eine völlig andere Geschichte in den Augen derer, die dieser Minderheit vor Ort angehören – und denen, die diese Minderheit am liebsten entfernt sehen.

              Ich glaube, ich habe schon geschrieben, wie Le Front National und andere Rassisten „vor Ort“ zu Charlie Hebdo stehen: Das sind keine Verbündeten. Ich habe auch schon geschrieben, dass die Redaktion von Charlie Hebdo nicht „weiß“ war. Natürlich ist Kritik in Ländern mit muslimischer Mehrheit wirksamer, wenn sie von dort kommt, aber die Frage ist: was wünschen sich diese Kritiker von westlichen Journalisten? Und sie wünschen sich eben nicht, jedenfalls nicht durchgehend, dass diese den Mund halten (weil nur Muslime Muslime kritisieren dürften), sondern viele von ihnen wünschen sich Unterstützung.

              Es kann mehrere Kukturkreise am gleichen Ort geben, und natürlich verlaufen die nicht entlang von scharf ziehbaren Grenzen, aber es gibt immer ein grundsätzliches Gefühl von “denen” und “uns”, je nach Art des Konflikts auf verschiedenen Ebenen, ob zwischen Klassen, politischen Überzeugungen oder eben verschiedenen deutschregionalen Gebräuchen, verschiedenen europäischen Ländern, verschiedenen Kontinenten – es gibt je nach diskutiertem Verhalten ein ” wir” und “die”.

              Das klingt mir nach Carl Schmitt. Ich habe vor ca. einem Jahr eine Hausarbeit zu Carl Schmitt geschrieben, in der ich nachgewiesen habe, dass er seine zentralen Behauptungen nicht begründet, sondern im Kreis argumentiert. Carl Schmitt kann man nicht ernst nehmen. Du begründest ebenfalls nicht, dass es dieses „Wir“ und „Sie“ immer geben müsse, du behauptest es nur.

              Ich halte diese Unterteilung in „Wir“ und „Sie“ für den Kern des Problems. Leider ist ein großer Teil der Antioppression Culture eifrig an der Konstruktion eines solchen „Wir“ und „Sie“ beteiligt. Ich werde mich nicht daran beteiligen. Ich finde Theorien, die ohne dieses „Wir“ und „Sie“ auskommen und sich um eine differenzierte Sicht bemühen, viel interessanter – und gerade in der Auseinandersetzung mit Islam und Islamismus, wenn es darum geht, deutliche Worte gegen gewalttätigen Islamismus zu finden, ohne gleich alle Muslime zu verdammen, aber auch ohne zu behaupten, mit dem Islam hätten diese Anschläge nichts zu tun (weil das zu einfach ist), dann braucht man kein „Wir“ und „Sie“, sondern eine differenzierte Sicht.

              (Übrigens, ich habe auch deinen Retweet mit dem Comic gelesen. Aber dem zweiten Panel ist die Argumentation falsch: Charlie Hebdo entfachte keinen Rassismus.)

              Du kannst dich um differenzierte Sichtweisen bemühen – und für so jemanden habe ich dich bisher gehalten – oder du kannst dich den Social-Justice-Kriegerinnen mit ihrem Schwarz-Weiß-Denken anschließen. Dann weißt du, wer gut und wer böse ist und wen du bekämpfen musst. (Kleiner Tipp: in deren Augen bin ich böse.) Ich selbst habe in den letzten Wochen eine Reihe von Menschen kennengelernt, die die Social-Justice-Kultur heftig kritisieren, und ich hoffe, ehrlich gesagt, dass sie demnächst an ihren inneren Widersprüchen zusammenbricht. Für mich selbst habe ich andere Zusammenhänge gefunden, in denen manichäisches Denken abgelehnt wird.

              • endolex schreibt:

                „Ja, dieses Verhalten sollte normal sein“ – ist es aber eben nicht, und wird es in der Idealform die du dir anscheinend vorstellst, nie sein. Natürlich platzt nicht jeder sofort raus, aber was für ausreichend kritisches Denken vor einer Äußerung gehalten wird, folgt in der Ergebnisorientierung dann eben allzu oft noch immer vorher impulsiv gefassten Überzeugungen. Ich selbst kann mich davon übrigens nicht ausnehmen. Das bewusst zu überwinden und die zahlreichen kognitiven Fallen zu vermeiden ist nicht leicht, und es wird nicht leichter wenn man mit Material konfrontiert wird, was sehr starke erste Impulse auslöst statt kritisches Denken zu begünstigen (sprich: rassistisch anmutende Karikaturen). Und das ist kein exklusives Merkmal, welches ich Muslimen zuschreibe (das wäre in der Tat rassistisch), das ist auch keine Behauptung (ebenso wenig wie das festgestellte ‚wir und die‘-Gefühl), das sind experimentell nachgewiesene Zusammenhänge menschlicher Wahrnehmungs- und Denkprozesse (D.Kahneman, einen Carl Schmitt kenne ich übrigens nicht), welche nicht zu berücksichtigen immer wieder zu sinnloser Verzweiflung darüber führen wird, wieso Menschen sich nur so ‚irrational‘ verhalten können.

                Ich habe mir das mit dem ‚Wir und sie‘ nicht herbeigewünscht oder ausgedacht. Ich wünsche mir da auch eine zutiefst differenzierte und jederzeit von derartigen ‚Otherings‘ befreite Sichtweise (viele der von dir so geschmähten SJWs übrigens auch).
                Ich behaupte auch nicht, dass die Sicht als ‚Wir und die‘ eine richtige sei, oder so sein müsse – für mich ist es aber Tatsache, dass oft so gedacht *wird*, meist ganz unbewusst, und dass es Menschen immer schwer fallen wird, sich dem bewusst zu entziehen, ganz egal wie wenig du oder ich davon halten mögen. Das ist zu kritisieren, und die Kritik daran zu verbreiten, aber augenblicklich ist es nun mal in den allermeisten Köpfen so drin. Das nicht zu berücksichtigen bedeutet, von der eigenen 100%igen Rationalität (leichtsinnige Selbstüberschätzung) auszugehen und jegliche Verantwortung für Missverständnisse und verletzte Gefühle bei anderen und deren mangelnden Rationalität zu suchen. Das halte ich für verkehrt.

                Es geht (mir) sicher auch nicht darum, Terrortaten in Schutz zu nehmen und zu behaupten, die hätten gar nicht anders gekonnt. Das wäre absurd. Ebensowenig habe ich irgendwas über die Herkunft des Textes behauptet oder die Positionierung seines Autors behauptet.
                Dass Charlie Hebdo als französisches Organ in der Regel allerdings als ‚weiß, westlich, usw.‘ *rezipiert* werden dürfte, egal wie die Redaktion tatsächlich dann im Detail aussieht, und dass diese Rezeption eine Rolle in der Bewertung ihrer Inhalte spielt, daran halte ich fest.

                Ich bemühe mich stets um differenzierte Sichtweisen, darum halte ich den Text und seinen (mir sich so darstellenden) Tenor ‚wer über Karikaturen schimpft oder sich verkneift, übt Selbstzensur und schadet der Sache‘ eben nicht für differenziert genug.
                Es liegt mir auch fern, Feinde zu markieren und in irgendeinen Kreuzzug zu ziehen. Ich weiß sehr wohl, welche Art Verhalten du da kritisierst, aber ich kann dir versichern dass ich da ganz sicher nicht dazugehören will und es meiner Ansicht nach auch nicht tue.
                Was aber an einer Social-Justice-Kultur falsch sein soll, erschließt sich mir allerdings nicht – zumindest halte ich den Gebrauch des Labels als etwas schlechtes für fragwürdig. Da ließe sich auch wieder fragen: Gibt es denn ‚die‘ SocialJustice-Kultur?
                Ich selbst habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass solche, die über „SJWs“ lästern oft eine Sicht vermitteln wollen, die behauptet, dass ein Bemühen nach sozialer Gerechtigkeit lächerlich ist, weil es keinerlei Diskriminierung gäbe, dass alles fein wäre im Kapitalismus, und dass die Geschlechterverhältnisse auch in Ordnung waren bis die bösen Feministinnen kamen. Damit möchte ich mich dann ganz sicher ebenso wenig gemein machen.

                • susanna14 schreibt:

                  Natürlich verhält sich nicht jeder so, wie man sich verhalten sollte. Aber auf seinem Recht zu bestehen, nicht nachdenken und sich nicht informieren zu müssen, das lässt mich, ehrlich gesagt, sprachlos zurück.

                  Ja, ich kritisiere fehlende Bereitschaft zum Nachdenken und Wir-Sie-Vorstellungen (die selbstverständlich von den intelligenteren Mitgliedern der antioppression culture kritisiert werden, aber sobald sie kritisiert werden, bewegen sie sich aus dem kulturalistischen und identitätsorientierten Kontext heraus und geraten irgendwann in Widerspruch zu diesem.) Ich kritisiere dieses, obgleich ich auch nicht davor gefeit bin. Du hast absolut Recht, dass wir das weit verbreitete Schwarz-Weiß-Denken als Realität anerkennen müssen. Aber dann ist die Frage: Wie gehen wir damit um? Und da sind zwei Wege, meiner Meinung nach falsch: 1. sich damit abfinden und 2. so tun, als gäbe es dieses nicht. Der entscheidende Punkt besteht darin, dieses zu kritisieren, und zwar, wenn wir pädagogisch vorgehen, kleinschrittig, immer wieder im Einzelfall und immer wieder an konkreten Beispielen. Aber Satire ist eben nicht in diesem Sinn pädagogisch, sondern übertreibt – hier müsste der pädagogische Schritt für diejenigen, die sie nicht sofort verstehen, anders aussehen.

                  In den USA wird Charlie Hebdo als französisches Organ als „weiß und westlich“ rezipiert, insbesondere von Menschen, die zum ersten Mal während der Anschläge davon gehört haben. In Frankreich ist dies nicht der Fall. Dort ist bekannt, dass Charlie Hebdo links ist und sich mehrfach gegen Rassismus gewandt hat. (Auch französische Menschen reagieren übrigens empfindlich auf Kritik von außen, vor allem wenn sie ignorant und pauschalisierend daherkommt. Ich habe gerade festgestellt, dass die französische Bloggerin, die ich in meinem vorhergegangen Text verlinkt habe, jetzt auch ihr Blog auf tumblr löschen wird.)

                  Social Justice Culture ist sarkastisch gemeint. Ich gebrauche absichtlich einen englischen Begriff, weil ich diese Art von „Befreiungskampf“ in erster Linie auf amerikanischen Blogging-Plattformen wie LifeJournal, Dreamwidth oder jetzt auf tumblr erlebe, Plattformen, in denen sich in erster Linie das „Fandom“ tummelt und Bilder von Lieblingsfiguren, Lieblingsschauspielern und erotische Zeichnungen und Fanfictions von diesen postet. Die Leute dort sind meistens jung, zum großen Teil entweder weiblich oder queer (ich habe aber auch schon ein paar heterosexuelle Cismänner getroffen), und wenn sich die Gelegenheit bietet, protestieren sie gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus, Transphobie und so weiter. Meistens tun sie das nicht auf besonders differenzierte Weise, und häufig denken sie nicht darüber nach, was sie tun. Die wichtigste Taktik ist das „calling out“, also eine Person als rasstisch oder sexistisch oder homophob oder transphob zu erklären, so dass dann die eigenen Follower kommen und schauen, ob die wirklich so ist, die Follower lesen aber genauso oberflächlich, wie die Person, die das ursprüngliche „calling out“ betrieben hat und fangen dann an, die kritisierte Person mit Hassmail zu bombardieren. Ab einer bestimmten Menge hält diese das dann nicht mehr aus. (Ich bin zum Glück zu unwichtig, als dass mir das passieren könnte.)

                  Das „Fandom“ scheint mir das natürliche Habitat dieser Art von Antioppression Culture zu sein. Ich vermute, sie ist auch an amerikanischen Universitäten sehr häufig anzutreffen und häufig auch an deutschen Universitäten. Da ich in Hannover aktiv nach anderen Formen von „Antioppression“ gesucht habe, nämlich nach solchen, die vor allem Antisemitismus in den Fokus nehmen, habe ich hier aber auch Ecken gefunden, die der klassischen Antioppression kritisch gegenüber stehen. Ja, und auf Twitter gibt es eben auch diese Leute, aber zum Glück haben mich mehr und mehr von ihnen geblockt. Ich lerne dafür andere Leute kennen.

                  Kennzeichen dieser Anti Oppression Culture sind Weiß-Schwarz-Denken (denn aus ihrer Perspektive sind die Schwarzen die Guten), Kulturalismus (worüber ich noch einmal schreiben werde – aber vielleicht werde ich auch eine Bachelorarbeit daraus machen, wer weiß) und Identitätspolitik von links (es gibt auch Identitätspolitik von rechts, die ungefähr zweihundert Jahre oder sogar noch älter ist, während die Identitätspolitik von links erst ungefähr hundert Jahre alt ist und auf Lenin zurückgeht), eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Rationalismus und Realismus, die m.E. nach zu ganz vielen inneren Widersprüchen führt, weil eine radikalskeptische Haltung in sich widersprüclich ist, und zwar schon seit der Antike, und wegen dieser antirationalen und antirealistischen Position wird es dann auch unmöglich, zu beurteilen, wer nun recht oder unrecht hat, so dass nicht mehr, was jemand sagt, sondern wer etwas sagt, den Ausschlag gibt. Ganz gruselig wurde es für mich bei der Geschichte, als jemand der Transphobie beschuldigt wurde, wobei sich hinterher herausstellte, dass der Beschuldigte selbst ein Transmann war. Dann hieß es: Auch Transpersonen können transphob sein, aber vorher war klar: Wenn du nicht selber trans bist, kannst du nicht beurteilen, ob etwas transphob ist oder nicht.

                  Also, zur besseren Übersicht liste ich meine Kritik hier noch einmal auf:
                  – Weiß-Schwarz-Denken
                  – Kulturalismus und Idenitätspolitik
                  – Antirationalismus und Antirealismus – die Behauptung es gebe nicht so etwas wie Wahrheit.
                  – Wer etwas sagt, ist wichtiger als was gesagt wird.
                  – Calling-Out und Shitstorms.

                  Diese Art von Antioppression Culture hat jetzt anscheinend einen traurigen Erfolg erzielt: Menschen, die sie kritisieren, werden automatisch als Menschen eingeordnet, die die vorhandene Ungerechtigkeit und Ungleichkeit nicht wahrhaben wollen, oder die diese sogar gut finden. Es ist aber möglich, gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und Transphobie zu sein, ohne diese Form von Antioppression gut zu finden. Es gibt auch Formen von Unterdrückung, die man gar nicht wahrnehmen kann, solange man sich innerhalb dieser Form von Antioppression bewegt: Antisemitismus passt zum Beispiel nicht in das Schema dieser Antioppression Culture, da jüdische Menschen als weiß, westlich und als Vertreter des Kolonialismus gelten. Der japanische Imperialismus in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts passt nicht in das Schema: Vor einer Weile ging auf tumblr ein Bild von zwei Geishas herum, die ein Schild „Winston Churchill“ hoch hielten und sich gleichzeitig die Nase zuhielten. (Es ging um die Initialen des britischen Premiers.) Das Bild wurde als Protest gegen „den Westen“ gefeiert, bis irgendein Mensch aus China sich meldete und darauf hinwiesen, dass diese zwei Geishas überhaupt nicht protestierten, sondern ihr eigenes ultranationalistisches Regime unterstützten, und dass er es als patronisierend empfände, wenn weiße Menschen so täten, als seien Nichtweiße kleine Kinder, die für das Böse, das sie anrichten, nicht selbst verantwortlich sind. Das dritte, was sich innerhalb der Antioppression Culture nicht kritisieren lässt, sind Formen der Unterdrückung innerhalb einer Gruppe (das ist dann deren „Kultur“) und viertensKapitalismus: Es werden immer nur Formen von Ungleichheit kritisiert, aber nicht Ausbeutung.

                  Man muss ein wenig suchen, aber es ist möglich, Texte und Menschen zu finden, die antirassistisch und antisexistisch sind und sich gegen Homo- und Transphobie wenden, ohne die Fehler der Antioppression Culture, wie ich sie im Fandom erlebt habe, zu begehen.

                  P.S. Ich habe hier noch etwas für dich.
                  Original: http://queenfosse.tumblr.com/post/108072965662/voila-dominique-sopo-president-de-sos-racisme
                  Englische Übersetzung: http://blinking-red-light.tumblr.com/post/108436471465/because-of-one-cartoon-some-people-disliked

                  Antirassistische Organisationen in Frankreich nahmen Charlie Hebdo als Verbündete wahr.

                • endolex schreibt:

                  Von einem Recht auf Ignoranz halte ich ja auch nichts. Ich halte ein Berücksichtigen der verbreiteten Denkprozesse aber eben auch nicht für ein Abfinden, sondern für einen vernünftigen Umgang damit. Wenn ich aufgrund der Einsicht, dass dieses Denken verbreitet ist, einigermaßen absehen kann, wie welche Reaktionen ausfallen werden, dann bin ich in der Lage, meine Äußerungen auf eine Weise zu gestalten die mir hinterher weniger Arbeit verursachen, mich von allem distanzieren zu müssen was mir per Shitstorms dann untergeschoben wird – und mich bei bereits erfolgten Shitstorm auf eine Gegenbeschuldigungen statt Erklärungen festzubeißen die darin mündet, ganze (vermeintlich für die selben Ideale kämpfende) Gruppen anhand eines Labels breit zu verunglimpfen (und die Verantwortung für die sich dann anschließende Abwendung hinterher ausschließlich bei den anderen zu verorten). Damit meine ich jetzt sicher nicht dich dich (denn wie es jetzt bei dir war, habe ich von deinem Blogpost darüber abgesehen (welchen ich aus der Perspektive gut fand und unterstütze), nicht mitbekommen, da ich auf Twitter etc. immer nur sehr unregelmäßig unterwegs bin).

                  Eine solche Herangehensweise aber läuft bei dem Text hier (meinem Eindruck nach) bereits unter Selbstzensur, und das finde ich eben undifferenziert. Ich kann den Frust verstehen, in welchem so etwas verfasst wird, der Wunsch sich der ständigen und obendrein uninformierten Krittelei und Shitstormerei aus einer vermeintlich immer gleich zu bewertenden Gruppe auf einen verbalen Schlag zu entledigen, aber so läuft es nun mal nicht gut, wenn der Anspruch tatsächlich ein pädagogischer sein soll. Texte wie den zuvor von dir verlinkten http://blogs.mediapart.fr/blog/olivier-tonneau/110115/charlie-hebdo-letter-my-british-friends finde ich in dieser Hinsicht wesentlich hilfreicher.

                  Für die Einblicke in die von dir beschriebene, aus Richtung des Fandoms kommenden und naiv zu nennenden „AntiOpression-Culture“ und auch für die Links bin ich dankbar. Ich selbst glaube zwar nicht, dass es keine Wahrheit gibt, aber zum Beispiel glaube ich, dass sich Menschen unterschiedlich an zwischenmenschliche Ereignisse erinnern und diese entsprechend unterschiedlich bewerten, und an eine mögliche Balance zwischen der Einsicht, dass das persönliche Empfinden von Menschen nicht mal eben mit bloßem Verweis auf Fakten und Infragestellen deren deren Motive „fake liberals“ wegzubügeln sind, und dem dennoch vorhandenen Willen, politisch wirksam zu sein und Erkenntnis zu fördern.
                  Parallel dazu käme ich auch nicht auf die Idee zu behaupten, Positionierung wäre wichtiger als Inhalte. Aber warum ich glaube, dass sie eben auch nicht auszublenden geht bei der Frage, wie etwas rezipiert werden wird, habe ich ja bereits ausführlich geschrieben.

                  Mein persönlicher Eindruck ist, dass die durch das Internet immens beschleunigte, aber noch arg junge Calling-Out und Shitstormkultur gleichermaßen wie die bedingenden Abwehreflexe (welche zu erneuten Shitstorms führen) sich mit der Zeit ermüden werden. Vielleicht liege ich falsch mit diesem Gefühl, vielleicht wird es schlimmer bevor es besser wird. Ich hoffe es einfach mal. Ich selbst beteilige mich an derartigen Treibjagden nicht, ich poste höchstens mal Sachverhalte die auf mich klar überschaubar wirken (zum Beispiel wie schräg eine Schlagzeile formuliert wurde).

                • susanna14 schreibt:

                  Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, noch weiter zu diskutieren. Ich glaube, den Unterschied zwischen Selbstzensur und Rücksicht habe ich bereits am Anfang erklärt. Wenn ich aus Angst vor dem Shitstorm mich bereits gleich am Anfang zurückhalte, dann ist das wirklich Selbstzensur. Ein Beispiel für Rücksicht wäre, wenn ein Buch „Weltreligionen für Kinder“, das diese Religionen auf den Kindern auf eine respektvolle Weise nahebringen will (was ich unterstütze) von sich aus auf Bilder des Propheten verzichtet, den Kindern das strenge Bilderverbot des Islam erklärt und dafür ein paar Beispiele von nichtfigürlicher islamischer Kunst bringt. Das wäre dann nicht Angst, sondern Respekt. Andererseits haben die meisten Texte, die ich gelesen habe, auch Verständnis für Angst geäußert. Kein Zeichner sollte sich genötigt fühlen, zum Märtyrer zu werden. Selbstzensur kann vernünftig sein.
                  Was diesen Artikel in meinen Augen wichtig macht: dass er betont, dass es moderate Muslime oder auch Ex-Muslime gibt, die sich wünschen, dass wir sie unterstützen, und die die Rücksichtnahme auf konservative Muslime nicht als Unterstützung empfindet. Wenn wir uns selbst zensieren, was, wie gesagt, manchmal durchaus vernünftig sein kann, sollten wir das auch immer mit bedenken.

                  Ich bin müde und habe noch andere Dinge zu tun als zu diskutieren. Ich überlege, ob ich noch einmal bloggen soll – ich habe mittlerweile noch viele andere Links gesammelt… Dann können wir wieder diskutieren.

                • endolex schreibt:

                  Es kann eben immer überlegt werden, ob die jeweilige ‚Zurückhaltung‘ irgendetwas an der Kritik selbst irgendetwas inhaltlich verändert. Wenn nicht, betrachte ich es eben nicht als Selbstzensur. Von diesem Punkt abgesehen hatte ich jetzt zuletzt aber den Eindruck, wass wir in den wesentlichen Punkten eh ähnlicher Meinung sind. insofern find ich auch dass hier erst mal Schluss sein könnte.🙂 Und danke dir für die genommene Zeit.

        • susanna14 schreibt:

          P.S. Ich habe noch einmal nachgesehen, es war nicht die französische Botschaft in Nigeria, sondern ein französisches Kulturzentrum in Niger. Und bei dieser Gelegenheit habe ich auch einen Artikel über die Reaktionen von Karikaturisten und anderen Satirikern in der arabischen Welt gefunden: http://www.tagesschau.de/ausland/satire-muslime-mohammed-karikatur-101.html Es gibt eben nicht „die“ Muslime, sondern Muslime sind so vielfältig und unterschiedlich wie andere Leute auch.

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